Der Prüfstein für Ihre Webseite – Nutzertests mit älteren Probanden

Nutzertests mit älteren Probanden Die Zahl älterer Menschen, die online aktiv sind, steigt kontinuierlich an. Sie nutzen das Internet für Reise- und Hotelbuchungen, für den Kauf von Tickets für Veranstaltungen und die Suche nach Gesundheitsinformationen. Auch mobile soziale Software wird zunehmend von der älteren Generation genutzt, vor allem für den Kontakt zu den Enkeln. Dabei sind sie virtuelle Newcomer und häufig wenig affin in ihrem Umgang mit Interaktionsangeboten im Web. Diese Zielgruppe ist mit ihren spezifischen Schwierigkeiten für Usability-Tests von besonderer Bedeutung und stellt eigene Anforderungen an Methode und Interviewführung.

Aus dem Testalltag

„Wenn Sie mir jetzt noch sagen, wie ich hier weiterkomme, ich sehe das nicht… das wollte ich nicht… wie kann ich das wieder entfernen? Jetzt habe ich wieder alles falsch gemacht.“ Die ältere Dame ist sichtlich überfordert. Sie hatte versucht, ein Ticket für eine Veranstaltung zu buchen.

Das Scrollen in der langen Veranstaltungsliste ist für sie nicht so einfach, da sie hierfür nicht das Rad an der Maus, sondern die Pfeile am Scroll-Balken verwendet. Die Angebote der Webseite erscheinen unter dem Eindruck dieses Tests sehr viel undurchsichtiger und weniger intuitiv, als in den vorherigen Tests. Kognitive Hürden werden erkennbar. Der Weg zum Warenkorb ist durchaus nicht so klar. Die Preisinformation in der Liste ist zu klein. Zahlreiche Probleme treten auf, die hier zum frustrierten Abbruch des Kaufprozesses führen. Ein klares Warnsignal unter dem Gesichtspunkt der Usability. Und doch waren vorherige Probanden deutlich besser mit dem Prozess zurechtgekommen.

Welchen Stellenwert haben nun die Schwierigkeiten der älteren Dame?

Die Relevanz der Schwierigkeiten von älteren Probanden hängt natürlich von der Zielgruppe ab, die die Webseite erreichen soll. Webseiten mit einer hohen Reichweite sollten jedoch immer den Anspruch haben, auch weniger affine Nutzer abzuholen und befriedigend zu bedienen. Deshalb sollte bei der Rekrutierung für Usability-Tests die Altersverteilung der Nutzer abgebildet und möglichst oft auch ältere Probanden einbezogen werden. eresult etwa hat in seinem unternehmenseigenen Panel Bonopolis einen umfangreichen Pool auch von älteren potentiellen Teilnehmern für Usability-Tests, Fokusgruppen und Online-Umfragen.

Herausforderungen an die Interviewführung

Tests mit älteren Probanden stellen den Interviewer vor einige Herausforderungen. Der Zeitbedarf für einen solchen Test ist häufig höher. Der Proband braucht für die Use Cases deutlich mehr Zeit und es kommt immer wieder zu Stockungen im Testablauf. Hilfestellungen sind nötig und erhöhen die Gefahr einer Einflussnahme und Verfälschung der Daten. Der Interviewer muss zudem noch mehr als sonst auf die Verständlichkeit seiner Anweisungen achten. Technische Begrifflichkeit sollte vermieden und das Vokabular des Probanden verwendet werden. Ältere Probanden haben zudem häufig Schwierigkeiten, sich Abläufe nochmals ins Gedächtnis zu rufen. Es kann deshalb öfter zu Diskrepanzen zwischen den Beobachtungen während des Tests und Antworten auf retrospektive Fragen kommen. Der Beobachtung kommt dadurch eine noch größere Bedeutung zu. Es kommt auch verstärkt zu Selbstbeschuldigungen im Verlauf des Tests. Die Testperson gibt sich also selbst die Schuld für auftretende Schwierigkeiten bei der Nutzung der Webseite. Hier muss der Interviewer eingreifen, um das Wohlbefinden des Probanden zu schützen und eine konstruktive Atmosphäre zu erhalten.

Die Interviewer von eresult sind auf diese Herausforderungen durch Schulungen und praktische Erfahrungen sehr gut eingestellt. Über diese Qualifikationen ist es ihnen möglich, trotz der anspruchsvollen Interviewsituation wertvolle Erkenntnisse aus diesen Tests zu ziehen.

Der Aufwand lohnt sich

Erkenntnisse aus Tests mit älteren Probanden sind in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Eine vergleichende Studie von Stephens (2006) zur Qualität von naiven Usability-Bewertungen älterer und jüngerer Menschen gibt hier einen Eindruck. Die Bewertungen der älteren Teilnehmer (Alter 65 bis 75) zur Usability unter anderem von Herdplatten, Badarmaturen und Instruktionsanordnungen auf Computerbildschirmen waren häufiger zutreffend, als diejenigen der jüngeren Teilnehmer. Dies lässt ein erhöhtes natürliches und praktisches Verständnis von Bedienqualität bei älteren Menschen vermuten. Der größere Aufwand in der Testarbeit mit älteren Probanden lohnt sich also.

Haben Sie Erfahrungen in Tests mit dieser besonderen Zielgruppe gemacht? Wie ist Ihre Wahrnehmung? Ich freue mich über Ihre Kommentare.

Portraitfoto: Rita Strebe

Rita Strebe

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

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