Welche Verantwortung trägt User Experience?

Das Motto des vergangenen World Usability Day (WUD) hieß „Design for Good and Evil“. Doch wann gestalten wir etwas für das Gute oder das Böse? Wer oder was ist denn überhaupt das Gute oder das Böse? Der amerikanisch-österreichische Designphilosoph Victor Papanek hat einmal behauptet: There are professions more harmful than industrial design, but only a few. (Es gibt Jobs, die sind schädlicher als Industriedesign, aber das sind sehr wenige). Das Zitat stammt aus dem Jahre 1971, heutzutage ist dieses Zitat sicher genauso anwendbar auf User Experience Design.

UX Design = ethisch korrekt?

Wie lässt sich nun ethisch korrekt gestalten? Und welche Werte liegen einem ethisch korrekten Design zugrunde? Wir leben in einer pluralistischen Welt und wer oder was tatsächlich böse ist, hängt stark von der eigenen Sichtweise und der eigenen Wertewelt ab. Auch User Experience hat den Wert der Nutzerzentrierung und wirkt damit zumeist als ethisch korrekte Disziplin.

Steigt man allerdings tiefer in den Kaninchenbau hinab, so kommen auch weitere Aspekte hinzu, die vielleicht nicht mehr dem Ursprungsgedanken der User Experience entsprechen und man stößt unweigerlich auf Buzzwords und Phänomene wie Dark Patterns, Conversion Optimierung und viele weitere mehr, die versuchen den Kunden noch schneller und unbewusst zum Kauf zu verleiten.

Sind Youtube, Facebook & Co. per se böse?

Zum einen könnte man sagen, dass Youtube, Facebook, Gaming, Instagram & Co. „böse“ sind, weil sie mit allen Mitteln versuchen das letzte bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen und genau um diese Aufmerksamkeit und Zeit – fast sogar Lebenszeit – untereinander konkurrieren. Auf der anderen Seite haben eben diese Konzerne auch immer wieder schöne Momente gegeben und ihre Innovationen können als „gut“ angesehen werden. Einige kleine Beispiele: Wie viele Katzenvideos haben wohl weltweit Menschen zum Lachen gebracht? Wie viele alte Freunde haben sich auf Facebook wohl wiedergefunden? Oder: Wie viele Bilder konnte ich auf Instagram mit Freunden teilen? Auch Computerspiele bringen heute Menschen auf der gesamten Welt zusammen und für die einen sind sie erfüllend, für die anderen reine Zeitverschwendung.

Doch wenn Firmen wie Netflix postulieren, dass einer der größten Konkurrenten neben Facebook und Youtube auch Schlaf ist, dann stellt sich mir die Frage, inwieweit ich als UX-Designer ein Interface gestalten darf, das abhängig macht.
Auch als Angestellter habe ich diese Verantwortung, die Aufmerksamkeit auch auf andere Bereiche des Lebens zu lenken.

Fazit

In der Usability- und User-Experience-Welt machen wir uns viele Gedanken darüber, wessen Probleme gelöst werden, allerdings wird wenig Augenmerk darauf gelegt, welche Probleme es mit sich bringt genau diese Probleme zu lösen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel um nicht nur das System eines einzelnen Nutzers, eines Shops oder Content-Portalen zu sehen, sondern auch zu sehen, welche weiterführenden Auswirkungen unsere Arbeit auf den Lebensstil und die Lebensgewohnheiten der Nutzer am Ende haben wird und ob wir es mit unserem Gewissen vereinbaren können, einen Teil dazu beizutragen.

Portraitfoto: Daniel Wolf

Daniel Wolf

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH - Standort München

Bisher veröffentlichte Beiträge: 5

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.