UX Ethik und Zukunft – Eindrücke von der IA Konferenz 2016

25 Vorträgen an 2 Tagen, rund 300 UXler und UX- Interessierte und das Gefühl auf einem großen Klassentreffen gelandet zu sein: Willkommen auf der IA Konferenz 2016! Nach einem Jahr Pause fand am 03. und 04. Juni dieses Jahr wieder die IA Konferenz statt – diesmal in neuer Location im Urania-Center in Berlin.

Morgens im Hörsaal der IA Konferenz 2016

Morgens bei der IA Konferenz 2016



Neben sehr interessanten Gesprächen mit Berufskollegen, gab es Vorträge zu verschiedenen Themen aus der UX-Welt. Drei Vorträge der Konferenz, die für mich aus unterschiedlichen Gründen sehr inspirierend waren, möchte ich Ihnen im Folgenden vorstellen.

Hias Wrba (Feld M, München): Escaping the Filter Bubble

Spotify und Netflix – zwei Unterhaltungsanbieter, die erfolgreich oder weniger erfolgreich (darüber lässt sich streiten) mit Personalisierung arbeiten. Basierend auf dem eigenen Konsumverhalten und den Unterhaltungsbibliotheken anderer Nutzer werden personenspezifische Musik- oder Film-Empfehlungen gegeben. Die Vorteile personalisierter Angebote liegen klar auf der Hand: ich bekomme ohne eigenen Rechercheaufwand Inhalte, die (in Abhängigkeit von der Treffsicherheit des Systems) für mich hoch relevant sind. Ich werde effizienter beim Informieren, Kaufen und dabei mich zu unterhalten.

Vortrag zur Personalisierung von Hias Wrba

Vortrag zur Personalisierung von Hias Wrba



Was sind die Nachteile? Hias Wrba stellte hierzu mehrere interessante Ansätze vor, die sich mit den Gefahren der Personalisierung beschäftigen. Was ist beispielsweise, wenn Personalisierung nicht funktioniert? Ich habe mir online ein Sofa gekauft und durch die Speicherung des Cookies von der Artikelseite des Sofas, erscheinen wiederholt Werbebanner für eben dieses Sofa, das ich bereits gekauft habe. Dem Nutzer ist an dieser Stelle die Möglichkeit genommen, die Personalisierung zu steuern und bspw. auf „Danke, nein. Ich habe das Sofa bereits gekauft!“ zu klicken.

Eine andere Warnung wurde dem für den Vortrag titelgebenden Buch „Filter Bubble“ von Eli Pariser entnommen. Wenn wir alle Angebote personalisieren und Informationen nur noch auf uns zugeschnitten werden, bleiben wir in unserem eigenen beschränkten Informations-Kokon. Der Blick für andere Themen und Meinungen geht verloren und der eigene Horizont bleibt beschränkt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei den Gefahren der Personalisierung ist die berechtigte Angst des Nutzers unbeabsichtigter Lieferant von Daten zu sein, nach dem Motto:

„Wenn alles umsonst ist, bist du vielleicht das Produkt!“

Sind wir noch Herr unserer Daten, wenn wir unterschiedliche Services nutzen und dort Daten hinterlegen? Hias Wrba sieht hier einen Teil der Verantwortung bei den UXlern, die entsprechende Transparenz und Steuerbarkeit in Systemen zu schaffen, um Nutzern diese Angst zu nehmen. Ein anderer Verantwortungsträger ist die Gesellschaft bzw. Politik, die ethischen Umgang mit Nutzerdaten als gesetzlich verpflichtend verankern muss. Er knüpfte hierbei an dem sehr sehenswerten Vortrag von Kate Crawford auf der diesjährigen re:publica an, die auf die meinungsformende Macht von Daten eingeht.

Nach sehr vielen Vorträgen in den letzten Jahren, die Innovationen wie Big Data und Personalisierung regelrecht gefeiert haben, finde ich es wichtig, dass wir uns auch der möglichen negativen Konsequenzen und Gefahren dieser Innovationen bewusst werden. Von daher vielen Dank für den Vortrag und die Sensibilisierung für das Thema.

Agnieszka Walorska (Creative Construction Heroes, Berlin): Artificially Intelligent Design(er)

Einen interessanten Ausblick in eine mögliche Zukunft stellte Agnieszka Walorska in Ihrem Vortrag zum Design intelligenter Systeme. Sie stellte die gewagte These auf, dass in Zukunft der Job des UI Designers vom Aussterben bedroht sein dürfte. Entsprechend der Maxime

„The best interface is no interface“

gehe die Evolution der Interfaces immer weiter weg von der grafischen Oberfläche, hin zur reinen Sprachsteuerung oder sogar Gedankensteuerung. Möglich sei dies durch die stetige Verbesserung der künstlichen Intelligenz interaktiver Systeme, die Verhalten von Nutzern interpretieren und darauf entsprechend reagieren. Für Entwickler dieser neuen Interfaces läge der Fokus damit nicht mehr darauf grafische Elemente anzupassen, sondern bspw. die Spracherkennung zu verbessern und Lösungen für psychologische Effekte wie den Uncanny Valley Effect zu schaffen.

