In 4 Tagen zum User Requirements Engineer – Erfahrungsbericht zum neusten CPUX Zertifikat (CPUX-UR)

Vor 3 Jahren wurde das User Experience Qualification Board (UXQB) mit dem Versprechen gegründet, einheitliche Zertifizierungen für die Berufsgruppe der User Experience Professionals ganz allgemein und sowie für die einzelnen Spezialisierungsgrade zu schaffen. Mit der Qualifikation „Certified Professional for Usability and User Experience – Foundational Level (kurz: CPUX-F) wurde 2014 der erste Teil des Versprechens eingelöst.

UXQB CPUX-F ist mittlerweile eine etablierte Zertifizierung, die dem Inhaber bescheinigt, den UX-Grundwortschatz und die grundlegenden UX-Prozesse zu kennen. Wir von eResult sind als lizensierte Trainingsanbieter natürlich besonders an der Weiterentwicklung des CPUX Formates interessiert. 2015 folgte das erste Advanced-Level, die Qualifikation CPUX- Usability Testing und Evaluation, die von den Stimmen, die ich dazu gehört hatte, auch durchweg positiv bewertet wurde. Dieses Jahr im Februar fand dann das Pilotseminar des Bausteins statt, den ich mit Spannung erwartet hatte: die Qualifikation „Certified Professional for Usability and User Experience – User Requirements Engineering“ – kurz CPUX-UR. Für alle Leser, die wenig Zeit haben und sich nun fragen, ob sich die Qualifikation lohnt, hier die kurze Antwort: Ja. Für alle anderen werde ich im Folgenden die Inhalte der Qualifikation skizzieren und meinen Eindruck zu den Stärken und Schwächen schildern.

Eckdaten des Piloten

Vom 15.02. bis 18.02.2016 fand das Pilotseminar und die anschließenden Prüfungen für die CPUX-UR Zertifizierung in Köln statt. 2,5 Tage waren davon für ein intensives Training vorgesehen, 1,5 Tage für die anschließende theoretische und praktische Prüfung. Der Betreuungsschlüssel im Seminar war dabei der Traum jedes Schülers: 2 Dozenten für 11 Teilnehmer. Thomas Geis und Knut Polkehn, die bereits bei der Entwicklung der CPUX-F involviert waren und jahrelange UX-Praxiserfahrungen mitbringen, bereiteten uns auf die Prüfungen vor und – ebenso wichtig – nahmen unser Feedback auf. Da es sich um ein Pilotseminar handelte, wurden die Teilnehmer zu jeder Zeit im Seminar aufgefordert, Inhalte zu bewerten, Definitionen zu diskutieren und generell Feedback zu geben – was auch reichlich getan wurde. Alle Teilnehmer des Seminars hatten in unterschiedlicher Ausprägung Kontakt zu dem Thema Requirements Engineering gehabt, sodass sich aus diesem Praxiswissen heraus interessante Diskussionen entwickelten.

Inhalt: Benutzer im Fokus, Softwareentwicklung nicht

Der Inhalt der CPUX-UR stellt die logische Fortsetzung des Stoffes aus der CPUX-F dar. Wer sich noch erinnert: die beiden Bausteine des UCD-Prozesses „Nutzungskontext verstehen und beschreiben“ und „Nutzungsanforderungen spezifizieren“ werden der Rolle des User Requirements Engineer zugeordnet. Im Advanced Level werden die dort gelernten Termini und Prozesse aufgegriffen, erweitert und um Anwendungsbeispiele ergänzt.

Wie es auch in einem Requirements-Projekt in der Praxis der Fall ist, startete das Seminar mit einem Input zur Planung der Nutzungskontextanalyse. Hier lagen die Schwerpunkte, zum einen in der Unterscheidung verschiedener Stakeholder-Anforderungen und Bestandteile des Nutzungskontextes, zum anderen in Handlungsleitfäden, wann man sich für eine klassische oder eine modellbasierte Nutzungskontextanalyse entscheiden sollte.

