Smartwatch UX: AllTheCooks für Android Wear als Good Practice für Apps

smartwatch-ux-allthecooksIn meinem Forschungsbeitrag zum Thema App-Entwicklung für Smartwatches habe ich vor Kurzem auch einige vielversprechende Anwendungsszenarien aufgezeigt – darunter auch „Kochen“. Dieser Use Case bietet die Möglichkeit, die Vorteile einer Smartwatch sinnvoll zu nutzen: Hands-free, kontextualisiert und mit kurzen Interaktionsabschnitten entlang eines klaren Prozesses. Tatsächlich gibt es schon eine App, die viele meiner Vorschläge bereits umsetzt. Sie heißt AllTheCooks und erinnert von der Idee her sehr an das deutsche Chefkoch. Heute werde ich diese Smartwatch-App genauer analysieren und aufzeigen, was man daraus fürs App-Design lernen kann.

Einkaufen und Kochen mit Smartwatch-Apps

Warum ist gerade dieses Anwendungsfeld interessant für Smartwatches? – Weil es sehr viel Nutzen aus zwei wichtigen Merkmalen von Smartwatches ziehen kann:

  • Kontextualisierung: Da eine Smartwatch immer nur eine Drehung des Handgelenks entfernt ist, kann sie sehr gut auf Ereignisse und den Kontext in der realen Welt reagieren. So können Informationen und Interaktionen immer genau dann angeboten werden, wenn sie gerade relevant sind. Deshalb sind Smartwatches besonders gut anwendbar, um Nutzer durch Prozesse zu führen, die nicht komplett an einem Stück, sondern nach und nach, mit größeren Pausen und in einzelnen, kurzen Schritten absolviert werden. Genau dies ist sowohl beim Einkaufen und beim Kochen der Fall.
  • Hands-free: Im Gegensatz zu einem Smartphone kann das Display einer Smartwatch auch betrachtet werden, während der Nutzer schon beide Hände verwendet. Das Gerät kann somit nebenbei in vielen Situationen verwendet werden, in denen ein Smartphone unhandlich wäre – etwa im Supermarkt oder am Herd.

Die Android Wear App AllTheCooks

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AllTheCooks ist eine Art Online-Community für Kochrezepte, ähnlich dem deutschen Chefkoch. Dort ist es möglich, Rezepte anderer Nutzer zu finden und auch eigene einzustellen. Zudem gibt es eine Einkaufsliste und einen Wochenplaner für Mahlzeiten. Unterstützt werden eine Reihe von Devices:

  • Desktop (WIndows App, Website)
  • Tablets (iOS, Android)
  • Smartphones  (iOS, Android, Windows Phone)
  • Smartwatches (Android Wear – zur Apple Watch konnte ich nichts finden)

Während auf allen anderen Plattformen der gesamte Featurepalette bereitgestellt wird, ist die Smartwatch-App auf nur zwei vergleichsweise schmale Szenarien ausgelegt:

  1. Zutaten auf einer zuvor erstellten Einkaufsliste können abgehakt werden
  2. Während des Kochens kann ein auf dem Smartphone gewähltes Rezept Schritt für Schritt angezeigt werden

Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, den Scope einer Smartwatch-Anwendung richtig festzulegen. Mit mehr und mehr Features wäre eine App schnell überladen. Die Auswahl von AllTheCooks ist meiner Meinung nach sehr intelligent getroffen. Komplizierte und langwierigere Szenarien wie das Finden oder Einstellen eines Rezeptes werden bewusst ignoriert und statt dessen nur die beiden umgesetzt, bei denen eine Smartwatch glänzen kann.

Szenario 1: Zutaten einkaufen

Das Zusammenstellen der Einkaufsliste läuft nur über eine andere Plattform, etwa die Smartphone-App. Dort kann man die Zutaten eines Rezeptes direkt in die Einkaufsliste übertragen sowie auch eigene Zutaten manuell hinzufügen.

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Um die Einkaufsliste dann auf der Smartwatch anzuzeigen, muss die AllTheCooks-App gestartet werden. Das geht inzwischen bei Android-Wear über den neuen App-Drawer. Dann wird sofort die Einkaufsliste angezeigt: Vertikal scrollbar, unterteilt nach Art der Zutat und mit Checkboxen zum Abhaken.

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Auch hier zeigt sich die Reduktion der App auf das Wesentliche. Es gibt keine Möglichkeit, die Einkaufsliste an dieser Stelle noch zu bearbeiten, sondern nur das Abhaken der schon gekauften Zutaten ist möglich.

Szenario 2: Gericht kochen

Auch die Auswahl des Rezeptes, das man kochen möchte, funktioniert nicht über die Smartwatch, sondern über das verbundene Smartphone. Für die Übertragung auf die Uhr gibt es im Prinzip zwei Wege:

  • Automatisch per Karte: Wenn man ein Rezept auf dem Smartphone öffnet, dann erscheint automatisch eine entsprechende Karte im Stream auf der Smartwatch. Wie üblich zeigt ein Swipe nach links die dazugehörigen Aktionen, über die das Rezept dann aufgerufen werden kann. Diese Möglichkeit des automatisierten Synchronisierens mit der Smartwatch ist sehr elegant, da der Nutzer im Normalfall gar nichts lernen muss.

