„Einen Flyer, bitte!“ – Usability in Online-Print-Shops

Das Geschäft mit dem Druck steht heute vor neuen Herausforderungen. Der Preiskampf ist für viele Unternehmen existenzbedrohend geworden und viele klassische Betriebe sind in den letzten Jahren vom Markt verschwunden. So ist der Bedarf an Print-Katalogen stark gesunken, da der Versandhandel vornehmlich ins Internet abgewandert ist. Einige Unternehmen scheinen jedoch gegen den Trend sogar zu wachsen. Nach einem Artikel der brandeins scheint die Erfolgsformel dieser „Krisengewinner“ – wie bei so Vielem – der Ausbau des Online-Geschäfts mit vorrangig kleinen Kunden zu sein. Nur so bleibt man konkurrenzfähig. Doch auch in der Online-Print-Branche ist es nicht damit getan lediglich einen Shop zu betreiben. Auch hier geht es darum die Produktpalette übersichtlich und einfach zusammenstellbar zu gestalten sowie eine einfache und verständliche Bestellung anzubieten, um erfolgreich zu sein. Damit ist das Thema der Usability eines Konfigurations- und Bestellprozesses längst auch in der Print-Industrie angekommen: Wie schnell und einfach gelangt der Kunde mit nur wenigen Klicks in einem Online-Print-Shop zu seinem gewünschten, selbst erstellten und bearbeiteten Produkt (z. B. Visitenkarten, Flyer, Plakate etc.?



Abb. 1: Startseite von diedruckerei.de mit schnellem Direkteinstieg in Bestseller-Kategorien

Abb. 1: Startseite von diedruckerei.de mit schnellem Direkteinstieg in Bestseller-Kategorien


Online-Print-Shops unter der Lupe

Um einen Eindruck zu bekommen, wie die Prozessgestaltung beim Anlegen eines Print-Auftrages heute bereits aussieht, habe ich mir den State of the Art verschiedener größerer Online-Print-Shops angeschaut: darunter cewe-print.de, flyeralarm.com, diedruckerei.de, viaprinto.de und vistaprint.de. Diese Anbieter zeichnen sich zum einen dadurch aus, dass sie bereits mit ihrem Online-Shop-Angebot auf Erfolgskurs gegangen sind und zum anderen dadurch, dass sie teilweise auf andere Services und Businessstrategien setzen. So bietet flyeralarm.com im Gegensatz zu vielen anderen Online-Print-Shops auch vor Ort Beratung in mehreren Stores in Deutschland an.

Im Rahmen eines Expert Reviews dieser Shops mit dem Use-Case „Flyer konfiguriert und bestellen“, habe ich die UX der Shops unter die Lupe genommmen. Dabei wollte ich den Fragen nachgehen: Welche Eingaben muss ein Kunde vornehmen, wie komplex ist ein Konfigurationsprozess für ein Produkt, und wie verständlich ist dieser Prozess vor allem für unerfahrene Nutzer? Wie schnell kann man in den Konfigurator einsteigen? Wie übersichtlich und aufgabenangemessen ist dieser gestaltet? Ist die Schrittreihenfolge der Prozesse erwartungskonform für einen Nutzer?

Der Use Case: Eine Flyer Bestellung

Da ich über kein tieferes Wissen über Papiereigenschaften, Farbeinstellungen oder optimale Veredelungstechniken verfüge und noch nie ein Druckprodukt selbst bestellt habe, gelte ich wohl als unerfahrene Nutzerin und Neukundin der Print-Branche. Für ein Unternehmen oder eine Privatperson ist die Bestellung eines Flyers jedoch in der Regel auch keine alltägliche Aufgabe, sondern meist an ein Event (Jubiläum, Festivitäten etc.) oder Marketingmaßnahmen (Unternehmensvorstellung, Werbeaktionen etc.) gebunden, die man nur hin und wieder durchführt. Für den Use Case sollte es also ein Flyer sein. Ein bunter, hochwertiger Flyer, in DIN-A6 Format und mit einer kleinen Auflage von 250 Stück. Ich stellte mir vor, diese für die Feier eines Firmenjubiläums bestellen zu wollen. Und tatsächlich hat auch eResult dieses Jahr einen Geburtstag zu feiern. Interessante Einblicke rund um die Entstehungsgeschichte des Unternehmens finden Sie dazu in unserer Reihe 15 Jahre eResult.

