User Centered Design von Remote-Apps für das Auto (Teil 2: Konzeptentwicklung und -Evaluation)

Seit Anfang dieses Jahres beschäftigen wir uns bei eResult mit der Usability von Remote-Apps für das Automobil. Im April lieferte unsere Forschung erste Ergebnisse. Wir berichteten von vier potentiellen Nutzergruppen und ihren Anforderungen an Car Remote-Apps.

Im zweiten Teil der Studie stellt sich die Frage: Wie kann man den unterschiedlichen Anforderungen der Nutzergruppen an den Funktionsumfang einer Remote-App begegnen? Wir entwickelten eine Idee – und prüften diese im Usability-Lab auf ihre Tauglichkeit und Optimierungspotential.

Konzeptentwicklung: Ein und dasselbe Konzept für alle Nutzergruppen?

Die Entwicklung eines Konzepts für eine benutzerfreundliche Car Remote-App stand vor der Herausforderung, den künftig steigenden Funktionsumfang von Car Remote-Apps mit den unterschiedlichen Anforderungen der Nutzer in Einklang zu bringen.

Eine zu umfangreiche App, die Remote-Dienste anbietet die für bestimmte Nutzergruppen nicht relevant sind, scheitert möglicherweise.

Eine Alternative wäre, verschiedene Car Remote-Apps anzubieten – mit unterschiedlichen Funktionsumfängen entsprechend der Anforderungen der Nutzergruppen.

Als wesentlich bessere Alternative erschien uns eine App, deren Funktionsumfang sich nach den Anforderungen der Nutzer richtet. Beispielsweise indem die Nutzer den Funktionsumfang der Remote-App selbst definieren, und jederzeit wieder ändern können. Der so konfigurierte Funktionsumfang der Remote-App entspricht dann genau den Bedürfnissen und Anforderungen der einzelnen Nutzer. Und es können alle Nutzergruppen mit dem Angebot einer Remote-App abgedeckt werden. Abbildung 1 zeigt erste, zu Papier gebrachte Entwürfe dieser Idee.

Entwürfe einer konfigurierbaren Remote-App

Abb. 1: Erste Entwürfe einer konfigurierbaren Remote-App


Als zweites „innovatives Feature“ haben wir sogenannte Funktionspakete eingebaut. Hierbei werden einzelne Remote Dienste zu Usecase spezifischen Paketen zusammengefasst, und können auf einmal ausgewählt werden. Insgesamt wurden 5 Funktionspakete geschnürt.

Beispielsweise beinhaltet das Funktionspaket „Fahrt vorbereiten“ folgende einzelne Remote-Dienste:

  • Ein Navigationsziel suchen und ans Navigationsgerät des Fahrzeugs senden
  • Prüfung, ob das Auto fahrbereit ist (Prüfung relevanter Fahrzeugparameter, z. B. Füllstand Öl, Reifendruck, Restreichweite)
  • Vorbereitung des Fahrzeugs (Bedienung oder Programmierung der Heizung, Klimaanlage, Sitzheizung und Scheibenheizung)

So konnte jeder einzelne Remote-Dienst grundsätzlich über zwei Bedienwege genutzt werden. Entweder im Rahmen eines Funktionspakets, oder als einzelner, vorher ausgewählter Remote-Dienst.
Im nächsten Schritt wurde das entwickelte Konzept in einem low-fidelity Axure Prototyp umgesetzt und auf einem iPhone 6 im Lab getestet, siehe Abbildung 2.

Zum Aufbau der Testumgebung gehören eine Kamera zur Dokumentation und eine mit Tonaufzeichnung, die auf den Probanden gerichtet ist

Abb. 2: Aufbau der Testumgebung für diesen Test. Neben einer Kamera zur Dokumentation der IPhone-Interaktion wurde eine zweite Kamera mit Tonaufzeichnung auf den Probanden gerichtet, um Aussagen und Reaktionen des Proabenden zu beobachten


Primär interessierten wir uns für folgende Fragen: Wird die Nutzerführung/der Vorgang der Konfiguration der App verstanden? Wie wird das Konfigurieren bewertet? Wird der zusätzliche Schritt akzeptiert? Und wird die Funktionsweise der Funktionspakete verstanden?

Übergeordnet dient der Test der Beantwortung der Frage, ob das Feature des konfigurierbaren Funktionsumfangs eine Möglichkeit bietet, unterschiedliche Nutzergruppen mit einer App abzudecken. Dazu luden wir N = 12 Personen aus zwei Zielgruppen ein (aktive Nutzer N = 2; sehr interessierte N = 10). Der Personen waren zwischen 30 und 55 Jahre alt, 6 der Teilnehmer waren weiblich.

