Läden gibt es doch nur, weil es im Mittelalter noch kein Internet gab!

Historischer Laden im Museum Perleberg Historischer Laden im Museum Perleberg

So ähnlich formulierte es Oliver Samwer auf einer Präsentation vor erfolgreichen Führungskräften und Inhabern aus der Einzelhandelsbranche.

Liegt er mit dieser These richtig?

Zu diesem spannenden Thema haben wir mit 20 Digital Natives & Early Adoptern eine virtuelle Diskussionsrunde durchgeführt. Wir wollten damit einen Blick in die Zukunft werfen und schauen, ob diese Zielgruppe wirklich keine Alleinstellungsmerkmale und konstitutiven Vorteile von Ladengeschäften im Vergleich zu Online-Shops bzw. dem Web sehen.

In unserem Zielgruppenblog Digital Living, eine Art virtuelle Fokusgruppe, platzierten wir daher diese provokante Aussage:

Einkaufen in der Stadt – das gute, alte Ladengeschäft gibt es bald nicht mehr!

und erfragten bei den 20 Teilnehmern/-innen, was diese Aussage bei ihnen auslöst. Es gab eine rege, interessante und im Ergebnis eindeutige Diskussion:

19 von 20 Teilnehmern/-innen stimmten der Aussage zu.

Viele zeigten sich zwar wenig begeistert von dieser Entwicklung, sie waren aber überwiegend der Ansicht, dass sie sich nicht aufhalten lässt.

Negative Folgen dieser Entwicklung in Bezug auf die bisher im Einzelhandel beschäftigten Personen, auf das „Aussterben“ der Innenstädte und auch Umweltaspekte werden von Digital Natives durchaus gesehen – und auch bedauert, sie haben jedoch keine konkreten Ideen und Anregungen, wie dem entgegengewirkt werden kann.

Als zentrale Vorteile des Online-Shoppings wurden angeführt:

  • Bequemlichkeit (keine Anfahrt, kein lästiges Suchen eines Parkplatzes)
  • zeitliche Flexibilität (Abends, am Sonntag einkaufen)
  • günstigere Preise
  • umfangreiche Produktinformationen, Kundenbewertungen und Erfahrungsberichte
  • einfache Produkt- und Händlervergleichsmöglichkeiten.

Spannend war zu sehen, dass sporadisch durchaus Gründe aufgeworfen wurden, die ein Einkaufen in der Stadt und in Ladengeschäften nützlich erscheinen lassen, dies war jedoch die Ausnahme.

Darum gehen Digital Natives auch im Ladengeschäft shoppen –
O-Töne von 3 der 20 Diskussionsteilnehmer:

  • „Gerade gestern waren wir bei uns in der Stadt shoppen. Grund war, dass der Schuhladen zwischen 30 und 50 % reduziert hat. Kleiner Schuhladen, also keine Kette. Füße vom Kind wurden vermessen und mit den Prozenten waren die Schuhe wirklich günstig. Ohne Prozente hätte Zalando und Co. wieder das Rennen gemacht. So war es der kleine Laden und es hat richtig Freunde gemacht so toll beraten zu werden.“
  • „Ich bin ein absoluter Schmink-Junkie und immer den Limited Editions hinterher; ich mache mich in Blogs oder bei YouTube schlau was so kommt und dann gehe ich los, um möglichst noch was davon zu ergattern, z. B. bei Douglas oder MAC – da muss es immer was aus einer LE sein, dann bin ich happy. Aber ohne das Web würde ich ja nie rechtzeitig an die Infos kommen.“
  • „Tatsächlich finde ich es ab und zu auch nett in den Geschäften die Ware (besonders Kleidung) anfassen und anprobieren zu können. Im Internet bestellte Kleidung oder gar Schuhe passen oft nicht richtig oder entsprechen dann doch nicht den Erwartungen.
    Ein Bummel durch die Stadt ist auch netter, da man sich unterhält, neue Eindrücke gewinnt, sich bewegt und eventuell dann noch gemeinsam Mittag- oder Abendessen kann.“

Mein Fazit:

Die Zukunft lässt also wenig Gutes für den stationären Einzelhandel erwarten – und erfordert neue Konzepte und gute Ideen.

