Lieber Assistent, ärgere mich bitte nicht

Die Nutzung von Musik-Streamingdiensten hat zweifelsohne Vorteile. Nun ist aber auch hierbei eine positive User-Experience ein entscheidender Faktor für den Genuss. Ich bin seit einiger Zeit Amazon-Prime-Nutzer, aber leider zurzeit nicht so ganz glücklich damit.

Amazon ist bekannt für eine gute Usability, denn schließlich lebt ein Online-Händler davon, dass die Nutzer Spaß beim Shoppen haben. Meine Erfahrung mit Amazon Music ist zurzeit allerdings eine andere. Ich möchte meine etwas leidvollen Erfahrungen zum Anlass nehmen meine Vorstellungen von einem Assistenten aufzeigen. Mit „Assistenten“ meine ich hier das stöbern (und finden) nach neuer Musik. In der Regel passt das aber für Assistenten jeglicher Art.

Favoriten mit unbeliebten Eigenleben

Nun erst mal zu meinen negativen Erfahrungen mit Amazon Musik. Neue Musik zu finden ist eine Sache, aber man möchte gute Musik In der Regel auch immer wieder hören. Dazu kann man Alben zur eigenen Musikbibliothek hinzufügen. Ein Vorteil davon ist, dass diese dann gemeinsam mit meinen gekauften Alben dargestellt werden.

Ich kann also einfach durch meine Bibliothek scannen und brauche nicht darauf zu achten ob ich in meinen gekauften Alben suchen möchte oder in den Favoriten aus Amazon Musik. Das hat bisher auch bestens funktioniert. Nun ist man mit der neuen Version auf die Idee gekommen meine Festplatte zu scannen und alle Musikstücke, die sich darauf befinden, zur Bibliothek hinzuzufügen.

Nun habe ich ein paar Tausend Musikstücke gespeichert, die ich mir selbst nur sehr selten anhöre. Diese nutze ich nur, wenn es darum geht für eine Party Musik zu machen. Jetzt habe ich Unmengen an Musik in meiner Bibliothek und muss oft seitenlang scrollen, bis ich ein Album finde, welches ich hören möchte. Ich habe mittlerweile herausgefunden, dass man diese Funktion abschalten kann, was aber die Musikstücke nicht entfernt. Diese muss ich jetzt einzeln manuell machen, was wahrscheinlich Stunden dauert.

Bad-Practice-Beispiel: die Amazon-Mediathek

Die neue Mediathek von Amazon Music ist schnell unübersichtlich.

Man kann sich vorstellen, wie begeistert ich davon bin. Für mich ist hier ein ganz klarer Fehler begangen worden. Warum hat man mich nicht gefragt, ob ich das möchte? Dann hätte ich das abgelehnt und alles wäre gut. Es mag sein, dass diese Funktion bei vielen Nutzern gut ankommt, aber das kann man als Anbieter nicht wissen. Also besser Fragen.

Schnell falsche Vorschläge zum Stöbern

Als ich angefangen hatte das Angebot zu nutzen, hat das Stöbern gut geklappt. Die Vorschläge basierten wohl auf meinen Einkäufen. Das hat dazu geführt, dass ich so einige neue Alben/Interpreten gefunden habe, die mir außerordentlich gut gefallen. Das ist ja auch der Sinn so eines Assistenten.

Seit einiger Zeit entwickeln sich diese Vorschläge aber immer öfter in die falsche Richtung. Das Verhältnis von Nutzen zum Aufwand wird für mich immer schlechter. Zurzeit suche ich z. B. nach Musik um mein Urlaubsvideo zu vertonen. Leider schlägt sich dies nun sehr deutlich in den Vorschlägen zum Stöbern nieder. Ich bekomme fast nichts mehr vorgeschlagen, was ich mir gerne anhören möchte.

Ich denke da wird aufgrund von kurzfristigen Aktionen zu schnell auf eine Geschmacksänderung geschlossen. Das funktioniert wohl nicht. Man kann eben nicht davon ausgehen, dass sich mein Musikgeschmack durch die neue Suche und den Kauf von 2 Alben völlig verändert hat. Die neuen Vorschläge vermitteln auf jeden Fall den Eindruck.

Mein persönlicher Assistent soll es richtigmachen

In Zukunft werden Assistenten so Intelligent sein, dass sie es wirklich schaffen selbstständig passende Vorschläge zu präsentieren. So weit sind wir allerdings wohl noch nicht, aber man könnte die Algorithmen zumindest besser machen. Ein bisschen Hilfe benötigen Sie aber noch von uns Nutzern.

Ein guter Musik-Assistent sollte also für mich folgendermaßen arbeiten:

  • Den Bestand scannen und nach der Verteilung der Musikrichtungen Vorschläge platzieren. Das ist ein guter Start, was ja bei mir auch gut geklappt hat. Allerdings sollte man vielleicht vorher fragen. Alternativ kann man natürlich auch nach der Musikrichtung fragen.
  • Neue Favoriten nicht gleich durchschlagend aufnehmen. Erst mal vorsichtig einstreuen. Die Verteilung der Musikrichtungen sollten sich dadurch nicht allzu sehr verändern. Die „Alten Vorlieben“ bleiben ja in der Regel bestehen.
  • Musik, in die nur kurz hineingehört wird, sollte gar nicht aufgenommen werden. Es hat ja schließlich einen Grund warum man diese nicht weiter gehört hat.
  • Alben, die ganz oder zumindest etwas länger gehört werden, sollten wie bei den Favoriten vorsichtig in die Vorschläge eingehen, aber nicht das ganze Angebot umwerfen.
  • Man sollte die Möglichkeit haben Alben aus den Vorschlägen zu entfernen. Das sollte dann in die Musikauswahl einfließen. Ich denke, das ist eine sehr wichtige Funktion.
  • Die App zeigt bei den Vorschlägen beim Stöbern immer an auf welcher Basis, also welchem meiner zuvor gehörten Interpreten, ein Album ausgewählt wurde. Das hilft sehr bei der Entscheidung, ob man reinhören möchte oder nicht. Leider ist diese Funktion bei der Desktop-Version nicht vorhanden. Es sollte da keine Unterschiede geben. Besonders wenn eine Funktion so nützlich ist.
  • Vielleicht sollte es die Möglichkeit geben die gesamte Vorschlagsliste mit einer Bewertung zu versehen. „Heute hat es mir gut gefallen“ oder eben nicht, wäre eine nette Funktion. So könnte der Assistent weiter lernen.

Ich denke, dass man Assistenten, die etwas auf Basis des Nutzerverhalten vorschlagen, heutzutage nur bedingt sich selbst überlassen kann. Es fehlt wohl noch ein wenig Intelligenz, die ja bald kommen soll. Man benötigt zurzeit eben noch Hilfe durch die Benutzer.

Neue Angewohnheiten der Nutzer sollten nur zaghaft in das Vorschlagswesen eingehen. Auf keinen Fall sollte man ungefragt neue Funktionen einführen, die möglicherweise alles auf den Kopf stellen. Sicherlich ist es dabei gut den Nutzer nicht zu übergehen. Die Bedürfnisse sind einfach zu unterschiedlich. Man kann so viele Nutzer nicht über einen Kamm scheren.

Portraitfoto: Joachim Lindner

Joachim Lindner

Berater für Online-Kommunikation und Social Media

J. Lindner Consulting

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