mHealth Apps: Die Zukunft der Medizin? – Teil 2

In ein paar Wochen wird Apple iOS 8 mit dem neuen Entwickler-Framework HealthKit veröffentlichen. Noch ist nicht bis ins Detail bekannt, was HealthKit kann. Klar ist, dass es Daten sammeln und verwalten, und als Schnittstelle zwischen anderen Gesundheits-Apps, Wearables und der Apple-eigenen App Health dienen soll. Willigt der Nutzer ein, so kann jede App spezifische Informationen anderer Apps nutzen.
Das Besondere ist, dass Apple die gesammelten Daten zentralisiert aufbereitet und dem Nutzer als persönliches Gesundheitsprofil zur Verfügung stellt. Bei Bedarf können dann künftig automatisch Daten an z. B. Kliniken oder andere medizinische Institute weiterkommuniziert werden, so dass Ärzte eine bestmögliche Gesundheitsberatung und –versorgung bieten können – und damit vielleicht Leben retten. Herstellern von Wearables und Sensoren wird ermöglicht, ihre Daten mit Apps zu teilen und App-Entwickler können diese Nutzen, um ihre Apps zu optimieren und den Nutzern eine besser User Experience zu bieten. Mit Hilfe von Apple’s Healthkit (als auch Google’s Google Fit) können Fitness-Apps so in ein völlig neues Ökosystem eingebettet werden.

Abb. 1: Apple Health (apple.de)

Abb. 1: Apple Health (apple.de)

Meine Daten, deine Daten

Fitness- und Ernährungsdaten, aber auch andere Vitaldaten wie z. B. Blutzucker oder Blutdruck, bekommen dadurch in Zukunft eine völlig neue Bedeutung und unser Verständnis von Gesundheit wird sich verändern. Anstatt einiger, teilweise unzusammenhängender Testresultate, werden Gesundheitsdaten aggregiert und jeden Tag passiv generiert. Diese Daten fließen zwischen Apps, dem Nutzer und ggf. weiteren anderen Empfängern hin und her. Es entstehen Muster und diese können wenn gewünscht genutzt werden, um Warnungen zu triggern, die eigene Fitness und Gesundheit zu managen, oder auch einfach nur, um das persönliche Interesse an diesen Daten zu befriedigen. Dies könnte auf Dauer das Gesundheitssystem entlasten und Kosten einsparen, dem einzelnen Menschen, aber auch aufgrund ihrer Position als Eigentümer dieser Gesundheitsdateninformationen mehr Kontrolle darüber geben, wer Zugang zu welchen dieser Daten bekommt.

Voraussetzungen für eine Zukunft des mobilen Gesundheitswesens

Um wirklich nutzbare und bedeutsame Erlebnisse zu schaffen, müssen wir einige Dinge beachten:
Die Daten müssen erst einmal erfasst und verarbeitet werden. Dies geschieht nun immer häufiger durch tragbare Technologien in Verbindung mit dedizierten Apps. Um das Potential von mHealth jedoch ganz auszuschöpfen, ist es notwendig, dass zukünftig unterschiedlichste Apps und Systeme untereinander kommunizieren können. Dafür müssen Schnittstellen geschaffen werden. Apple und Google bereiten mit ihren Frameworks hier den Weg.

Die entstandenen Daten müssen dann so aufbereitet werden, dass sie nicht nur gut aussehen, sondern vor allem auch von den Personen, die die Daten nutzen möchten, benutzt und verstanden werden können. Stellen wir uns z. B. vor, dass ein Patient seinem Hausarzt die Herzfrequenzdaten der letzten drei Wochen schicken möchte. So müssen diese einerseits so aufbereitet und präsentiert sein, dass der Patient diese versteht und vor allem erkennt, dass etwas nicht in Ordnung ist und so aktiv werden kann. Andererseits ist es aber auch wichtig, dass der Arzt nicht mit für ihn unnötigen Informationen überhäuft wird. Die Präsentation der Informationen wird hier eine andere sein. App- und Hardwarehersteller müssen sich ihrer unterschiedlichen Zielgruppen besonders bewusst sein. Informationsdarstellung und die Interaktion mit diesen, spielt hier also eine primäre Rolle.

