Das Unsichtbare sichtbar machen – Entwicklung eines neuen Fragebogens zur Messung von Intuitivität

„Der Nutzer muss die Seite intuitiv bedienen können“, solche Aussagen werden häufig getroffen, wenn es um die Nutzerfreundlichkeit einer Webseite geht. Aber was bedeutet dieser Anspruch eigentlich? Welche Faktoren entscheiden darüber, ob eine Webseite jetzt intuitiv bedienbar ist oder nicht? Wir bei eResult haben uns darüber Gedanken gemacht, die Wissenschaft zu Rate gezogen und viel mit Nutzern diskutiert. Das Ergebnis ist ein neuer Fragebogen, der die Einflüsse von Intuitivität aufgreift und auf verschiedenen Dimensionen abfragt. So kann ermittelt werden, ob der Nutzer die Bedienung einer Webseite als intuitiv empfindet.

Einflüsse auf Intuitivität

Was macht intuitive Bedienung aus? Die Wissenschaft ist sich über eine genaue Definition uneinig. Grundsätzlich wird aber davon ausgegangen, dass es sich bei intuitiver Bedienung um die unterbewusste Anwendung von Vorwissen handelt. Der Nutzer greift also auf sein Vorwissen über die Bedienung von Webseiten zurück und wendet dieses auf die neue (unbekannte) Webseite an. Interessanterweise zeigte sich in der Diskussion mit unseren Nutzern aus dem Digital Living Blog, dass diese intuitive Bedienbarkeit recht ähnlich definierten (siehe Abb.1: die blauen Kacheln zeigen die übereinstimmenden Aussagen zwischen Wissenschaft und Blogteilnehmern). Immer wieder wurde darauf verwiesen, dass bestimmte Handlungen oder Interaktionen bekannt sind und deshalb auch leicht und schnell auszuführen sind. Etwas „ohne groß nachzudenken“ zu bedienen oder auf „Erfahrungen“ zurückzugreifen, das zeichnet intuitive Bedienbarkeit für unsere Diskussionsteilnehmer aus. Eine Übersicht zeigt Abb.1:


Abb1: Übersicht über die Einflüsse auf intuitive Interaktion

Abb1: Übersicht über die Einflüsse auf intuitive Interaktion


Daraus ergab sich auch der erste Einflussfaktor auf die Intuitivität: Mühelosigkeit. Der Prozess Vorwissen anzuwenden passiert unterbewusst, es wird folglich nicht aktiv darüber nachgedacht. Diesen Prozess zeichnet aus, dass er ohne Mühe abläuft. Mit anderen Worten: Wir Menschen mögen es nicht, wenn wir unser Gehirn anstrengen müssen, um aktiv zu denken. Unterbewusste Prozesse erfordern viel weniger Energie (bzw. kognitiven Aufwand) und sind deshalb für uns viel angenehmer. Mühe, also kognitiven Aufwand, zu vermeiden ist das Ziel.

Der zweite Faktor ist entsprechend „Vorwissen anwenden“. Dieser Faktor geht darauf ein, ob Elemente und Inhalte einer Webseite dem Nutzer vertraut sind. Und ob er sein Vorwissen auf einer neuen Seite anwenden kann. Dies ist quasi eine Voraussetzung, um eine mühelose, intuitive Interaktion zu ermöglichen.

Natürlich ist auch die Usability einer Seite extrem wichtig, um dem Nutzer optimal zu unterstützen. Nicht nur in der Wissenschaft wird immer wieder auf Usability-Kriterien verwiesen, auch unsere Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass eine Webseite „selbsterklärend“ sein muss, um intuitiv zu sein. Das führt uns zum Faktor Selbstbeschreibungsfähigkeit. Dieser wird in der ISO –Norm 9241 wie folgt erklärt: „Ein Dialog ist selbstbeschreibungsfähig, wenn jeder einzelne Dialogschritt durch Rückmeldung des Dialogsystems unmittelbar verständlich ist oder dem Benutzer auf Anfrage erklärt wird.“ Im Kontext von intuitiver Bedienbarkeit kommt diesem Punkt noch eine weitere Aufgabe zu: Die Seite muss so leicht zu verstehen sein, dass über einzelne Schritte oder Klicks nicht nachgedacht werden muss. Last but not least ist auch die Effizienz der Interaktion ein wichtiger Baustein für intuitive Interaktion. Mit anderen Worten, der Nutzer sollte schnell an sein Ziel kommen.

