Der Königsweg zur Datumseingabe bei Reisebuchungen

Als Tourismus-Experte bei eResult höre ich bei meinen Interviews in Uselabs oft den Satz: Reiseseiten im Internet sehen doch recht gleich aus. Ich gebe Flughafen und Ziel ein, noch das Reisedatum und mit einem Klick bekomme ich die Angebote angezeigt. Ganz so einfach ist der Sachverhalt natürlich nicht, denn die Suchmaske ist zeitgleich Einstieg und Vorfilter in das sehr umfangreiche Reiseangebot.

Für meinen heutigen Blog-Beitrag habe ich mir die größten Reiseanbieter und OTAs angeschaut, um Standards bzw. Best Practices bei der Datumsauswahl zu identifizieren. Darüber hinaus habe ich einen interessanten Ansatz aus UK gefunden, den ich ebenfalls vorstellen möchte.

Ohne einen Kalender geht es nicht

Die unten dargestellte Suchmaske wird Ihnen sicherlich bekannt vorkommen, denn viele Reiseanbieter verwenden mehr oder weniger den gleichen Aufbau und verwenden ähnliche Eingabefelder. Ein über die Jahre gelerntes Verhalten, wodurch der Einstieg jedem Nutzer vertraut wirkt und somit zu keinen Anfangsschwierigkeiten führen sollte.


Abb. 1: Sehr typische und häufig zu findende Suchmaske

Abb. 1: Sehr typische und häufig zu findende Suchmaske


Alle meine betrachteten Seiten hatten gemeinsam, dass das Reisedatum mittels Kalenderfunktion ausgewählt wird. Dies funktioniert ohne größere Probleme und ist deshalb für Desktop-/Laptop-Darstellung ein Standard im Tourismusbereich. Mobil ist die Kalenderauswahl zwar weit verbreitet, aber einige Anbieter verwenden andere Ansätze. Dazu später mehr.


Abb. 2: Datumsauswahl mittels Kalenderfunktion

Abb. 2: Datumsauswahl mittels Kalenderfunktion


Hier enden aber schon die Gemeinsamkeiten

Neben dem Einsatz eines Kalenders habe ich noch folgende, wenige Gemeinsamkeiten gefunden:

  • 10 von 11 Reise-Sites setzen neben dem Eingabefeld zur Unterstützung noch ein Kalendersymbol ein
  • 9 von 11 Anbieter haben das Reisedatum voreingestellt und
  • auf 8 von 11 Websites wird das Hin- und Rückreisedatum getrennt über 2 Eingabefelder eingegeben

Für viele andere Einstellungen wählen die jeweiligen Anbieter verschiedene Strategien, so dass bei mir eher der Eindruck einer großen Variantenvielfalt zurückbleibt. Auf die wesentlichsten Erkenntnisse möchte ich nun kurz eingehen.

Automatischer Wechsel in die Rückreise erspart einige Klicks

Dieses Feature stach bei meiner Recherche positiv heraus und deshalb war ich verwundert, dass diese Funktion nur von wenigen Anbietern eingesetzt wird. In der Desktop/Laptop-Darstellung war es nur auf 4 Websites zu finden und in der mobilen Darstellung sogar nur bei 2 Websites. Sehr schade, da ich dieses Feature für sehr praktisch und auch intuitiv halte.

Konkret geht es um die Tatsache, dass ich bei der Auswahl des Hinreisedatums automatisch in den Kalender der Rückreise gelange, ohne dies aktiv auszuwählen. Da viele Anbieter die Rückreise über ein separates Feld abfragen, spart diese Funktion immerhin das Öffnen des Kalenders. Auch entfällt der Monatswechsel, falls die Rückreise voreingestellt ist, da ich mich je nach Reisedatum bereits im richtigen Monat befinde.


Abb. 3: In wenigen Klicks das Datum einstellen

Abb. 3: In wenigen Klicks das Datum einstellen


Weniger ist (manchmal) mehr

Bei der Anzeige von Schulferien im Kalender (6 zu 5) sowie der grafischen Hervorhebung des ausgewählten Zeitraums (5 zu 6) spaltet sich meine Beobachtung in verschiedene Lager. Es gibt die Minimalisten, wie z.B. TUI, die auf beide Features verzichten. Aber auch die Maximalisten, wie z. B. Opodo, die beide Features einsetzen.

Der Einsatz dieser Features ist abhängig vom Nutzertyp bzw. der Persona. Ich persönlich (Paar ohne Kind) finde das Feature der Schulferien sehr praktisch, weil ich dadurch flexibler buchen und auch Geld sparen kann, wenn ich abseits der Hauptsaison buche. Für Familien wird dieses Feature weniger interessant sein, da die Reisetermine früh feststehen und somit bekannt sind.

