Usability-Forschung im agilen Kontext: Wie können wir sie besser integrieren?

Bevor ich angefangen habe hier bei eresult zu arbeiten, habe ich einige Jahre als Product Owner verbracht. Bei verschiedenen Unternehmen konnte ich diverse agile Ansätze einsetzen und stehe jetzt wieder mit beiden Beinen im Forscherleben. Was ich in der Zeit beobachten konnte und auch jetzt noch aus Gesprächen mit Kunden und Kollegen mitnehme ist, dass viele Unternehmen, die agil arbeiten die Usability-Forschung nicht oder nur sehr wenig in ihre Entwicklungs-Iterationen einbringen. Natürlich gilt das nicht für alle Unternehmen, allerdings gibt es einige, die wenig oder kaum Forschungsaufwand betreiben. Schaut man sich den Schwerpunkt auf dem Stellenmarkt der UX-Welt an, dann liegt dieser im UX-Design und die Forschung muss noch etwas aufholen.

Forschung und agile Methoden

Funktioniert gemeinsam: Agile Medthoden und UX-Design

Agile Methoden und UX-Design

Von den aktuellen Ansätzen, die im agilen Kontext angewandt werden versuchen alle den Kunden in den Fokus zu rücken und kundenzentriert zu arbeiten. Eric Ries z. B. spricht sich gegen Marktforschung aus, weil diese aus seiner Sicht zu langsam ist. Auch das Verhältnis von Steve Jobs zu Marktforschung war ablehnend. Doch was bedeutet das für uns? Eine Frage, die ein Kollege dazu neulich gestellt hat war: Wie können wir behaupten kundenzentriert zu arbeiten, wenn wir nicht mehr mit dem Kunden sprechen? Muss man denn mit dem Kunden sprechen, um zu erfahren was er will?
Ich denke es kommt stark darauf an um welche Fragestellung es geht. Die Messmethoden, die online verfügbar sind lassen es sicher zu, dass einige Fragestellungen mit den Tools beantwortet werden. Allerdings gibt es auch andere Fragestellungen, bei denen das „was“ alleine nicht ausreicht und die Frage nach dem „warum“ viel interessanter erscheint und man hier am besten auf andere Methoden zur Untersuchung zurückgreift. Die Lösung liegt irgendwo zwischen den klassischen Methoden der Usability-Forschung und der Integration von neuen Methoden. Im Vordergrund steht also die Fragestellung, an die die Methode ausgelegt werden muss.

Geschwindigkeit und anderes Optimierungspotential

Darüber hinaus denke ich, dass wir UX-Forscher und -Berater, um in diesem Markt weiter bestehen zu können, zumindest teilweise umdenken müssen. Im Durchschnitt dauert ein Projekt 3 Wochen, das alleine ist länger als die meisten Sprints dauern. Doch die Projektdauer ist nicht das Einzige, was gegen den Einsatz von Usability-Forschung in der agilen Entwicklung spricht. Aus einigen Interviews zum Thema UX-Integration und agiles Arbeiten, habe ich auch noch folgende Gründe mitgenommen, warum man sich gegen das Testen entscheidet: Kosten und Aufwand, keine Akzeptanz der Geschäftsführung, komplexe Strukturen der Firma, fehlende Expertise, Schwierigkeiten in der Rekrutierung der Probanden, Scheu der Entwickler getestet zu werden oder die Frequenz der Tests, die nicht machbar ist.

Das bedeutet für uns, dass wir nicht nur die Geschwindigkeit an die Entwicklung anpassen müssen, sondern das Testen auch an agile Arbeitsmethoden beispielsweise vernünftig hinsichtlich der Kosten anpassen müssenund eine bessere Beratung anbieten müssen, um ein besseres Verständnis für den Kunden entwickeln zu können.

Methodenoptimierung

Die Projekte an die Kosten anzupassen heißt nicht zwangsweise, dass die Qualität darunter leidet. Die Methoden können mit den technischen Gegebenheiten ohne Probleme verbessert, verkürzt, standardisiert und automatisiert werden. Auch können bestehende Methoden immer wieder in Frage gestellt werden, Nielsen hat zum Beispiel schon vor mehr als 20 Jahren Lösungen entwickelt, die auf die heutigen Bedürfnisse von schnelleren und günstigen Testmethoden angewendet werden können.
Seine Vorschläge basieren auf reduzierten User-Testings mit maximal 5 Probanden, vereinfachten Prototypen und heuristischer Evaluation. Mit den heutigen Gegebenheiten lässt sich das Repertoire sicher noch um einige Methoden erweitern, dazu werde ich in Zukunft sicher mehr berichten.

In der Praxis setzen sich immer noch recht große Stichproben durch und während ich hier über agiles Testen schreibe, sitzen die meisten Kollegen an Projekten, die nach Wasserfall geplant sind. Doch könnte das Testen selbst in Zukunft nicht auch mehr agilen Charakter besitzen? Viele der Artefakte die sich in den letzten Jahren auf Seiten der Kunden durchgesetzt haben machen auch auf der Seite von Agenturen Sinn, werden aber vollkommen ignoriert.
Vielleicht liegt die Hauptaufgabe in Zukunft weniger auf dem reinen Testen, sondern vielmehr darin den Kunden in seiner Evaluation der UX konsequent zu beraten und bei der Methodenauswahl zur Seite zu stehen. Dazu müssen wir vor allem beginnen unsere Kunden und deren Geschäftsprozesse zu verstehen, um eine langfristige Partnerschaft eingehen zu können.
Ich denke, dass die Nutzerforschung einen viel größeren Bestandteil in der agilen Entwicklung von Software bilden sollte. Dafür müssen wir uns an die agilen Verhältnisse anpassen und auch passende Methoden und Arbeitsweisen bereitstellen.

Sollten Sie Fragen oder Anregungen haben oder sich generell zu dem Thema austauschen wollen, dann melden Sie sich gerne. Ich freue mich auf eine rege Diskussion.

2 Gedanken zu „Usability-Forschung im agilen Kontext: Wie können wir sie besser integrieren?

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