Jetzt haben wir schön aufbereitete Daten, die der Patient sogar versteht und sein Hausarzt schnell interpretieren kann. Die Herzfrequenzdaten zeigen, dass etwas nicht in Ordnung ist und die Blutwerte die der Patient mit z. B. seiner iWatch (bisher nur ein Gerücht – wir stellen uns hier ja die Zukunft vor) gemessen hat, sind auch nicht okay. Jetzt wollen wir einen Schritt weitergehen: Die Daten sollen an eine andere medizinische Einrichtung geschickt werden. Sie müssen also so genutzt werden können, dass eine Kommunikation und Kollaboration zwischen dem Dateninhaber und anderen möglich ist: Im Idealfall läuft es so, dass z. B. Kliniken die Daten interpretieren und Informationen an den Hausarzt weitergeben können, oder sie beraten den Patienten direkt aus der Ferne.

Dieses Thema stellt alle Stakeholder vor große Hürden. Datenschutz spielt dabei die größte Rolle, aber auch die kaum vorhandene Interoperabilität der unterschiedlichsten Systeme im Gesundheitsbereich ist noch eine Nuss, die geknackt werden muss. So ist es nicht unüblich, dass nicht einmal die Systeme in einer Klinik miteinander kommunizieren, geschweige denn Daten aus einem externen System aufnehmen und verarbeiten können. Außerdem sind es Ärzte gewohnt Informationen mit Stift und Papier zu dokumentieren. Auch wenn einige Kliniken Pilotprojekte gestartet haben, so sind viele Ärzte noch lange nicht bereit sich digital umzuorientieren. Dies liegt einerseits an der Gewohnheit und Liebe der Ärzte zum Analogen, andererseits am fehlenden Vertrauen in die Technik und schlechten Erfahrungen mit nicht zusammenarbeitenden Kliniksystemen.

Herausforderungen der Zukunft

mHealth wird in der Zukunft nicht mehr nur beschränkt sein auf einzelne Apps, die ggf. mit einer bestimmten Hardware kommunizieren. Vielmehr wird es viele Systeme und viele unterschiedliche Nutzergruppen geben, die untereinander kommunizieren und Daten austauschen. Der Gesundheitsbereich ist jedoch ein sehr konservativer Sektor und hinkt an vielen Ecken anderen Bereichen hinterher. Für Hersteller von Apps ist es dabei wichtig zu verstehen, dass es rechtliche Abgrenzungen zwischen „Lifestyle App“ und „Medical App“ gibt. Diese müssen gekannt und deklariert werden. Aber wann ist eine App ein Medizinprodukt und wenn es dies ist, was muss erfüllt sein, um als Medizinprodukt genutzt werden zu dürfen? Was passiert, wenn ein neues Betriebssystem auf das Smartphone geladen wird – verliert die App dann automatisch ihren Status als zertifiziertes Medizinprodukt?
Um das volle Potential von mHealth ausschöpfen zu können, ist es deshalb wichtig, dass Standards entwickelt werden, die bestimmten Richtlinien gerecht werden. Apple entwickelt das HealthKit in Kooperation mit einer Reihe von US-Kliniken (z. B. der Mayo Klinik) und medizinischen Instituten und könnte vielleicht dabei helfen, diese Standards zu definieren.

Gerade auf diesen Artikel gestoßen und an mehr Informationen interessiert? Dann lesen Sie doch mHealth Apps: Die Zukunft der Medizin? – Teil 1.

Portraitfoto: Jumana Al Issawi

Jumana Al Issawi

Senior Consultant

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