Lean UX: 8 schlanke Grundsätze, um die User Experience zu verbessern

Wenn Ideen aus dem „Lean Manufacturing“ und nutzerzentriertes Design aufeinandertreffen, sind schlanke und effektive UX-Prozesse die Folge. Hochmotivierte Teams liefern sich einen Wettstreit der besten Ideen. Probleme werden in regelmäßigen UX-Tests mit echten Nutzern frühzeitig gefunden.
Verschwendung von Zeit und Budgets wird vermieden. Ist das nur Wunschdenken? – Wir denken nein. Folgende 8 Grundsätze können helfen, einen Prozess nach Lean UX zu leben.

1.Interdisziplinäre Teams

Das Team sollte in der Lage sein selbstständig zu steuern und Probleme zu lösen.

Das Team sollte in der Lage sein selbstständig zu steuern und Probleme zu lösen.

Wenn ein Team alle Kompetenzen in sich vereint, die für die Entwicklung eines Produktes nötig sind, dann kann es schnell und autonom arbeiten. Neben Softwareentwicklern lohnt es sich deswegen Experten für UX, Design und Produktmanagement ins Team zu integrieren, ebenso wie Sales und Marketing.
Auf diese Weise sind alle Sichtweisen auf das Produkt in dem Team vertreten und lassen sich berücksichtigen. Neues Wissen und innovative Ideen entstehen an den Schnittstellen zwischen den verschiedenen Fachbereichen.

Das Team sollte zudem in der Lage sein in direkter Kommunikation selbstständig und unkompliziert Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. So wird ein Informationsverlust bei der Übergabe von Dokumenten vermieden und ein Zeitverlust beim Warten auf Entscheidungen.

2. Ergebnisse statt Durchsatz

In der agilen Softwareentwicklung wird Fortschritt häufig anhand des Durchsatzes gemessen, z. B. als Features oder Story Points pro zweiwöchigem Sprint. Doch diese Betrachtung lässt außer acht, dass für den wirtschaftlichen Erfolg nicht die Anzahl der Features ausschlaggebend ist. Vielmehr ist es die Frage, welchen Mehrwert das eigene Produkt bietet.

Es empfiehlt sich deswegen dem Team konkrete Ergebnisse statt Features als Ziel vorzugeben. Je nach Produkt können das mehr Anmeldungen sein, weniger Kaufabbrüche, mehr Benutzeraktivität oder höhere Warenkorbwerte. Das Team entscheidet selbst, mit welchen konkreten Features und Maßnahmen es das Ziel erreichen möchte. Mit Hilfe von A/B-Tests lässt sich dann genau überprüfen, ob ein neues Feature die gewünschte Wirkung erzielt und das Team somit erfolgreich war.

3. Verschwendung minimieren

Exzessive Dokumentation von nie umgesetzten Features ist ein großer Verursacher von Verschwendung.

Exzessive Dokumentation von nie umgesetzten Features ist ein großer Verursacher von Verschwendung.

Gemäß dem Grundgedanken des „Lean Manufacturing“ gilt es auch bei Lean UX jede Form von Verschwendung zu minimieren. Verschwendung in diesem Sinne ist jede Tätigkeit, die nicht zum Erfolg des Produktes beiträgt. In der Automobilproduktion führte dieser Gedanke zur Abschaffung großer Lagerhallen und der Einführung der „Just-in-Time“-Produktion. Produktionsgüter werden erst dann geliefert, wenn sie gebraucht werden.

Übertragen auf Lean UX bedeutet das den Verzicht auf umfangreiche Dokumentationen und langwierige Meetings. Veraltete Konzeptdokumente, die lange diskutiert, aber nie umgesetzt wurden, sind eine große Verschwendung. Schlank ist es, nur die Teile des Konzepts zu liefern und zu besprechen, die als nächstes von den Entwicklern umgesetzt werden. Oft reichen bereits einfache Wireframes und ein kurzes Gespräch, um alle auf den selben Stand zu bringen.

