Eindrücke vom World Usability Congress 2015

Vortrag: Projection of Usability Test Results&Statistics, Mustafa Dalc? | Sketchnote: Fabienne Stein

Am 7. und 8. Oktober fand in Graz der diesjährige World Usability Congress statt. Internationale Speaker aus den Branchen Automotive, E-Commerce & Multichannel, E-Health und IT & Smartfactor waren eingeladen, um ihr Wissen im Bereich Usabilty, User Experience und Customer Experience weiterzugeben. Gesprochen wurde über Trends und Erfahrungen und der eine oder andere Vortrag war eine gute Gelegenheit um einen Blick „Hinter die Kulissen“ zu werfen. Zudem boten sich auch am Rande der Vorträge ausreichend Möglichkeiten zum Austausch mit Teilnehmern und Speakern.

Ich habe viel Input und Inspiration mitgenommen, hier eine kurze Auswahl einiger Vorträge, die mir gefallen haben:

Technical overkill or new love?

Autonomes Fahren, Elektrofahrzeuge, Car sharing – der Wandel in der Automobilindustrie schreitet stetig voran. Die Digitalisierung und neue Technologien ermöglichen dabei eine immer stärkere Verschmelzung der digitalen und der physischen Welt. Alexander Peters verdeutlichte dies mit einer Reihe von Beispielen – vom BMW Display Key bis hin zu Qantas‘ VR Headset – und sprach über Methoden, die bei der Entwicklung neuer Interaktionskonzepte eingesetzt werden können:

  • kreative Prototypen-Erstellung im spielerischen Kontext, z. B. mit Lego Serious Play
  • Nutzer von Beginn an in die Entwicklung eines Produktes einbeziehen („Co-Creation“)
  • Erstellung erster, sehr einfacher Prototypen („Quick hack Approach“)
  • Experiment: Interaktionskonzept früh erlebbar machen
  • Testing am Prototypen
  • Profil der Marke schärfen

Und, auch hier gilt (man kann es nicht oft genug sagen): nützlich und relevant muss es sein – egal wie futuristisch eine Idee, ein Konzept, auch sein mag.

 

Vortrag: Creating Change, Alexander Peters | Sketchnote: Fabienne Stein

Vortrag: Creating Change, Alexander Peters | Sketchnote: Fabienne Stein

 

HMI Entwicklungen in der Automobilindustrie

Einen Eindruck darüber wie komplex Studien im Bereich Automotive sein können und welcher Aufwand betrieben wird, um sowohl die Sicherheit als auch das entsprechende Kundenerlebnis zu gewährleisten, vermittelte Marion Mangold am Beispiel der HMI Entwicklung für Elektrofahrzeuge bei BMW. In einer Langzeitstudie wurde eine Vielzahl an Teilnehmern in mehreren Ländern befragt und deren Nutzungsverhalten mit Elektrofahrzeugen bis ins Detail untersucht – zunächst am MINI E, anschließend am BMW Active E bis hin zum BMW i3. Allein beim MINI E galt es 16.000.000 durch die Testpersonen gefahrene Kilometer auszuwerten. Dabei wurden in den einzelnen Phasen unterschiedliche Methoden eingesetzt und kombiniert, u.a. klassische Telefoninterviews, Nutzertagebücher, Nutzerbefragungen.

 

Vortrag: HMI Development for Electric Vehicles, Marion Mangold | Sketchnote: Fabienne Stein

Vortrag: HMI Development for Electric Vehicles, Marion Mangold | Sketchnote: Fabienne Stein

Wie lange es dauert, bis Konzepte tatsächlich final sind und für die Kunden im Fahrzeug implementiert sind, lässt sich auch erahnen, wenn man sich mit dem typischen Ablauf für Usability-Tests von HMI Konzepten beschäftigt. In einem iterativen Vorgehen werden die Konzepte immer wieder überprüft:

  1. Paper-Pencil-Tests: geeignet in sehr frühem Entwicklungsstadium, um erste Screenshots oder Animation der Konzepte zu testen
  2. Usability-Tests im Fahrsimulator zur Überprüfung der Konzepte in „realerer“ Umgebung
  3. Evaluation im Fahrzeug: die Konzepte werden durch Kunden und BMW-Händler in realer Umgebung final überprüft

