Websites haben Zukunft, Webseiten nicht

Ich stelle immer wieder fest, dass auch erfahrene und geschätzte Kollegen die Begriffe „Site“ und „Seite“ synonym verwenden. Und doch unterscheiden Duden wie Wikipedia zwischen den beiden Wörtern. Wie ich finde, zu Recht. Denn nur so können wir unterscheiden, ob wir über eine einzelne Seite sprechen oder über alle Seiten einer Site.

Aber erledigt sich dieses Problem nicht bald von selbst? Hat das Konzept der “Seite” im Web überhaupt eine Zukunft?

Tagcloud Begriffe-Web

Alles das Gleiche? Begriffe im Web.

Wer kennt das nicht: Man spricht mit einem Auftraggeber oder Kollegen und stellt erst nach einer Weile fest: Mit dem Fachbegriff, den man die ganze Zeit verwendet, meint man etwas anderes. Wir Deutschen haben das zusätzliche Problem, dass wir mit Begriffen aus zwei Sprachen hantieren – deutschen wie englischen.

In den meisten Fällen ist daher die beste Lösung, sich am Anfang kurz darüber zu verständen, was man z.B. damit meint, wenn man “Slider” sagt.

Denn der Versuch andere zu erziehen bringt meist wenig. Und wer will schon als Lehrer oder gar Rechthaber dastehen. Trotzdem bin ich bei einem Begriff der Meinung, dass es hier eine richtige Verwendung gibt und eine falsche: Bei der Webs(e)ite.

Exkurs: Exaktheit oder Rechthaberei?

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor Jahren meinen ersten Vortrag bei der Konferenz Mensch & Computer/Usability Professionals gehalten habe. Danach kam ein erfahrener Kollege auf mich zu und meinte, der von mir gebrauchte Begriff “Benutzeroberfläche” sei falsch, darauf habe schon sein Professor größten Wert gelegt.

Ich war perplex: Das nannte doch jeder so? Sollte man besser “Interface” sagen?

Die Argumentation des Professors: “Benutzeroberfläche” wäre die Oberfläche des Benutzers. So wie Wasseroberfläche die Oberfläche des Wassers ist.

Da ist natürlich etwas dran. Ich vermute heute, dass der Professor Informatiker war. Denn Sprache ist nichts, was durchgehend logisch ist – auch wenn wir das gern so hätten. Beispiel: Ein Diamantenräuber raubt – ja was? Natürlich Diamanten. Und ein Chefkoch kocht was? Tja.

So schlagfertig war ich damals leider nicht. Die Anekdote erzähle ich, weil ich vermeiden will, dass wir uns unnötig über etablierte Begriffe streiten. Ob man etwa von “Kollaboration” sprechen muss, wenn “Zusammenarbeit” gemeint ist, ist Geschmacksache.

Warum bestehe ich auf Website ? Webseite

Wichtig ist die Exaktheit aber, wenn die Begriffe zu Missverständnissen führen können Und das ist z.B. bei der Webs(e)ite die Gefahr.

Wikipedia meint:

Eine Website (englisch v. engl. site ‚Ort‘, ‚Platz‘, ‚Stelle‘ und von lateinisch situs ‚Lage‘ oder ‚Stellung‘) – im deutschen Sprachgebrauch auch Webauftritt (Internetauftritt), Webpräsenz (Internetpräsenz) sowie Webangebot (Internetangebot) genannt – ist ein virtueller Platz im World Wide Web, an dem sich meist mehrere Webseiten (Dateien) und andere Ressourcen befinden.

Eine Website besteht also aus einzelnen Webseiten. Der eine Buchstabe macht leider viel aus. Und bei schlampiger Aussprache klingen beide Wörter gleich.
Außerdem passiert es jedem, dass er manchmal versehentlich von Webseite spricht, obwohl er die Website meint – selbst wenn er normalerweise zwischen den beiden Wörtern unterscheidet.

Das ist dann ungünstig, wenn ich etwa von der Suchmaschinenoptimierung spreche. Google & Co beurteilen immer einzelne Webseiten. Ich betreibe hier also eigentlich eine Webseiten-Optimierung. Die Site dagegen fließt in die Bewertung einzelner Seiten nur zu einem kleinen Teil mit ein. Das zeigt: Hier ist es nützlich, zwischen Seiten und Site unterscheiden zu können. Und es gibt noch viele weitere Fälle mehr.

Diagramm Website vs. Webseite

Zuordnung der Begriffe rund um Websites und Webseiten

Im Englischen gibt es dieses Problem übrigens nicht: Dort spricht man von site und page. Unser Problem kommt vor allem daher, dass das englische site unserem deutschen Seite so ähnlich ist.

Eine Website Webseite zu nennen ist eine falsche Übersetzung. Man spricht von “falschen Freunden”, wenn ein Wort falsch verwendet/übersetzt wird, weil es ähnlich klingt, wie ein anders in einer anderen Sprache – “I become a Wiener Schnitzel” ist der Klassiker aus dem Englischunterricht.

Die Geschichte der Webseite

Woher kommt der Begriff der “Seite” überhaupt? Sie kommt von der Metapher, die zu Beginn des Word Wide Web geprägt wurde. Das Web stammt aus dem Wissenschaftsbetrieb und diente vor allem zur Archivierung von und zum Austausch über Fachthemen.
So lag das Konzept des Buchs oder der Zeitschrift nahe – und die Metapher der “Seite” war geboren.

Und die Seiten (“pages”) sind gesammelt an einem Ort (“site”).

