Anticipatory Design – the next big thing? Oder alter Wein in neuen Schläuchen?

Autoren auf fastcodesign.com beschreiben Anticipatory Design als “the next big thing in Design” und läuten eine “new era of design…” ein. Auf uxdesign.cc wird es als “the next big leap” angekündigt. Das war Grund genug für mich, dieser Thematik etwas mehr Zeit – und diesen Blogbeitrag zu widmen. Ist Anticipatory Design wirklich ein Game Changer im (UX-)Design? Oder ist Anticipatory Design eher alter Wein in neuen Schläuchen?

Was bedeutet Anticipatory Design eigentlich?

Wörtlich übersetzt kann man von antizipatorischen oder vorrausschauenden Design sprechen. Ein ähnlicher, in dem Zusammenhang auftauchender Begriff ist Predictive User Experience.
Die Diskussion, ob und inwiefern die Begriffe synonym zu verwenden sind, lasse ich außen vor. Prinzipiell geht es darum die User Experience durch die Vorhersage, oder eben die Antizipation der nächsten Interaktion, bzw. des Nutzerwunsches zu verbessern. Basierend auf dieser Vorhersage passt sich das Interface an, so dass dem Nutzer Entscheidungen durch das System abgenommen werden (können). Dieses Übernahme der Entscheidungen vom System ist ein Kern-Benefit von Anticipatory Design.

Warum das Ganze? Was sind die Vorteile von Anticipatory Design?

Warum sollte ein System dem Nutzer Entscheidungen abnehmen? Sind wir als Nutzer nicht eher froh, Herr der Sache zu sein, die Kontrolle zu haben? Wollen wir nicht möglichst viel Auswahl haben, und selbst entscheiden wie’s weitergeht, oder welche Inhalte wir sehen wollen?

Nun, die Menschen glauben zwar, dass Sie viel Auswahl wollen, und gerne Herr der Sache sein wollen. Aber viel Auswahl und häufiges Entscheiden hat auch seine Schattenseiten denn:

  • Viel Auswahl führt dazu, dass wir uns schwerer für eine Option entscheiden können (Mehr Infos: Paradox of Choice)
  • Viel Auswahl führt auch dazu, dass wir mit der Entscheidung für eine Option hinterher unzufriedener sind (Mehr Infos: Paradox of Choice)
  • Und häufiges Entscheiden führt dazu, dass wir bei nachfolgenden Entscheidungen „schlechter“ Entscheiden (können). Diesen Effekt nennt man auch decision fatigue.

Und dies ist genau der Ansatzpunkt von Anticipatory Design: Dem Nutzer werden (rechtzeitig) Entscheidungen abgenommen, damit es nicht zur decision fatigue kommt, bzw. damit er sich nicht zwischen zu vielen Optionen entscheiden muss. Dadurch reduziert sich der kognitive Aufwand, den der Nutzer im Rahmen der User Journey erlebt. Die Basis dieser Entscheidungsabnahme ist eine Vorhersage seines Verhaltens.

Zeit für ein Beispiel: Die Produktvorschläge, die viele Onlineshops anbieten, sind eine Art Anticipatory Design.

Cyberport bietet auf der Produktdetailseite passendes Zubehör an. Eine Form von Anticipatory Design: Es ist naheliegend, dass ich nach dem Handykauf auch ein passendes Ladegerät kaufe.

Anticipatory Design heute

Produktvorschläge in Onlineshops, und diverse Facetten der Umsetzung dieser sind nur ein Beispiel von Anticipatory Design.

Auch Vorschläge eines Musik- oder Video-Streaming-Dienst nutzen allerhand Daten, um uns möglichst passende Vorschläge zu machen. Der Amazon Dash Replenishment Service versucht vorherzusagen, wann wir Verbrauchtes nachbestellen wollen – und nimmt uns diese Aufgabe ab.

Fast schon alltäglich ist die Vorschlagsfunktion von Suchmasken, ebenfalls ein Beispiel von Anticipatory Design:

Und noch ein Beispiel aus der Mac-Welt (seit OS X: El Capitan): „Wackelt“ man mit der Maus, weil man zum Beispiel den Mauszeiger auf dem Bildschirm nicht mehr findet, dann bewegt sich dieser nicht nur entsprechend, sondern wird auch noch größer. So kann man den Mauszeiger besser finden. Die Intention „Der Nutzer sucht die Maus“ wurde aufgrund des Mauswackelns antizipiert.

