Reale Personendaten in Usability-Tests – das gilt es zu beachten!

Analyse von realen Personendaten

Quelle: robu_s/fotolia

Die Relevanz bestimmter Funktionen und Produkte erschließt sich häufig erst im Kontext – sozusagen im Test unter realen Bedingungen. Um auch während der Entwicklung schon eine valide und generalisierbare Aussage über die spätere Nutzung und den zu generierenden Wert treffen zu können, sollten die realen Bedingungen soweit wie möglich in einem UX-Test nachgestellt werden. Dies gelingt mit realen Personendaten. Wann dies sinnvoll ist und wann nicht – verraten wir Ihnen hier!

Was sind überhaupt reale Daten?

Hier gibt es – je nach dem in welchem Blog man liest – ein unterschiedliches Verständnis. Molly Wolfberg auf uxsisters.com meint dazu: „Anything that makes the mockup relevant to the user is real data“. Dies fängt schon beim Content – dem tatsächlichen Inhalt an. “Lorem Ipsum”-Texte verschleiern den tatsächlichen Inhalt. Die Probanden sind im Usability Test mehr damit beschäftigt, sich Inhalt auszudenken. Wolfberg bezieht dies auch auf Icons, z. B. eine Verlinkung zu Social Media-Seiten: „They will understand the context better seeing the icon to their Twitter account instead of a fake one or blank avatar“. Je genauer man demnach die Interaktion des Probanden mit dem zu untersuchenden Objekt evaluieren möchte, desto näher müssen die bereitgestellten Inhalte an seiner tatsächlichen Situation sein, bis hin zu tatsächlichen Daten für ein Nutzerkonto: „It’s not the same to use something like askdjhakjsdhkash than to use Beverly Hills, Los Angeles, CA“ (Davin, stackexchange.com).



Wir sehen also: Die Bandbreite reicht von Inhalten / Texten über realistisch wirkende, aber nachgeahmte Daten („Fake“- oder Testdatensätze), bis hin zur Verwendung der tatsächlichen, realen Daten der eingeladenen Probanden im Nutzertest.
Im Kontext dieses Beitrags handelt es sich um die höchste Stufe – die Verwendung personenbezogener, realer Daten wie etwa E-Mailadresse oder Kreditkartennummern der eingeladenen Probanden. Weiterhin bezeichnen wir Testdaten als Informationen, welche realistisch wirken, aber nicht auf eine spezielle Person zutreffen. Wir ahmen die Realität damit nach. Inhaltslose Fülltexte und Grafiken schließen wir im Kontext dieses Beitrages zunächst einmal aus.

Vorteile realer Daten

Die Nutzung realer Daten in UX-Tests bietet enorme Vorteile. Setzen sie doch das zu untersuchende Objekt in einen für jede Testperson verständlichen und inhaltlichen Kontext. Schon die Grundlagenforschung zeigt, dass reale Daten sowohl die Gedächtnisleistung als auch das Involvement der Probanden erhöhen:

