Leihst Du schon oder besitzt Du noch? – Ein kleiner Querschnitt durch die Share Economy

Share Economy oder auch Collaborative oder Cooperative Consumption sind Begriffe mit denen ein Geschäftsmodell bezeichnet wird, bei dem die gemeinsame zeitlich begrenzte Nutzung von Ressourcen, die nicht dauerhaft benötigt werden, im Vordergrund steht. Gebrauchsgegenstände müssen nicht mehr von jedem einzeln gekauft werden, sondern werden gemeinsam gekauft oder gemeinsam genutzt, vermietet, getauscht oder auch verliehen (sharing). Eigener Besitz ist teuer und stellt mittlerweile vor allem für junge Menschen oft eher Ballast dar. Nach einer Umfrage von Bitkom (2013) stehen 85 Prozent der Internetnutzer in Deutschland dem Teilen von Dingen grundsätzlich offen gegenüber. Dieser Trend bietet unter Einsatz heutiger Technologien somit noch viel Potenzial. Aktuell gibt es bereits zahlreiche Portale im Internet mit Angeboten aus diversen Branchen und die Entwicklung des Leihgeschäfts scheint damit noch nicht abgeschlossen. Grund genug einige dieser Portale und Plattformen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Abb. 1: Share Economy – der Trend zum Tauschen und Leihen anstatt Besitzen

Abb. 1: Share Economy – der Trend zum Tauschen und Leihen anstatt Besitzen

Ein Breites Angebot und große Konkurrenz

Das Sharing-Prinzip ist sehr vielfältig und findet Anwendung in Bereichen wie Mobilität (z. B. Carsharing oder private Taxi-Dienste wie Uber.com), Übernachtung (z. B. airbnb.de, wimdu.de, couchsurfing.de), Bildung und Unterhaltung (z. B. Leih-ein-Buch.de, bookelo.de), Mode (z. B. Kleiderkreisel.de, Kleiderei.com), Lebensmittel (z. B. Foodsharing.de) und einigen mehr (z. B. Leihdirwas.de). Neben dem Wettbewerb unter den Portalen einer Rubrik selbst, stellen einige Anbieter auch für bestimmte Branchen (z. B. Hotels oder Taxidienstleister) eine große Konkurrenz dar und landen mit ihrem Angebot häufig in der Kritik. Für Verbraucher können sie jedoch eine interessante, kostengünstige Alternative sein.

Sharing und Usability

Aber sind diese Internetplattformen aus Usability-Experten-Sicht auch praktisch und einfach zu bedienen? Wie steht es um die tatsächliche Nützlichkeit der Dienste? Und wie einfach ist es dort selbst Artikel zum Verleih anzubieten? In diesem Zusammenhang habe ich einige Anbieter genauer unter die Lupe genommen und dabei auch selbst erste Erfahrungen in Sachen Sharing Economy sammeln können. Da das Angebot an Portalen derzeit schon so groß ist, habe ich mir drei Anbieter ganz verschiedener Gegenstände bzw. Dienstleistungen herausgesucht und näher betrachtet: Airbnb.de, Kleiderkreisel.de und Leihdirwas.de. Letzteres Portal hat an dieser Stelle auch bereits Dr. Sebastian Feige in seinem Blogartikel zu Shareconomy-Plattformen zwischen Hype und Realität ganz genau unter die Lupe genommen. Darüber hinaus hat sich mein Kollege Ediz Kiratli auch schon einmal genauer mit dem Thema Mobility 2.0 und Carsharing auseinandergesetzt.

In fremden Betten schlafen bei Airbnb

Über Airbnb können Privatpersonen ihr Zuhause, ihre Wohnung, das ganze Haus oder auch nur ein einzelnes Zimmer zur Vermietung anbieten. Vor kurzem habe ich erstmals selbst eine Unterkunft über das Portal für einen Städtetrip gebucht. Die Auswahl einer Unterkunft ist relativ einfach gestaltet: Die Suche bzw. Filterungsmöglichkeiten entsprechen im weitesten Sinne denen von gängigen Hotelportalen. Außer, dass die angezeigten Angebote nicht nach einem Kriterium in auf- bzw. absteigender Reihenfolge (z. B. günstigste Unterkünfte zuerst) angezeigt werden können. Das erschien mir etwas unpraktisch. Über Checkboxen kann man seine Suche jedoch verfeinern und die gefilterten Unterkünfte werden, wie in Abb. 2 darstellt, auf einer Karte angezeigt. Gerade Letzteres erleichtert die Suche und Entscheidung für eine geeignete Unterkunft erheblich, da z. B. die Entfernung zum Stadtzentrum oft ein wichtiges Auswahlkriterium darstellt. (Stichwort Heuristik der Aufgabenangemessenheit für Usability Experten.)