4. Kleine Arbeitspakete

Kleine Arbeitspakete helfen weiter die Verschwendung zu minimieren. Anstatt gleich den ganz großen Wurf anzugehen und den Release zwei Jahre in der Zukunft anzusetzen, ist es sinnvoll, zunächst ein „Minimum Viable Product“ (MVP) zu entwickeln. Das ist die einfachste und schlankste Produktversion, die bereits einen Mehrwert für die Kunden liefert. Der MVP erlaubt es bereits erste Erfahrungen mit echten Nutzern zu sammeln, z. B. mit UX-Tests.

Kleine Arbeitspakete erlauben es iterativ vorzugehen und jederzeit zu prüfen, ob die entwickelten Funktionen auf die beabsichtigen Ergebnisse erzielen. Unnötige Features werden so vermieden und Probleme frühzeitig erkannt.

5. Ständiges Lernen

Ständiger Kreislauf: Think-Make-Check

Ständiger Kreislauf: Think-Make-Check

Wer Lean UX einsetzt, versucht aus den eigenen Erfolgen und Misserfolgen zu lernen und sich so permanent zu verbessern. Am Anfang jeder Iteration steht die Ideenfindung („Think). Hier wird vorhandenes Wissen zusammengebracht und eine Hypothese aufgestellt, wie das Ziel zu erreichen ist. Anschließend wird eine neue Produktversion oder ein Prototyp erstellt („Make“) und die Hypothese damit getestet („Check“). Ob der Hypothesentest nun erfolgreich ist oder nicht – man hat auf jeden Fall was gelernt. Die Erkenntnisse fließen in die nächste Iteration mit ein. So kann ein kontinuierlicher Lern- und Verbesserungsprozess einsetzen.

Es gibt vielfältige Wege eine Hypothese auf Erfolg zu prüfen, ob quantitative Datenerhebungen wie Funnel-Analysen und A/B-Tests („Wie viele Nutzer haben sich angemeldet?“) oder qualitative Methoden wie UX-Tests oder Nutzerinterviews („Warum melden sich manche Nutzer nicht an?“). Um den größten Lerneffekt zu erzielen, empfiehlt es sich das gesamte interdisziplinäre Team in die Nutzerforschung und die Diskussion der Ergebnisse einzubinden.

6. Machen statt analysieren

Bei Lean UX ist „Machen“ wichtiger als „Analysieren“. Damit ist gemeint, dass endlose theoretische Diskussionen über das Verhalten und die Wünsche der Nutzer selten zum Ziel führen. Nach der Diskussion ist man auf dem gleichen Wissensstand wie zuvor.

Besser ist es eine Hypothese aufzustellen und einen Weg zu finden, wie man sie schnell und unkompliziert überprüft. So könnte man z. B. einen Prototypen erstellen und mit echten Nutzern testen. Egal, wie der Test ausgeht – man hat danach einen neuen Wissensstand und kann gegebenenfalls die Hypothese auf Basis von neuen Fakten anpassen. Deswegen ist es deutlich besser, schnell eine erste Version umzusetzen und Feedback zu sammeln, anstatt alles von Anfang bis Ende perfekt zu planen.

7. Lernen vor Wachstum

Die Skalierung kommt erst, wenn man sichergestellt hat, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Die Skalierung kommt erst, wenn man sichergestellt hat, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Das primäre Ziel für ein neues Produkt ist schnelles Wachstum? Das gilt nur, wenn man weiß, welches Produkt das richtige für den anvisierten Markt ist. Häufig ist es bei neuen Produkten so, dass noch gar nicht klar ist, was genau die Kunden denn brauchen und wofür sie bereit sind zu zahlen. Das Produkt oder einzelne Funktionen werden in dieser Phase noch häufig geändert. Lernen ist dann wichtiger als Wachstum. In engem Kontakt mit den Nutzern gilt es Hypothesen aufzustellen und zu überprüfen.

Erst wenn man gefunden hat, wonach der Markt verlangt, lohnt es sich in die Skalierung zu investieren. Sonst steht man wieder der Gefahr der Verschwendung gegenüber.

