China – Wie anders ist dieser Markt wirklich?

Chinesische Produkte sind international sehr begehrt. Wir alle nutzen in unserem Alltag Dinge, die aus China exportiert wurden. Doch wie sieht es mit digitalen Produkten aus? Und vor allem: wie sieht es bei den digitalen Produkten mit der Usability aus?

Denkt man an Webseiten oder Apps, die man regelmäßig nutzt (wie Google, Facebook, YouTube und Co.), stammen diese häufig aus den USA. Schaut man jedoch auf den Markenwert internationaler Unternehmen, liegt die chinesische Firma Tencent 2018 auf Platz 5 – noch vor Facebook. (Quelle: Statista)

Abb. 1: Der chinesische Marktführer Tencent hat bereits in über 300 Firmen investiert. (Quelle: Wikipedia)

Tencent ist nicht nur Entwickler von WeChat, dem am weitesten verbreiteten Messengers und Social Media Plattform in China (mehr dazu in diesem Artikel). Sondern vertreibt auch den in China weitverbreiteten Messenger QQ, der ebenfalls als eine Social Media Plattform betrachtet werden kann. Tencent ist inzwischen aber in erster Linie ein Investor, dessen Geld in über 300 verschieden Firmen steckt. Auch Erfolgsspieleschmieden wie Riot Games, Supercell und Activision Blizzard gehören anteilig oder komplett Tencent.

Dementsprechend nutzen auch wir in der westlichen Welt chinesische Digitalprodukte und sind uns vielleicht nur im ersten Moment nicht darüber bewusst.

Nachrichten in China: Wie sind Nachrichtenseiten aufgebaut

Doch was unterscheidet Digitalprodukte aus China eigentlich von denen, die beispielsweise aus den USA kommen? In erster Linie eigentlich gar nichts. Denn gute Produkte richten sich nicht nach dem, von wem sie produziert, sondern für wen sie gemacht werden. Dennoch gibt es signifikante Unterschiede zwischen dem chinesischen und westlichen Markt.

Vergleicht man beispielsweise zwei Nachrichtenseiten wie China News und BCC fällt auf, dass der Textanteil auf der Seite für das chinesisch ausgerichtetes Publikum, viel höher ist.

Die NN Group hat hierzu bereits im Jahr 2016 eine Studie veröffentlicht, bei der sie China News sowohl mit gebürtigen Chinesen, als auch mit zugezogenen, englischsprechenden Teilnehmern getestet haben. Hierbei wurde festgestellt, dass gebürtige Chinesen eine höhere Toleranz für große Textmengen haben und sich auch eine hohe Dichte an Informationen wünschen. Jedoch stoßen sie auf ähnliche Usability Probleme, die seit Jahren als feste Patterns in der westlichen Welt getestet und festgelegt wurden. Werbung wird von allen Teilnehmern als störend wahrgenommen. Wichtig war den Teilnehmern letztlich, dass bei einem minimalistischen Design nicht der Informationsgehalt verloren geht.

Interessant ist jedoch zu beobachten, wechselt man die Sprache bei China News auf Englisch, gelangt man zu einer komplett anderen Seite. Die englische Version von China News ähnelt in ihrem Erscheinungsbild mehr dem Grundaufbau von BBC, als von China News selbst.

Abb. 4: Englische Version von China News. (Screenshot ecns.cn vom 15.10.2018)

Zudem öffnen sich auf der Hauptseite alle Links als neue Browsertabs, wohingegen auf der englischen Variante die Hauptnavigation als Tabs funktionieren. Auch alle Nachrichten öffnen sich in der englischen Version im aktuellen Browser-Tab. Vorteil daran ist, dass die Steuerbarkeit erhöht wird, wenn sich alles im selben Tab öffnet, da der Nutzer mit dem Browser-Zurück-Button immer wieder auf die vorherige Seite zurückkehren kann. Dennoch gibt es viele Nutzergruppen, wie beispielsweise die Generation Y (geb. frühen 1980er bis frühen 2000er), die Multi-Tabs bevorzugen. (Quelle: NN Group) Es ist daher anzunehmen, dass Nutzer der Hauptseite von China News ebenfalls Multi-Tabs bevorzugen.

Eine weitere chinesische Nachrichtenseite Sina News weißt ein ähnliches Seitenverhalten wie China News auf. Auch bei Sina werden mit dem Klick auf Nachrichten oder Menüpunkte neue Tabs geöffnet und die englische Version hat ebenfalls ein individuelles Design. Der Seitenaufbau der chinesischen Versionen von China News und Sina News ähneln sich stark.

Der Seitenaufbau ist auf der englischen Version von China News stark von dem horizontalen Header geprägt, welcher in der chinesischen Version nicht vorhanden ist. Bei China News, wie auch Sina, sind die Nachrichten in 3 Spalten aufgeteilt. Das prominente Bild ist dabei Teil der ersten Spalte. Der generelle Anteil an Bildern ist reduziert. Werbebanner gibt es in der englischen Version keine.

Abb. 7: Englische Version China News

Was bedeutet das nun für die User Experience?

Es ist anzunehmen das sich nicht nur das Informationsbedürfnis, sondern auch das Surfverhalten in China von dem in westlichen Ländern unterscheidet. Gelernt und erprobte Patterns können daher zwar auf den chinesischen Markt angewendet werden, jedoch ist es ggf. notwendig eine andere Variante anzubieten. Wichtig ist, hier besonders die Eigenheiten der Nutzergruppen zu kennen und abzuwägen, ob eine Variante wirklich notwendig ist. Tabs können sich beispielsweise auch immer über die Browserfunktion öffnen lassen.

Fazit

Aus persönlicher Erfahrung kann ich als westlich geprägte Nutzerin berichten, dass mich chinesische Seiten anfangs sehr abgeschreckt haben. Nicht nur die vielen Informationen, sondern auch die ungewohnte Schrift, die durch ihre Andersartigkeit zu einer Sprache mit lateinischen Buchstaben, nicht so leicht ausgeblendet werden kann. Dieses erhöht meines Erachtens den Effekt, dass die Seiten voll und unübersichtlich wirken. Gewöhnt man sich jedoch an die Schrift und kann diese leichter ausblenden bzw. als Text wahrnehmen, können gewohnte Patterns erkannt werden. Damit ist es möglich durch gute Usability, wie konsistente Buttonfarben und -platzierung, gelernte Patterns und verständliche Icons ein Interface zu bedienen, dessen Sprache man nicht spricht. Und zeugt dies nicht von wirklich guter Usability, wenn man sein Bedürfnis erfüllen kann, obwohl das Interface eine andere Sprache spricht?

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