Abb. 2: Eine übersichtliche Unterkunftssuche mit eingebetteter Karte erleichtert die Auswahl auf airbnb.de

Abb. 2: Eine übersichtliche Unterkunftssuche mit eingebetteter Karte erleichtert die Auswahl auf airbnb.de

Im nächsten Schritt ist für die Wunschunterkunft eine Buchungsanfrage zu stellen und dafür ist eine Registrierung notwendig. Da man als Gastgeber angeben kann welche Informationen über den Übernachtungsgast vorliegen sollten, musste ich im Folgenden sehr viele und sehr persönliche Informationen angeben. Zunächst sollte ich meine Telefonnummer und E-Mail-Adresse verifizieren, anschließend meinen Personalausweis einscannen und meine Angaben zuletzt über einen Account bei einem sozialen Netzwerk bestätigen. Während dieser sehr aufwendigen Dateneingabe stellte ich mir mehrmals die Frage, ob das alles wirklich nötig ist und ob ich nicht doch lieber abbrechen sollte. Ich tat es nicht, war jedoch überrascht davon, wie viele Daten man letztendlich doch bereit ist im Internet preiszugeben. Natürlich wünschen sich private Gastgeber Sicherheit und vertrauenswürdige Gäste – aber ist die Fülle dieser Angaben dafür tatsächlich nötig? Für einige Nutzer stellt diese sehr umfangreiche und zeitaufwendige Identitätsprüfung sicherlich einen großen Hinderungsgrund für eine Buchung dar.

Selbst ein Angebot einzustellen erscheint schon auf den ersten Blick jedoch einfach und übersichtlich. In 6 Schritten soll das Inserat des eigenen Zuhauses fertig sein. Die Abfolge der Schritte ist in einem Navigationsmenü im linken Seitenbereich dargestellt, bei dem flexibel zwischen den Schritten vor- und zurücknavigiert werden kann. Zu jedem Schritt finden sich zudem Erklärungen für die zu treffenden Angaben. Ein selbsterklärendes Einstellen der eigenen vier Wände, geht schnell und kann nach Belieben ausgeschmückt und detailreicher gestaltet werden.

Nach meinem Städtetrip und meiner ersten Erfahrung mit dem Ablauf einer Buchung bei Airbnb, dem Kontakt mit der Gastgeberin – wir wurden sehr freundlich und herzlich empfangen – sowie der Ausstattung der Unterkunft würde ich, nachdem die erste Hürde der Dateneingabe geschafft ist, auch ein weiteres Mal über das Portal nach einer Unterkunft suchen.

Kleiderbasar bei Kleiderkreisel

Kleiderkreisel ist eine Plattform, auf der man als Privatperson seine abgelegten oder ungeliebten Kleidungsstücke zum Kauf oder Tausch anbieten kann. Zunächst fiel mir auf der Startseite jedoch die auffallend große Werbefläche für verschiedene Online-Versandhändler und Marken ins Auge. Dies wirkte etwas irritierend und unerwartet kommerziell auf mich. Es sollte doch darum gehen, sich von alten Kleidern zu trennen und Kleidern von anderen Leuten eine zweite Chance zu geben, nicht nagelneue Stücke zu erwerben.

Als nächstes wollte ich herausfinden, wie einfach es ist, sich zu registrieren und ein Kleidungstück einzustellen. Auf der Startseite fällt als erstes auf, dass der „Neu registrieren“-Button nicht erwartungskonform im oberen rechten Seitenbereich zu finden ist, sondern mittig rechts in einer Kachel am Seitenrand. Dieser Button könnte so für einige Nutzer auf den ersten Blick nicht auffindbar sein. Für die anschließende Anmeldung sind nur wenige Angaben nötig: E-Mail-Adresse, Nutzername und Passwort. Ein Kleidungsstück einzustellen geht mit Hilfe eines übersichtlich strukturierten Eingabeformulars danach auch sehr einfach und schnell (siehe Abb. 3). Von dem erhofften Erlös gehen allerdings 10 % an Kleiderkreisel. Für die Einführung dieses neuen Bezahlsystems, bei dem für die Verkäufer nun Gebühren anfallen, erntete die Plattform jüngst viel Kritik aus ihrem Nutzerkreis. Die Betreiber der Plattform wollten damit der Herausforderung von sich häufenden Betrugsfällen Herr werden. Ich habe meinen Artikel zum Verkauf oder Tausch angeboten und bin nun gespannt, ob sich jemand dafür interessiert und wie der Austauschprozess weiter abläuft.