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  • Manuell via Share-Funktion: Die Alternative, wenn man die automatisch generierte Karte auf der Smartwatch etwa nicht bemerkt (so wie ich zunächst), ist die manuelle Übertragung vom Smartphone. Diese ist leider sehr versteckt und ich musste sie einige Zeit suchen: Hinter dem Share-Button in der Menüleiste verbergen sich nicht nur übliche Funktionen wie Facebook und E-Mail, sondern auch „Send to watch“. Darüber wird das Rezept dann sofort auf der Smartwatch angezeigt.

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Was mich wundert: Wenn man die App über den App-Drawer startet, kommt man wie zuvor erläutert zu der Einkaufsliste. Das gerade auf dem Smartphone zu sehende Rezept kann darüber aber nicht abgerufen werden. Dieser Weg wäre aus meiner Sicht ein logischer dritter, den ich auch selber ohne Erfolg probiert hatte.

Ist das Rezept erst einmal auf der Smartwatch aufgerufen, unterstützt die App sehr schön beim Kochen: Zunächst gibt es die Zutatenliste und dann per Swipe-Navigation jeweils die einzelnen Schritte des Rezeptes zu sehen.

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Die Navigation durch die Schritte per Smartwatch wird dabei automatisch synchronisiert mit dem angeschlossenen Device (Smartphone bzw. wahrscheinlich auch Tablet). Die Ansicht springt auch dort automatisch zum gleichen Schritt. Dies ist ein intelligentes Detail, welches ich besonders spannend finde für Leute, die vielleicht zusätzlich noch ihr Tablet in der Küche haben, um das Rezept in etwas größer zu sehen. Sie können dann darauf mit Hilfe der Smartwatch navigieren.

Was mich noch etwas stört: Beim Kochen hat man meist keine sauberen Hände, so dass das Swipen auf der Smartwatch, um zum nächsten Schritt zu gelangen, nicht besonders elegant ist. Hier wäre eine andere Art der Navigation sehr hilfreich:

  • Voice: Mit einfachen Sprachkommandos wie „Weiter“ und „Zurück“ wäre das Kochen komplett ohne Einsatz der Hände möglich.
  • Wrist Gestures: Die Steuerung per Drehen des Handgelenks wäre hier ebenfalls elegant. Leider bietet Android Wear wohl noch keine API für die Integration von Wrist Gestures in Apps, aber in Zukunft könnte das eine interessante Möglichkeit sein.

Learnings für das Smartwatch-App-Design

Insgesamt finde ich die AllTheCooks-App für Android Wear schon sehr gelungen. Ein paar Details könnten sicher noch verbessert werden, aber sie kann sicherlich als Good Practice für die App-Konzeption dienen.

Folgende Aspekte kann man ableiten:

  • Funktionsumfang auf das Wesentliche reduzieren: Die Szenarien müssen auf der Smartwatch sinnvoll sein und die Eigenschaften der Devices ausnutzen. Dazu ist sowohl eine gute Kenntnis der entsprechenden Smartwatch-Plattform als auch User Research notwendig – um zu verstehen, wie die Nutzer eigentlich vorgehen und wo die App helfen kann.
  • Handoff vom Smartphone intelligent gestalten: Der Übergang vom einen auf das andere Device muss gut durchdacht werden. Automatisiert per Karte im Stream ist sinnvoll, aber auch manuell sollte möglich sein. Dies kann sowohl ausgehend vom Smartphone erfolgen (wobei die Funktion sinnvoll und zugänglich platziert werden sollte) als auch von der Smartwatch per App-Drawer.
  • Hands-free-Nutzung ermöglichen: Gerade bei Anwendungsfällen, in denen die Nutzung des Touchscreens nur bedingt möglich ist, muss über alternative Navigationsmechanismen nachgedacht werden. Besonders die Sprachsteuerung ist eine gute Möglichkeit (dabei aber den sozialen Kontext beachten), aber zukünftig könnten auch die Wrist Gestures relevant werden.

Was sind Ihre Erfahrungen mit dieser oder einer ähnlichen App? Bietet Chefkoch eigentlich auch schon Smartwatch-Unterstützung und wie gut ist diese umgesetzt? Über Erfahrungsberichte in den Kommentaren würde ich mich freuen.

Portraitfoto: Jan Pohlmann

Jan Pohlmann

UX Designer

BMW AG

Bisher veröffentlichte Beiträge: 60

Ein Kommentar

  • Ben

    Hallo Jan,

    danke für den spannenden Artikel. Ich gebe Dir Recht, dass es wichtig ist die Watches nicht mit Features zu überfrachten.
    Wir haben bei Chefkoch bisher nur für die iOS App eine Smartwatch Integration. Diese beinhaltet ebenfalls die Einkaufsliste sowie als Glance das Rezept des Tages. Die Umsetzung der Schritt für Schritt Anleitungen für die Watches werden wir für die späteren Ausbaustufe evaluieren.

    Viele Grüße aus der Chefkoch App-Küche
    Ben

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