Konzeption inklusiver Systeme

Graham Bells Prototyp

Graham Bells Prototyp des heutigen Telefons

Können Sie sich vorstellen, dass der Telefonapparat und das Mikrofon ursprünglich entwickelt wurden, um Menschen mit einer Behinderung zu unterstützen? Ende des 19. Jahrhunderts patentierte der Sprachtherapeut Alexander Graham Bell den Phonautografen, woraus sich im Laufe der Jahrhunderte das Telefon entwickelte. In meinem Blogartikel möchte ich unter anderem auf folgende Fragen eingehen: Wie integriert man Menschen mit Handicap in einen iterativen Designprozess und analysiert ihre Fähigkeiten? Welche Vorteile liefert deren Einbezug für die User Experience?

Als Usability-Agentur ist uns die Bedeutung von menschenzentrierter Gestaltung für das Gelingen gebrauchstauglicher Schnittstellen bewusst. So haben wir verinnerlicht, dass Nutzer mit ihren Bedürfnissen stets im Mittelpunkt eines iterativen Designprozesses stehen sollen. Gemeinsam mit unseren Kunden versuchen wir stets den Weg für eine optimale User Experience zu finden. Eine Nutzergruppe, Menschen mit einer Behinderung, erfährt dabei leider meist zu wenig Beachtung. Vielleicht weil sie in den Kundenanforderungen nicht auftauchen oder weil man sich ihrer Rolle für eine menschenzentrierte Gestaltung schlicht nicht bewusst ist.

Dabei sind Menschen mit Handicap Experten in eigener Sache: Sie wissen am besten, welche Elemente einer Schnittstelle Schwierigkeiten bereiten. Sie können so zu einer generellen Steigerung der User Experience beitragen, die allen zugutekommt.

Der UPA-Arbeitskreis Barrierefreiheit beschreibt es treffend: „[Menschen mit Handicap] sind auch Kunden und Kollegen, und also ein Wirtschaftsfaktor. Nicht zuletzt fügen sie unserem professionellen Bemühen um das bestmögliche Produkt eine wesentliche Dimension hinzu. Benutzerorientiertes Design, das auf die größtmögliche Nutzergruppe angewendet wird, schließt Barrierefreiheit mit ein und ist im besten Sinne universelles Design.“

Seitdem Graham Bell im 19. Jahrhundert den Vorläufer des Telefons patentierte, hat sich in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion einiges getan. Beispielsweise soll es Menschen mit Behinderungen durch die seit 2008 geltende UN Konvention „Rights of Persons with Disabilities” ermöglicht werden, ihr Grundrecht auf Teilhabe an der Gesellschaft uneingeschränkt wahrzunehmen. So muss in allen Lebensbereichen eine barrierefreie Umgebung geschaffen werden, was auch die Techniknutzung einschließt . Dabei geht es jedoch nicht darum, Speziallösungen für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Vielmehr ist ein universelles Design gefordert, das für alle Menschen gleichermaßen gut nutzbar ist. Mit anderen Worten: Menschen mit Behinderungen sollen Technik ohne Spezialzugänge oder Insellösungen nutzen können. Insbesondere in den USA wird dieses als „Universal Design“ bekannte Prinzip auch gesetzlich durchgesetzt (z. B. im ‚Americans with Disabilities Act‘).

„Barrierefrei“ gibt es nicht

Aus meiner Perspektive ist der Begriff „barrierefrei“ missverständlich. Dabei haben wir immer noch das stereotype Bild eines Rollstuhlfahrers im Kopf. Der Wortlaut „barrierefreiheit“ suggeriert das vollständige Fehlen physischer Hindernisse. Aufgrund der individuellen Eigenschaften und Bedürfnisse von Nutzern mit und ohne Handicap ist dieser Zustand – ebenso wie eine klar abgegrenzte Definition der Zielgruppe – in der Realität schlichtweg nicht umsetzbar. Daher bevorzuge ich den Begriff „barrierearm“, der eine Flexibilität innehat, die „barrierefrei“ nicht liefern kann.

Die Realität kümmert sich jedoch wenig um Definitionen. Denn in den nächsten Jahren wird der Bedarf an zugänglichen und barrierearmen Schnittstellen weiter zunehmen. Das zeigt nicht die stetige Alterung der Gesellschaft. Auch die intensive Inklusionsdebatte zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen sensibilisiert für dieses Thema. Im Jahr 2013 lebten in Deutschland 10.2 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Für sie schaffen bereits das „Behindertengleichstellungsgesetz (BGG)“ sowie die „Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0)“ rechtsgültige Grundlagen und Voraussetzungen, die öffentliche Anbieter erfüllen müssen. Bis Private Angebote verpflichtend nachziehen, ist es nur eine Frage der Zeit. Im Bereich Usability und User Experience fehlen jedoch immer noch geeignete, praxiserprobte Methoden um Menschen mit Behinderung in den Entwicklungsprozess von Schnittstellen zu integrieren.

Das erwartet Sie in den kommenden Blogartikeln

In den kommenden Blogartikeln möchte ich Ihnen Einblicke in Entwicklungen und Herausforderungen zu der Konzeption barrierearmer Schnittstellen geben:

Teil 1 – Die „Fähigkeiten-Einschränkungs-Matrix“: Ein Vorschlag, Anforderungen von Menschen mit Handicap zu erheben und für die Konzeption nutzbar zu machen.
Teil 2 – Praxisbeispiel: Konzeption einer Videotelefonieschnittstelle für Menschen mit Handicap.

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