Es muss nicht immer der Powerpoint-Report sein

Der klassische Powerpoint-Report ist nach wie vor ein weit verbreitetes Format, um Ergebnisse eines Usability-Tests oder Expert Reviews einerseits zu beschreiben bzw. zu priorisieren und anderseits Empfehlungen in visueller Form aufzuzeigen. Je nach Umfang der Fragestellungen und Komplexität des Untersuchungsgegenstands kann ein solcher Report locker seine 100 Slides füllen, wobei immer häufiger die Frage gestellt wird, inwiefern solche „typischen Formate“ noch den Zeitgeist treffen und für den Entwicklungsprozess zielführend sind. Denn durch innovative und schnelle Projektmanagement-Methoden wie Scrum oder Design Sprints ändern sich auch die Anforderungen an gute Reports. Im Rahmen dieses Beitrags werde ich auf „neuere“ Reporting-Arten eingehen, die wir bei eresult verwenden und die jeweiligen Vor- und Nachteile kurz skizzieren.

Beobachtungs-Workshop während der Erhebung

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Bei diesem Format bekommt die Beobachtung des Usability-Tests den Charakter eines Workshops und orientiert sich stark an Workshop-Formaten wie z. B. Design Sprints. Durch ausgeteilte Post-its werden bereits während der Erhebung Erkenntnisse (sowohl negativ als auch positiv), Fragen bzw. Unklarheiten oder einfach nur technische Bugs gesammelt. Diese werden dann direkt im Nachgang zum Interview gemeinsam mit Moderator und dem beobachtenden Team besprochen, priorisiert und thematisch sortiert. Dadurch sind in der Regel am Ende eines langen Interviewtages wesentliche Probleme identifiziert und geclustert und das Entwicklerteam kann ohne auf einen Report zu warten, bereits am nächsten Tag anhand einer ersten ToDo-Liste an die Entwicklung gehen. Als Output des Projekts folgt häufig ein kurz gehaltenes Fotoprotokoll bei dem die wesentlichen Erkenntnisse aus Sicht vom Dienstleister (z. B. eresult) kurz kommentiert werden.

Der Erkenntnisgewinn und Output bei einem solchen Format ist sehr ergiebig, erfordert aber auch von allen Parteien eine Menge Vorbereitung und Disziplin, damit der Workshop zum vollen Erfolg wird:

  • Der Beobachtungsraum sollte eine gewisse Größe haben damit sich Teilnehmer frei bewegen können und mehrere Pinnwände oder Flipcharts Platz finden. Ebenfalls empfiehlt es sich bereits am Vortag das Setting vorzubereiten und z. B. Flipcharts/Pinnwände nach Themen/Cluster vorzubereiten damit Post-its schnell an die richtige Stelle sortiert werden können.
  • Ebenfalls erfordert dieses Format einen erfahrenen Moderator der einerseits in der Lage ist in kürzester Zeit das Team anzuleiten, um Post-its effizient „abzuarbeiten“ und anderseits ein Gespür für die Gruppe entwickelt, um unterschiedlichste Charaktere in die Arbeit einzugliedern („die Stillen“) bzw. auch zu bremsen („Alphatiere“).
  • Ein solcher Workshop-Tag kann sehr anstrengend werden (45 Min. Interviewsession plus 30 Min. Wrap-up im Nachgang) und deshalb sollten ausreichend Pausen (für beide Seiten) eingeplant werden, damit die Konzentration nicht nachlässt. Aus diesem Grund empfehlen wir nicht zu viele Interviews pro Tag einzuplanen – ein guter Erfahrungswert sind 4 Interviews à 60 Min bzw. 5 Interviews à 45 Min.
  • Damit aus den wenigen aber intensiv genutzten Interviews ein möglichst valides Bild entsteht, ist es ebenfalls unerlässlich, dass die Beobachter möglichst alle Interviews verfolgen. Folglich sollte jeder Beobachter versuchen, den Interviewtag komplett zu blocken, denn ein kreativer Prozess wird enorm gestört, wenn zu viel Unruhe im Beobachtungsraum herrscht, weil Beobachter kommen und gehen (z. B. wegen Meetings oder dringenden Anrufen).