Der erste Eindruck

Fast alle Shops präsentieren sich mit einer sehr umfangreichen und stark textlastigen Startseite. Für mich als Erstbestellerin und Novizin auf dem Gebiet des Drucks wirkte das zunächst etwas überfordernd und teilweise wenig übersichtlich. Die Rubrik Flyer war jedoch bei allen schnell und relativ einfach gefunden. Bei den meisten war die Rubrik als Bestseller direkt auf der obersten Ebene verlinkt (siehe Abbildung 1).



Abb. 2: Ablauf der horizontalen Produktkonfiguration bei flyeralarm.com. Um zum nächsten Kofigurationsschritt zu gelangen, muss hier eine Auswahl angeklickt werden

Abb. 2: Ablauf der horizontalen Produktkonfiguration bei flyeralarm.com. Um zum nächsten Kofigurationsschritt zu gelangen, muss hier eine Auswahl angeklickt werden


Daumen hoch für Erklärungen und Eingabehilfen

Bei flyeralarm.com landet man durch zwei Klicks von der Startseite aus direkt im Konfigurator für den Wunschflyer. Auch die Konfiguration an sich geht relativ schnell, da anhand der Fortschrittsanzeige gut verfolgt werden kann, wo man sich im Prozess befindet. Hilfreich für den Nutzer ist auch, dass zwischen den einzelnen Schritten über die Reiter einfach vor- und zurücknavigiert werden kann. Der Ablauf des Prozesses über die Schritte Ausführung, Format, Material, Veredelung, Basispreis sowie Zusatzoptionen wird außerdem über einen kurzen, sehr anschaulichen, erklärenden Film, der auch die wichtigsten FAQs mitabzudecken scheint, beschrieben. Gerade für Erstbesteller erscheint dieses Video sehr hilfreich. Was zunächst etwas ungewohnt erscheint und auch in Abbildung 2 deutlich wird, ist das im gesamten Bestellprozess jedoch kaum Call-to-Action-Buttons angeboten werden. Aber wie bestätige ich meine Auswahl hier? Durch Anklicken der jeweiligen Alternative wird diese direkt übernommen und ich springe einen Schritt weiter im Konfigurationsprozess. Die unter den Auswahlmöglichkeiten angebotenen Informationen werden auf diese Art jedoch leicht übersehen, da keine Notwendigkeit besteht weiter nach unten zu scrollen.

Eine Vorschau meines Druckprodukts

Nach der anschließenden Registrierung als Neukunde bei Flyeralarm.com fällt mir auf, dass ich meine Vorlage für den Flyer immer noch nicht hochgeladen habe. Dies passiert erst nachdem ich auf den Kaufen-Button klicke (entnehme ich der Fortschrittsanzeige). Auch bei diedruckerei.de findet der Upload der Druckvorlage im letzten Schritt, nachdem die Bestellung abgeschickt wurde, statt. Für Nutzer könnte diese Reihenfolge jedoch nicht verständlich erscheinen und zu Unsicherheit führen. Anstatt durch einen Kauf in Vorleistung treten zu müssen und nicht zu wissen, werden meine Daten dann auch tatsächlich problemlos übermittelt, stimmt die Qualität der Vorlage und wie wird mein Ergebnis aussehen etc., könnten Nutzer sich sicherer fühlen wenn sie zunächst ihre Daten bzw. die zu druckende Vorlage erfolgreich übermittelt haben. So könnte Ihnen über eine Vorschau ein erster Blick auf das gewünschte, konfigurierte Produkt (vgl. Software zu Erstellung von Fotobüchern) ermöglicht werden und erst nach einer Bestätigung, erfolgte anschließend die Bezahlung. Diese Reihenfolge wird bisher jedoch nur von zwei betrachteten Shops (viaprinto.de, vistaprint.de) berücksichtigt. Hier kann man sich eine individuelle Vorschau des Wunschprodukts schon ganz unverbindlich vor dem Kauf


