Lost in Information? Schwachstellen von Informationsarchitekturen expertenbasiert identifizieren

In meinem Themendossier „Basiswissen Card Sorting – Alles was Sie wissen müssen“ habe ich beschrieben wie Sie eine Informationsarchitektur nutzerzentriert evaluieren können. Die darin vorgestellten Varianten des Card Sortings helfen Ihnen besser zu verstehen, inwiefern Ihre Nutzer mit der Informationsarchitektur Ihrer Anwendung zurechtkommen.

Cognitive Walkthroughs und heuristische Evaluationen

Es ist jedoch nicht immer Zeit für ein Card Sorting. Außerdem ist es häufig nötig die Qualität einer Informationsarchitektur erst einmal einzuschätzen, um festzulegen welche Merkmale der Informationsarchitektur mit den Nutzern besonders unter die Lupe genommen werden sollten. Bei dieser ersten Einschätzung hilft eine heuristische Evaluation.

Normalerweise nutzen wir einen Cognitive Walkthrough oder eine heuristische Evaluation, um die Usability einer Anwendung expertenbasiert zu evaluieren. Über Tücken dieser Methodiken hat mein Kollege Daniel Wolf vor kurzem einen lesenswerten Beitrag mit dem Titel „Expertenevaluation: Wie setze ich sie richtig ein?“ verfasst. Bei einem Cognitve Walkthrough durchlaufen zwei unserer Experten zunächst unabhängig voneinander anhand einiger typischer Use Cases die Anwendung. Dabei versetzen wir uns in die Lage des Nutzers und analysieren, inwiefern dieser die Aufgaben lösen könnte. Bei einer heuristischen Evaluation hingegen wird die Anwendung anhand eines Kriterienkatalogs bewertet. Dazu nutzen wir beispielsweise den Katalog von Nielsen und Molich (1994):

      1. Sichtbarkeit des Systemstatus
      2. Übereinstimmung von System und realer Welt
      3. Benutzerkontrolle und Freiheit
      4. Konsistenz und Standards
      5. Fehler vermeiden
      6. Erkennen vor Erinnern
      7. Flexibilität und effiziente Nutzung
      8. Ästhetisches und minimalistisches Design
      9. Unterstützung beim Erkennen, Verstehen und Bearbeiten von Fehlern
      10. Hilfe und Dokumentation

Mit Hilfe dieses Kriterienkatalogs lässt sich eine erste Einschätzung der Usability einer Anwendung vornehmen. Dabei zielen diese Kriterien explizit auf die Usability der gesamten Anwendung ab. Natürlich ist somit auch die Informationsarchitektur Gegenstand dieser Einschätzung. So verweist das sechste Kriterium „Erkennen vor Erinnern“ auf die Frage, ob die Benennung und Strukturierung der Informationen es dem Nutzer ermöglichen zu erkennen, wo er gewünschte Informationen finden kann. Er soll sich nicht an „Pfade“ erinnern müssen, sondern soll dabei unterstützt werden Informationen auch erneut zu finden.

Dennoch ist dieser Kriterienkatalog nicht spezifisch für die Evaluation einer Informationsarchitektur entwickelt worden. Zur umfassenden Analyse einer Informationsarchitektur müssen weitere Kriterien und Fragestellungen einbezogen werden.

Informationen auf Website finden

Abb. 1: Informationen auf einer Website zu finden ist nicht immer ganz einfach.

Fragestellungen für die heuristische Evaluation einer Informationsarchitektur

Louis Rosenfeld – einer der Autoren des Buches „Information Architecture: For the Web and Beyond“ – hat in seinem Blog einige Fragen zusammengestellt, die dabei helfen eine Informationsarchitektur expertenbasiert zu evaluieren. Ich empfinde diese Fragen als äußerst hilfreich, um eine erste Einschätzung einer Informationsarchitektur vorzunehmen.

Diese Fragen teilt Rosenfeld den Bereichen einer Website zu, mit deren Hilfe Nutzer auf einer Website navigieren.