Gefährlich wird der Einsatz der Features, wenn sie die Usability der Website bzw. der Customer Journey behindern. Bei den folgenden beiden Beispielen ging mir persönlich die Übersicht verloren, was genau im Kalender angezeigt wurde. Aber sehen Sie selbst.


Abb. 4: Zu viele Informationen können die Kalenderübersicht schmälern

Abb. 4: Zu viele Informationen können die Kalenderübersicht schmälern


Kalendereingabe überzeugt auch auf Smartphones

Wie zuvor angedeutet, weichen einige Anbieter bei der mobilen Darstellung und in den Apps von der Kalenderansicht ab und verwenden eine Wheel Bar bzw. einen oder mehrere Dropdowns zur Auswahl des Datums.


Abb. 5: Datumseingabe ohne Kalender, sondern mit Wheel Bar oder mittels Dropdown

Abb. 5: Datumseingabe ohne Kalender, sondern mit Wheel Bar oder mittels Dropdown


Das mehrmalige Ausprobieren hat mir klar aufgezeigt, dass die Nutzung der Wheel bzw. eines Dropdowns keinerlei Vorteile gegenüber der Kalenderauswahl bietet. Es trifft sogar eher das Gegenteil zu, dass der Aufwand der Dateneingabe unnötig in die Höhe getrieben wird. So musste ich bei einem Anbieter 8 Klicks/Eingaben tätigen, um mein gewünschtes Reisedatum auszuwählen.

Deshalb würde ich als UX-Experte eine klare Empfehlung geben, die Eingabe mittels Kalender auch bei mobilen Endgeräten als Standard zu verwenden.

Neue Wege zur optimalen Vorbelegung gesucht

Neben dem Reisezeitraum ist auch die Reisedauer ein wichtiges Feld in der Suchmaske. Hier zeigt meine kleine Marktübersicht eine kleine Mehrheit (7 zu 4), die dieses Feld nicht vorbelegen und den Wert „beliebig“ ausgeben. Bei den verbleibenden Anbietern wird vermehrt der Zeitraum 7 Tage bzw. 1 Woche gewählt; es finden sich aber auch größere Zeitfenster, wie z. B. 9-12 Tage oder auch 7-21.

Die für uns UX-Experten relevante ISO-Norm 9241-110:2006 der Dialoggestaltung gibt für voreingestellte Werte eine klare Empfehlung:

  • Wenn für die Arbeitsaufgabe ganz bestimmte Eingabewerte typisch sind, sollten diese Werte dem Benutzer automatisch als voreingestellte Werte verfügbar sein.

Falls Anbieter keine genauen bzw. valide Kenntnisse über die Reisedauer haben, ist aus Usability-Gesichtspunkten die beste Vorgehensweise, keine Vorbelegung zu wählen. Im Zuge der steigenden Bedeutung von Big Data, fände ich es interessant mit diesen Inhalten zu experimentieren, um dem Nutzer die optimale bzw. realistische Reisedauer vorzugeben. Laut Zahlen des DRV für 2013 lag die durchschnittliche Reisedauer aller gebuchten Reisen in Deutschland bei 10,3 Tagen, was dafür spräche, einen Zeitraum von 10 Tagen bei einer Pauschalreise per default anzubieten.

Im Fokus: Ein alternativer Ansatz aus UK

Während es in Deutschland Standard ist, den Reisezeitraum mittels Hin- und Rückreisedatum zu bestimmen, konnte ich bei meinen Recherchen auf englischen Websites eine alternative Vorgehensweise entdecken, die ich kurz beleuchten möchte. Beim Reiseanbieter Thomson wird lediglich das Hinreisedatum (When?) sowie ein Zeitfenster (How long?) benötigt (Abb. 6).


Abb. 6: Alternative Datumsauswahl mit lediglich zwei Eingaben: Hinreise und Dauer

Abb. 6: Alternative Datumsauswahl mit lediglich zwei Eingaben: Hinreise und Dauer


Im ersten Moment war ich recht begeistert von diesem Ansatz, da ich dadurch eine Eingabe bzw. Interaktion spare und somit schneller zu meinen Ergebnissen gelange. Nach mehrmaligem Ausprobieren stellte ich jedoch fest, dass die Idee Stärken besitzt, jedoch in der aktuellen Umsetzung das Potential nicht ganz ausspielen kann und zwar durch folgende Hürden bei der Usability:

A. Umständliche Individualisierbarkeit: Es können nicht alle Zeiträume ausgewählt werden

Ich kenne leider nicht die Präferenzen von englischen Touristen und vielleicht ist es für Engländer eine ungewöhnliche Marotte nicht für 7 oder 14 Tage zu verreisen. Es besteht nämlich nicht die Möglichkeit 6, 8 bzw. 12 oder 13 Tage zu verreisen. Diese Tage müssen über ein weiteres Dropdown und ggf. offenes Eingabefeld explizit eingetragen werden, wodurch der Aufwand wieder größer wird.


