Leihen, Mieten, Teilen: Shareconomy-Plattformen zwischen Hype und Realität

Das Internet hat bereits viele herkömmliche Geschäftsmodelle kräftig durcheinander gewirbelt. Zunächst diente das Web vor allem als neuer Absatzkanal, über den Urgesteine wie Amazon begannen, Bücher & Co zu verkaufen. Auch Privatnutzer handelten bereits in den 90ern auf Auktions-Plattformen wie Alando (später eBay). Bei diesen Angeboten ging und geht es darum, Artikel zu kaufen oder zu verkaufen.
Zunehmend treten nun Plattformen ins Rampenlicht, die es ihren Nutzern ermöglichen, Artikel unterschiedlichster Art zu leihen oder zu verleihen. Dabei stehen Privatmenschen und das gemeinschaftliche Nutzen von Gegenständen im Vordergrund. Das reine Interesse an Profit ist oft zweitrangig. Die vielfältigen existierenden Plattformen bzw. Konzepte werden seit einigen Jahren unter dem Buzz-Word Shareconomy zusammengefasst. Am Beispiel von leihdirwas.de werfe ich einen Blick auf den Status quo der Shareconomy und wage einen Ausblick in die Zukunft.

Leihdirwas.de – Pionier aus Deutschland

Schon länger hatte mich dieses Thema interessiert: Shareconomy. Das klingt schon gut. Irgendwie modern und nach Aufbruch. Und natürlich sozial. Genau das Richtige also in Zeiten unterkühlter Konsumgesellschaften. Doch so wirklich ist sie bei mir als Privatperson bislang nicht angekommen, diese Shareconomy. Und das, obwohl seit Jahren aus den Medien zu vernehmen ist, Teilen sei „das neue Kaufen“.

Ich gebe offen zu: Ich fahre noch Taxi statt Uber und bislang habe ich mich für gewerbliche Unterkünfte statt für ein Zimmer via airbnb entschieden. Das Erste woran ich beim Begriff Shareconomy denke, sind jedoch keine spezialisierten Dienstleistungen. Ich denke vielmehr an das Leihen und Verleihen der unterschiedlichsten Gegenstände untereinander anstatt sie jeweils einzeln zu kaufen. Das kann entweder kostenlos geschehen oder gegen Gebühr.
Es gibt eine Vielzahl kleiner, häufig regionaler Websites in diesem Spektrum. Eine detaillierte Betrachtung der Anbieter und Ihrer Konzepte würde an dieser Stelle jedoch den Rahmen sprengen.

Leihdirwas.de ist hingegen eine größere Plattform, auf der deutschlandweit Artikel geliehen und verliehen werden können. Als sie Ende 2010 ans Netz ging, konnten die Entwickler und Betreiber nicht auf viele Erfahrungswerte oder Best Practices bauen, schließlich war das Geschäftsmodell noch ganz frisch. Daher wurden die ersten Nutzer in die Entwicklung mit einbezogen: Auf Facebook wurden wichtige Aspekte, wie Sicherheit, diskutiert und entsprechende Funktionen entwickelt. Toll zu sehen, dass auch Startups mit begrenzten Mitteln von Beginn an nutzerzentriert denken und Wege im Rahmen der Möglichkeiten finden.

Die durchaus zahlreichen Erwähnungen in den Medien legten mir nahe, dass es sich bei leihdirwas.de um eine der größten bzw. verbreitetsten Plattformen zum Leihen und Verleihen handeln müsse. Ich riskierte also einen genaueren Blick. Was ich sah, hinterließ bei mir einen sehr gemischten Eindruck.

Abbildung 1: Startseite von leihdirwas.de

Abbildung 1: Startseite von leihdirwas.de

Ohne Smartphone geht es nicht (mehr)!

Ich könnte Ihnen nun detailliert davon berichten, dass das Video bzw. der Werbespot auf der Startseite das Konzept der Plattform nicht hinreichend – nämlich quasi gar nicht – erklärt. Oder ich könnte meine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass sich kein Suchfeld auf der Startseite befindet und eine Liste mit Artikel-Kategorien erst nach Scrollen weit unten sichtbar wird. Würde ich jedoch hier beginnen, im Detail auf Optimierungspotenziale der Website einzugehen, bekämen weitaus wichtigere Aspekte nicht die Beachtung, die sie verdienen.

Eine der ersten Sachen, die ich heutzutage bei einer Website ausprobiere, ist, ob sie bereits responsive ist – ob sich also die Darstellung der Seite an den zur Verfügung stehenden Platz anpasst. Da das Ziehen meines Browser-Fensters auf dem Notebook bei leihdirwas.de keinen Effekt hatte, rief ich die Seite auf meinem Smartphone auf. Auch hier bekam ich lediglich die Desktop-Ansicht präsentiert. Ein paar weitere Versuche mit händischen Änderungen der URL später reifte in mir die Einsicht: Leihdirwas.de hat keine mobile Website. Auch eine App gibt es scheinbar nicht.