Im nächsten Thema, der Erhebung des Nutzungskontextes, wurden die in der CPUX-F Zertifizierung bereits erwähnten Erhebungsmethoden (Kontextuelles Interview, Fokusgruppen, Beobachtung) vertieft und anhand von Beispielen geübt. Besonders interessant war für mich der nachfolgende Block zur Dokumentation der Ergebnisse. Neben den bei uns im Unternehmen etablierten Methoden wie Szenarios und Personas als Beispiele für eine narrative Kontextbeschreibung, oder User Journey (den meisten wahrscheinlich geläufig als Customer Journey Maps) und Aufgabenmodelle als Beispiele für eine modellhafte Kontextbeschreibung, wurden auch Dokumentationsverfahren, die mir im Alltag noch nicht begegnet sind, vorgestellt wie Umgebungsmodelle oder Informationsmodelle.


Betreuungsschlüssel

Spitzen-Betreuungsschlüssel: 11 Schüler, 2 Dozenten


Die nachfolgenden Bausteine behandelten gespickt mit einigen Übungen das Erstellen von Erfordernissen, aus diesen die Ableitung von Nutzungsanforderungen und schließlich die Strukturierung und Priorisierung der Anforderungen. Die zur Priorisierung im Seminar vorgestellte Methode war die Kano-Analyse. Kano funktioniert gut, und wir setzen sie seit Jahren auch immer wieder in Projekten ein, allerdings zeigt sich in der Praxis, dass am Ende eines Requirements Prozesses nicht immer die Zeit und die Ressourcen vorhanden sind, um mit Probanden die Analyse durchzuführen. Hier hätte ich mir noch eine schnellere Methode gewünscht, aber hier scheint es kein etabliertes Verfahren zu geben – Gegenstimmen gerne im Kommentarbereich 🙂

Im letzten Thema des Seminars, die Zusammenarbeit des Requirements Engineers mit anderen Rollen, gab es zum Abschluss einen kurzen, guten Überblick über verschiedene Akteure im Prozess und eine Einführung in Scrum als Arbeitsmethode.

Was mir persönlich noch gefehlt hat, da ich Requirements Engineering besonders aus Softwareprojekten kenne, war der Bezug zur Softwareentwicklung. Klassische Tools aus der Zusammenarbeit mit Entwicklern, wie User Stories oder Aktivitätsdiagramme, fehlen im Seminar. Wer Requirements Engineering besonders für die Arbeit in Softwareprojekten einsetzen möchte, ist mit einem Seminar des International Requirements Engineering Board (IREB) wahrscheinlich besser beraten. Die Autoren des IREB haben nicht UX-Projekte im Fokus sondern orientieren sich an der klassischen RE in Softwareprojekten. D.h. Begrifflichkeiten und etablierte Prozesse der Softwareprojekte werden behandelt, die UX-Brille und damit verbunden der starke Nutzerbezug werden geringer gewichtet.


Dokumentationsartefakte

Dokumentationsartefakte: Klassiker und Exoten


Praxisbezug: Check!

Wer die CPUX-F Zertifizierung schon hinter sich hat weiß, dass diese zu einem großen Teil aus „Vokabellernen“ besteht. Da manche Begriffe in der Berufspraxis oft anders benutzt werden (ich hatte bspw. vor der CPUX-F Zertifizierung nie von „Erfordernissen“ gehört, wohl aber von „User needs“), heißt es bei der CPUX-F Prüfung auch für erfahrene UX-Hasen nochmal Fachbegriffe pauken, was teilweise dann doch sehr trocken ist. Für die Advanced Level wurde nun ein größerer Praxisanteil versprochen, der die praktischen Aufgaben der einzelnen Spezialisten abbildet. Entsprechend war meine Erwartung an die Qualifikation Methoden und Arbeitsweisen kennen zu lernen und zu üben, die in der täglichen Arbeit rund um die Anforderungsanalyse unterstützen. Und meine Erwartungen wurden erfüllt. Ein großer Teil des Seminars bestand aus Übungen, die in Gruppen oder Einzelarbeit, bearbeitet wurden und Ausschnitte aus der Tätigkeit von User Requirements Engineers darstellten. Natürlich gab es auch hier einige neue Vokabeln, aber der größte Teil der fachspezifischen Formulierungen und Definitionen war bereits Teil der CPUX-F gewesen. Dazu daher der Hinweis: wer sich für die CPUX-UR Zertifizierung anmeldet, sollte das CPUX-F Wissen noch gut parat haben. Letztendlich war es eine gute Mischung – ein theoretischer Input schloss meistens mit einer praktischen Übung ab und nach der praktischen Übung, gab es ausreichend Zeit zur Klärung von Fragen. Ein weiterer Bonus des Seminars in Hinsicht des Praxisbezugs war sicherlich auch der große Erfahrungsschatz der Dozenten. Um verschiedene Inhalte zu illustrieren haben die Dozenten Beispiele aus der eigenen Praxis gebracht. Zum einen half dies beim Verständnis der Inhalte, zum anderen erleichterte dies die Anwendung auf das eigene Projektgeschäft.