Fragebogen-Test anhand einer Online-Umfrage

Aufbauend auf diesen Konstrukten haben wir einen Fragebogen entwickelt, der diese Aspekte von intuitiver Interaktion abfragt. Dazu haben wir einen Fragebogen mit ursprünglich 17 Items an unser Panel geschickt. Als Untersuchungsgegenstand dienten die Webseiten des deutschen Bundestages und des Europäischen Parlaments. Per Zufall wurden die Teilnehmer gebeten auf einer der beiden Seiten nach folgender Information zu suchen: Wie ist die aktuelle Zusammensetzung des deutschen Bundestages/ Europäischen Parlaments? Die über 700 Teilnehmer sollten die Information auf der Seite finden und dann die entsprechenden Fragen zu den Konstrukten beantworten.

Die Seite des Europäischen Parlaments wurde generell als weniger intuitiv wahrgenommen, als die Seite des deutschen Bundestages. Aus Usability-Sicht ist diese Einschätzung durchaus nachvollziehbar. Denn wie die Abbildung (Abb. 2) unten zeigt, hat das EU-Parlament eine Navigationsstruktur, die nicht für jeden auf den ersten Blick verständlich sein mag. Die Webseite des deutschen Bundestages setzt indes auf eine äußerst übliche, beinahe klassische Struktur (Vorwissen!) mit einer horizontalen Navigationsleiste und zugehörigen Drop-down-Menüs (Abb.3).


Abb. 2: Startseite EU-Parlament

Abb. 2: Startseite EU-Parlament


Abb.3: Startseite Deutscher Bundestag

Abb.3: Startseite Deutscher Bundestag


Fragebogen zur Inutitivität von Webseiten

Durch eine Faktorenanalyse zeigte sich, dass die vorher angenommen vier Konstrukte nicht als unabhängig voneinander anzusehen sind. Mit anderen Worten Mühelosigkeit, Vorwissen, Selbstbeschreibungsfähig und Effizienz hängen so stark zusammen, dass sie nicht als einzelne Konstrukte unterschieden werden können. Alle diese Einflüsse bauen direkt aufeinander auf. Letztlich umfasst der Fragebogen zur Intuitivität von Webseiten jetzt 11 Items. Bemerkenswert ist, dass vor allem die Items im Bereich Mühelosigkeit und Selbstbeschreibungsfähigkeit einen besonderen Einfluss auf die Intuitivität ausüben. Items wie „Ich konnte mich auf der Seite schnell zurechtfinden“ oder „Ich konnte die Webseite ohne viel nachzudenken bedienen“ bilden intuitive Bedienbarkeit sehr gut ab. Effizienz spielte indes eine deutlich untergeordnete Rolle als angenommen. Offenbar ist die Art und Weise ans Ziel zu kommen entscheidender für intuitive Interaktion, als die „gefühlte“ Geschwindigkeit, mit der das Ziel erreicht wird.

Nichtsdestotrotz bleibt bei diesem Thema immer eine Unsicherheit: Mit Fragebögen lassen sich die Empfindungen der Nutzer nur in der Retrospektive abbilden. Die Nutzer müssen ihre eigenen unbewussten Handlungen später aktiv reflektieren, was nicht jedem immer gelingen mag. Deshalb ist es grundsätzlich empfehlenswert, die Nutzer trotzdem zu beobachten und zu befragen und den Fragebogen als Ergänzung einzusetzen. Zudem ist das Empfinden, ob etwas intuitiv zu bedienen ist sehr subjektiv. Jeder Nutzer ist dabei von den eigenen Erfahrungen und auch Präferenzen abhängig. Trotzdem zeigen sich durch den Fragebogen klare Tendenzen, ob eine Webseite zumindest für eine große Nutzerschaft intuitiv ist, oder ob doch noch etwas an der Seite, im Sinne der Nutzer, verbessert werden muss.

Portraitfoto: Joanna Oeding

Joanna Oeding

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 13

2 Kommentare

  • Interessanter und sehr gut geschriebener Artikel über ein so komplexes Thema. Die Seite vom Europäischen Parlament ist m.M.n. wirklich nicht sehr intuitiv. Der Aufbau ist zum Teil ziemlich verwirrend.

  • Maikel

    Wenn/Da ein wesentlicher Faktor für die intuitive Benutzbarkeit das Vorwissen ist, dann kann es doch nicht „die“ intuitiv nutzbare Webseite geben.

    Denn jeder hat ein anderes Vorwissen, so daß ein und die selbe Webseite für den einen, dank Vorwissen, „intuitiv“ nutzbar ist, für andere aber nicht.

    Somit kann man die intuitive Benutzbarkeit auch nicht allgemein messen; sondern nur im Bezug auf ein bestimmtes Vorwissen; aber das kann doch kaum der Sinn der Sache sein.

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