Future-Lab 2022: So sieht das Usability-Labor in ein paar Jahren aus!

Screenshot: Mittagssonne durch die Jalousie lassen Nahezu überall liest man, wie die Trends der Zukunft aussehen, wohin sich die Technik und die Interaktionskonzepte entwickeln werden (oder sollen) und wie generell unsere Zukunft aussieht. Was jedoch immer etwas untergeht, ist das Thema, wie Usability-Tests in Zukunft aussehen werden und vor allem: Wie sieht das Teststudio der Zukunft aus? Ich versuche heute zu beantworten, worauf wir achten sollten, wenn wir heute ein neues Teststudio einrichten und dies in mindestens 5 Jahren noch immer den Testobjekten gewachsen sein soll.

Unsere Testobjekte: Wie sieht die digitale Zukunft aus?

Zentral für die Planung ist natürlich zu wissen, wie sich unsere Testgegenstände in Zukunft verändern werden. Wie wird der Inhalt auf den Geräten aussehen und wie wird man die Interaktion gestalten? Viele Fragen, auf die es für einen größeren Zeitraum noch keine konkrete Antwort gibt.

Allerdings kann man einen mittelfristigen Trend erkennen, den ich hier kurz skizzieren möchte (ich erhebe hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit und freue mich in den Kommentaren unten auf Ihre Ergänzungen). Mein Kollege Martin Beschnitt hat sich vor einigen Wochen mit dem Thema Smart Home und der Angst vor intelligenten Systemen beschäftig. Jens Jacobsen ebenso mit Smart Home und dem Grund, warum es so viele unterschiedliche Lösungen gibt. Internet of Things und Smart Home sind also wichtige Entwicklungsfelder der Zukunft. Das Gesamtkonzept „Wohnen und Leben“ und die Integration diverser Endgeräte in möglichst wenigen Bedienschnittstellen stellt hier eine der Herausforderungen dar. In unserer Download-Area auf eresult.de gibt es auch ein brandneues kostenloses White-Paper zur UX von Smart Home-Anwendungen.

Mein Kollege Jan Pohlmann war Anfang des Jahres auf der interaction 16, eine Konferenz die sich ebenfalls genau mit dem heutigen Thema beschäftigt: Die Zukunft des Interaktionsdesigns! Ein sehr schöner Satz im Kontext der Konferenz von Alvar Aalto: „Form must have a content, and that content must be linked with nature“. Neue Technologien wie Gestensteuerung, Sprachsteuerung, Automation und KI ermöglichen eine immer natürlichere Interaktion mit unserer Umgebung. Automation soll uns in Zukunft noch mehr monotone und ermüdende (oder ungeliebte) Aufgaben abnehmen. Ein sehr weit fortgeschrittenes Beispiel hierfür ist der Autopilot für das Fahrzeug. Aktuell gibt es auch immer mehr Connected Car-Anwendungen, die Fahrzeug und Smartphone näher zusammenbringen und wahrscheinlich irgendwann verschmelzen lassen. Apple Car Play ist hier nur der Anfang.

Aber auch das schon jetzt sehr große Angebot an Smart Home Lösungen soll uns den Alltag in Zukunft noch weiter erleichtern: Der Kaffee ist morgens fertig, wenn wir in die Küche kommen, die Heizung wird heruntergefahren, wenn alle aus dem Haus sind und früh genug wieder hochgefahren, bevor alle nach Hause kommen.


Und auch im virtuellen Bereich wird sich einiges tun. Mittlerweile gibt es für relativ kleines Geld schon eine VR-Brille zum Smartphone passend dazu. Die Entwicklung hin zu alltagstauglichen Anwendungen unabhängig vom Entertainmentfaktor wird nicht mehr lange dauern. Virtual- und Augmented-Reality werden für die breite Masse immer zugänglicher. Hierdurch erschließt sich ein riesiger neuer Markt für Anwendungen im 3D- und 360°-Bereich.

