Neues aus dem UX Lab: Morae, Desirability & Interviewer-Tipps

UX_Lab_eResult_kleinSeit August 2014 verantworte ich das Produktmanagement qualitative Analysen bei eResult. Grund genug ab sofort alle 2 Monate über methodische Highlights aus dem UX Lab von Kollegen rund um den Globus als auch von eigenen Verbesserungen & Learnings zu berichten.

Starten möchte ich heute mit einer charmanten Alternative zu Morae, einem spannenden Toolkit von Susan Mercer die „Begehrtheit“ eines Produktes neben der reinen Usability zu erfragen, sowie 3 hands-on Tipps zur Verbesserung Ihrer Interviewer-Fähigkeiten aus dem Hause der Nielsen Norman Group.

Open Broadcaster Software als HD-Alternative zu Morae

Bislang war für uns bei eResult, die Usability-Test-Software von Morae aus dem Hause Techsmith das Nonplus-Ultra für die Aufzeichnung & Übertragung im User Experience Lab – ganz gleich ob stationär oder mobil beim Kunden vor Ort.

In letzter Zeit hat es uns aber gewurmt, dass u.a. ein HD-Recording immer noch nicht möglich ist, dass das Programm gefühlt immer instabiler wird, das Schneiden von Highlight-Videos geprägt ist von Abstürzen, und der deutsche Support nur noch per Email zu erreichen ist.

Zeit, uns etwas Neues zu suchen – keine riesige Software Lösung ala Mangold oder Noldus – sondern ein kostengünstiges, effektives Tool für folgende Anforderungen:
Audio- & Videoaufzeichnungen mit bis zu 4 Quellen (z.B. Screen, Webcam, Dokumentenkamera, …) in einem gängigen und direkt editierbaren Videoformat

  • HD-Qualität
  • Arrangement der einzelnen Videoquellen (Multiple-PiP; Definition verschiedener Szenen)
  • Performante Live-Streamingmöglichkeit (besonders für internationales Testing relevant)
  • Parallel: Übertragungsmöglichkeit in den Nebenraum per lokalem Netzwerk (oder Videosplitter)

Bei der Toolrecherche ist uns dabei die kostenfreie Open Broadcaster Software sehr positiv aufgefallen. Hierbei ist anzumerken, dass diese Tool eigentlich für den Online-Gaming-Bereich gedacht ist und weder eine integrierte Videoschnitt-Lösung bietet noch die in Morae integrierten, umfangreichen Features zur Messung von Metriken, zum Hervorheben von Maus- und Tastaturaktionen und Einbinden von Fragen am Ende von Szenarien. Da diese nur in jedem dritten Kundenprojekt zum Einsatz kommen bzw. auch anders erhoben werden können, war dies kein No-Go für uns.

Auf den ersten Blick erscheint die Bedienung des umfangreichen Tools recht komplex, nach etwas Einarbeitung findet man sich aber gut zurecht. Bei der Auswahl eines Streaming-Anbieters haben wir uns in der Pilotphase für www.ustream.tv entschieden.

Letztendlich benötigen Sie nur ein performantes Notebook und schon kann das Setup für den nächsten Usability-Test, den Sie sowohl aufzeichnen als auch in HD-Qualität zum Kunden ins Büro streamen können, in wenigen Minuten erfolgen.

Gerne berichte ich die kommenden Monate über weitere Erfahrungen.

Desirability Testing als sinnvolle Ergänzung bei Usability Tests

Der Vortrag von Susan Mercer auf der UXPA14 ist eines meiner persönliches Highlight von der internationalen Veranstaltung, die im Juli 2014 in London stattfand.

Um nicht nur die „Spitze des Eisbergs“ im Rahmen von Usability-Tests zu erforschen (z.B. über offene Fragen), schlägt Sie ein effektives, ergänzendes Methodenset vor:

  • Sentence Completion
  • Product Reaction Cards
  • Product Reaction Dyads
  • (Photo Selection)

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Hey, die ollen Product Reaction Cards von Microsoft sind ja wohl nicht neu!“ Stimmt, die gibt’s in der ursprünglichen Form schon seit 2002 (siehe: Measuring Desirability: New Methods for Evaluating Desirability in a Usability Lab Setting). Susan hat sie aber aus meiner Sicht sehr sinnvoll optimiert; das bestätigen auch unsere ersten beiden Testläufe im Rahmen von Kundenprojekten.

Wen das Thema weiter interessiert, dem sei noch folgender Artikel zu empfehlen: Emotional response cards: a simple user research tool. Viel Spaß beim Karten erstellen und ausdrucken. Es lohnt sich!

Auch mit der sog. Sentence Completion haben wir im Rahmen des abschließenden Interviews gute Erfahrungen machen können. Besonders männlichen Probanden hilft es beim Ausdrücken Ihrer Gefühle / Erfahrungen mit dem Testobjekt 😉

Die Product Reaction Dyads kommen bei uns bereits seit Jahren unter dem Begriff Polaritätenprofile zum Einsatz. Einzig und alleine mit der Photo Selection können wir bei unseren UX Studien recht wenig anfangen. Aber man muss ja auch nicht jedem Trend hinterherlaufen.

Echo, Boomerang, Columbo! Verbessern Sie Ihre Interviewer-Skills

Kara Pernice, Managing Director bei der Nielsen Norman Group, stellt in Ihrem Artikel Talking with Participants During a Usability Test 3 effektive Techniken vor, um Probanden im Rahmen qualitativer Interviews / Usability-Tests angemessen zu unterbrechen bzw. Feedback zu geben.

  • Echo: der Moderator wiederholt die letzten Worte des Probanden mit einem leicht fragenden Unterton.
  • Boomerang: offene, allgemeine Gegenfrage.
  • Columbo: Machen Sie es wie Peter Falk, stellen Sie nur einen Teil der Frage und lassen Sie den Rest ‚verklingen‘. Bzw. stellen Sie sich bewusst einmal blöde und vergesslich, das aktiviert tatsächlich einen Großteil der Probanden.

Zudem gibt Kara eine kurze Entscheidungshilfe, in welchen Situationen man den Nutzer unterbrechen oder lieber schweigen sollte:

  1. Überlegen Sie, ob es wirklich eine echte Frage des Probanden war, die Sie beantworten sollten, oder ob es eine rhetorische Frage bzw. Lautens Denken war.
  2. Prüfen Sie, ob der Kommentar des Probanden ausreichend für Sie ist, um daraus eine Erkenntnis abzuleiten.
  3. Wägen Sie ab, inwiefern ein Unterbrechen / Nachhaken Ihnen wirklich einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bringt oder ob es nicht bereits ausreicht den Probanden (Gestik & Mimik, Verhalten, Interaktion mit dem Testobjekt, Lautes Denken) zu beobachten.
  4. Im Zweifel schweigen Sie am besten und zählen in Gedanken bis 10. Hat sich der Zweifel nicht von selbst erledigt: Echo, Boomerang oder Columbo!

Kara Pernice liefert in Ihrem Artikel übrigens Audio-Beispiele. Reinhören lohnt sich!

Viele Grüße aus dem eResult UX Lab,
Martin Beschnitt

Portraitfoto: Martin Beschnitt

Martin Beschnitt

Geschäftsführender Gesellschafter

eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 144

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