Im Interview: Peter Doppler von Naturkind-Kinderwagen über Usability und Prüfnormen von Kinderwagen

In der Kategorie “Usability von Geräten” wollen wir uns heute mit dem etwas spezielleren Thema Kinderwagen auseinandersetzen. Herr Doppler (Geschäftsführer von Naturkind-Kinderwagen) wird uns im kurzen Experteninterview Einblicke geben, wie Usability bei Kinderwagen realisiert werden kann. Ein spannendes Thema nicht nur für (angehende) Väter, sondern auch für UX-Experten, die sich für die Usability von Geräten interessieren.

Herr Doppler, welche Rahmenbedingungen haben Sie bei der Entwicklung und Abnahme von Kinderwagen zu berücksichtigen?

Jeder Hersteller von Kinderwagen ist zu allererst an die Norm EN 1888 gebunden. Diese europäische Sicherheitsnorm regelt für alle Kinderwagen ein einheitliches, sicherheitstechnisches Prüfverfahren, z. B. über Standsicherheit, Qualität der Feststellbremsen, Verriegelungen oder Festigkeit der Räder. Diese Anforderungen werden u.a. vom TÜV getestet und abgenommen und resultieren nach bestandener Prüfung in einem Zertifikat.

Diese Norm ist stark auf Sicherheitsaspekte ausgerichtet und schafft vor allem bei Interessenten und potentiellen Käufern Vertrauen und minimiert das Haftungsrisiko für Hersteller. Diese Norm beinhaltet jedoch nicht, inwiefern das Produkt den Anforderungen und Bedürfnissen von Eltern entgegenkommt und garantiert nicht, dass Kunden mit dem Kinderwagen auch letztendlich zufrieden sind.

Wie ermitteln Sie Anforderungen von Eltern und wie beziehen Sie Anregungen von Kunden ein?

Einmal im Quartal laden wir Familien aus der näheren Umgebung unseres Standorts in Österreich in unseren Betrieb ein. Durch diese regelmäßig stattfindenden Treffen holen wir uns Rückmeldungen über die Erfahrungen im Alltag ein – zusätzlich erhalten wir auch viele Anregungen und Wünsche zur Verbesserung der Produkte.
In diesen Treffen geben wir auch regelmäßig Feedback zurück, welche Veränderungen wir umsetzen können und welche Anpassungen entweder aus unserer Sicht nicht umsetzbar sind bzw. welche nicht umgesetzt werden können. Da wir auf die Norm EN 1888 angewiesen sind, muss jede Anpassung am Kinderwagen durch die Prüfgesellschaft abgenommen werden.

Eine weitere Quelle für Feedback sind Rückmeldungen unserer Kunden entweder durch Anrufe oder E-Mail an unseren Kundensupport. Eltern sind eine sehr mitteilungsfreudige Zielgruppe und wir versuchen, Probleme, Fragen, aber auch Anregungen so schnell wie möglich zu beantworten.

Können Sie uns ein paar Beispiele geben, welche Rückmeldungen an Sie herangetragen werden?

Einige Eltern haben uns z. B. darauf aufmerksam gemacht, dass je nach Größe der Kleinkinder die Anzahl der Gurtschlitze in unseren Buggys nicht ausreichen. Diese Rückmeldung haben wir dahingehend umgesetzt, dass die Anzahl der Schlitze beim Nachfolgermodell erweitert wurde.

Ein weiteres Beispiel ist die Nutzung der Fußbremse im Sommer, wenn vermehrt Sandalen oder Flip-Flops getragen werden. Da das Lösen der Fußbremse von unten nach oben erfolgt, gestaltet sich das Lösen der Bremse ohne festes Schuhwerk etwas schwierig. Diese Rückmeldung versuchen wir nun dahingehend zu lösen, in dem das Feststellen und Lösen der Bremse durch ein- bzw. zweimaliges Draufsteigen umgesetzt werden kann.

Kinderwagen werden in allererster Linie für Babys bzw. Kleinkinder gemacht. Wie holen Sie Eindrücke von Babys ein?

Zuallererst sind Eltern gute Beobachter und wissen genau, ob ein Kinderwagen den Ansprüchen von Babys – den Hauptnutzern von Kinderwagen – gerecht werden. Aus diesem Grund sind für uns alle Rückmeldungen sehr wichtig, um die Bedürfnisse der Eltern und Kinder besser zu verstehen – sei es über direkte Kundentreffen oder das Feedback per E-Mail oder Telefon.

Darüber hinaus ziehen wir auch fachliche Beratung durch Kinderärzte hinzu. Dieser fachliche Beirat wird regelmäßig kontaktiert, um unsere Anpassungen bzw. Änderungsideen kritisch zu hinterfragen.

Welche Trends unter dem Gesichtspunkt der Digitalisierung sehen Sie bei der Entwicklung von Kinderwagen?

Das Smartphone als ständiger Begleiter wird von der Industrie dahingehend bereits berücksichtigt, dass es entweder direkt vom Hersteller, aber auch von Drittanbietern spezielle Halterungen als Zubehör für den Kinderwagen zu kaufen gibt.

Experimentiert wird ebenfalls mit Elektro- bzw. Akku-Motor für Kinderwagen – neben der Kraftunterstützung beim Bergaufschieben könnte damit auch das Ladeproblem von Smartphones und/oder Tablets gelöst werden.

Insgesamt muss jeder Hersteller für sich überlegen, inwiefern der steigenden Digitalisierung begegnet werden soll und ob es zu der Zielgruppe passt. Wir bei Naturkund verstehen unsere Zielgruppe als Eltern, die einen stärkeren Bezug zur Natur und Regionalität haben möchten. D.h. unsere Kunden wollen bewusst nach der Arbeit abschalten und es ruhiger angehen lassen – ohne Smartphone und digitale Medien. Aus diesem Grund ist es für uns konsequent, bei der Weiterentwicklung von Kinderwagen auf andere Anforderungen einzugehen und das Thema Digitalisierung nicht stärker voranzutreiben, da dies nicht zum Unternehmen und der Zielgruppe passt.

Vielen Dank, Herr Doppler, für die spannenden Einblicke!

Portraitfoto: Ediz Kiratli

Ediz Kiratli

Referent Usability

VBG

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