Abb. 3: Für wieder mehr Platz im Kleiderschrank – Ein Intuitives Eingabeformular für das Einstellen eines Artikels auf kleiderkreisel.de

Abb. 3: Für wieder mehr Platz im Kleiderschrank – Ein Intuitives Eingabeformular für das Einstellen eines Artikels auf kleiderkreisel.de

Mieten ist das neue Kaufen bei Leihdirwas.de

Wer kennt das nicht, man möchte der neuen Wohnung den letzten Schliff geben und ausgerechnet das nötige Werkzeug, die Bohrmaschine, die man jetzt dringend bräuchte, fehlt. Was tun? Früher hätte man zuerst die Nachbarn gefragt oder wäre zum Baumarkt gefahren. Heute fragt man Menschen über das Internet und erreicht damit einen viel größeren potentiellen Aushelferkreis. Bei leihdirwas.de kann man sich fast alles ausleihen – allerdings gegen Gebühr. Für die Registrierung müssen Name, E-Mail-Adresse und Geburtsdatum angegeben werden. Viele Nutzer könnten jedoch davor zurückscheuen direkt zu Beginn solche persönlichen Angaben wie das Geburtsdatum preiszugeben, wenn der Zweck der Abfrage nicht ersichtlich ist. Schließlich hätte zur Absicherung, dass der Nutzer schon volljährig ist, an dieser Stelle auch eine Checkbox mit „Ich bin 18 Jahre oder älter.“ ausgereicht. Danach muss zunächst die E-Mail-Adresse bestätigt werden um fortzufahren. Anschließend folgt die Adresseingabe. Das Eingabeformular, um einen Artikel zum Verleih anzubieten, wirkt etwas lang und am Ende findet sich die Information, dass das Portal 15 % der Leihgebühr einbehält. Um Artikel leihen zu können, muss man sich noch mit seiner Handynummer verifizieren. Es werden auch hier wieder sehr viele Daten gefordert.

Abb. 4: Auf leihdirwas.de kann man sich fast alles leihen, jedoch lässt die Filterfunktion der Suchergebnisse etwas zu wünschen übrig

Abb. 4: Auf leihdirwas.de kann man sich fast alles leihen, jedoch lässt die Filterfunktion der Suchergebnisse etwas zu wünschen übrig

Bei der Suche nach einer Bohrmaschine werden in meiner Umgebung (im Radius von immerhin 20 km) nur elf Treffer angezeigt und das in einer Großstadt wie Hamburg. Dabei lassen die Filtermöglichkeiten deutlich zu wünschen übrig: die Treffer auf der Ergebnisseite lassen sich weder nach Entfernung noch nach Ausleihgebühr sortieren. Das macht das Ganze unübersichtlich. Auch, dass der Radius nicht kleiner eingestellt werden kann, erscheint unpraktisch, da man ja eigentlich nicht so viel Strecke zurücklegen möchte, um einen Gegenstand kurzzeitig nutzen zu können. Das Leihen sollte sich schließlich sowohl zeitlich als auch monetär noch auszahlen.

Fazit: Wie nützlich sind die Angebote und wo liegen Herausforderungen?

Alles in allem waren die getesteten Portale recht einfach zu bedienen. Artikel dort zu leihen, mieten oder tauschen, kann je nach Situation preislich einen großen Mehrwert bieten. Einige Funktionen (z. B. die Filterfunktion bei leihdirwas.de) sind jedoch noch nicht so ausgereift, dass sie das Leihen so einfach und praktikabel gestalten wie es heute eigentlich sein könnte. Als Anbieter erscheint es relativ einfach und intuitiv Dinge einzustellen (z. B. die eigene Wohnung oder einen Kleidungstück), als Nutzer beziehungsweise als Interessent wird es dagegen teilweise etwas komplizierter zum gewünschten Objekt zu gelangen (z. B. aufwendiger Registrierungs-/ Verifizierungsprozess, um eine Unterkunft buchen zu können).
Eine Herausforderung, die wohl für alle Portale gilt, ist diesbezüglich die Sicherheit. Vor allem Personen, die etwas verleihen oder eine Unterkunft anbieten, aber auch Menschen, die etwas Gebrauchtes erstehen bzw. „ertauschen“ möchten, müssen vor Betrug bestmöglich geschützt werden. Dies erfordert das Sammeln von zahlreichen Nutzerinformationen. Wer zur Share Economy dazugehören möchte, muss dies bisher, wenn auch missbilligend, in Kauf nehmen. Ich bin gespannt wie die Entwicklung der Share Economy und die Diskussion um Portale wie Airbnb und Uber in Zukunft weitergehen wird und werde demnächst vielleicht mit dem StadtRAD zur Arbeit fahren.

Welche Erfahrungen haben Sie schon mit Leih- und Tausch-Portalen gemacht? Wie sehen Sie das Potential und die Entwicklung dieses Konzepts in unserer Konsumgesellschaft? Haben Sie vielleicht eine Idee wie man dem Problem der umfangreichen Datenabfrage Herr werden könnte und trotzdem Sicherheit für Anbieter und Nutzer garantieren kann?

Portraitfoto: Silvia Kaiser

Silvia Kaiser

Projektmanager User Experience

Otto Group

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