Damals war es einfach: Eine Seite war eine Datei mit der Endung .html. Doch heute ist das nicht mehr ganz so eindeutig. Content-Management-Systeme speichern Inhalte in einer Datenbank und erstellen erst, wenn ein Browser eine Anfrage schickt, eine HTML-Seite daraus. Das heißt, für CMS-Nutzer verschwimmt der Begriff der “Seite” zunehmend. Redakteure stellen vielfach nur Content-Blöcke ein, die dann automatisch zu Seiten zusammengesetzt werden – oft zusammen mit vielen weiteren Elementen.

Und immer häufiger werden auf einzelnen Seiten per Script Inhalte nachgeladen oder dynamisch ein- und ausgeblendet. Auch für den Nutzer ist dann nicht immer eindeutig, was eine einzelne Seite ist.

Adressleiste Safari

Manche moderne Browser wie Safari blenden in der Grundeinstellung die vollständige URL aus und zeigen nur die Domain – ein weiterer Hinweis weniger darauf, auf welcher Seite man gerade ist.

“Seite” war schon immer problematisch. Frühe Projekte wurden gern nach Seiten abgerechnet – “Mein Kollege hat 15 HTML-Seiten für 5.000 Mark bekommen, warum verlangen Sie dann bei uns für nur 12 Seiten 15.000?” – solche Fragen hat man zu hören bekommen Ende der 90er Jahre.

Natürlich kommt es darauf an, wie komplex die Seiten sind und was auf ihnen passiert. Ein CMS mit 50.000 Seiten kann deutlich schneller zu konzipieren sein als ein Shop mit 3 Seiten. Das muss man heute niemandem mehr erzählen. Und doch wird immer noch in Seiten gerechnet, wenn es darum geht, den Umfang einer Site zu beschreiben.

Hat die Seite eine Zukunft?

Screenshot Twitter Summary Funktion

Mit den so genannten Twitter Cards kann man eine Zusammenfassung direkt in Twitter einbinden und anzeigen lassen. Content losgelöst von der eigenen Website.

Wir erstellen keine Webseiten (und keine Websites), weil wir HTML toll finden oder CSS, nicht einmal JavaScript. Wir erstellen Webseiten, weil wir Inhalte zu Nutzern bringen wollen. Mehr und mehr konsumieren diese Nutzer unsere Inhalte aber nicht mehr auf unserer Website, ja teilweise nicht einmal mehr auf unseren Webseiten. Wie kann das sein?

Twitter und Facebook sind Gründe dafür.

Aber auch Anwendungen wie Pocket, Feedly, Flipboard oder die Lese-Ansicht mancher Browser. Diese ziehen den Content aus unseren liebevoll gestalteten Seiten und packen ihn in ein Standardformat, damit er so aussieht wie der der Konkurrenz.

Screenshot Feedly

Digitale Magazine wie Feedly lösen Content aus Webseiten und bereiten ihn auf ihre Art auf.

Und die zunehmende Anzahl von Geräten beschleunigt diese Entwicklung weiter. Wer weiß, ob wir übermorgen Inhalte konsumieren, indem wir sie auf unserer Brille lesen oder ob sie uns eine intelligente Assistentin vorliest.

Manche Konzepter gehen daher schon so weit, zu sagen, Webdesign sei tot. (Sehr provokant und lesenswert z.B. More Thoughts on Why Web Design is Dead.)

Der amerikanische Konzepter Brad Frost meint, wir sollten uns mittelfristig vom Konzept der „Seite“ verabschieden und in Modulen konzipieren. Geht das? Und was bedeutet das für unsere Arbeit? Das ist eine Frage, die sich kaum in einem Blogpost beantworten lässt – und Brad Frost macht das so hervorragend, dass ich nur auf ihn verweisen kann. Sein Text ist nicht schwer zu lesen, auch wenn er recht lang ist. Aber es steckt in jedem Abschnitt so viel Gutes, dass man Jahre brauchen würde, um all seine Empfehlungen in den eigenen Projekten umzusetzen.
Der Text ist Teil eines Buches, an dem er schreibt, und heißt ganz trocken: Designing Systems.

Fazit

Ich bin gespannt, ob ich Widerspruch provozieren konnte – jedenfalls freue ich mich über alle Kommentare!

Portraitfoto: Jens Jacobsen

Jens Jacobsen

Inhaber

benutzerfreun.de

Bisher veröffentlichte Beiträge: 46

5 Kommentare

  • Reden wir einfach von Web Projekten.

  • Pingback: Website & Webseite – selbst Spanier verwechseln das - benutzerfreun.de

  • Wer einen Fehler findet, darf ihn gerne behalten..
    ..wer mit Menschen zu tun hat, sollte auch menschlich denken, wenn ein Projekt gestartet
    und über viele Jahre gepflegt werden soll.
    Es geht um Inhalte, Anregungen und darum, nicht nur das Wissen der Menschheit zu verbessern,
    sondern immer häufiger um die schiere Unterhaltung.
    Das beweisen die Social Networks immer wieder – diese Nachfolger der Newsgroups und Foren
    sind jedoch meistenteils ein Tummelplatz seltsamer Leute, die sich einfach abreagieren wollen.
    Viele verdorrte Äste dieser Art zeugen davon.
    Die akademischen Haarspaltereien bringen nicht weiter, vielmehr sollte der Ansatz im WWW
    genutzt werden, eine eindeutige ID für jeden Zugang einzuführen, mit dem man verbale und andere
    Täter identifizieren kann, damit das Netz sauberer und zielführender wird.
    So wie es heute ausschaut, ist es für viele Leute wohl ein rechtsfreier Raum.
    Viele Diskussionen lenken ab und so wird manche gute Idee durch Besserwisserei oder Haarspalterei
    abgetötet, bevor diese wurzeln konnte.
    So sehe ich das.

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