Kebrina Urbaniak: Interview mit der eresult Usability-Contest Gewinnerin 2016

Vor sechs Monaten gewann Kebrina Urbaniak mit ihrer Arbeit zum Thema „Smart Dinner“ den eresult Usability-Contest 2016 in der Kategorie Design Award. Kebrina hat an der FH Aachen Kommunikationsdesign studiert und trägt seit Februar 2016 offiziell den Titel „Bachelor of Arts“. Der Titel ihrer Bachelor-Arbeit lautete „Reagieren statt Resignieren – Motivation der Jugendlichen zum digitalen Selbstschutz“, also um das Thema Privatsphäre und Datenschutz im digitalen Kontext. Mittlerweile ist sie im UX Alltag angekommen. Auf dem World Usability Day 2016 in Hamburg erhielt Kebrina ihren Gewinner-Scheck i. H. v. 1.500 Euro und wir haben sie noch etwas ausgefragt. Lesen Sie hier das Interview.

Deine Arbeit hat unsere Jury sehr beeindruckt, da sie von Dir unheimlich professionell ausgearbeitet wurde. Wie bist Du auf das Thema gekommen und wie lange hast Du an der Arbeit gesessen?

Die erste Idee für das Projekt entstand durch einen Besuch bei der Restaurantkette Vapiano, die ein spezielles Pagersystem bei der Pizzabestellung nutzt. Gäste, die dort eine Pizza bestellen, erhalten einen kleinen, schwarzen Pager, der schließlich blinkt und vibriert, sobald die Pizza zubereitet wurde und abgeholt werden kann. Zu wissen, wann das Essen fertig ist, habe ich gerade im Kontext eines Restaurantbesuchs als sehr positiv empfunden. Ich begann über ein Smart Device für Restaurants nachzudenken und sofort fielen mir weitere Szenarien ein, in denen ein vernetzter, digitaler „Helfer“ durchaus praktisch und sinnvoll wäre – und das nicht nur aus Sicht der Gäste, sondern auch aus Sicht der Restaurantbetreiber. Schließlich hat mich der Gedanke, für beide Seiten Mehrwerte zu schaffen als auch den Bestellprozess insgesamt zu optimieren und smarter zu gestalten so sehr gereizt, dass ich dieses Thema zum Gegenstand meines Hauptprojekts im 6. Semester machte. Die Arbeit entstand innerhalb des Seminars „Vernetzt – Der Chip im Bügeleisen“ bei Dipl.-Des. Markus Strick, wo wir uns mit intelligenten Vernetzungen und Services auseinandersetzten. Insgesamt hat die Konzeption und Gestaltung von „Smart Dinner“ rund 8 Wochen in Anspruch genommen. Dem voraus ging eine allgemeine 6-wöchige Inspirations- und Recherche-Phase, während derer wir gemeinsam den Markt für Smart Devices und vernetzte Services untersucht und bewertet haben.

Du hast sogar ein kurzes Video zu Deiner Arbeit erstellt. Hier wird das Prinzip des „Smart Dinners“ sehr gut erläutert. Hattest du Hilfe bei dem Videodreh bzw. wie lief der Dreh ab?

Der Smartpen im Einsatz.

Das ist das Tolle an der FH Aachen: sie vereint viele verschiedene Disziplinen wie Interaction Design, Corporate Design, Illustration, Werbung, Fotografie und eben auch Film. Da ich unbedingt meine Idee etwas anschaulicher darstellen wollte, habe ich damals drei befreundete Kommilitonen aus dem Fotografie- und Film-Bereich gefragt, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits ein grobes Storyboard für das Video skizziert. Schließlich traf ich mich mit Sarah Goerres (www.payadesign.de), Patrick Kämmerling und Christoph Vanwersch (www.motionandstrategy.de), um meine Ideen zu besprechen. Die drei wussten genau, worauf es bei so einer Art von „Erklärvideo“ ankam und gemeinsam verbesserten wir das Storyboard. Während ich mit der noch benötigen Gestaltung der Tablet-App und der Erstellung des zugehörigen Clickdummys für die Szenen in der Restaurantküche beschäftigt war, kümmerten sich meine Kommilitonen um Location, Schauspieler und Equipment. Das Videomaterial hatten wir dann innerhalb von einem halben Drehtag im Kasten. Der Dreh hat wirklich sehr viel Spaß gemacht und da alle durch das Storyboard eine klare Vorstellung vom Endergebnis hatten, kamen wir schnell voran. Während des Drehs habe ich als eine Art „Supervisor“ fungiert und bei einigen Einstellungen meine Wünsche und Anregungen einfließen lassen. Nach dem Dreh folgte dann die sogenannte „Postproduction“, in der die Jungs das Video geschnitten sowie nötige 3D-Modelle erstellt haben und ich gemeinsam mit Sarah die passende Hintergrundmusik herausgesucht habe. Das fertige Video hat schließlich meine Erwartungen bei Weitem übertroffen und ich bin sehr froh, dass ich so eine tolle und vor allem professionelle Unterstützung hatte. Alleine hätte ich dieses Vorhaben niemals realisieren können.