Der Kontext, in dem das Produkt genutzt wird, sollte berücksichtigt werden

Vor allem, wenn auch die Hardware mit getestet wird, sollte der Kontext, in dem das Produkt letztendlich genutzt wird, auch im Test berücksichtigt werden

Wir sehen also: Die Technik bekommt immer mehr Raum in unserem Alltag und wird doch immer unauffälliger: Bedienpanels sehen nicht mehr wie Bedienpanels aus und neue Interaktionskonzepte wie Gesten oder Sprache könnten die Relevanz von Displays stark reduzieren. Die Interaktion soll „ganzheitlicher“ werden. Die Cloud als allumfassende Wissensbasis und zentrales Element ermöglicht sowohl eine Prognose unseres Verhaltens (unsere Heizung weiß, wann wir nach Hause kommen, da sich unser Fahrzeug dem Wohnort nähert) als auch den Zugriff des Nutzers auf alle Devices von überall (z. B. im Urlaub zuhause die Überwachungsvideos überprüfen und die Temperatur regulieren).

Das Future-Lab

Was bedeutet das nun für uns als User Experience Consultants? Und vor allem für das Usability-Labor? Zum einen: Es geht höchstwahrscheinlich immer weiter weg vom „klassischen Bildschirm“ hin zu mehr „Hardware“-Testing – ein erstes Beispiel ist hier der Smarte Kühlschrank oder Knocki, ein Smart Device, das jede ebene Fläche zum Bedienfeld macht.

Dies bedeutet, auch unser Labor muss weg vom klassischen Desktop-Arbeitsplatz und mehr Flexibilität im Raum bereithalten. Eine Smartphone-Anwendung am Schreibtisch zu testen, obwohl der Kontext eigentlich für die Küche oder das Wohnzimmer (oder gar das ganze Haus) gedacht ist, ist daher wenig sinnvoll. Zwar sollten am Schreibtisch weiterhin die ersten Schritte einer Anwendung (grundsätzliches Verständnis des Interaktionskonzeptes z. B. anhand eines Papier-Prototypen, Erstkontakt mit der Anbieter-Webseite etc.) getestet werden, der Kontext wird aber immer wichtiger!

Daher sollte das Usability-Labor der Zukunft – wie die Technik selbst auch – flexibler werden. Unsere Probanden müssen sich freier im Raum bewegen können und auch die Technik muss an dem dafür vorbestimmten Ort genutzt werden können. Bestenfalls gibt es sogar eine komplette Wohnung, in der nicht nur Bildschirmanwendungen getestet werden, sondern ganze Smart Home Systeme. Und was man ebenso bedenken sollte: Auch die Möglichkeit, einmal unterwegs zu testen, muss gegeben sein. Wie sollen sonst Navigationsanwendungen oder ortsbezogene, automatisierte Services realitätsnah getestet werden? Das Usability-Labor muss also auch tragbar werden.

Wenn Sie schon einmal in einem Usability-Labor waren, wissen Sie, dass es alleine mit dem Testgerät und dem Proband in einem Raum nicht getan ist. Für die Entwickler und Produktverantwortlichen ist es immer sehr spannend und interessant, einen solchen Test live im Nebenraum oder über Streaming mitzuverfolgen. Im Nachhinein stellen wir für die Präsentation oft Highlight-Videos zusammen, um auch anderen Projektmitarbeitern, die den Test nicht begleiten konnten, einen Eindruck von der Meinung der Probanden zu geben. Sie sehen also: Nicht nur die Aufteilung und die Einrichtung des Usability-Labors sollte in Zukunft „wohnlicher“ werden, sondern auch die Aufzeichnungs- und Beobachtungsmöglichkeiten müssen dabei berücksichtigt werden!

