„Technik soll unterstützen und Dinge abnehmen!“ – AAL Produkte im Praxistest

Es gibt sie schon und es wird sie immer mehr geben: Haustechnik für Senioren, die genau da unterstützt, wo Hilfe benötigt wird. Genannt wird dieser Bereich AAL, die Abkürzung für Ambient Assisted Living (zu Deutsch: Alltagstaugliche Assistenzlösungen). In vorherigen Beiträgen hatte ich schon kurz erklärt was AAL ist und welche Chancen und Herausforderungen dieser neue Trend birgt.
Anton Zahneisen, der beruflich schon seit über 10 Jahren mit dem Thema AAL zu tun hatte, bedauerte es schon immer, dass AAL-Produkte und derartige technische Neuerungen nur in Showrooms gezeigt werden, nicht aber in einem erlebbaren Umfeld. Also ließ er ein altersgerechtes Haus bauen und mit den neuesten technischen AAL-Produkten ausstatten – und zog selbst mit seiner Frau ein. Nun lebt er schon seit fünf Jahren in dem AAL-Musterhaus SOPHIA in Bamberg. Dieses ist ein modulares Fertigbauelement von der SmartHouse GmbH und mit verschiedenster AAL- und SmartHome-Technik bestückt. Herr Zahneisen stand mir als Interviewpartner mit Langzeit-AAL-Erfahrung Rede und Antwort.

Herr Zahneisen, können Sie mir sagen, welche Technik bei Ihnen im SOPHIA Musterhaus verbaut ist?

Interviewpartner Anton Zahneisen war bis vor einem Jahr noch Geschäftsführer der SOPHIA GmbH.

Das Haus ist mit automatischen Jalousien, einem Staubsaugroboter und einem Mähroboter für den Garten ausgestattet. Rauchmelder und eine automatische Herdabschaltung sorgen für Brandschutz. Eine Alarmanlage und Sensoren an Fenster und Türen sichern das Haus nach außen hin ab und schlagen notfalls Alarm. Ein „Panik-Knopf“, der das gesamte Haus taghell erleuchtet und Hundegebell abspielt, bietet eine weitere Sicherheit – gerade für Senioren, die alleine wohnen.

Ein Wassersensor im Bad bemerkt, wenn sich Wasser auf dem Boden sammelt (beispielsweise, weil vergessen wurde, den Badewannenhahn zuzudrehen) und alarmiert die Bewohner über einen Lautsprecher im Wohnzimmer. Erst wenn darauf nicht reagiert wird, werden weitere Maßnahmen wie die Verständigung der Feuerwehr o. ä. getroffen. Diese Zwischenschaltung schützt vor zu vielen Fehlalarmen und gibt dem Bewohner die Möglichkeit zu reagieren, falls er nicht etwa gestürzt ist, sondern den Wasserhahn nur vergessen hat.

Ein automatisches Kippfenster misst die Feuchtigkeit im Wäscheraum und kippt, wenn ein kritischer Wert überschritten wird. Die Spülmaschine kann ihre verbleibende Spülzeit an das Smartphone übermitteln. Eine automatische Heizungsregulierung sorgt für gleichbleibend angenehme Temperaturen und Bewegungsmelder registrieren die Bewohner, die sich nachts noch in der Wohnung bewegen und unterstützen sie mit gedimmtem Licht. Alarm-Armbanduhren können bei einem Sturz einen Hilferuf an die Angehörigen oder direkt an den Notarzt auslösen. Mittels automatischer Türöffnung kann dann die Hilfe eingelassen werden, wenn der Gang zur Tür nicht mehr möglich ist.


Abb. 3: Notknöpfe an der Badewanne können Hilfe verständigen, die Haustüre öffnen oder Licht ein- und ausschalten.

Notknöpfe befinden sich an kritischen Stellen, wie beispielsweise der Badewanne (s. Abb. 3), von der aus wahlweise Hilfe aus dem Nebenzimmer gerufen oder gleich der Notruf verständigt werden kann. Dabei können alle Alarmmeldungen, die aus dem Lautsprecher im Wohnzimmer ertönen, mit der eigenen Stimme (oder der eines Angehörigen) und eigenen Formulierungen besprochen werden.

