Gesetzliche Vorgaben für Usability?

Illustration ParagrafenManchmal kommen einem Anwendungen unter, die sind so schlecht benutzbar, dass man meint, das müsste verboten sein. Die Menschen, die mit diesen Anwendungen arbeiten müssen, tun einem regelrecht leid.

Die Frage, ob es wirklich gesetzliche Regelungen zur Usability gibt, ist gar nicht so leicht zu beantworten, wie man zunächst meint. Ausgangspunkt war mein Gespräch mit einem Kollegen, von dem ich im letzten Beitrag hier im Blog berichtet habe (Die User Experience der Chef-Überzeugung).

Also machte ich mich auf die Suche nach gesetzlichen Vorgaben.

Wer weiß Bescheid?

Eine erste Recherche im Web brachte nicht viel Verwertbares. Mich hat das überrascht, denn ich hätte gedacht, dass das ein Standardthema ist.

Also fragte ich Kollegen. Aber auch hier: Keiner wusste was.

Ich erweiterte den Kreis und fragte Kollegen, wer so etwas wissen könnte. Und bekam Ansprechpartner an Universitäten und Forschungsinstituten. Aber auch hier: viele freundliche Antworten, aber keine Informationen.

Ich beschloss, an die Quelle zu gehen, zu denen, die für Gesetze mit zuständig sind: zur Regierung. Da ging es ein bisschen hin und her, aber was mich sehr positiv überrascht hat: Die Reaktionen kamen schnell, und alle waren sehr bemüht, mir zu helfen. Aus dem Ärmel schütteln konnte zwar niemand etwas, aber nach ein paar Tagen waren die Antworten der Experten da.

Die kurze Antwort, die eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) gab, ist:

Eine generelle gesetzliche Verpflichtung, welche die Nutzerfreundlichkeit bzw. Usability von Software und/oder Websites vorschreibt, gibt es nicht.

Das erläuterte sie aber im Detail und brachte so Licht ins Dunkel, zusammen mit ihrer Kollegin vom Ministerium für Arbeit und Soziales:

Gesetzliche Regelungen

Wie gesagt, eine direkte gesetzliche Regelung, die zu Benutzerfreundlichkeit verpflichtet, gibt es nicht. Was es aber sehr wohl gibt, sind Vorschriften, die implizit Vorgaben machen, dass benutzerfreundliche Produkte zu erstellen bzw. zu verwenden sind. Diese Vorschriften kommen vor allem aus zwei Bereichen:

  1. Arbeitsschutz
  2. Barrierefreiheit

Allerdings sind die Vorgaben generell sehr allgemein gehalten. Konkreter werden Informationsschriften auch staatlicher Organisationen wie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) oder auch Normen. Diese sind aber nicht generell rechtlich verbindlich. Das heißt, jeder kann selbst entscheiden, ob er sich an die Normen hält, oder ob er eine andere Herangehensweise wählt, mit der er die gesetzlichen Vorgaben erfüllt.

1. Arbeitsschutz

Der Bereich Arbeitsschutz ist ein weites Feld mit vielen Gesetzen und Verordnungen. Für die Usability sind vor allem die folgenden drei interessant:

Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)

Seit 2000 gilt die Bildschirmarbeitsverordnung vom Dezember 1996 für alle, auch für ältere Bildschirmarbeitsplätze. Verstößt ein Unternehmen dagegen, droht ein Bußgeld bis zu 25.000 Euro.

Der Anhang zu § 4 der Bildschirmarbeitsverordnung enthält allgemeine Anforderungen an die ergonomische Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen (z.B. Tastatur und Software).

Konkretisierungen liefert die Normenreihe DIN EN ISO 9241 Ergonomie der Mensch-System-Interaktion. Die EN ISO 9241 gilt nach EU-Rechtsprechung auch als Standard zur Bewertung der Forderung nach Benutzerfreundlichkeit aus der Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV).

Konkret: Ein Arbeitgeber kann also tatsächlich seinen Arbeitgeber verklagen, wenn er ihm Software vorgibt, die schwerwiegende Mängel in der Usability hat.

Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV)

Im Hinblick auf die Nutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit von allen Arbeitsmitteln ist generell die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) zu berücksichtigen.

Die BetrSichV soll die Sicherheit und den Schutz der Gesundheit von Beschäftigten garantieren. Jeder Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass die sogenannten Arbeitsmittel auch gebrauchstauglich sind. Dabei hat er nach § 3 Absatz 2 BetrSichV zu berücksichtigen:

  • die ergonomische, alters- und alternsgerechte Gestaltung
  • die ergonomischen Zusammenhänge zwischen Arbeitsplatz, Arbeitsmittel, Arbeitsverfahren, Arbeitsorganisation, Arbeitsablauf, Arbeitszeit und Arbeitsaufgabe
  • die physischen und psychischen Belastungen der Beschäftigten, die bei der Verwendung von Arbeitsmitteln auftreten

Nach § 6 Absatz 1 BetrSichV muss der Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Arbeitsmittel sicher verwendet und dabei die Grundsätze der Ergonomie beachtet werden.

Umfangreiche Erläuterungen dazu enthält die Technische Regel für Betriebssicherheit (TRBS) 1151 Gefährdungen an der Schnittstelle Mensch-Arbeitsmittel.

Nach § 11 Absatz 1 BetrSichV muss der Arbeitgeber auch Maßnahmen ergreifen, die unzulässige oder instabile Betriebszustände von Arbeitsmitteln verhindern. Das bedeutet, dass z.B. Software Fehlbedienungen vermeiden muss.

