Wearables als neue Herausforderung für UX-Experten: Ergebnisse aus einer Nutzerstudie zum Thema Fitness Tracker

Lösen Wearables bald das Smartphone ab?

Lösen Wearables bald das Smartphone ab?

Auf der diesjährigen CES präsentierten Hersteller wieder ihre neusten Entwicklungen aus den Technikschmieden. Mit besonders großer Spannung wurden von vielen die neuen Modelle aus dem Bereich Wearables erwartet – wird doch dieser Sparte großes Wachstum prophezeit und gilt sie vielen als die Zukunftstechnologie, die Smartphone, Tablet, Phablet ablösen wird. Grund für uns in dieses Themenfeld einzutauchen und diese Entwicklung mit einer eigenen Grundlagenstudie zu unterstützen. Das Ziel unserer Untersuchung war hierbei ein Produkt aus dem Bereich Wearables genau unter die Lupe zu nehmen und anhand der Untersuchungsergebnisse Richtlinien zu definieren, die bei dieser Produktgruppe zu beachten sind.

Die Bestseller unter den Wearables waren im vergangenen Jahr sogenannte Fitness Tracker. Zum einen mag dies daher rühren, dass sie zu dem aktuellen Trend der Selbstoptimierung passen, zum anderen sind sie im Vergleich zu anderen Wearables im unteren Preissegment angesiedelt. Die Schwelle 150 $ für einen Fitness Tracker auszugeben ist damit um einiges geringer, als 1500 $ für eine smarte Brille wie Google Glass – wobei bei letzterer auch bei Zahlungsbereitschaft der Kauf nicht ganz unkompliziert ist.

Unser Untersuchungsobjekt: Fitbit Flex

Der Fibit Flex

Der Fibit Flex

Nach einer Marktanalyse entschieden wir uns für das Fitbit Flex als Untersuchungsobjekt, anhand dessen wir Anforderungen an Fitness Tracker allgemein und Hinweise auf Richtlinien zur Gestaltung von Fitness Trackern synthetisieren wollten.
Der Fitbit Flex misst Armbewegungen, leitet anhand dieser Schrittdaten her und führt diese in einem Bewegungsprofil zusammen („Heute … km zurückgelegt“ etc.). Einzusehen sind diese Daten erstens am Gerät selbst, das als Armband getragen wird und mittels 5 LED-Leuchten anzeigt, wie viel Prozent der festgesetzten Strecke am Tag zurückgelegt wurde, zweitens nach einer Bluetooth-Datenübertragung in einer App am Smartphone, drittens nach einer Übertragung mittels Dongle am PC in einem Online-Dashboard. Getragen werden kann der Fitbit Flex nicht nur beim Sport. Auch bei der täglichen Bewegung, z.B. Spaziergänge, werden die Schrittdaten aufgenommen, nachts verspricht Fitbit durch die Auswertung der Bewegungsdaten die Erstellung eines Schlafprofils und morgens kann man sich durch das Vibrieren des Armbandes wecken lassen. Ein Gerät, das also rund um die Uhr einsatzfähig ist.

Ablauf der Tagebuchstudie

Der Anforderung an unsere Studie bestand daher darin, die Nutzung des Gerätes zu allen Zeiten und in allen Situationen zu erfassen. Als geeignetes Instrument wählten wir daher die Tagebuchstudie aus, um einerseits alle Bereich zu erfassen, andererseits den explorativen Charakter der Studie nicht zu verlieren. 8 Probanden, die sich in einer Vorbefragung als Sport- und Technik-affin herausgestellt hatten und über keine Vorerfahrungen mit Wearables verfügten, wurden eingeladen 14 Tage lang, den Fitbit Flex zu testen und über die Erfahrungen Tagebuch zu führen.

Der Fitbit Flex konnte vor allem durch einen Aspekt punkten: er motiviert. Von einem Teilnehmer auch als „Motivationstracker“ benannt, schaffte es über die Hälfte der Teilnehmer durch den Fitness Tracker sich häufiger zum Sport und zu mehr Bewegung zu motivieren und gaben nach Ablauf der 2-wöchigen Testphase an, sich subjektiv fitter zu fühlen. Auch bei der Nachbefragung 2 Monate nach Ende der Testphase, nutzen immerhin die Hälfte der Probanden weiterhin den Fitness Tracker und fühlten sich durch diesen motiviert. Bezüglich der Usability konnten in der Studie einige Aspekte gefunden werden, die einer Optimierung bedurften. Fehlende Information am Gerät, viele Bugs und nicht ausgereifte Funktionen minderten bei vielen Teilnehmern den Spaß am Gerät.
Die Detailergebnisse der Studie haben wir in einem Ergebnisband zusammengefasst und können unter diesem Link kostenlos heruntergeladen werden:
http://www.eresult.de/ux-wissen/downloads/

Welche Regeln konnten wir aus den Ergebnissen ableiten?