Wie sieht das Labor nun konkret aus? Hier findet Ihr meine Liste der Utensilien, die auf jeden Fall in einem „Future Lab“ drin sein sollten:

  • Testraum als Wohn- und Esszimmer gestaltet: Sofa, Sessel, kleiner Tisch (als Wohnecke) und ein schöner höherer Tisch (z. B. ein Esstisch), an dem man auch einen Desktop-PC aufbauen kann.
    • Warum noch Desktop testen, fragen Sie sich bestimmt: In meiner Wohnung habe ich zwar auch ein kleines Büro – viel lieber sitze ich mit meinem Laptop aber an unserem Esstisch: Hier habe ich auch viel Platz und ich fühle mich wohler: Das Leben spielt sich hier ab und die Arbeitsatmosphäre ist nicht so stark durch den Raum geprägt. Und von der Sitzhöhe ist es angenehmer, als am Wohnzimmertisch zu sitzen.
      So können zwei Szenarien abgebildet werden: Fokussierte Prozesse, bei denen ein Arbeitsplatz benötigt wird (Ausfüllen eines wichtigen Formulares), aber auch flexiblere Prozesse, wie Stöbern im Online-Shop (was auch ich eher selten am großen Tisch mache). Zudem könnten die Plätze gewechselt werden, wenn dem Probanden danach ist. Ein großer Tisch bietet zudem auch die Möglichkeit, Fokusgruppen oder Card Sortings im gleichen Raum zu veranstalten.
    • Ein weiterer großer Vorteil: Das Labor wirkt ebenfalls nicht so steril und sieht nach Büro bzw. Prüfungsraum aus. Durch die Wohnecke wirkt der Raum gemütlich und weniger einschüchternd.
  • Flexible Aufzeichnungsmöglichkeiten: Wir nehmen häufig den Probanden als auch das Interface des Testobjektes auf. Wir haben also mindestens zwei Bildquellen. Dies sollte natürlich auch im Future-Lab möglich sein – auch wenn man auf dem Sofa sitzt.
    • Hier könnte man für die Probandenaufnahme weiterhin mit einem Camcorder auf einem Stativ arbeiten. Bei flexiblen Raumpositionen sollten daher mehrere Camcorder genutzt werden.
    • Für das Testobjekt wird es kniffliger (hier haben wir z. B. bisher mit fest aufgebauten Kameras gearbeitet – Dokumentenkameras. Der Vorteil hier ist, der Proband kann das Gerät in die Hand nehmen und diese in einem kleinen Bereich frei bewegen. Das Gewicht des Testgerätes wird nicht verändert. Allerdings kann man das Testgerät dann nicht in der gewohnten Position (z. B. halb liegend auf dem Sofa, umherlaufend in der Wohnung oder beim Kochen) nutzen.
      Flexibler ist hier schon eine Kamera, die man über eine Konstruktion am Smartphone fixiert und so sowohl den Bildschirminhalt als auch die Interaktion mit dem Device filmen kann. Im Gegensatz zu Screenrecordern wird hier auch die Hand des Probanden mit aufgezeichnet. Ich finde, dies ist ein großer Vorteil, da man hier Zögern, Unsicherheiten und vieles mehr beobachten kann. Eine Möglichkeit dafür ist Mr. Tappy. Mr. Tappy ist eine normale Webcam, die über einen einfachen USB-Anschluss mit dem PC verbunden werden kann. Ist dieser PC ein kleiner Laptop mit einer langen Akkulaufzeit, kann der Laptop in eine Umhängetasche und der Proband das Smartphone mit hinaus in die „wirkliche“ Welt nehmen.
    • Auch Eyetracking wird immer mobiler. Dies zeigen z. B. die Ergoneers mit Dikablis mobile. Hier wird die Eyetracking-Brille mit einem kleinen Tablet verbunden. Dies zeichnet die Daten auf. Durch das geringe Gewicht kann der Proband das Tablet einfach mitnehmen.
    • Die Regieführung sollte in Zukunft beim Protokollanten im Beobachtungsraum liegen. Durch die vielen Bildquellen ist es für den Interviewer schwer möglich, ständig die Bildquelle im Aufzeichnungsprogramm anzupassen. Hier benötigt der Interviewer Entlastung.
