Im Interview: Dr. David Voss (Adam Opel AG) über „Connected Car“-Trends und die Bedeutung von User Centered Design

David Voss, Opel

Dr. David Voss ist Manager Connected Customer bei der Adam Opel AG. Er hat nach seinem Studium der Naturwissenschaftlichen Informatik im Bereich Mensch-Maschine-Interaktion in der Medizintechnik promoviert. Bei der Adam Opel AG hat er in der Abteilung Electrical Engineering vier Jahre lang an der Entwicklung von Infotainmentsystemen mitgearbeitet und dabei verschiedene Methoden des User Centered Design angewandt. Vor ca. einem Jahr ist David Voss in die Abteilung Customer Experience Europe gewechselt. Dort ist er für das Thema der Untersuchung und Optimierung von Kundenerlebnissen rund um den „Connected Customer“ verantwortlich.

Herr Voss, die Autos von heute sind zunehmend vernetzt, der neue Opel Astra ist ein eigener W-LAN Hotspot. Wo geht die Reise hin im Zusammenhang mit „Connected Car“? Was denken Sie erwartet uns diesbezüglich noch in den nächsten Jahren?

Zurzeit liest man immer mehr über das Thema „Internet of things“, also das Verbinden unterschiedlichster Produkte, wie Elektroherde oder Heizungen, mit dem Internet, um daraus neue smarte Anwendungen zu erschließen. Auch wenn die Konsumelektronik dabei mit Riesensprüngen vorlegt, so ist das „Connected Car“ längst kein Science-Fiction mehr, sondern mittlerweile Realität. Mit Opel OnStar etwa werden wir im Laufe der nächsten Monate fast unsere gesamte PKW-Flotte ausrüsten und somit über das Internet verbinden. Die reine Konnektivität an sich stellt aber nur die Eintrittstür in das Thema Connected Car dar. Spannend ist, was die Konnektivität im Fahrzeug für den Kunden bedeutet, sowohl im positiven als auch im negativen, schließlich dient das Fahrzeug nach wie vor dem sicheren Transport von A nach B. Vom Online-Parkplatzfinder über Benzinpreis-Vergleichsmaschinen bis zur ortsbasierten Werbung sind unzählige Anwendungen im Automobilkontext bereits verfügbar und täglich kommen mehr dazu. Um dieser steigenden Komplexität entgegenzuwirken, setzen wir mit Opel OnStar sehr stark auf das Thema der Fahrersicherheit. Dabei fängt Sicherheit bereits vor dem Fahrtantritt an – z. B. indem eine Fahrzeugdiagnose bequem vom heimischen Sofa aus mit dem Smartphone durchgeführt wird, um in Erfahrung zu bringen, in welchem technischen Zustand das Auto ist. Sollte es unglücklicherweise zu einem Unfall kommen, wird unser OnStar Kundencenter 24/7 automatisch alarmiert und kann bei Bedarf Rettungskräfte zum Unfallort entsenden. Das Stichwort der ortsbasierten Anwendungen führt aber zwangsläufig in die Diskussion des Datenschutzes und der digitalen Anonymität, gerade in den europäischen Märkten. Lassen wir den Unfall mal außen vor, bei dem Sicherheit vorgeht – unsere Antwort auf das Thema ist, dass wir keine Bewegungsprofile über OnStar speichern und der Kunde jederzeit die Positionsübermittlungen einfach unterbinden kann. Zusammenfassend würde ich sagen, dass das Connected Car einen großen Mehrwehrt für den Kunden bedeuten kann, allerdings Fahrsicherheit und Datenschutz absolut im Zentrum jeder Entwicklung stehen muss.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Entwicklung von Connected Car-Lösungen und wie begegnen Sie diesen?