Und wie bist Du überhaupt darauf gekommen, Deine Arbeit beim eresult Usability-Contest 2016 einzureichen?

eresult Usability-Contest-Gewinnerin bei Dankesrede

Kebrina Urbaniak auf dem World Usability Dag 2016 in Hamburg

Nach Abgabe des Smart Dinner-Projekts haben mich mein Seminarleiter und auch einige Kommilitonen zur Teilnahme an Wettbewerben ermutigt. Da der Schwerpunkt der Smart Dinner-Arbeit aber vor allem in der Konzeption und nicht im Design lag, war ich von Anfang an überzeugt, Smart Dinner keinesfalls bei reinen „Design-Awards“ einzureichen. Mir war vor allem die Beurteilung aus UX- und Usability-Sicht wichtig, so dass ich im Internet gezielt nach solchen Wettbewerben gesucht habe. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass es kaum Wettbewerbe in diesen Bereichen gibt. Der eresult Usability-Contest war einer der wenigen, die ich damals gefunden hatte. Unabhängig davon fiel meine Entscheidung für die Teilnahme an diesem Wettbewerb schnell: Zum einen fand ich die Gewinnerarbeiten der vergangenen Contests wirklich gelungen und zum anderen war eresult auch an der Konzeption selbst interessiert und nicht ausschließlich an dem reinen Endergebnis.

Hast Du einen Tipp für zukünftige Teilnehmer?

Ich denke bei solchen Wettbewerben ist es generell wichtig, die Gesamtidee des Projekts sowie den Innovationsgrad vorab deutlich zu kommunizieren und schnell auf den Punkt zu bringen.
Schließlich geht es um die Bewertung verschiedenster Arbeiten durch projektfremde Personen. Wenn nicht innerhalb der ersten paar Minuten der Ansatz der Arbeit verständlich wird oder sich zu viele Fragen auftun, kann das gegebenenfalls den Gesamteindruck oder im schlimmsten Fall den von der Jury subjektiv empfundenen Wert der Arbeit schwächen. Im Falle von Smart Dinner war mir bewusst, dass ein solches neuartiges Konzept für ein Bestellsystem viele Fragen aufwerfen würde – besonders was den entwickelten „Smart Pen“, das allgemeine Funktionsprinzip und die durch das System entstehenden Mehrwerte betraf. Schließlich entstand daraus meine Motivation für den Dreh des Erklärvideos. Außerdem erweiterte ich meine Projektdokumentation um eine kleine Produktvorstellung zu Beginn des Dokuments, in der zunächst sehr plakativ, mit anschaulichen Infografiken, Fotos und 3D-Modellen des „Smart Pens“ die Gesamtidee und das Prinzip erklärt wird, bevor schließlich Entwicklung und Konzeption näher ausgeführt werden.

Dein Studium ist abgeschlossen und Du arbeitest mittlerweile auch als UX-Designerin. Möchtest Du uns über Deine tägliche UX-Arbeit berichten? Wo liegt der Schwerpunkt? Wie viele UX-Designer gibt es im Team?

Direkt nach Abschluss meines Studiums bin ich in der Digitalagentur dimensional in Köln als UX Designerin eingestiegen. Nach meinen Praxissemestern in zwei großen Unternehmen hatte ich meinen Berufseinstieg in einer kleinen bis mittelgroßen Digitalagentur geplant, die nicht nur die typischen Agenturprojekte umsetzt, sondern sich auch traut, neue Wege und Strategien zu verfolgen. Mit dimensional hatte ich schließlich diese Agentur gefunden. Der Projekt-Schwerpunkt bei dimensional liegt vor allem in der Gesundheits-, Medien- und Entertainmentbranche. Einer unserer größten Kunden ist der AOK Bundesverband, der zur Zeit den größten Teil meiner Arbeit ausmacht. Hier unterstütze ich vor allem die konzeptionelle Weiterentwicklung des Privatkundenportals und erarbeite fast täglich neue Entwürfe für regelmäßige Abstimmungsrunden oder anstehende Themensprints. Dabei stehe ich im engen Kontakt mit dem Kunden als auch mit dem technischen Dienstleister.