Abb. 3: Anschauliche und attraktive Flyervorschau bevor Kunden das Produkt verbindlich kaufen bei viaprinto.de. Diese stellt eine hilfreiche Funktion für den Entscheidungsprozess dar

Abb. 3: Anschauliche und attraktive Flyervorschau bevor Kunden das Produkt verbindlich kaufen bei viaprinto.de. Diese stellt eine hilfreiche Funktion für den Entscheidungsprozess dar


anschauen (siehe eResult-Beispiel Abbildung 3), was außerdem die Kaufintention steigern könnte. Vistaprint.de bietet darüber hinaus auch Kundenbewertungen zu den jeweiligen Produktfamilien vor dem Einstieg in den Konfigurator an, wobei diese weit im unteren Seitenbereich zu finden sind und um diese zu entdecken viel gescrollt werden muss. Bei den anderen Shops sucht man diese kundenfreundlichen Orientierungshilfen jedoch noch vergebens.

Viel, mehr und noch mehr Informationen

Über die horizontale Registernavigation mit Layer des cewe-print.de Shops finde ich sehr schnell einen Überblick über das Sortiment und auch das gesuchte Produkt. Um eine Bestellung aufzugeben bzw. den Konfigurator zu finden, muss auf der Produktdetailseite des Flyers jedoch auf einen Button mit der nicht ganz erwartungskonformen Beschriftung „Preis berechnen“ anstatt z.B. „Produkt konfigurieren / bestellen“ geklickt werden. Anschließend erfolgt die Eingabe aller Konfigurationsdetails in einem vertikal aufgebauten Eingabeformular, das auch andere Shops in ähnlicher Form aufweisen. Diese Darstellungsart wirkt auf den ersten Blick durch die vielen Eingabefelder etwas erschlagend. Ein horizontaler, nacheinander durchlaufbarer Konfigurationsprozess durch die abgefragten Eigenschaften, über sichtbar getrennte Schritte mit anwählbaren Reitern, erscheint mir als Nutzer an dieser Stelle einfacher und übersichtlicher. Bei diedruckerei.de springt man so schnell durch die ersten Konfigurationseigenschaften, dass man diese Einstellungen evtl. gar nicht als eigentlichen Konfigurationsprozess wahrnimmt. So kann das Format des Flyers beispielsweise nur über die Zurückfunktion des Browsers verändert werden, ohne dass dafür direkte Korrekturhilfen angeboten werden. Auch eine Übersicht über die getätigten und noch folgenden Eingaben findet sich hier nicht.

Tooltips und Bestellung abschicken

Bei den meisten Shops findet man bereits zu jeder einzustellenden Eigenschaft einen hilfreichen Erklärungstext über ein Tooltip. Bei meiner Bestellung (bei cewe-print.de) fällt bereits auf, dass nun einige Details abgefragt werden, die bei einem zuvor betrachteten Shop (flyeralarm.com) nicht auftauchten (z.B. Seitenzahl, Farbigkeit). Waren diese Einstellungen zuvor per Default, verdeckt bereits eingestellt oder sind diese Daten eventuell überflüssig, da sie aus der bereitgestellten Vorlage abgelesen werden können? Nachdem alle Einstellungen getätigt wurden, muss man sich um fortzufahren zwischen zwei Call to Action-Buttons „Direkt zur Kasse“ und „Jetzt bestellen“ entscheiden. Dieses Labelling erscheint verwirrend, da der Unterschied zwischen den Alternativen nicht deutlich wird. Bei Klick auf „Jetzt bestellen“ wird man auf den Warenkorb verwiesen, während man sich bei „Direkt zur Kasse“ einloggen muss. Eine eindeutigere Bezeichnung des Buttons an dieser Stelle wäre somit „in den Warenkorb“.

Nach dem Einloggen/Registrieren wird man über den Warenkorb in die Adress-und Zahlungsartauswahl geleitet. Eine orientierungserleichternde Fortschrittsanzeige des Bestellprozesses ist hier nicht zu finden. Der nächste Schritt ist die Bestellübersicht, auf der noch einmal sehr viele, umfangreiche Informationen zu lesen sind.