Prüfungen: Hart aber fair!

Wenn 1,5 Tage für die Prüfungen vorgesehen sind, kann man schon ahnen, dass mehr erwartet wird, als bei dem Foundational Level. Direkt nach der letzten Lerneinheit folgte die für 1,5 h angesetzte theoretische Prüfung. Zum Teil Multiple-Choice-Fragen, zum Teil offene Fragen, die Begrifflichkeiten, Prozesse und das allgemeine Verständnis des Lehrstoffes abfragen. Anders als bei der CPUX-F fehlt beim Advanced Level in den Multiple-Choice-Fragen der freundliche Hinweis wie viele Antwortalternativen bei jeder Frage anzukreuzen sind. Dass bedeutet, dass der Lehrstoff wirklich gut sitzen muss. Zukünftig erhalten Teilnehmer erst nach bestandener theoretischer Prüfung die Genehmigung an der praktischen Prüfung teilzunehmen. Da wir uns noch Piloten befanden, konnten wir die praktische Prüfung ohne diese Einschränkung direkt am darauffolgenden Tag ablegen.

Die praktische Prüfung enthielt – wie der Name verspricht – mehrere praktische Aufgaben zur Erhebung der Nutzungsanforderungen und war großzügig bemessen auf 8 h angelegt. Eine der ersten Aufgaben bestand darin ein aufgezeichnetes Interview mit einem Stakeholder in Teilen mit zu notieren, um aus diesem Artefakte wie Benutzergruppenprofile, Szenarien und Erfordernisse abzuleiten. Das Positive an der Prüfung war, dass ein Prozess wie er auch im Projektalltag –zumindest in Ausschnitten – modelliert wurde und somit maximale Praxisnähe erzeugt wurde. Das Negative war das manchmal schwer verständliche Videomaterial bzw. die fehlende Möglichkeit sich Ausschnitte wiederholt anzuhören.

Insgesamt wurden wir im Seminar gut auf beide Prüfungen vorbereitet, was abendliches Lernen nach den Seminartagen allerdings inkludiert. Seminar und Prüfungen direkt im Anschluss funktioniert, aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass man danach ein frühes Wochenende sehr gut gebrauchen kann.

Fazit

Ich würde mich wieder für die CPUX-UR Zertifizierung entscheiden, da sie für mich eine sehr gute Basis für die Arbeit als UX RE darstellt. Zum einen habe ich jetzt die Bestätigung, dass Methoden, die ich schon bei meiner Arbeit einsetze, ihre Gültigkeit haben – was es mir in Zukunft nochmal leichter machen wird, sie bei Kollegen und Kunden zu etablieren. Zum anderen wurden mir neue Methoden vorgestellt, die eine gute Ergänzung für mein Methodenportfolio darstellen.

Ein Manko der CPUX-UR sind aus meiner Sicht die Fehler und Uneindeutigkeiten im Material, die im Laufe des Seminars durch die Teilnehmer angesprochen wurden. Doch sind die Entwickler des Seminars mit dem Pilotseminar ihrer eigenen Empfehlung aus dem CPUX-F gefolgt: Bevor man mit einem Produkt ins Feld geht, sollte man es vorher auf seine Gebrauchstauglichkeit überprüfen. Die Kritik und Verbesserungsvorschläge wurden aufgenommen und teilweise schon ad-hoc umgesetzt, sodass ich guter Dinge bin, dass die CPUX-UR nach der Überarbeitung eine runde Sache wird.

Danke an die Dozenten und ich bin gespannt auf die überarbeitete Version des Curriculums. Vielleicht sind wir von eResult dann auch zukünftig als Trainer für CPUX-UR dabei!

Portraitfoto: Marie Jana Tews

Marie Jana Tews

Senior User Experience Consultant

Alumni-eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 12

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.