Neben der angesprochenen Herausforderung des Datenschutzes und der Fahrerablenkung durch eine theoretisch fast unbegrenzte Anzahl an neuen Anwendungen im Connected Car ist da noch eine weitere – nämlich die Konnektivität außerhalb des Automobils. Allem voran die Konsumelektronik, sprich Smartphones, Tablets und Smart TVs, mit ihren mehrfach schnelleren Entwicklungszyklen, heben unsere Erwartungen und Ansprüche an die Konnektivität ungemein. Akzeptieren Kunden in diesem Zusammenhang das Connected Car als ein eigenständiges digitales Ökosystem, oder sollte das Automobil lieber möglichst übergangslos in das gesamte Konnektivitätserlebnis eingebunden werden? Wir glauben an letztere Option, auch wenn dies bedeutet, dass sich Automobilhersteller stärker denn je den Entwicklungen in der Konsumelektronik annähern müssen. Unter anderem mit der Integration von Technologien wie Apple CarPlay™ und Android Auto™ in unsere Opel-Infotainmentsysteme gehen wir dabei einen weiteren Schritt in die Richtung eines automobilübergreifenden Konnektivitätserlebnisses für unsere Kunden.

Wie involvieren Sie Nutzer in die Entwicklung und in welchen Phasen? Welche Rolle spielt User Centered Design?

Wie bereits beschrieben steigen die Ansprüche unserer Kunden, vor allem auch an die Bedienbarkeit eines Produktes. Wie oft haben Sie diesen Satz schon gehört: „Das Produkt muss intuitiv bedienbar sein, ich lese doch nicht erst das Handbuch.“ Den Kunden also nicht in den Mittelpunkt unserer Entwicklung zu stellen wäre sträflich. Dazu findet bereits zur Planung unserer Produkte und Services eine enge Zusammenarbeit mit unseren Marktforschungsteams statt. Kundenanforderungen werden über verschiedene Methoden, z. B. Online-Befragungen, Interviews oder Fokusgruppen erhoben. Bei der anschließenden Spezifizierung eines Produktes sind unsere Human Factors Experten stark involviert und wenden iterativ weitere Methoden an, wie etwa Usability-Tests auf Basis von Produktsimulationen. Dabei ist das Timing der entscheidende Faktor, denn späte Spezifikationsänderungen stellen einen enormen Aufwand dar. Mit dem Verkaufsstart eines entwickelten Produktes hört der Kundenfokus aber noch nicht auf, sondern er geht darüber hinaus. Kundenanfragen und Verbesserungsvorschläge werden strukturiert erfasst, überprüft und mit der Entwicklung geteilt, um sicherzustellen, dass Marktentwicklungen berücksichtigt werden können.

Können Sie ein Beispiel nennen, an welchem Punkt die Prototypentests mit Nutzern schon einmal entscheidenden Einfluss auf die Weiterentwicklung eines Systems hatten?

Auch wenn man in der Regel mit mehreren Erwartungen bzw. Hypothesen an die Planung und Durchführung eines Usability-Tests herangeht, so gibt es doch immer wieder überraschende Erkenntnisse, wenn „echte Nutzer“ einen Test durchlaufen. Beispielsweise haben wir basierend auf Usability-Tests die Navigation- oder Musikfunktion bestimmter Infotainmentsysteme nutzerfreundlicher gestalten können.

Vielen Dank, Herr Dr. Voss, für die spannenden Einblicke!

Portraitfoto: Elske Ludewig

Elske Ludewig

Principal UX-Consultant & Managing Partner

eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 112

Ein Kommentar

  • Andreas Maibaum

    Selbst einer der Entwickler nennt also die ortsgebundene Werbung als einen Aspekt des Connected Cars, direkt unter der Überschrift User Centred Design. Also wer steht denn jetzt im Vordergrund – der User oder eine neue Art der Werbung?
    Wenn sich das Auto an die Konsumelektronik anpasst, heißt dass dann, dass ich bitte alle 2 Jahre ein neues Auto oder zumindest ein neues Infotaimentsystem für das Auto kaufen sollte? Das ist reine Illusion der Hersteller, die an die Vorteile einer anderen Branche anknüpfen möchten.
    Generell scheint es vielen Herstellern viel zu sehr um das Abgreifen von Daten zu gehen. Wir leben eben im Web 2.0 und das leider auch offline. Ein interessanter Beitrag dazu ist hier zu finden: http://motordialog.de/md-reportage-connectivity-die-daten-welt/.

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