Auch bei einem Fitness Tracker gelten die üblichen Regeln der Dialoggestaltung wie sie bspw. von Nielsen definiert wurden. Welche bei Fitness Trackern von besonderer Relevanz sind und welche weiteren Punkte bei der Konzeption dieser zu beachten sind, haben wir versucht mit den folgenden Richtlinien abzudecken.

Fitness Tracker dienen in erster Linie der Messung und Einschätzung der sportlichen Leistung. Lassen sich relevante Daten wie aktuelle Geschwindigkeit oder Herzfrequenz nicht vom Gerät selbst, sondern erst nach Synchronisation mit einem anderen Gerät ablesen, ist dies für die meisten Nutzer zu spät und zu umständlich.
1. Der Fitness Tracker muss alleinstehend, alle aktuellen Daten anzeigen.

Welche Daten für die Einschätzung der aktuellen Leistung wichtig sind – darüber dürfte bei vielen Sportlern kein Konsens herrschen. Der Fitness Tracker ist ein Gerät, das nebenbei bedient wird bspw. beim Joggen. Daher ist es wichtig, dass der Nutzer wenig kognitiven und zeitlichen Aufwand für die Bedienung aufbringen muss. Einfach zu erzielen ist dies durch eine klare, übersichtliche Bedienoberfläche und die Möglichkeit diese nach persönlich relevanten Funktionen zu ordnen.
2. Der Fitness Tracker muss personalisierbar sein.

Auch wenn der Tracker über eine sehr gute Bedienoberfläche werden für weitergehende, komplexere Informationen, z. B. die Bewegungsprofile über mehrere Wochen, andere Geräte hinzugezogen werden müssen. Hier ist es wichtig, dass die Schnittstellen mit anderen Geräten fehlerfrei und ausnahmelos funktionieren.
3. Der Fitness Tracker muss fehlerfrei synchronisierbar sein.

Für einige Probanden der Studie stellte sich der hohe zusätzliche Aufwand, der entstand, wenn man über die Schrittdaten hinausgehende Daten eingeben wollte, als großer Störfaktor heraus. Sportarten, die keine Armbewegung beinhalteten (z.B. Radfahren), mussten nachträglich manuell eingegeben werden. Hier wünschten viele eine Erfassung sportlicher Daten, die über das reine Schrittzählen hinausgehen, z.B. durch Messung der Herzfrequenz oder per GPS-Daten der zurückgelegten Strecke.
4. Der Fitness Tracker muss mehr können, als nur Schritte zu zählen.

Bei 2 der 8 Teilnehmer ging das Armband des Gerätes innerhalb der beobachteten 2 Monate kaputt, einer berichtete von eingedrungenem Spritzwasser. Geräte, die für den Sport konzipiert wurden, sollten den – zugegeben hohen – Anforderungen im Sport gerecht werden und weder durch Wasser, noch durch Stöße Schaden nehmen.
5. Der Fitness Tracker muss jeden Sport mitmachen.

Die letzten beiden Punkte sind allein für Fitness Tracker relevant durch ihre Besonderheit im sportlichen Kontext genutzt zu werden. Die ersten drei Punkte können universal für alle Wearables gelten. Eine besondere Schwierigkeit, die bei Wearables besteht, ist wie vor einigen Jahren beim Smartphone, die Frage nach der Verdichtung und dem Herunterbrechen von Information. Geht es bei der Erstellung von Apps und responsiven Websites darum, den Inhalt, der auf einem PC-Bildschirms präsentiert werden, übersichtlich auf einem kleineren mobilen Gerät zu präsentieren, ist nun die Darstellungsfläche auf einem Wearable weiterhin geschrumpft. Wie viel Information ist zu viel Information und wie viel ist zu wenig? Welche Wege der Informationsübermittlung können über die visuelle Darstellung hinaus genutzt werden, wenn die Fläche sich weiter verkleinert? Liegt die Zukunft, in der Sprach- der Gestiksteuerung? Es lassen sich noch viele interessante Fragestellungen rund um das Thema Wearable finden und ich bin gespannt was für Lösungen gefunden werden.

Noch eine Anmerkung zu unserem Untersuchungsobjekt: Im November 2014 veröffentlichte Fitbit ihre neue Generation Fitness Tracker und einige unserer Kritikpunkte des Fitbit Flex scheinen in diesen beseitigt worden zu sein. Die neuen Geräte sind mit einem Display und je nach Ausstattungsstufe mit einem Herzfrequenzmesser und einem GPS versehen. Fitbit hat die Anforderungen seiner Nutzer analysiert und umgesetzt. Ob weiteres Verbesserungspotential besteht, zeigen dann die nächsten Studien.

Portraitfoto: Marie Jana Tews

Marie Jana Tews

Senior User Experience Consultant

Alumni-eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 12

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