Gemeinsamer Ergebnis-Workshop (am Folgetag)

Dieses Format ähnelt ein bisschen dem vorab vorgestellten Beobachtungs-Workshop mit dem feinen Unterschied, dass dieses Format ermöglicht, Interviews in Ruhe anzuschauen und auf sich wirken zu lassen, bevor direkt mit der Auswertung begonnen wird. Der Workshop wird i. d. R. auf den Folgetag terminiert, um ausgeruht und mit einem gewissen Abstand die Interviews zu bewerten und zu analysieren. Als Output kann ebenfalls ein Fotoprotokoll dienen, das die wesentlichen Erkenntnisse und Learnings aus der Erhebung zusammenfasst. Der gemeinsame Ergebnis-Workshop hat aus Sicht von eresult im Vergleich zum Beobachtungs-Workshop ein paar wesentliche Vorteile:

  • Insgesamt wird das Zeitfenster der Erhebung entzerrt, weil Post-its in Ruhe gesammelt werden können und die Zeit zwischen den Interviews einfach genutzt werden kann, um über Erkenntnisse und Beobachtungen zu sprechen, ohne diese direkt zu bewerten. Dementsprechend funktioniert diese Methode auch sehr gut bei Teams, die sich ggf. noch nicht so gut kennen bzw. bei Personen, für die das Sammeln von Post-its eine neue Methode darstellt und dadurch nicht in Zugzwang gesetzt werden. Analog zu einem klassischen Usability-Test können auch mehr Interviews pro Tag eingeplant werden, da weniger Pausen benötigt werden.
  • Der Ergebnis-Workshop kann ebenfalls besser vorbereitet werden, weil für beide Parteien Zeit bleibt, die vielen Beobachtungen in Ruhe zu sortieren (z. B. am Vormittag) und auch im Vorfeld zu gewichten in dem beispielsweise Einzelmeinungen aussortiert werden.

Ergebnisse direkt im Prototypen bzw. Mockup dokumentieren

UX Design ToolsDurch die stetige Verbreitung von guten Prototyping- und Design-Tools ist auch für UX-Consultants die Arbeit einfacher geworden, Ideen und Empfehlungen schneller und direkter zu visualisieren. Mein Kollege Jan Pohlmann hat bereits Ende 2015 im folgenden Beitrag genau beschrieben, wie er Erkenntnisse aus einem Expert Review direkt in einem Axure-Prototyp zusammenfasst.

Einen großen Mehrwert bietet diese Methode, wenn der Untersuchungsgegenstand auch als Prototyp vorliegt und somit das gesamte Feedback in einem Tool ohne Medienbrüche gesammelt werden kann. Denn ein großes Manko von klassischen Reports in Powerpoint oder Word ist die eingeschränkte Weiterverarbeitung, da die Erkenntnisse in einem anderen Format vorliegen und zuerst übersetzt oder überführt werden müssen. Ein weiterer Pluspunkt ist neben dem Sprechen einer gemeinsamen Sprache der Zeitgewinn, da Entwickler bzw. Designer direkt auf Basis des weiterentwickelten Prototypens ihre Ideen weiter umsetzen können. Durch Collaboration-Tools wie z. B. Jira oder Confluence können weitere Kommentare eingefügt aber auch bewertet und diskutiert werden.

Dementsprechend bietet sich dieses Format sehr gut an, wenn Entwickler oder Designer mit den Ergebnissen arbeiten sollen – setzt jedoch auf Seiten des Dienstleisters bzw. Consultant gute Kenntnisse mit dem einen oder anderen Prototyping-Tool voraus. Eine guter Zwischenschritt stellen in der Hinsicht Mockups bzw. Wireframes dar, die z. B. in Powerpoint erstellt werden können oder auch durch einfachere Tools die eine schnellere Einarbeitung ermöglichen.

Mit welchen Tools haben Sie Erfahrungen gemacht? Ich freue mich über Ihre Kommentare.

Portraitfoto: Ediz Kiratli

Ediz Kiratli

Referent Usability

VBG

Bisher veröffentlichte Beiträge: 24

Ein Kommentar

  • Ein sehr guter Post, der alles ausreichend zusammen fasst. Ich habe mich damals auch durch alle Anfänger-Guides gelesen bevor ich dann nutzliche Information gefunden habe. Sowas ist äußerst hilfreich! Es ist vor allem schön zu wissen, dass alle mal klein angefangen habe. Das ist zwar eigentlich klar, aber wird gern vergessen.

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