Homepage

Auf dieser Seite empfiehlt Rosenfeld folgenden Fragen nachzugehen:

  • Werden auf der Homepage mehrere Wege angeboten Inhalte zu erreichen? Es soll evaluiert werden, ob auf der Homepage ausreichend Angebote gemacht werden dahinterliegende Informationen zu erreichen: Gibt es eine Suche, einen Seitenindex, eine Navigation?
  • Wird deutlich welche Wege für die Bedürfnisse der Nutzer am hilfreichsten sind? Rosenfeld weist an dieser Stelle darauf hin, dass es sich nicht lohne Nutzern unbegrenzt viele Wege anzubieten. Stattdessen solle man sich darauf konzentrieren einige Wege möglichst nutzerfreundich zu gestalten.
  • Kann der Nutzer einen Überblick darüber erlangen welche Inhalte sich auf der Website finden lassen und worum es auf der Website geht?
  • Unterstützt die Homepage Nutzer, die die Seite bereits besucht haben und wissen wonach sie suchen?

Die Suche

  • Ist das Suchfeld einfach zu finden und erwartungskonform platziert?
  • Ist die Suche einfach zu benutzen?
  • Erlaubt die Suche das verfeinern der Suchkriterien?
  • Werden Hilfsmittel wie beispielsweise eine Rechtschreibkorrektur genutzt?

Suchergebnisse

  • Entsprechen die ersten Suchergebnisse dem Informationsbedürfnis des Nutzers?
  • Wird angezeigt wonach gesucht wurde?
  • Wird deutlich in welchen Bereichen gesucht wurde?
  • Wird angezeigt wie viele Ergebnisse erzielt wurden?
  • Werden die einzelnen Ergebnisse so dargestellt, dass der Nutzer die Ergebnisse verstehen und unterscheiden kann?

Navigation

  • Ist es möglich durch die Seite zu navigieren, ohne „zu viele“ Klicks machen zu müssen? Hierzu müssen einige realistische Aufgaben der Nutzer definiert und anschließend durchlaufen werden.
  • Ist das Wording der Rubriken klar und aussagekräftig?

Kontextuelle Navigation

  • Wird dem Nutzer deutlich kommuniziert auf welcher Website er sich befindet und auf welcher Seite innerhalb dieser Website?
  • Werden weiterführende Links angeboten und sind diese eindeutig benannt?

Weitere Kriterien

Die Expertin für Informationsarchitektur Abby Covert ergänzt Louis Rosenfelds Fragen noch um drei weitere Kategorien. Ihre 9 Heuristiken für die Evaluation einer Informationsarchitektur enthalten noch die Fragen nach:

  • der Qualität der Informationen: Werden die Informationen regelmäßig erneuert und ergänzt? Wird von übermäßiger Werbung abgesehen?
  • der Erlernbarkeit: Kann die Struktur der Website einfach verstanden werden? Kann die die Struktur der Website einfach erinnert werden?
  • der Kontrolle: Werden Nutzer die Aufgaben – die sie wahrscheinlich ausführen wollen werden – erfüllen können? Werden Fehler bei der Navigation durch die Nutzer vermieden?

Kein Ersatz für Card Sorting

Diese Fragen sind natürlich nicht erschöpfend und es lassen sich sicher weitere Fragen finden, mit deren Hilfe eine erste Einschätzung einer Informationsarchitektur vorgenommen werden kann. Außerdem ist es bei der heuristischen Evaluation einer Informationsarchitektur entscheidend immer den Kontext der Website, die Nutzer und den darauf bereitgestellten Inhalt im Hinterkopf zu behalten und zu berücksichtigen.

Eine heuristische Evaluation der Informationsarchitektur sollte jedoch nie ein Card Sorting ersetzen. Sie dient dazu eine erste Idee davon zu bekommen, in welchem Bereich Optimierungspotential besteht. Letztendlich sollten diese Vermutungen in einem Card Sorting mit den wirklichen Nutzern überprüft werden.

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