Abb. 7: Es können nicht alle Zeiträume sofort ausgewählt werden

Abb. 7: Es können nicht alle Zeiträume sofort ausgewählt werden


B. Konkretes Rückreisedatum findet sich erst im späteren Buchungsprozess

Beim Ausprobieren hat mich des Weiteren irritiert, dass ich das Rückreisedatum erst gegen Ende des Buchungsschrittes angezeigt bekomme. D.h. es gibt ausgehend von meinem gewählten Reisedatum, keine Anzeige bzw. Information an welchem Wochentag der Flug zurückgeht (Abb. 8). Dies lässt sich natürlich im Kopf ausrechnen (Abflug am Montag + 9 Tage Urlaub = Rückflug am Mittwoch), empfand ich jedoch als unnötig und auch recht umständlich. Bin ich als Nutzer sehr preissensibel und probiere deshalb diverse Kombinationen aus, kann schon Mal der Überblick verloren gehen, wann die Reise wieder zurückgeht.


Abb. 8: Das Rückreisedatum wird zu Beginn nicht mit angezeigt

Abb. 8: Das Rückreisedatum wird zu Beginn nicht mit angezeigt


Kalendersicht schafft Übersicht

Durch die fehlende Kalendersicht hatte ich während des Ausprobierens immer wieder das Gefühl, dass ich nicht genau weiß, an welchen Tagen ich genau Urlaub mache. Dementsprechend sehe ich abschließend doch keine Vorteile dieser Vorgehensweise, so dass die klassische Kalenderauswahl in meinen Augen weiterhin einen Best Practice darstellt.

Nichtsdestotrotz hat dieser Ansatz Charme, der sich durch ein paar Anpassungen bestimmt weiter optimieren lässt. Ich bin gespannt, ob sich in Deutschland ein etablierter bzw. neuer Anbieter traut, eine alternative Datumsauswahl auszuprobieren und umzusetzen.

Welche Best Practices oder neue innovative Ansätze haben Sie bei der Reisebuchung entdecken können? Ich bin gespannt über Ihre Fundstücke und freue mich auf einen regen Austausch.

Portraitfoto: Ediz Kiratli

Ediz Kiratli

Referent Usability

VBG

Bisher veröffentlichte Beiträge: 24

2 Kommentare

  • Michael Koenigs

    So sehr ich diesen Artikel auch interessant finde, so sehr stören mich manche Vorstellungen einer gelungenen UX.
    Weil die Durchschnittsreisedauer bei etwas über 10 Tagen liegt, sollte man diesen Wert eventuell direkt voreinstellen?
    Find ich totalen Quatsch, da dieser Wert doch zustande kommen kann, ohne das auch nur ein einziger Reisender wirklich 10 Tage verreist ist.
    Da sollte jedes Portal lieber seine eigenen Statistiken bemühen, ob mehr 1 oder 2 Wochen verkauft werden und dies voreinstellen.
    Eine solche Vorsteinstellung sollte aber wirklich gesetzt werden, um nicht diese blöden 1-Tages-Reisen in die Reiseziele angezeigt zu bekommen.

    • Hallo Herr Königs,
      vielen Dank für Ihren kritischen Kommentar.

      Ich habe bei meinen vielen Tourismus-Interviews festgestellt, dass die die Eingabe der Reisedauer den späteren Verlauf der Recherche stark beinträchtigen kann, wenn z.B. Reisen mit 4-5 Tage angezeigt werden, obwohl man selber flexibel nach 1 Woche gesucht hat. Beim schnellen Recherchieren vergisst man als Nutzer schnell die für sich korrekten Daten einzugeben und wundert sich dann über die Ergebnistreffer.

      Meine kleine Recherche hat gezeigt, dass die meisten Anbieter ohne Vorbelegung arbeiten, da es warscheinlich schwierig ist, die optimale bzw. realistische Zeitdauer zu bestimmen. Ein Zeitraum von 7 Tagen wurde jedenfalls recht häufig eingesetzt.

      Warscheinlich sind die 10 Tage auch nicht der optimale Wert, aber ich könnte mir vorstellen dass Unternehmen mit BigData-Analysen der „realistischen“ Dauer einer Reise sehr nahe kommen könnten.
      Leider weiß ich nicht, ob dies von Unternehmen bereits berechnet wird bzw. Startups so einen Service anbieten.

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