Passend zum Thema möchte ich Ihnen an dieser Stelle auch gerne nochmal den Beitrag meiner Kollegin Lorena Meyer empfehlen: Automotive UX – Einflussfaktoren & Anforderungen an Anzeige- und Bedienkonzepte sowie Methoden zur Evaluierung

UX-Strategie für interne Anwendungen

In den letzten Jahren hat das Thema User Experience in den Unternehmen stark an Bedeutung gewonnen – unabhängig von Unternehmensgröße oder Branchen. Eines jedoch lässt sich häufig beobachten: Wenn es darum geht Produkte für die Nutzer zu optimieren, liegt der Fokus nach wie vor auf Produkten, die von den Endverbrauchern genutzt werden, z. B. der Unternehmenswebsite, dem zugehörigen Online-Shop oder der neuen App, die gerade entwickelt wird.

Bei internen Anwendungen hingegen wird an der Umsetzung (z. B. veraltete Technologien) und am Design gespart. Sammeln der Anforderungen, regelmäßige Befragungen und Testings bereits in der Planungs- und Entwicklungsphase? Meist eine Fehlanzeige.

Dabei können durch die Implementierung von UX-Maßnahmen in die Entwicklung und Umsetzung von internen Anwendung erheblich Kosten gespart werden. Im Beispiel von Hakan Isik wurde z. B. die Dauer für eine Eingabe von Datensätzen von durchschnittlich 45 Sekunden auf 40 Sekunden gesenkt. Das mag zunächst nach wenig klingen, macht aber bei einer Vielzahl von Mitarbeitern und eingegebener Datensätzen eine ganze Menge an Arbeitszeit aus.

Häufig können bei internen Anwendungen folgende Probleme beobachtet werden:

  • komplexe Informationsarchitektur
  • schlechte Nutzerinteraktion
  • Abläufe im System, die nicht mit den tatsächliche Aufgaben und Abläufen übereinstimmen
  • schlechte bzw. unzureichende Fehlermeldungen
  • flache Lernkurve
  • niedrige Auflösung
  • komplexe Systeme (Technik)

Mit einem ganzheitlichen UX-Ansatz („UX ist teamwork“) und der Beratung bereits in frühen Projektphasen könnten die Probleme entscheidend reduziert werden. Hakan Isik empfiehlt eine UX-Strategie, die interne wie externe Projekte gleichermaßen berücksichtigt und UX z. B. auch in den Software Development Lifecycle implementiert.

Zudem empfiehlt sich die dauerhafte Umsetzung folgender, einfacher, Tipps:

  • enge Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams
  • Nutzerbedürfnisse erkennen und verstehen (Mitarbeiter als Kunden sehen)
  • Best Practices identifizieren und als Vorbild nehmen
  • Iteratives Design: Regelmäßige Evaluation und Testing

 

Vortrag: Improving Efficiency of Employees by implementing UX, Hakan Isik | Sketchnote: Fabienne Stein

Vortrag: Improving Efficiency of Employees by implementing UX, Hakan Isik | Sketchnote: Fabienne Stein

 

Das Leben ist zu kurz für Excel!

Wir alle kennen das: Wir führen Studien durch, sammeln Daten und haben am Ende jede Menge Informationen, die es irgendwie zu vermitteln gilt. Gerade bei quantitativen Studien ist das Ergebnis am Ende häufig ein Ergebnisband mit vielen Daten und Fakten, in zahlreiche Kreis-, Balken- und Säulendiagramme gepackt.
Dass es auch anders geht, zeigte Mustafa Dalci, in einer sehr ansprechenden Präsentation – voll von schönen Infografiken und einer Reihe von anschaulichen Bespielen, wie sich Ergebnisse visualisieren lassen.

Seine Tipps für eine gelungene Visualisierung:

  1. Alternativen zu Excel suchen und finden: „Das Leben ist zu kurz für Excel.“
  2. „Form follows Data“ als Motto für Ergebnisse aus UX-Studien verfolgen
  3. Die Visualisierung der Zielgruppe anpassen: umfangreiche und detaillierte Infografiken eigenen sich gut für Produktmanager und Konzepter, auf Management-Ebene empfiehlt sich eine kompakte, anschauliche Darstellung – ggf. auch in Form eines kurzen, prägnanten und visuell ansprechendem Video
  4. Erwartungen übertreffen
  5. Auf den Punkt kommen und klare Handlungsempfehlungen geben
  6. Inspiriert sein!