Abb. 4: Ein Tablet als zentrale Steuereinheit.

Die gesamte Technik kann individuell über eine zentrale Steuereinheit konfiguriert werden (s. Abb.4), bei dem alle Einstellungen zusammenlaufen. An der Tür zeigt ein weiteres zentrales Display alle elektrischen Geräte an und markiert sie mit grünen und roten LEDs je nach dem, ob sie schon aus- oder noch angeschaltet sind. Mit dem „Alles-aus“-Schalter können beim Verlassen des Hauses mit nur einer Bewegung alle Geräte deaktiviert und die Alarmanlage aktiviert werden. Ein versehentlich angelassener Herd kann so nicht mehr zur Gefahr werden.

Herr Zahneisen, Sie testen die neusten AAL-Produkte in Realbedingungen auf Herz und Nieren. Welche der eingebauten Technik nutzen Sie tatsächlich im Alltag?

Die meisten automatischen Regulierungen, wie Licht, Heizung und Jalousien nutze ich täglich und bemerke sie schon kaum mehr. Der Rasenroboter ist gerade im Winterschlaf, nimmt mir aber ansonsten sehr viel Arbeit ab. Den Staubsaugroboter kann ich nur verwenden, wenn ich nicht im Haus bin. Er ist relativ laut und braucht doch länger, als wenn ich kurz von Hand sauge – aber in eine saubere Wohnung heim zu kommen ist schon auch ein Luxus. Die automatische Herdabschaltung wurde sogar schon gebraucht, als ich einmal abgelenkt vom Telefonieren den Herd vergessen habe. Die Notruftasten, die Rauchmelder und den Wassersensor habe ich zum Glück noch nicht gebraucht und von der Badewanne aus nutze ich die Knöpfe nur, um Licht an und auszumachen, oder meiner Frau die Türe aufzumachen. Doch es ist gut zu wissen, dass sie da sind, falls man sie in Notfällen doch mal braucht.

Abb. 5: Zwei der Alarm-Armbanduhren, die derzeit auf dem Markt erhältlich sind.

Die Alarm-Armbanduhr (s. Abb.5) trage ich nicht, da ich kein Uhrenträger bin und sie mich stört. Außerdem muss sie immer wieder aufgeladen werden, was man leicht vergisst.

Was ich ebenfalls nicht verwende ist das automatische Kippfenster. Es kippt sehr, sehr langsam und wenn das Fenster doch ganz geöffnet werden soll, muss man die gesamte Apparatur entfernen und danach wieder montieren. Das ist zu umständlich. Aber es soll ja auch die Möglichkeiten zeigen, die es für Senioren gibt, die eben kein Fenster mehr selbstständig kippen können.

Die restliche Spülzeit der Spülmaschine habe ich noch nie genutzt. Dazu würde ich ja jederzeit Nachrichten auf mein Smartphone bekommen.

„Doch Technik soll unterstützen und Dinge abnehmen. Wenn ich nun immer auf das Smartphone schauen müsste, hätte ich ja keine Erleichterung, sondern nur eine Verschiebung der Arbeit auf das Smartphone.“


Abb. 6: Ein Blick auf die Anzeige zeigt, welche Geräte noch an- (rot) oder schon ausgeschaltet (grün) sind. Mit dem „Alles-aus“-Schalter können alle elektrischen Geräte vor dem Gang aus dem Haus einfach ausgeschaltet werden.

Den „Alles-aus“-Schalter (s. Abb. 6) an der Tür nutzt vor allem meine Frau, um sicher zu sein, dass sie alle Geräte ausgeschaltet hat. Ich schau nur auf die LEDs, um mich mit einem Blick zu versichern, dass alles auf grün steht. Mit dem Panik-Knopf und den Tür- und Fenstersensoren fühlt sich vor allem meine Frau sicherer.