  • Familiarity / novelty of content (Tulving, Markowitsch, Craik, Habib, & Houle, 1996): Die Forscher entdeckten unterschiedliche Aktivierungsmuster im Gehirn für neue bzw. bekannte Informationen, welche den Probanden vorgelegt wurden. Es sind damit unterschiedliche Gehirnareale für den Aufbau neuer Informationen bzw. das Widererkennen bekannter Informationen zuständig. Auch dieser Effekt zeigt, dass unbekannte Testdaten das Gedächtnis „negativ“ beeinflussen können: Ist sowohl das Testobjekt als auch die verwendeten Daten für den Probanden neu, muss er beides erst verarbeiten – und zwar mit der Gesamtkapazität für neue Inhalte. Sind die Nutzerdaten dagegen schon bekannt, weil es seine eigenen sind, wird hierdurch Kapazität für die Verarbeitung neuer Inhalte frei.
  • Self-referencing effect (Greenwald & Banaji, 1989): Der Effekt, sich besser an Informationen zu erinnern, wenn sie sich auf die eigene Person beziehen. Informationen, die sich auf die Person selbst beziehen, können zum einen schneller verarbeitet werden. Zum anderen können Sie zu einem späteren Zeitpunkt einfacher und schneller wieder abgerufen werden. Unser Gedächtnis wird dadurch verbessert bzw. entlastet. Nutzer können sich also im Testverlauf besser an Details erinnern und diese reflektieren, wenn diese direkt mit ihren eigenen Daten verknüpft sind. Ist dies nicht gegeben, muss der Proband mehr Kapazität in das Abspeichern der Testdaten setzen. Diese Kapazität bleibt also blockiert und verringert dadurch die Fähigkeit des Probanden, genauso effektiv und effizient durch einen Use Case zu gehen, wie sie es mit ihren eigenen Daten tun würde.
  • Personal involvement using your own data (Thomsen, Borgida, & Levine, 1995): Die Studie zeigt, dass reale Nutzerdaten die Probanden im Test stärker dazu motivieren, am Test teilzunehmen und einen eigenen Beitrag zu leisten. Das eigene Involvement nimmt deutlich zu. So zeigte sich in einigen Usability Tests, dass dieses Involvement zu deutlich sorgfältigeren und ergiebigeren Resultaten führt als in Untersuchungen mit Testdaten.

Neben der Forschung zeigen sich natürlich auch noch methodische Vorteile, welche die Verwendung realer Nutzerdaten in UX-Tests mit sich bringt:

  • Gesteigerte ökologische Validität (höhere Generalisierbarkeit): Durch die Verwendung von realen Daten erhöht sich die Generalisierbarkeit der Ergebnisse über die Testsituation hinaus deutlich.
  • Tiefergehende Erkenntnisse, da auch Grenzfälle mit getestet werden. Es wird nicht nur der Standardnutzer, für den der User Journey entworfen wurde, getestet. Reale Daten liefern eine deutlich größere Varianz in der Eingabe und Nutzung des Testgegenstandes.

Regeln für die Verwendung realer Nutzerdaten

Wie man sich vorstellen kann, birgt ein Nutzertest mit den realen Daten der jeweiligen Person einige Stolpersteine, die man möglichst beachten sollte:

  • Bereits bei der Rekrutierung sollte darauf geachtet werden, dass die Probanden darüber aufgeklärt werden. Hier ist es essentiell, dass die Testteilnehmer ganz genau wissen, welche Daten für was benötigt werden. Wird z. B. die Kreditkarte genutzt, um damit etwas einzukaufen?
      o Die Teilnehmer müssen explizit der Verwendung ihrer Daten zustimmen!
  • Datenschutz! Den Teilnehmern muss die Sicherheit geboten werden, dass nichts passieren kann:
      o Das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) muss unter allen Umständen eingehalten werden. eresult als etablierter Marktforscher in Sachen User Experience hat eine eigene Datenschutzbeauftragte und –verantwortliche, die sich ausschließlich um dieses Thema kümmert.
      o Die Daten dürfen in personenbezogener Form nicht an Dritte weitergegeben werden. Dies bedeutet, der Auftraggeber darf keine Möglichkeit haben, auf die Identität der Probanden Rückschlüsse zu ziehen (Kritisch bei einer Live-Beobachtung, kein Streaming, in Highlight-Videos verpixeln, etc.).
      o Den Browsercache sowie Cookies noch in der Anwesenheit der Testteilnehmer leeren bzw. löschen.
      o Es darf kein „wirtschaftlicher Schaden“ entstehen. Eventuelle Abbuchungen sollten rückerstattet (oder direkt nach Testende wieder storniert) werden.
  • Es muss sichergestellt werden, dass die Probanden nicht nur der Verwendung zustimmen, sondern die Daten auch mitbringen (z. B. Fahrzeugschein, Kreditkarte, etc.).
      o Hier ist es sinnvoll (siehe nächster Abschnitt Testdaten), auch eine Backup-Lösung bereit zu halten. Vergessen ist menschlich und passiert auch den bestorganisiertesten Personen.
      o Auch kann es passieren, dass die Probanden ihr Einverständnis widerrufen. Dies ist nur legitim. Auch für diesen Fall ist eine Backup-Lösung mit Testdaten immer noch besser, als das gesamte Interview abzusagen. Bspw. kann statt der eigenen Kreditkarte eine Gutscheinkarte bereitgestellt werden. So muss der Proband die eigenen Daten nicht eingeben und kann den Check-out trotzdem abschließen.

