Der Einsatz von Cognitive Crash Dummies in der formalen Evaluation mit GOMS (2. Teil)

Im ersten Teil des Beitrags stellte ich Ihnen die modellbasierte Evaluation mit Fokus auf GOMS vor (Goals, Operators, Methods and Selection Rules, Card et al. 1983), mit deren Hilfe es möglich ist, durch virtuelle Probanden, auch Cognitive Crash Dummys, die Effizienz von Schnittstellen bewerten zu lassen. Der zweite Teil gibt Ihnen nun ergänzend wertvolle Anwendungstipps.

Tools für den praktischen Einsatz

Da die Berechnung von GOMS-Modellen recht aufwendig werden kann, wurden in der Vergangenheit mehrere Tools entwickelt, welche die oben beschriebenen GOMS-Varianten teilweise vereinen. Sie ermöglichen es, z. B. auch CPM-GOMS-Analysen mit geringem Aufwand durchzuführen.

CogTool

CogTool ist ein Open Source-Programm von B. E. John (Carneige Mellon University) aus dem Bereich der Lean Methoden, das verschiedene GOMS-Varianten sowie eine rudimentäres Prototyping-Tool vereint. Man sollte sich von der etwas altbacken wirkenden Darstellung des Programms nicht abschrecken lassen. Die Berechnungen des CogTools basieren auf der kognitiven Architektur ACT-R und Fitts’ Law. Über den Cog-Explorer kann ebenso der virtuelle Blickverlauf verfolgt werden. Hierdurch können bereits Paper & Pencil-Prototypen einer formalen Evaluation unterzogen und Optimierungspotenziale aufgezeigt werden.

Das Programm kann von der Projektseite frei bezogen werden.

Auf YouTube wurden How To-Tutorials und Webinars bereitgestellt, um den Umgang mit CogTool zu erlernen.


Abb 1. Drei Schritte zum Erstellen eines GOMS-Modells & Visualisierung der Bedienabläufe mit CogTool entnommen aus B. E. John 2014

Weiterhin erstellt es eine Visualisierung der Handlungs- und Denk-Abläufe, was besonders beim Vergleich verschiedener Designs oder Use Case-Versionen vorteilhaft ist.

Cogulator

Ein weiteres Tool ist das Open Source-Programm Cogulator (MITRE Corporation 2017), welcher im Funktionsumfang fokussierter auf die direkte Eingabe der Bedienabläufe über die Tastatur ist. Es ermöglicht auch die Simulation von Fehleingaben sowie Multitasking-Szenarien. Die Operatoren können schnell aus einer vorgefertigten Liste übernommen und neue schnell hinzugefügt werden. Details zu den Bedienabläufen, der kognitiven Last im Arbeitsgedächtnis etc. werden in einem Gantt-Diagramm visualisiert und können zu Vergleichszwecken herangezogen werden.

Ein weiteres GOMS-Tool

Abb 2. Cogulator MITRE Corporation 2017


Einschränkungen der Anwendung von GOMS

Bei aller Freude über agile Methoden und Lean Management beim Einsatz von GOMS, gibt es jedoch Einschränkungen. GOMS modelliert menschliche Bedienabläufe recht strikt auf spezifische Aufgaben. Deshalb ist es gut für die Usability-Analyse unterschiedlicher Schnittstellen mit redundanten Aufgabenabläufen – wie in Hilfe-Systemen, Trainings-Systemen etc. – geeignet. Olson und Olson stellten jedoch bereits 1990 heraus, dass GOMS wichtige Aspekte der HCI wie individuelle Nutzer Akzeptanz, Ermüdungserscheinungen, Fähigkeiten zwischen Nutzern nicht berücksichtige. Die Analyse geht stets von einem erfahrenen Nutzer aus, der keine Fehler produziert. Dies ist zwar für den reinen Vergleich von Schnittstellen und für die strikte Analyse der Effizienz zielführend, jedoch nicht komplett auf realistische menschliche Anwendungszenarien projizierbar. Eine ausführliche Liste der Einschränkungen von GOMS finden sich in Card et al. (1980).

Der Einbezug von echten Nutzern ist daher im User Centered Design unverzichtbar wenn die Fähigkeiten, Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer berücksichtigt werden soll. GOMS kann hierbei eine gute Ergänzung zur Optimierung der Anwendungsabläufe oder beim Vergleich von Schnittstellenvarianten in Bezug auf die Effizienz sein. Die heuristische Evaluation hingegen bietet die Möglichkeit, eine kostengünstigere Evaluation der Effektivität auf Basis von Expertenwissen zu erhalten. Jedoch erhalten Sie nur durch eine empirische Evaluation Daten darüber wie Nutzer mit unterschiedlichen Fähigkeiten eine Schnittstelle verwenden. Schlussendlich gibt Ihnen ein Usability-Test auch am besten Feedback zum Joy of Use und damit der User Experience.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der formalen Evaluation gesammelt? Welche Linktipps kennen Sie? Kontaktieren Sie mich gerne, wenn Sie mehr über die Möglichkeiten zum Einsatz formaler Evaluation erfahren möchten.

Ich freue mich auf Ihr Feedback.

Links und Literaturempfehlungen

Wenn Sie sich eingehender mit dem Thema der formalen Evaluation beschäftigen möchten, finden Sie nachfolgend bunt gemischte Linktipps zu Primär- und Sekundärquellen.

Portraitfoto: Paul Pagel

Paul Pagel

User Experience Consultant

eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 7

2 Kommentare

  • Vielen Dank für die beiden Artikel. GOMS sind tatsächlich ein neues Feld für mich, trotzdem unglaublich spannend und auf dem Weiterbildungsplan fest verankert! Eure Artikel sind da ein sehr guter Einstieg!

    Könnte die Reihe eventuell fortgesetzt werden indem Ihr mal einen kurzen Einblick in das Tool gebt? Z.B. indem Ihr mal zwei vorhandene Checkout-Prozesse miteinander vergleicht?

    Beste Grüße,
    Niklas Jordan

  • Hallo Herr Jordan,

    danke Ihnen für den Kommentar. Es freut mich, dass Sie das Thema auf Ihren Weiterbildungsplan gesetzt haben. Ihre Idee, einmal zwei Checkout-Prozesse mit der Methode zu evaluieren, greife ich gerne in einen meiner nächsten Blogbeiträge auf, um Thema besser fassbarer zu machen.

    Viele Grüße
    Paul Pagel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.