Anhand einer szenariobasierten Evaluation erfassten wir Daten aus Verhaltensbeobachtung, fokussierten Tiefeninterviews und Protokolle lauten Denkens. Nach einer Einführung wurden folgende Usecases mit den Teilnehmern evaluiert:

  • Details zu Funktionspaketen lesen und relevante Pakete auswählen
  • Navigationsziel ans Fahrzeug senden
  • Restreichweite prüfen
  • Fenster und Dach auf Offenheit prüfen und ggf. schließen
  • Anzeige der aktuellen Parkposition

Die Funktionspakete und der konfigurierbare Funktionsumfang kommen gut an

Während 2 spannenden und interessanten Erhebungstagen erhielten wir hilfreiche Erkenntnisse auf der Suche nach einer benutzerfreundlichen Remote-App für das Automobil. Wie bereits erwartet, zeigten die Teilnehmer unterschiedliche Anforderungen und Wünsche bezüglich Remote-Apps: „Ich erwarte eine technische Aufmachung, ohne viel Schnickschnack“ vs. „Ich sehe die Nutzung eher als Spaß-Faktor“.

Die Interaktion mit dem Prototyp unterschied sich zwischen den Probanden. Ein Großteil nutzte intuitiv, und auch nach mehrmaliger Durchführung beider Lösungswege, primär die Funktionspakete.

Das Verstehen der grundsätzlichen Funktionsweise der Pakete bereitete den Probanden keine Probleme. Das Angebot der Funktionspakete wurde als gut bewertet, wobei einige Teilnehmer gerne die Inhalte der Funktionspakete konfiguriert hätten, also z. B. einzelne Funktionen aus den Paketen ausblenden würden.

Hinsichtlich der Evaluation des Konfigurationsvorgangs (sh. Abbildung 2) gab es sehr unterschiedliches Feedback.

Bedienweg zur Auswahl der Funktionspakete

Abb. 3: Bedienweg zur Auswahl der Funktionspakete.


Einige Teilnehmer wählten die für sie relevanten Funktionen problemlos und bewerteten den Vorgang als einfach, übersichtlich und gut strukturiert.

Für andere Teilnehmer war der Unterschied zwischen der Auswahlseite (Abbildung 3, Schritt 2) und Nutzungs-Seite (Abbildung 3, Schritt 4) nicht klar. Sie erwartete eine Interaktionsmöglichkeit mit den Remote-Diensten bereits auf der Auswahlseite. Der zusätzliche Interaktionsschritt (Abbildung 3, Schritt 3) wurde als unnötig kritisiert.

Die Möglichkeit, den Funktionsumfang der App selbst zu konfigurieren, wurde von allen Teilnehmern als positiv bewertet und teilweise auch bezüglich der Funktionspakete erwartet. Weitere, detailliertere Ergebnisse des Tests können Sie hier downloaden.

Fazit

Auf der Suche nach einer benutzerfreundlichen Car Remote-App haben wir den gesamten User Centered Design Prozess einmal durchlaufen.

Wir kennen nun eine Möglichkeit, um eine gute UX für alle Nutzergruppen zu ermöglichen: das Angebot einer App, deren Funktionsumfang persönlich konfigurierbar ist.

Für die Umsetzung können wir folgendes Empfehlen: Das Angebot von Funktionspaketen, deren Inhalte konfigurierbar sind. Ein Zugriff auf einzelne Remote-Dienste unabhängig der Funktionspakete wird nicht angeboten. So kann auf einen Bedienweg verzichtet werden, der Vorteil des konfigurierbaren Funktionsumfangs bleibt jedoch erhalten. Wichtig für die Gestaltung dabei ist, dass der Unterschied zwischen der Konfigurations-Seite und anschließenden Content-Seite deutlich wird.

Ausblick

Selbstverständlich ist der User Centered Design Prozess nach einmaligem Durchlaufen nicht abgeschlossen, sondern legt mehrere Iterationen nahe. Dementsprechend würden nun die Ergebnisse aus dem Usability-Test in das Konzept eingearbeitet werden – so wie beispielsweise im Fazit beschrieben. Anschließend wäre ein erneuter Test des neuen Konzepts angebracht, wobei eine höhere Fidelity des Prototyps denkbar wäre.

Falls Sie sich für Details über diese Studie interessieren, können Sie hier eine Übersicht der gesamten Studie und deren Details herunterladen.

Haben Sie Ideen, wie eine Car Remote-App benutzerfreundlicher wird? Was halten Sie von unserem Konzept? Ich bin sehr auf Ihre Meinung gespannt!

Portraitfoto: Xaver Bodendörfer

Xaver Bodendörfer

User Experience Consultant

eresult GmbH - Standort München

Bisher veröffentlichte Beiträge: 18

2 Kommentare

  • Schöner ausführlicher Artikel über die Usability – hier gibt es noch bei vielen Apps aus der Automotive-Branche Probleme, Beispiel Audi. Welche von der Steuerung recht verwirrend ist und man findet nicht alle Inhalte wie in der Webversion.

    Kleiner Hinweis: bei dem ersten Bilduntertext steht „Erste Entwürde“, statt „Erste Entwürfe“ 🙂

    • Hallo Herr Jakob,

      danke für Ihr Interesse und den Hinweis.
      Den aktuell vorhandenen Optimierungsbedarf bei Remote-Apps sehe ich auch – daraus ist auch die Idee zu dieser Studie entstanden.
      Ich denke jedoch, dass mit Hile zielgerichteter, nutzerorientierter Forschung Remote-Apps eine gute User Experience bieten können. Mal sehen, wie die Entwicklung die nächsten Monate/Jahre weitergeht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.