 

Vortrag: Projection of Usability Test Results&Statistics, Mustafa Dalci | Sketchnote: Fabienne Stein

Vortrag: Projection of Usability Test Results&Statistics, Mustafa Dalci | Sketchnote: Fabienne Stein

 

Walt Disney – Gelebte Customer Experience

Besonders eindrucksvoll war der Vortrag von Dan Hamer-Hodge: mit ihm ging es auf Reise ins Walt Disney World in Florida – durch die Brille des Disney Parks & Resorts Digital Team. Der gesamte Prozess – von der Information, über den Kauf bis hin zum Aufenthalt vor Ort – soll für die Kunden ein Erlebnis darstellen. Dabei spielen in den unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Aspekte eine Rolle. Zu Beginn des Prozesses, wenn es darum geht, dass aus Interessenten Kunden werden, liegt der Fokus auf der digitalen Experience. In den letzten beiden Phasen, bei der Ankunft und während des Aufenthalts vor Ort, geht es hauptsächlich um das physische Erleben. Der Versand des „Magic Band“ sorgt dabei bereits im Vorfeld für ein Maximum an Vorfreude und emotionaler Bindung.

Voraussetzung für optimale Customer Experience ist, dass alle dieselben Ziele verfolgen. Auch die Berücksichtigung der folgenden Aspekte trägt entscheidend dazu bei:

  • Reibungsverluste innerhalb bzw. zwischen den einzelnen Umsetzungsphasen eines Produktes müssen reduziert bzw. im besten Fall ganz vermieden werden
  • Die Überraschung und Freude des Kunden in den Mittelpunkt stellen
  • Unternehmensweites Engagement und das gemeinsame Streben nach einem herausragenden Kundenerlebnis

 

Vortrag: The Magic of an Integrated User Experience, Dan Hamer-Hodges | Sketchnote: Fabienne Stein

Vortrag: The Magic of an Integrated User Experience, Dan Hamer-Hodges | Sketchnote: Fabienne Stein

 

Mehr Informationen

Auf den Seiten des World Usability Congress finden Sie alle Informationen zum diesjährigen Kongress zum Nachlesen und werden rechtzeitig über den WUC2016 informiert (Save the Date: 17./18.10.2016).

Waren Sie vielleicht auch vor Ort? Haben Sie Eindrücke, die Sie gerne ergänzen möchten? Ich freue mich über jeden Kommentar!

Portraitfoto: Fabienne Stein

Fabienne Stein

Senior User Experience Consultant

Alumni-eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 2

3 Kommentare

  • Jan

    Danke für den schönen Bericht Fabienne. Ich habe in meinem Podcast noch ein paar Audio-Mitbringsel (Mini-Interviews) gesammelt, die Deine Leser evtl. auch interessieren könnten: http://abendsinderkreativwirtschaft.de/akw082

  • Vielen Dank Jan, dein Podcast mit den Audio-Mitbringseln ist eine super Ergänzung!

  • Liebe Fabienne,

    vielen Dank für den sehr interessanten und tollen Beitrag.
    Ich interessiere mich sehr für das Thema Usability und habe auch schon während meines Studiums viele Tests durchgeführt und statistisch ausgewertet. Finde es immer sehr spannend, da mit wirklichen Kennzahlen Dinge be- oder widerlegt werden können und somit Erfolg auch messbar ist. Weißt du, inwiefern die oben genannten Studien repräsentativ sind? Oder ist das gar nicht notwendig?
    Des Weiteren hast du auch noch einmal schön herauskristallisiert, wie wichtig es ist, einzelne Bereiche (egal in welchem Unternehmen oder Projekt) auch als Ganzes zu betrachten und nicht nur jeden Bereich für sich. Letztendlich sind das alles Zahnräder, die ineinander greifen sollten, um den größtmöglich Erfolg/ Nutzen für ein Unternehmen und die Kunden herauszuholen.

    Super Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte 🙂

    Viele Grüße Leana

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