Wie groß war und ist der Aufwand bei der Installation und Instandhaltung?

Diese Produkte können ohne größeren baulichen Aufwand installiert werden, da die meisten Module kleb- oder klippbar sind. Hinter allen Steckdosen, die mit dem Tablet gesteuert werden sollen, müssen Steckdosenklemmen angebracht werden, aber auch das ist so einfach, dass die gesamte Haustechnik an einem Tag verbaut werden kann. Einzig für die automatische Herdabschaltung muss ein Fachmann her, da der Zwischenstecker mit dem Starkstrom verbunden werden muss.
Was die Kosten betrifft, wurde in dieser Wohnung natürlich mehr und teurere Technik verbaut, um alles zu testen.

„Um aber eine normale Wohnung altersgerecht zu gestalten reichen zirka 1800 bis 2500 Euro vollkommen aus.“

Die Wartung nach der Installation ist absolut gering. Bei manchen Sensoren müssen immer mal wieder die Batterien ausgetauscht werden, was aber nicht schwieriger als der Batteriewechsel bei einer Taschenlampe ist. Neukonfigurationen (beispielsweise die der automatischen Jalousien) können komplexer sein, doch die meisten Installateure bieten eine kostenlose Anpassung nach 4-5 Wochen an.

„Generell bin ich der Meinung, dass diese Konfigurationen nicht von den Nutzern verstanden, sondern nur bedient werden können muss.“

Was glauben Sie, sind die größten Herausforderungen für den AAL-Bereich?

„Wenn man das Ganze aus wirtschaftlicher Sicht und mit der aktuellen Immobilienlage im Hinterkopf betrachtet, macht es eigentlich keinen Sinn, eine Wohnung für Senioren umzubauen.“

Bei dieser engen Wohnungslage ist man um jeden froh, der auszieht und nicht noch länger selbstständig zu Hause ist.
Doch diese rationale Betrachtung trifft auf die erschreckende Tatsache, dass wir einem gravierenden Pflegekräftemangel entgegensteuern, bei dem es unmöglich sein wird die alternde Bevölkerung in Pflegeheimen ausreichend zu betreuen. Für die Senioren, die sich nicht frühzeitig darum gekümmert haben, wird es also keine oder nur unzureichende Pflege geben. Dann wiederum ist eine altersgerechte Wohnung die einzige Option.

Doch aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich sagen, dass man noch so viel Zeit in die Beratung der Kunden investieren kann und trotzdem wenige den Schritt von der Beratung bis zur tatsächlichen Anschaffung wagen.
Ein Grund, warum sich Leute doch gegen die AAL-Umrüstung entscheiden ist oft der, dass sie durch gesundheitliche Verschlechterung dazu gezwungen sind von einem selbstständigen Wohnen abzusehen.

Ein anderer Grund ist auch, dass die finanzielle Verantwortung nicht geklärt ist: die Pflegekassen weigern sich zu zahlen oder zahlen erst nach langem Bürokratiekampf anteilig.
Besser wäre es, wenn ganz klar geregelt wäre, ob und wer wieviel zahlt. Dann könnten auch die Betroffenen ihre Entscheidung für oder gegen eine Umrüstung der Wohnung schneller treffen.

Doch Besserung ist in Sicht: Voraussichtlich dieses Jahr wird es eine Erweiterung des Hilfsmittelkatalogs geben. Wo bisher nur schwammige 4.000 Euro für „Wohnungsumfeld verbessernde Maßnahmen“ genannt sind, werden genaue Definitionen und spezifische Bestimmungen stehen, die Licht in die unklare finanzielle Lage bringt. Diese genauere Formulierung könnten die Verbreitung der AAL-Produkte auf dem Markt verbessern. Zumal die Kosten für eine altersgerechte Ausstattung drastisch gesunken sind und meiner Meinung nach für eine normale Rente und verantwortungsbewusste Angehörige zu stemmen wäre.