Maschinenrichtlinie (MRL)

Für Maschinen, die in Europa in den Verkehr gebracht werden, ist die EG-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG (MRL) zu beachten.

Die 9. Verordnung zum Produktsicherheitsgesetz (Maschinenverordnung – 9. ProdSV) setzt die europäische MRL in deutsches Recht um.

Darin stehen z.B. Anforderungen hinsichtlich Ergonomie (Anhang I Nr. 1.1.6) und spezifischere Anforderungen an „Informationen und Warnhinweise an Maschinen“ sowie an „Informationseinrichtungen“ (Anhang I Nr. 1.7).

Warnschild

Warnhinweise an Maschinen müssen eindeutig sein.


Demnach müssen Informationen und Warnhinweise „leicht verständlich“ sein. Der Nutzer darf nicht mit Informationen überlastet werden. Interaktive Mittel müssen leicht zu verstehen und zu benutzen sein.

Wie die Anforderungen der MRL umzusetzen sind, das konkretisiert der unverbindliche europäische Leitfaden für die Anwendung der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG.

2. Barrierefreieheit

Gesetzliche Grundlage für die Umsetzung der Barrierefreiheit ist das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG). Dieses ergänzt die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik (BITV).

Foto Schranke

Barrieren für Benutzer dürfen keine Websites des Bundes und der Länder mehr haben.

Seit 2005 mussten alle öffentlich zugänglichen Webauftritte des Bundes barrierefrei sein. Seit 2012 müssen sie die verschärften Anforderungen der BITV 2.0 erfüllen.

Die Anforderungen und Bedingungen sind in der Anlage 1 der BITV 2.0 zusammengefasst. Diese stammen aus den internationalen Empfehlungen Web-Content-Accessibility-Guidelines (WCAG 2.0). Und die wiederum sind eine Empfehlung der Web Accessibility Initiative (WAI) des World Wide Web Consortiums (W3C).

Teil der Anforderungen sind z.B. Informationen in Gebärdensprache und in Leichter Sprache. Die Leichte Sprache soll allen mit geringerer Sprachkompetenz ermöglichen, die Inhalte zu verstehen.

Die WCAG 2.0 sind inzwischen als ISO/IEC 40500 und EN 301 549 in die internationale bzw. europäische Normung aufgenommen worden (siehe DIN EN 301549:2015–11 beim Beuth-Verlag).

Die BITV gilt für alle Internetauftritte von Bundesbehörden. Die Bundesländer haben eigene Verordnungen dazu erlassen, die aber im Wesentlichen das Gleiche fordern.
Unternehmen sind “aufgerufen”, diese Anforderungen ebenso umzusetzen. Vorgaben für diese gibt es aber keine.

Screenshot Website Sozialministerium

Oben rechts finden sich auf den Behörden-Seiten Links zu Seiten in Leichter Sprache und in Gebärdensprache.

Freiwillige Vereinbarungen & Förderung

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie fördert seit 2012 insgesamt 17 Forschungsprojekte im Rahmen der Initiative „Einfach intuitiv – Usability für den Mittelstand“
Die Initiative soll Qualität und Gebrauchstauglichkeit der in Unternehmen eingesetzten betrieblichen Software verbessern und so die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen stärken.

Laut der Sprecherin des Wirtschaftsministeriums…

…geht die Bundesregierung somit nicht den Weg einer gesetzlichen Regulierung von Nutzerfreundlichkeit, sondern unterstützt die deutschen Unternehmen darin, ihre Produkte nutzerfreundlich zu gestalten und sich somit auf den internationalen Märkten für digitale Produkte, auf denen die Nutzerfreundlichkeit ein zunehmendes Auswahlkriterium darstellt, zu behaupten.

Die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik (BITV) gilt nur für Internetauftritte von Einrichtungen der Bundesverwaltung, die Länder haben vergleichbare Regelungen. Für Unternehmen, Vereine und Privatleute gilt diese Verordnung nicht.

Allerdings gibt es im §5 des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) das Instrument der Zielvereinbarung. Danach können Verbände von Menschen mit Behinderung mit Unternehmen oder Wirtschaftsverbänden Zielvereinbarungen treffen. Diese legen fest, wie Barrierefreiheit in bestimmten Bereichen erreicht werden soll.
Infos dazu beim Arbeits- und Sozial-Ministerium (BMAS):
BMAS – Zielvereinbarungen

Sonderfall Medizin

Einen Bereich gibt es, in dem nutzerzentriertes Design gesetzlich vorgeschrieben ist: beim Bau von Medizingeräten.

Nach den Normen DIN EN 60601–1–6 und DIN EN 62366 sind Hersteller von Medizingeräten und In-vitro-Diagnostika verpflichtet, einem formalen Usability Engineering Prozess zu folgen und diesen zu dokumentieren.

Links

Beim Forschungsprojekt Simply Usable wurde eine Checkliste für Unternehmen erarbeitet, mit der diese Software vor dem Kauf evaluieren können hinsichtlich ihrer Usability. Infos & Checkliste als PDF: Usability-Checkliste für Software-anwendende Unternehmen

Immer noch nützlich in diesem Zusammenhang ist auch die Übersicht der Usability Guidelines hier im Blog: Usability-Guidelines: Teil 3 – Bestehende Guideline-Sets

Portraitfoto: Jens Jacobsen

Jens Jacobsen

Inhaber

benutzerfreun.de

Bisher veröffentlichte Beiträge: 46

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.