Web-to-Print-Shops aus UX Sicht bereits auf einem guten Weg

Generell sind für die Bestellung von Print-Artikeln sehr viele Einstellungen zu treffen, bevor man eine Bestellung abschließen kann. Dazu sind gerade für Novizen im Bereich Druck zahlreiche und umfassende, erklärende Informationen notwendig. Die übersichtliche Integration dieser umfassenden Informationen stellt für Online-Print-Shops eine große Herausforderung dar. Aktuell erscheint das Online-Erteilen eines Druckauftrages noch etwas kompliziert und lese- sowie scrollintensiv, wenn man sich nicht mit dem Thema auskennt. So muss z. B. auch über die Meisterung des Bestellprozesses hinaus, die Druckvorlage alle erforderlichen Eigenschaften erfüllen. Eine gewisse Zeit und Sorgfalt muss man sich trotz teilweise bereits gut integrierter Hilfeservices (Tooltips, Erklärfilm oder Datenblätter zum Downloaden, die den Bestellprozess und einzelne Begriffe erklären) jedoch nehmen.

Um eine Erleichterung der Prozessgestaltung beim Anlegen von Printaufträgen weiter zu ermöglichen, muss die früher oftmals persönlich stattfindende Beratung zum individuellen Druckprodukt, heute optimal in einem Online-Shop abgebildet sein. Kunden, die nicht so viel Zeit mit Recherche zu diesem Thema verbringen möchten oder können, sollten leicht verständliche Informationen im Konfigurations- und Bestellprozess angeboten bekommen, um somit schnell und möglichst einfach ans Ziel zu gelangen. Um Nutzer nicht zu überfordern, sollte jedoch auch darauf geachtet werden, wirklich nur die jeweils relevanten Informationen direkt darzubieten.

Die betrachteten Shops unterscheiden sich noch in einigen Punkten: z. B. in der Reihenfolge und Gestaltung des Konfigurations- und Bestellprozesses (horizontaler Prozess vs. vertikales Eingabeformular), Angebot einer individuellen Produktvorschau oder auch in der Aufnahme von Kundenbewertungen. Insgesamt wird jedoch deutlich, dass sich die Shopbetreiber bereits einige Gedanken zum Thema Nutzerfreundlichkeit gemacht haben, jedoch besteht an einigen Stellen auch noch Optimierungsbedarf.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Online-Print-Branche? Haben Sie schon einmal selbst ein Druckprodukt bestellt und wie war Ihre Erfahrung dabei? Haben Sie vielleicht ein Beispiel eines Shops, der es schon besonders gut macht aus Ihrer Sicht? Ich freue mich über ergänzende Einschätzungen zum Thema Usability von Web.To-Print-Shops.

Portraitfoto: Silvia Kaiser

Silvia Kaiser

Projektmanager User Experience

Otto Group

Bisher veröffentlichte Beiträge: 9

2 Kommentare

  • Birgitt Hornschmitt

    Vielen Dank für deine Erfahrungen! Das kann sehr hilfreich sein, wenn man das nächste Mal selber online Artikel bedrucken lassen will! Wie Sie beschrieben haben, arbeiten viele Online-Druckereien an der Nutzerfreundlichkeit. Das ist meiner Meinung auch sehr wichtig, denn ich wähle einen Shop aus, wo ich besser meine Vorstellung verwirklichen kann, und achte sekundär auf den Preis. Ich habe selber schon Erfahrungen mit Online-Druckereien gemacht. Ich habe auf alles drucker einen interessanten Artikel bedrucken lassen. Mein Vater ist Handwerker, und zu seinem runden Geburtstag sollte es schon was besonderes sein. Und auf dieser Seite war es möglich einen Zollstock bedrucken zu lassen. Das habe ich auch getan, und war sehr zufrieden, Mein Vater hat sich enorm gefreut und das Geschenk ist super angekommen!
    Viele Grüße!

  • Es ist ein sehr aufschlussreicher und gut geschriebener Artikel über die Benutzerfreundlichkeit von Online-Druckereien. Dies kann sehr hilfreich sein, wenn jemand seinen eigenen Artikel drucken möchte.

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