Eine weitere und nicht zu unterschätzende Herausforderung besteht darin, die Wünsche und Bedenken der Senioren von denen der Angehörigen zu trennen. Auch wenn es oft nicht zugegeben wird, besteht zwischen den Senioren und den Angehörigen fast immer ein bestimmtes Abhängigkeitsverhältnis. Die Senioren stimmen also unter Umständen Entscheidungen nur aus Angst davor zu, ansonsten den Angehörigen zu sehr zur Last zu fallen oder nicht versorgt oder gepflegt zu werden.

Wie stehen Sie zum Thema Datenschutzsicherheit? Haben Sie da Bedenken?

Generell denke ich, dass vieles (wie Licht, Heizung, Jalousien) über Funk gesteuert werden kann und kein WLAN benötigt. Hier braucht man meiner Meinung nach das Smartphone nicht einzubinden und ist dementsprechend abgesicherter.

Sobald aber eine Nachricht an Angehörige oder die Notrufzentrale versendet werden soll, kommt das Internet ins Spiel. Hier sollte man dann aber Kosten und Nutzen abwägen. Eventuelle Datenschutzrisiken oder Hilfe in einer Notsituation. Außerdem reagieren die Anbieter auch schon darauf und bieten dementsprechend Sicherheitsfeatures mit an.

„Was jedoch den Einsatz von Kameras zur Sichtüberwachung angeht, sehe ich keinerlei Mehrwert.“

Das Kamerabild vom sitzenden Großvater im Sessel kann so vielfältig fehlinterpretiert werden: Sitzt er nur entspannt im Sessel? Oder sitzt er da, weil er Lähmungserscheinungen hat und sich nicht mehr bewegen kann? Eine Zwei-Wege-Kommunikation, bei der man mittels Mikrofon nachfragen kann, wie es ihm geht, ist schon eindeutiger. Doch die allerwenigsten wollen dauerhaft beobachtet werden. Eine Studie zeigte, dass die Betroffenen eine Kamera im Wohnzimmer noch akzeptieren würden, aber sobald es darum ging, die Kameras auch im Bad- und Schlafzimmer zu installieren (wo häufig Unfälle passieren), ging die Akzeptanz gegen Null. Aus rechtlichen Gründen müssten außerdem alle Besucher (und ambulante Pflegekräfte) schriftlich bestätigen, dass sie gefilmt werden dürfen. Ganz abgesehen von den Kosten, die immens steigen, wenn man nicht nur eine Kamera aufstellt, sondern so viele, dass jeder Winkel der Wohnung einsehbar ist.

Wenn Geld und Machbarkeit keine Rolle spielen würden, welche neue Funktion oder welches neue Produkt würden Sie sich für sich wünschen?

Einen Roboter, der mir hilft beispielsweise vom Bett in den Rollstuhl zu kommen. Keinen herumfahrenden, dauerhaft lächelnden, wie sie in Asien gebaut werden, sondern einer, der einfach nur die schweren Aufgaben erledigen kann, die sonst eine Pflegekraft machen müsste.

„Und wenn ich ganz viel Geld hätte, würde ich einfach eine Pflegekraft anstellen – und dann doch am liebsten eine menschliche.“

Vielen Dank, Herr Zahneisen, für diesen informativen Erfahrungsbericht. AAL wird in den nächsten Jahren mit einer zunehmend alternden Bevölkerung ein wichtiges Thema werden. Ich bin gespannt, wie sich die staatliche Unterstützung entwickelt und welche Herausforderungen für die Gestaltung der Bedienoberflächen auf uns UX-Experten zukommen.



Hier sehen Sie ein Video über das Musterhaus SOPHIA, in dem Anton Zahneisen mit seiner Frau seit fünf Jahren wohnt:

Haben Sie schon Erfahrungen im Umgang mit AAL-Produkten sammeln können?
Oder kennen Sie jemanden in Ihrem Umfeld?
Wir interessieren uns für Ihre positiven und negativen Erfahrungsberichte!
Melden Sie sich gerne unter: dorothee.jung@eresult.de

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