User-Centered Design mit Elektroantrieb

Seit einiger Zeit ist der Paketzusteller DHL mit Elektroautos unterwegs. Die Kastenförmigen gelben Autos sind mir in Köln immer wieder auf der Straße aufgefallen. Gerade in Zeiten des Dieselskandals, freute ich mich, dass DHL anscheinend etwas für die Umwelt tun möchte. Per Zufall sah ich einen Bericht über die Entwicklung des sogenannten StreetScooters. Dieser weckte mein Interesse, schließlich stand bei der Entwicklung und Weiterentwicklung des Elektrotransporters der Nutzer im Zentrum …

User-Centered Design immer noch ein digitales Thema?

Ist von Usability, UX oder User-Centered Design (UCD) die Rede denken die meisten vor allem an die Entwicklung und Evaluierung von „digitalen“ Produkten wie Websites oder Apps. An „handfeste“ Produkte wie Autos oder Maschinen, wird weniger gedacht. Das sehen wir auch in unserer täglichen Arbeit, wo wir vor allem mit digitalen Produkten zu tun haben. Aber es scheint sich in der Industrie langsam ein Umdenken breitzumachen, dass auch physische Produkte an die Bedürfnisse des Nutzers angepasst werden. Denn es macht aus Sicht der Usability kaum einen Unterschied, ob ein User Interface digital ist oder aus physische Bedienmöglichkeiten (wie Knöpfen oder Hebeln) besteht. Letztlich geht es um die Interaktion eines Menschen mit einem Produkt. Eines der besten Beispiele der letzten Zeit für die frühe Einbeziehung der Nutzer bietet dabei tatsächlich die Post.

Wie die Fahrer den StreetScooter beeinflussten

Die Entwicklung des DHL StreetScooters ist sicherlich auf vielen Ebenen bemerkenswert. Unter anderem deshalb, weil sich kein großer deutscher Autohersteller fand, um einen Elektrotransporter zu bauen, der den Bedürfnissen von DHL entsprach. Also tat sich DHL mit dem Startup StreetScooter zusammen und entwickelte sein eigenes Fahrzeug (die ganze Geschichte wurde in diesem Artikel der Zeit übrigens sehr anschaulich aufbereitet). Das ist zwar an sich schon bemerkenswert, aber das wirklich interessante aus meiner Sicht als UX-Professional, ist die Einbeziehung der Nutzer in den Entwicklungsprozess. Die Zielgruppe des Transporters ist eindeutig und so wurden Fahrer und Fahrerinnen unterschiedlichsten Alters, Geschlechts und Körpergröße befragt und – wohl das entscheidende – auch gehört.

Laut DHL wurden etwa 150 Zusteller und Zustellerinnen in vielen Teilen der Entwicklung eingebunden. Zunächst gab es in der Konzeptphase verschiedene Workshops, in denen die ergonomische Fahrzeuggestaltung im Vordergrund stand. Hier wurden beispielsweise folgende Fragestellungen mit den Zustellern analysiert:

  • Wie sitze ich gut im Fahrzeug?
  • Wie kann ich den Transporter am einfachsten/schnellsten be- und entladen?
  • Kurzum: Wie kann man den Transporter so gestalten, dass es für den Nutzer möglichst angenehm ist?

Im Kern ist es die gleiche Frage, die man sich auch bei „digitalen“ Produkten stellt:
Wie kann ich möglichst eine effektive, effiziente und zufriedenstellende (angenehme) Benutzung ermöglichen?

Damit hat DHL im Verbund mit StreetScooter zwar vielleicht zufällig, oder auch wissentlich, einen nutzerzentrierten Ansatz gewählt, der letztlich den User-Centered Design Prozess widerspiegelt und damit gezeigt: User-Centered Design funktioniert nicht nur in der digitalen Welt.

Fragt den Nutzer!

Alles in allem kann man festhalten, dass die frühe Einbeziehung der Nutzer in den Entwicklungsprozess auch bei nicht-digitalen Produkten in jedem Fall empfehlenswert ist. So wird gewährleistet, dass die Produkte beim Nutzer einen Mehrwert schaffen und nicht völlig an dessen Bedürfnissen vorbei konzipiert werden, sonst landet man eher auf der Liste meiner Kollegin Marie Tews.

Portraitfoto: Joanna Oeding

Joanna Oeding

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

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