Also: Ist Anticipatory Design nun alter Wein in neuen Schläuchen?

Einerseits: Ja. Bereits Ende der 90er konnte Karl Klammer aus dem Microsoft Office Paket das Nutzervorhaben antizipieren. Startete man das Verfassen eines Briefes, erkannte er das und bot entsprechende Hilfe an.

Eigentlich sind alle Versuche der Personalisierung oder Anpassung einer Schnittstelle an den Nutzer Beispiele für Anticipatory Design.

Andererseits: Nein. Denn Anticipatory Design steht eigentlich für mehr als nur personalisierte Produktvorschläge, vergrößerte Mauszeiger oder kontextspezifische Hilfetexte.

Erstens werden künftig immer mehr Daten herangezogen, und intelligentere Vorhersagen getroffen werden können (Stichworte: Machine Learning, Big Data, etc.). Zweitens kann mehr als „nur Inhalte“ entsprechend angepasst werden. Während heute hauptsächlich die dargestellten Inhalte an den Nutzer angepasst werden (also Produktempfehlungen, Suchergebnisse, Werbebanner, etc.), wird es dabei nicht bleiben.

Möglichkeiten sind beispielsweise eine Anwendung von Anticipatory Design auf:

  • Die Informationsarchitektur: Warum nicht – wenn ich ausreichend viel über das Suchverhalten und das mentale Modell eines/r Nutzer(Gruppe) weiß – die Informationsarchitektur entsprechend anpassen?
  • Das Wording: Dementsprechend könnte auch das Wording an die Nutzergruppe angepasst werden.
  • Grafische Gestaltung / Design: responsive Design macht es im Grunde genommen vor. Die Anpassung des Layouts bzw. grafischer Elemente an den Nutzer (bzw. an das genutzte Device). Und zwar nicht nur hinsichtlich der Displaygröße, sondern auch hinsichtlich seines Sehvermögens, seiner Konzentrationsfähigkeit, der Touchgenauigkeit seiner Finger, das erwartete Interaktionsverhalten, und so weiter.

Herausforderungen für UX Design

Wie auch immer es mit Anticipatory Design weitergeht, bzw. in welche Richtung sich der Trend entwickelt: Für ein (gutes) UX Design ergeben sich dadurch neue Herausforderungen.

Wie Mike Kuniavsky in dem Blog des Palo Alto Research Center schreibt:

    „One of the most challenging aspects of designing the user experience of predictive analytics is communicating with users what a predictive system is planning to do next, or why it just did what it did.“

Herausfordernd ist vor allem, das richtige Ausmaß über das Informieren des Nutzers zu finden. Wird zu viel Information über die zu Grunde liegenden Vorgehensweisen oder Gründe dargestellt, stört es die User Experience. Wird der Nutzer zu wenig informiert, erscheint das Systemverhalten zufällig und nicht kontrollierbar. Dadurch verlieren Nutzer das Vertrauen in das System.

In dem Blog werden drei Tipps für das (UX-) Design von antizipatorischen Interfaces aufgeführt:

      1. Machen Sie dem Nutzer deutlich, dass es ein antizipatorisches Interface ist, z. B. in dem Sie ihn darauf hinweisen, was es antizipiert und wie sich das auswirkt.
      2. Erklären oder Zeigen Sie dem Nutzer, wenn sich etwas aufgrund der Antizipation geändert hat oder dem Nutzer aufgrund der Antizipation eine Entscheidung abgenommen wurde.
      3. Ermöglichen Sie durch eindeutige Affordances eine Anpassung der durch die Antizipation personalisierten Elemente/Inhalte durch den Nutzer.

Ausblick

Dieser Beitrag über Anticipatory Design bezieht sich hauptsächlich auf grafische Interfaces. Und schon dabei zeigt sich, dass Anticipatory Design viel Potential, aber auch Stolpersteine für künftige Interfaces bietet.
Noch spannender ist das Thema Anticipatory Design hinsichtlich Conversational User Interfaces. Wenn zum Beispiel die Anzahl an vorgeschlagenen Items durch ein Voice User Interface eingeschränkt ist, dann spielt die Güte der Antizipation und der Vorhersage eine entscheidende Rolle bei der User Experience.

Mir bleibt der Gedanke: Ich bin gespannt, was kommt.

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Portraitfoto: Xaver Bodendörfer

Xaver Bodendörfer

User Experience Consultant

eresult GmbH

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