Erfolgreiche Plattformen wie Uber oder airbnb haben jedoch sowohl Websites, die sich den unterschiedlichen Geräteklassen anpassen, als auch Apps, die einen elementaren Baustein im Konzept der Plattform bilden. Auch abseits von Dienstleistungen im Bereich der Produkte gibt es mittlerweile Plattformen, in deren Konzept die App im Mittelpunkt steht bzw. sogar die einzige Zugriffsmöglichkeit ist – so z. B. die Flohmarkt-App Shpock. Auch etablierte Anbieter wie eBay bieten mit Ihren Apps echte Mehrwerte gegenüber ihrer herkömmlichen Website – zum Beispiel einfacheres Einstellen von Artikeln mit Fotos.

Für Plattformen wie leihdirwas.de ist es heute von besonderer Wichtigkeit, mobil eine möglichst optimale User Experience zu gewährleisten. Die Begründung liegt nicht nur – wie für die meisten Websites heutzutage – in den Statistiken zur Gerätenutzung für den Web-Zugriff generell. Sie liegt vor allem im Konzept der Plattform und den daraus resultierenden Nutzer-Anforderungen:

  • Sie möchten wissen, wo in der Nähe es den gesuchten Artikel kurzfristig zum Leihen gibt
  • Sie möchten unterwegs wissen, wie sie dorthin kommen
  • Sie möchten Artikel zum Verleihen möglichst einfach fotografieren und direkt einstellen

Diese Liste ließe sich noch fortführen. Sie zeigt aber jetzt schon, dass eine Leih-Plattform einen Großteil ihres Potentials verspielt, wenn sie Mobilgeräte nur sehr unzureichend unterstützt.

Wer kann es besser?

Der vielleicht wichtigste Wettbewerber für leihdirwas.de ist frents.com. Dort zeigen die Suchergebnisse im Vergleich zu leihdirwas.de immerhin eine Kartendarstellung an (siehe Abb.2). Eine auf Smartphones oder Tablets optimierte Website oder App scheint es jedoch ebenfalls nicht zu geben.


Beide Plattformen schreien quasi laut „SoLoMo!“, was so viel heißt wie Social, Local, Mobile. Gefragt sind Lösungen, die die Interaktion zwischen den Mitgliedern (Social) in räumlicher Nähe (Local) ermöglichen. Damit sich das Potential dieser Lösungen vollständig entfalten kann, ist es von elementarer Bedeutung, dass sie überall verfügbar sind und sich die Fähigkeiten moderner Mobilgeräte zu Nutze machen (Mobile).

Mitten in meiner Verwunderung und erst gegen Ende meiner Recherche stieß ich dann doch noch auf eine Plattform, die im Bereich Shareconomy mit einer mobilen App vertreten ist: „WHY own it“ wurde sie von ihren Machern genannt. Diese betreiben die Plattform mit Ihrem Unternehmen quasi „nebenbei“ – direkter Umsatz wird mit der App nicht erwirtschaftet. Zudem ist sie ausschließlich für iOS erhältlich – ein echter Störfaktor, wenn es darum geht, die in diesem Bereich so überaus kritische Masse zu erreichen. Immerhin ist der Website zu entnehmen, dass eine Android App „in Planung“ ist – das lässt hoffen.
Inwiefern „Why own it“ die von mir geforderte Verknüpfung sozialer Interaktion mit ortsbasierten Diensten auf Mobilgeräten umsetzt kann ich zum derzeitigen Zeitpunkt leider nicht sagen. Vielleicht habe ich ja später einmal die Gelegenheit, einen genaueren Blick zu riskieren und dann an dieser Stelle davon zu berichten.

Quo vadis Shareconomy?

Wirft man einen Blick auf die genannten Anbieter und deren aktuelle Angebote, kann man sich leicht fragen: Was ist der Grund dafür, dass…

  • …weder leihdirwas.de noch frents.com eine App oder zumindest eine auf Mobilgeräte optimierte Version Ihrer Website anbieten?
  • …die Anzahl der bundesweit zum Leihen angebotenen Artikel sowohl bei leihdirwas.de als auch bei frents.com deutlich unter gerade mal 50.000 Artikeln bleibt?
  • …die letzten Beiträge von leihdirwas.de im eigenen Blog und auf Facebook aus dem Jahr 2013 sind?