Auch Testdaten haben eine Berechtigung!

Sind reale Nutzerdaten wirklich immer notwendig? Nein! Das Testen mit realen Daten ist zeitaufwändig und manchmal auch gar nicht umsetzbar. Man muss jetzt kein schlechtes Gewissen haben, wenn man nicht ständig mit realen Daten testet. Wir bei eresult machen dies auch nicht immer! Denn manchmal ist es auch gar nicht notwendig, reale Daten zu verwenden. Hier einige Tipps, wann auch Testdaten sinnvoll sind:

  • Abhängig von der Fragestellung ist es eine Fallentscheidung: Sind reale Daten nur für den Zugang und nicht für die dahinterliegenden Informationen notwendig, weil diese universell ausgespielt werden, aber eben nur im Login-Bereich, genügen hier u.U. auch Test-Login-Daten.
  • Bei der Verwendung von Testdaten generiert man Ergebnisse, die auf der gleichen Datenbasis beruhen. Möchte man statistische Auswertungen durchführen, ist dies essentiell.
  • Abhängigkeit des Involvements von den realen Daten: Welchen Bezug stellen reale Nutzerdaten zum Testobjekt her? Ist dieser eher gering, kann auf Testdaten zurückgegriffen werden.

Regeln für die Verwendung von Testdaten

Nicht nur bei der Verwendung von realen, personenbezogenen Daten, sondern auch bei der Verwendung von Testdaten sollten ein paar Dinge bedacht werden:

  • Künstliche, aber realistische Werte. Weichen die Testdaten zu stark ab oder ergeben in sich kein homogenes Bild, wirkt sich dies sehr stark auf die Use Cases auf. Probanden straucheln dann immer wieder mit den unrealistischen Testdaten – der Erkenntnisgewinn reduziert sich erheblich. Dies ist sowohl für die Probanden als auch die Entwickler relevant!
  • Keine lustigen Daten verwenden! Dies lenkt zu stark vom eigentlichen Inhalt der Aufgabenstellung ab.
  • Darauf achten, wie die Daten bereitgestellt werden. Die HSN/TSN auf dem Fahrzeugschein ist z. B. nicht direkt beschriftet. Am besten bildet man solche Dokumente nach (wie z. B. auch Kreditkarten; hier reicht jedoch die Kopie einer Kreditkarte).
  • Wird auf einem Live-System getestet, ist es möglich, dass man mehrere E-Mail-Adressen für die Registrierung braucht. Es ist notwendig, die Systemvoraussetzungen und damit die Anforderungen an die Testdaten im Vorfeld zu kennen!

Hilfe bei der Generierung von Testdaten? Für die USA gibt es schon Tools, um automatisch Testdatensätze (ganze Datenbanken) zu generieren. Diese können z. B. über sogenannte „Data mocking libraries“ in ein System eingebunden werden. Für Testzwecke wird dann auf diese Datenbank, welche z. B. im Cache verankert wird, zugegriffen.

Lesetipp: Jeff Sauro gibt in einem Blogbeitrag praktische Tipps, wie man Testdaten in einen Usability Test sinnvoll integrieren kann. Hier geht es also um die konkrete Umsetzung innerhalb der Methodik des Usability Tests mit Testdaten!

Portraitfoto: Melanie Jotz

Melanie Jotz

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

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