Vortrag zu AI Design von Agnieszka Walorska

Vortrag zu AI Design von Agnieszka Walorska



Ein weiterer interessanter Aspekt ihres Vortrages beschäftigte sich mit den Grenzen von AI. Entsprechend der exponentiellen Entwicklung künstlich Intelligenter Systeme, ist zu erwarten, dass das Maschinendenken das menschliche Denken überholt. Als Hinweise darauf führte Walorska die Schachpartien von Kasparow gegen Deep Blue und die Niederlage des Go-Meister Lee Sedol gegen AlphaGo an. Auch bei der Kreativität gibt es mit Google Deep Dreamy und z-Maschines Vorstöße, diese als Baustein der künstlichen Intelligenz zu adaptieren. Wo also liegen die Grenzen von AI? In Zukunft wohl weit entfernt.

Wer selber mit der AI Technologie experimentieren möchte, kann die Open Source Angebote Google Tensor Flow oder Watson von IBM nutzen.

Rupert Platz: Value, Cost & Persuasion, oder wie man die Möhre verkauft

Rupert Platz plädierte in seinem Vortrag dafür sich weniger auf die „Kosmetik“ von Produkten zu fokussieren, sondern echten Wert mit Produkten zu schaffen. Ein schöner Vortrag, besonders da wir als Agentur häufig geholt werden, wenn ein Produkt im Markt nicht funktioniert und man nun durch diverse kosmetische Operationen Absatz schaffen möchte. Der Gedanke, der dabei aufkommt, wird von Rupert Platz wunderbar mit folgendem Zitat illustriert:

„Ein geschminktes Schwein, bleibt immer noch ein Schwein.“

Vortrag zu Wert und Persuasiven Design von Rupert Platz

Vortrag zu Wert und Persuasiven Design von Rupert Platz



Für jeden Nutzer muss ein bestimmter Wert hinter einem Produkt stehen und der Weg zum Produkt darf diesen Wert nicht überschreiten – sonst übersteigt der Aufwand den Nutzen. Sich den Wert und den Aufwand bzw. Kosten für den Nutzer bei jedem Produkt vor Augen zu führen, sollte nach Platz der erste Schritt in jedem Entwicklungsprozess sein. Eine Frage kann auch sein, ob es sich überhaupt lohnt einen Prozess zu digitalisieren oder ob der bisherige Weg, bspw. eine Bestellung über das Telefon, nicht schon den besten Ablauf darstellt und eine Optimierung nicht weiter erforderlich ist.

Die Kosmetik (z. B. welche Farben hat meine Webseite) am Ende der Produktentwicklung hat keine geringere Rolle, aber eine andere Intention als es derzeit oft der Fall ist. Statt zu verführen (Stichwort: Persuasive Design) sollte das Design den realen Wert des Produktes hervorheben und die Vorteile leicht zugänglich machen. Das Produkt wird ins richtige Licht gerückt und wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung für den Nutzer stimmt, wird es angenommen.

Die sehr unterhaltsamen Folien sind mittlerweile öffentlich zugänglich und lohnen sich aus meiner Sicht für jeden, der bei der Produktentwicklung beteiligt ist.

Schön war‘s gewesen

Mein Fazit der IA Konferenz 2016: Der Rahmen der Veranstaltung war top! Man merkt, die jahrelange Erfahrung des Veranstalters und Kenntnis der Zielgruppe. Dementsprechend gab es eine Ladestation für Devices, Methodenkärtchen zum Tauschen und um ins Gespräch zu kommen und großzügige Pausen, um sich austauschen zu können und Arbeits-E-Mails zu checken.

Methodenkärtchen: Wer hat noch „Design Sprint“ und „Stakeholder Map“ zum Tauschen?

Methodenkärtchen: Wer hat noch „Design Sprint“ und „Stakeholder Map“ zum Tauschen?



Abgesehen von den drei vorgestellten Vorträgen gab es einige weitere Vorträge, aus denen man neue Informationen mitnehmen konnte. Insgesamt muss ich allerdings sagen, dass es für meinen Geschmack zu häufig Vortragsende aus dem Agenturumfeld waren, mit teilweise sehr ähnlichen Vortragsschwerpunkten. Zwar ist es für jemanden, der selbst in einer UX-Agentur arbeitet, interessant Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Arbeitsweise zu entdecken und Inspirationen für neue Methoden, Tools und Literatur zu bekommen. Aber am Ende überwiegen meistens die Gemeinsamkeiten und man lernt nicht allzu viel Neues, besonders wenn sich Vortragsinhalte wiederholen. Für die nächste IA Konferenz würde ich mir wünschen, Redner aus unterschiedlichen Sparten (vielleicht auch mal komplett ohne UX-Bezug) einzuladen, sodass wir die Gelegenheit bekommen etwas über den eigenen Tellerrand zu schauen. Nächstes Jahr feiert die IA Konferenz 10-Jähriges Jubiläum – vielleicht wird der Wunsch erfüllt!

Portraitfoto: Marie Jana Tews

Marie Jana Tews

Senior User Experience Consultant

Alumni-eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 12

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