Meine Arbeit bei dimensional gefällt mir wirklich sehr gut, ist abwechsungslreich und bleibt immer spannend. Das Konzept- und Design-Team besteht derzeit aus drei UX Designern (inkl. meiner Person) und zwei Screendesignern (davon ein Freelancer). Die konzeptionelle Qualität ist auf einem hohen Niveau und ich lerne viel und schnell. Weil wir uns aber vergrößern möchten, haben wir aktuell freie Stellen im UX Design sowie in weiteren Bereichen ausgeschrieben. Abschließend ist für mich bei dimensional die Möglichkeit, im Home Office zu arbeiten (sofern es das Projekt oder die Teamstruktur gerade zulässt) ein enorm wertvoller Aspekt. Häufig arbeite ich ein bis zwei Tage in der Woche von Zuhause aus, wo ich mich generell besser konzentrieren kann und gerne komplexere Aufgaben löse.

Immer mehr Unternehmen integrieren UX Methoden & Verfahren in Konzeptions- und Entwicklungsprozesse, stellen UXler (inhouse) ein und lassen sie eng in agilen Projekten mit Projektmanagern und Entwicklern zusammenarbeiten. Wie schätzt Du diese Entwicklung ein?

Der digitale Markt ist riesig und hart umkäpft. Den Nutzern von Heute steht eine Vielzahl digitaler Angebote und Services zur Verfügung zwischen denen sie sich entscheiden müssen. Oftmals fällt eine Entscheidung nur innerhalb von Sekunden. Ist der Nutzer verwirrt, unsicher oder findet sich nur schwer zurecht, springt er ab und ruft ein ähnliches Angebot eines anderen Anbieters auf. Ich denke der Fokus auf die Erfahrungen des Nutzers bzw. des Endverbrauchers ist einer der Aspekte, der Produkte heute erfolgreich und beständig macht. Obwohl es abertausende von Online-Versandhändlern gibt, bestellt doch fast jeder bei Amazon. Nicht zuletzt deshalb, weil Amazon die Bedürfnisse seiner Nutzer in- und auswendig kennt und diese optimal bedient. Einkaufen bei Amazon ist einfach, schnell und unkompliziert und fühlt sich auch so an. Dass UX Designer sowie UX-Methoden zunehmend in die Produktentwicklung auch außerhalb der digitalen Welt miteinbezogen werden ist ein wichtiger und nötiger Schritt zumal die Grenze zwischen Analog und Digital zunehmend verschwimmt.

Gibt es einen Tipp für angehende UXler und Young Professionals, den Du zu Beginn Deiner Karriere gern bekommen hättest?

Glücklicherweise habe ich diesen für mich wertvollen Tipp bereits im Studium erhalten, der da lautet: Praxiserfahrung sammeln! Ich kann allen angehenden UX Designern, die sich noch im Studium befinden, nur wärmstens empfehlen für mindestens ein Semester rauszugehen und den Arbeitsalltag von Agenturen oder Unternehmen zu erleben. Innerhalb meiner Praxissemester habe ich mindestens genauso viel gelernt – wenn nicht noch weitaus mehr – wie in regulären Semestern an der FH. Man bekommt die Gelegenheit mit erfahrenen UXlern zusammenzuarbeiten und dadurch seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Die Theorie aus dem Studium in realen Projekten anzuwenden ist dann auch nochmal eine andere Sache. Zudem stellt man in dieser Zeit viele Kontakte her, so dass im Endeffekt der Berufseinstieg nach Abschluss des Studiums um einiges leichter ist – auch, weil man für Agenturen und Unternehmen beruflich attraktiver ist, wenn man bereist etwas Praxiserfahrung gesammelt hat. Schon oft habe ich ehemalige Kommilitonen von mir sagen hören, dass sie die Entscheidung gegen ein Praxissemester bereut haben. Also nutzt die Chance im Studium, sofern es die Umstände zulassen!

Hast Du noch einen Linktipp oder einen Buchtipp oder Blogtipp für unsere Leser?

In meinem Arbeitsalltag entstehen gelegentlich Diskussionen mit dem Kunden oder dem technischen Dienstleister darüber, ob ein bestimmtes Interface-Element oder eine bestimmte Pattern verständlich bzw. benutzerfreundlich ist. In solchen Fällen schaue ich mir gerne Usability-Testings und Studien der Nielsen Norman Group an, um daraufhin eine Designentscheidung neu zu bewerten. Eine wirklich sehr nützliche und vor allem vertrauenswürdige Quelle für UX Designer.

Kebrina, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Dir für Deine Zukunft alles Gute und viel Erfolg!

Ein Gedanke zu „Kebrina Urbaniak: Interview mit der eresult Usability-Contest Gewinnerin 2016

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