8. Misserfolge sind erlaubt

Bei so viel Tests und Hypothesen werden Misserfolge nicht ausbleiben. Aber das Scheitern ist Teil des Lean UX Prinzips. Es gilt: Je früher man feststellt, dass ein Weg der falsche ist, umso weniger Verschwendung fällt dafür an. Wer eine Idee ausprobiert hat und damit gescheitert ist, kann Lehren für die Zukunft daraus ziehen.

Deswegen sind Misserfolge erlaubt und auch notwendig für die experimentelle Vorgehensweise von Lean UX. Hätte man nur diskutiert und nichts ausprobiert, hätte man weniger gelernt und wäre auf dem gleichen Wissensstand wie zuvor. Hier spielt die Fokussierung auf kleine Arbeitspakete eine wichtige Rolle. Denn umso kleiner sind die Auswirkungen eines Misserfolgs. Diese Kultur des Experimentierens ist manchmal nicht ganz einfach umzusetzen, bringt aber die Gewissheit, auf experimentell bestätigtem Wissen aufzubauen.

Portraitfoto: Johannes Müller

Johannes Müller

Geschäftsführer & UX-Consultant

nutzerbrille / uxcite GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 1

8 Kommentare

  • Ole Kleinert

    Hallo Johannes,

    schöner Beitrag! Besonders toll, da es dein erster ist, alle Achtung!

    Meiner Erfahrung nach ist vor allem der letzte Punkt „Misserfolge sind erlaubt“ ein entscheidender Knackpunkt, der bisher noch zu wenig in die Köpfe des Managements vorgedrungen ist. Denn das Misserfolge langfristig zu mehr Erfolgen führen, widerspricht zunächst der Intuition.

    Erst wenn dieses Prinzip verinnerlicht und gelebt wird, zeigt Lean UX sein volles Potential.

  • Johannes, hast Du vielleicht auch einige Erfolgsstories für unsere Leser, z.B. von Unternehmen die auf dieses Vorgehen umstellten und somit erfolgreicher wurden?
    Oder Berichte von Erfolgen aus einzelnen Projekten, bei denen auf diesem und auf „klassischem Wege“ gearbeitet wurde?

    • Viele Gründer von Startups mit denen ich Kontakt habe sind stark inspiriert von Büchern wie „Lean Startup“ und „Lean UX“ und gehen meist einen derartigen Ansatz. Gerade dort ist das Testen und Verwerfen von Hypothesen der Ansatz mit dem wenigsten Risiko, weil Probleme früh entdeckt und Fehlinvestitionen vermieden werden.

      Aber auch größere Firmen, bei denen ich Projekte betreut habe, waren sehr aufgeschlossen für den Ansatz. Viele suchen Lösungen, um ihre UX zu verbessern. Einen schlanken Weg zu wählen liegt dann auf der Hand.

      Lean UX ist ja im Grunde eher eine Denkart, als ein ganz konkretes Framework, das bereits Methoden vorschreibt. Wenn man es schafft die Denkweise bei den richtigen Leuten zu verankern, kann man damit im Unternehmen viel bewirken. Auf einmal kommen einem Produktmanager mit Papierprototypen in der Hand entgegen, die ihr neues Konzept nun erstmal testen möchten, bevor sie es in die Entwicklung geben.

      Ich werd mal sehen, was ich aus bisherigen Projekten so zusammenschreiben kann (und darf). Klingt für mich nach gutem Material für den nächsten Artikel. 😉

  • Vielen Dank. Das mit dem 2. Beitrag ist eine gute Idee :).

    Würde mich sehr freuen von den Erfolgen anderer mit dieser Vorgehensweise zu erfahren und so Impulse und Anregungen zu bekommen.

    Auch viele unsere Leser interessiert das sicher, Dein Beitrag ist bereits auf der Liste der Top Beiträge (http://www.usabilityblog.de/beliebte-beitraege/).

  • Pingback: Lesenswert: August 2015 | produktbezogen.de

  • Mein Kindle-Ebook Lean User Testing ist die kommenden Tage kostenlos verfügbar. Ich würde mich über viele Downloads und Anmerkungen für Version 2 freuen.

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  • Pingback: Confluence: CC User Experience

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