Ich freue mich immer wieder, wenn es Händler gibt, die die Herausforderungen erkennen und aktiv angehen (Wie macht man Einkaufsstraßen wieder attraktiv? Knud Hansen auf Kassenzone.de im Interview mit Alexander Graf).

Alleine, im Verbund mit anderen Händlern und auch zusammen mit den Bürgermeistern unserer Städte. Letztere sind meiner Meinung nach unbedingt gefordert auch einen Beitrag zu leisten, dass unsere Innenstädte weiterhin attraktiv bleiben.

Wäre doch schön, wenn nicht noch mehr Steuerberater, Versicherer oder Rechtsanwälte in verwaiste Läden einziehen, sondern stattdessen interessante Treffpunkte und Erlebnisorte für möglichst viele Zielgruppen (vom Kleinkind bis zum Rentner) entstehen.

Wie sehen Sie die Entwicklung unserer Innenstädte und welche „good practices“ bzw. Konzepte erfolgreicher Städte kennen Sie?

Portraitfoto: Thorsten Wilhelm

Thorsten Wilhelm

Gründer & Geschäftsführender Gesellschafter

eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 289

3 Kommentare

  • Beatrix

    Ich hoffe, dass echte Ladengeschäfte bleiben.
    Dinge, die ich kenne, kann ich im Internet bestellen. Aber neue Dinge muss ich sehen und fühlen oder anprobieren…Oder ich kaufe auch mal was Schönes, was ich im Vorbeigehen irgendwo entdecke, das hätte ich im Internet wahrscheinlich nie gefunden, da die Vorschlagsprogramme dort niemals vorhersehen können, was ich gerade denke und wünsche 😉 Die schlagen mir meist das vor, was ich gerade gekauft hatte…so ein nerviger Blödsinn…

  • Michael Hartmann

    Intressante Aufstellung über die Vorteile des Online-Shoppings, die ich leider nicht so ganz teilen kann. Die Selbsteinschätzung mancher Menschen ist meiner Erfahrung nach nämlich da etwas verschoben. Sie sagen, es wäre bequemer und zeitlich flexibler, vergessen aber dabei, dass sie viel öfter bestellen und wieder zurück schicken. Das sehen sie dann nicht als Shopping-Zeit, da es ja „nach dem Kauf“ war. Aber wenn mir mal ehrlich sind, wie hoch ist der Anteil der Ware, die wir nach dem Ladenkauf wieder umtauschen verglichen mit dem Anteil beim Online-Shopping? Wohl deutlich geringer.

    Ich gehe gerne wieder in Läden und bin froh, wenn ich nicht dauernd was zurück schicken muss. Die Zukunft liegt nicht im reinen Online-Handel genauso wenig wie im reinen Ladenhandel. Cyberport macht es mit einer Multichannelstrategie genau richtig vor und das wird der langfristige Weg sein. Der ist leider von kleinen Geschäften (noch nicht) so einfach zu leisten. Aber durch die Integration von Warenwirtschaftssystemen werden demnächst auch kleine Läden sehr einfach gute Onlineauftritte mit Anbindung an ihren Warenbestand im Laden haben und leichter online verkaufen.

  • Sven

    Den Leerstand Studenten/Künstlern und gemeinnützigen Organisationen zur Verfügung stellen ist eine Idee wie man damit umgehen kann.
    Und auch wenn ich persönlich an ziemliche radikale Veränderungen durch die Digitalisierung glaube, fälllt es mir schwer jeglich Fußgängerzonen leer zu sehen. Ich vermute eher, der Trend hin zu großstädtischer Zentrierung wird sich fortsetzen. Shopping auf dem KuDamm oder am Jungfernstieg ja, Shopping in der ländlichen Kleinstadt nein. Dieses Phänomen ist aber nicht neu, wird nur nochmal verstärkt. Es geht weg vom rein funktionalen Einkaufen, hin zum Erlebnis-Shoppen.

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