Im Bereich des Leihens und Verleihens von Artikeln wird die Realität dem Hype um die Shareconomy offensichtlich nicht gerecht. Im Gegenteil: Einige Anzeichen deuten darauf hin, dass mutige Pioniere bereits selbst herausfinden mussten, dass es schwierig ist, in diesem Bereich (wirtschaftlich) erfolgreich zu sein.
Liegt dies nun aber daran, dass das Interesse der Menschen am Leihen und Verleihen von Artikeln einfach nicht groß genug ist? Ist möglicherweise die Zeit einfach noch nicht reif dafür? Oder kann es auch daran liegen, dass es bislang keine Plattform gibt, welche die richtigen Funktionen auf den relevanten Geräten auf einfachste Art und Weise nutzbar macht?

Eine klare Beantwortung dieser Frage traue ich mir selbst gegenwärtig nicht zu. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass ein Anbieter in diesem Bereich nur dann erfolgreich sein kann, wenn er die heutigen Anforderungen seiner Nutzer kennt: Ohne optimale User Experience auf Smartphones werden Dienste, bei denen die Interaktion von Nutzern in räumlicher Nähe eine Kernkomponente darstellt, keine Verbreitung in der Masse erfahren.

Teilen Sie meine Einschätzung oder sehen die Dinge völlig anders? Welche Erfahrungen haben Sie selbst bereits mit diesen oder ähnlichen Anbietern gemacht? Ich freue mich über Ihre Kommentare!

Bildnachweis erster Absatz: © vege – Fotolia.com

Portraitfoto: Sebastian Feige

Sebastian Feige

User Experience Manager

Star Finanz GmbH

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2 Kommentare

  • Lieber Sebastian,

    danke für den Artikel. Ich denke, es fängt bei leihdirwas schon auf der Startseite an, man kann nicht eben mal gucken was es so gibt. Dann muss man sich erst umständlich registrieren und selbst wenn man sich über facebook anmeldet muss man noch ne Bestätigungsmail abchecken. Ziemlich kompliziert um dann festzustellen, dass in meiner Stadt nicht ein einziger Artikel im Angebot ist. Werde ich jetzt Pionier? Nein, denn mein Fahhrad für 5 Euro am Tag an Fremde zu verleihen wird mich weder reich machen (was ebay ja suggeriert – Goldschatz im eigenen Keller usw.) noch wird es mir irgendeine Befriedigung in sozial Hinsicht zukommen lassen (Couchsurfing, Free-Your-Stuff Netzwerke). Ich glaube, dass bei leihdirwas und co. die kritische Masse einfach noch nciht erreicht ist, und den potenziellen Nutzern der Mehrwert nicht klar wird. Hinzu kommt, wie du schon schreibst, dass es technologisch nicht state of the art it.

  • Christoph Zwölfer

    Hallo Sebastian!

    Leider muss ich Dir in allen Kritikpunkten Recht geben. Das Thema beschäftigt mich schon lange, vor 30 Jahren war ich häufiger Nutzer von Mitfahrgelegenheiten (noch mit Wählscheibentelefon!) nachdem das Trampen zunehmend schlechter ging, 2002 habe ich bei Ebay angefangen und 2013 bei Leihdirwas. Immer mit viel Euphorie – heute bin ich ernüchtert!
    Entweder funktionieren die Plattformen nicht richtig oder sie werden in Windeseile zu kommerziellen Anbietern höchster Kategorie von denen man sich aus schlechtem Gewissen und mit Ärger zurückzieht (Blabla, Airbnb, Ebay….)
    Kleine Gewinne und Deckung der Unkosten sind meines Erachtens durchaus legitim. Aber weltbeherrschende Mega-Unternehmen mag ich nicht unterstützen.
    Zurück zu Leihdirwas: Dort habe ich ca. 30 Angebote eingestellt, bisher kam es zu einer einzigen Verleihaktion (zugegebenermaßen eine 100% zufriedenstellende Erfahrung!) die wahrscheinlich aber nur erfolgreich war weil es sich um Etwas seltenes, teures und leicht zu verschickendes gehandelt hat. Alle anderen Dinge sind größer, da käme es auf eine regionale Nachfrage an, die derzeit nicht da ist, außerdem ist die ganze Plattform so unübersichtlich dass man auch als ehrlich Suchender kaum Erfolg hat. Und ganz klar: Selbstverständlich fehlt die übersichtliche, werbefreie, für alle Betriebssysteme geeignete Handy-App. Meine Kinder wissen schon bald nicht mehr was ein Laptop ist… 🙂
    Fazit: Ich werde bald auch dort aussteigen und mich wieder mehr mit Leuten z.B. im Eineweltladen treffen. Was sharen angeht war an solchen Orten in den 80ern und 90ern weitaus mehr los als heute mit dem ganzen „Internet-Gedöns“. Shade…

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