  • Angepasste Einrichtung für die Anwendung von Virtual- und Augmented Reality-Anwendungen. Vor allem bei VR-Anwendungen ist der 360°-Blick und dennoch eine feste Sitzposition notwendig. Bei AR-Anwendungen muss ausreichend Platz im Raum vorhanden sein, um sich auch bewegen zu können.
    • Wir benötigen also einen bequemen, drehbaren Stuhl mit einer hohen Standfestigkeit – ein guter Bürostuhl sollte dafür geeignet sein.
    • Bei VR- und AR-Anwendungen ist es umso wichtiger, zu sehen, was unsere Testperson sieht. Denn hier ist es für den Interviewer nicht ausreichend, neben dem Probanden zu sitzen. Er muss mit auf das Display sehen können. Daher ist hier (erst einmal unabhängig davon, ob Beobachter da sind oder nicht) wichtig, eine Bildschirmübertragung vom Testobjekt auf einen Bildschirm zu bekommen.
      Dies könnte man ggf. über ein Kabel lösen. Allerdings hat dies bei eigentlich Kabellosen Anwendungen den großen Nachteil, dass dadurch die Bewegungsfreiheit (drehen) eingeschränkt wird.
      Eine Alternative hierzu bieten schon jetzt Chromecast oder Apple TV. Hier kann der Bildschirminhalt des Smartphones (welches in der VR-Brille steckt) auf einen weiteren Bildschirm gespiegelt werden. Auch die Okulus Rift ermöglicht (hier aber via Kabel, das aber sowieso notwendig ist) eine Übertragung der aktuellen Blickrichtung auf einen Bildschirm.
    • Weiterhin sind die Interaktionskonzepte in AR- und VR-Welten aktuell sehr unterschiedlich. Bei der Samsung Gear VR wird z. B. über Kopfdrehung und ein Touchpad am rechten Rand der Brille interagiert. Andere Anwendungen entwickeln eigene Controller oder greifen auf den der Xbox zurück. Andere arbeiten nur mit Blickrichtung und Fixationen.
      Auch die Interaktion sollte für Interviewer, den Protokollanten und die Beobachter sichtbar sein. Hier bieten sich wieder Camcorder oder Action Cams (wie die Go Pro) an.
    • Eyetracking ist mittlerweile auch in diversen VR-Brillen möglich. Hierzu muss man allerdings beim jeweiligen Eyetracking-Spezialisten das Gerät erwerben. Dort ist die notwendige Hardware schon verbaut.

Wir sehen also: Es läuft bei einem Usability-Test sehr viel im Hintergrund ab, das die Testperson im besten Fall gar nicht mitbekommen soll. Wichtig bei der ganzen Einrichtung eines Usability-Labors ist daher, dass man die Technik so gut wie möglich „versteckt“.

Das Usability-Labor hat in meinen Augen auch in Zukunft Berechtigung: Neue Anwendungen zunächst in einer relativ geschützten Umgebung zu testen, ohne den Probanden abzulenken und trotzdem auf den Kontext einzugehen ist für mich der größte Vorteil daran. Das Grundprinzip des Usability-Labors ändert sich dabei nicht so stark, wie man eventuell befürchten könnte. Kniffliger wird es vor allem für die „Technik drumherum“ – die wir für die Aufzeichnung & Beobachtung (Kameras) oder Messung von physiologischen Werten (z. B. Eyetracking) benötigen. Die kleinste, mögliche Einheit eines Usability-Labors besteht auch in der Zukunft noch aus dem Probanden, dem Testobjekt und dem Interviewer! Mehr ist im Grunde für die bloßen Erkenntnisse nicht wichtig.

Portraitfoto: Melanie Jotz

Melanie Jotz

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

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