Zwischen Magie und Routine – Intuitive Interaktion als neuer Charakterzug von Usability?

Intuitive Bedienbarkeit ist zu einem Schlagwort geworden, das gerne als Synonym für nutzerfreundliche Oberflächen verwendet wird. Von der Kaffeemaschine über das Smartphone bis zur Website – viele Anbieter rühmen sich ihrer intuitiven Produkte und Bedienweisen. Aber was heißt intuitiv eigentlich? Warum sind so viele Oberflächen plötzlich intuitiv? Bedeuten intuitive Oberflächen für die Nutzer, dass sie sie wie von Zauberhand bedienen werden können?

In der Wissenschaft wird heiß diskutiert, was intuitive Interaktion abbilden soll. Dabei kommt es auf die Voraussetzungen an, auf dessen Basis ein Mensch überhaupt intuitiv handeln kann.

Was ist intuitive Interaktion?

Haben Sie sich nicht auch schon gewünscht, dass ihre Kaffeemaschine intuitiv weiß, welchen Kaffee sie gerne trinken? Ja! Dann muss ich Sie im ersten Moment leider enttäuschen: Benutzeroberflächen können nicht intuitiv sein, nur ihre Bedienung kann intuitiv sein.

Der erste gängige Irrtum ist aus dem Weg geräumt. Der nächste entsteht beim Begriff an sich: Intuitiv und Intuition können nicht exakt definiert werden. Beschreibungen und Synonyme reichen von kreativer Ahnung bis zu spiritueller Inspiration. Wie würden Sie die Begriffe definieren? Wenden wir uns also der Wissenschaft zu, die versucht intuitive Interaktion zu definieren. Um es vorweg zu sagen, eine einheitliche Definition existiert aktuell nicht. Verschiedene Definitionen liegen auf dem Tisch. Gemeinsam haben diese Definitionen, dass intuitive Interaktion als die unbewusste Anwendung von Vorwissen definiert wird. Mit anderen Worten, ein Nutzer wendet gelerntes Wissen über eine Anwendung an, um ein neues Produkt zu bedienen. Dieser Vorgang wird von der Person aber nicht aktiv wahrgenommen.

Es ist wie Magie…

Der ein oder andere mag nach dieser Definition ernüchtert sein, umgibt Intuition doch gerne ein Hauch von Magie. Die berühmte weibliche Intuition wird an dieser Stelle gerne zu Rate gezogen, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Vorwissen, das schnell und unbewusst abgerufen werden kann, scheint der Schlüssel zur intuitiven Interaktion zu sein. Wie das funktioniert, erklärt die Psychologie: Es werden im Gedächtnis Heuristiken oder Schemata unterbewusst gescannt. Wird etwas Passendes gefunden, kann der Nutzer das Gelernte auf eine neue Aufgabe übertragen. Bewusst bekommt der Mensch von dieser Transformation nichts mit. Am Ende scheint er wie von Zauberhand eine neue Oberfläche bedienen zu können, ohne große Denkanstrengungen. Es ist entscheidend, wie zugänglich dieses Wissen ist.
Routine oder auch häufige Wiederholungen helfen das Wissen leichter im Gedächtnis wiederzufinden. Ein Beispiel:

Vorwissen muss zur Situation passen

Sie haben zu Hause eine Waschmaschine stehen und wissen, wann und wo Sie welches Programm einstellen müssen. Dieser Vorgang ist zur Routine geworden und Sie müssen nicht mehr aktiv darüber nachdenken, auf welche Knöpfe Sie jetzt doch gleich drücken müssen. Erklären könnten Sie diesen Vorgang aber vermutlich erst, nachdem Sie aktiv darüber nachgedacht haben!

Jetzt sollen Sie eine andere Waschmaschine bedienen. Unterbewusst wird Ihr Gehirn versuchen das passende Wissen zu finden, um es auf das neue Produkt anzuwenden. Das dürfte bei diesem Routine-Vorgang sehr schnell zugänglich sein. Ihr Vorwissen wird bei einer Waschmaschine, z. B. vom gleichen Hersteller, vielleicht ganz gut funktionieren. Ihre Denkanstrengungen halten sich in Grenzen. Nur was passiert, wenn Ihr Wissen über die Bedienung von Waschmaschinen überhaupt nicht auf das Gerät anwendbar ist? Oder, wenn Sie eigentlich noch nie eine Waschmaschine bedient haben?

Hier stößt die intuitive Interaktion an ihre Grenzen: Vertrautheit ist eine Voraussetzung, um Vorwissen einsetzen und abrufen zu können. Können Sie z. B. mit den Symbolen und Knöpfen an der neuen Waschmaschine nichts anfangen, wird es schwer, sie auf Anhieb zu benutzen.

Vertrautheit und Effektivität sind wichtige Faktoren

Die Vertrautheit (familiarity) ist eine wichtige Komponente und findet u. a. in der Forschung der Australierin Aletha Blacker starken Ausdruck. Sie und ihre Kollegen sind überzeugt, dass Personen nur Produkte intuitiv nutzen können, dessen Features ihnen schon vorher begegnet sind. Dazu testete die Gruppe Oberflächen und veränderte Symbolik und Aufbau. Nutzer fanden sich letztlich auf den Oberflächen am besten zurecht, die ihnen vertraut waren. Das mag nicht sonderlich überraschend sein, ist aber ein Beleg für die schnelle Anwendung von zugänglichem Wissen.

Genau dieses unbewusste Scannen von Vorwissen trägt zur Effektivität bei. Unterbewusste Vorgänge laufen im Gehirn unglaublich schnell ab. Das gesuchte Vorwissen ist innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde verfügbar. Im Sinne des IUUI Arbeitskreises können Nutzer so effektiv eine Aufgabe erledigen. Menschen versuchen allgemein kognitive Energie einzusparen. Unterbewusste Prozesse brauchen weniger Energie und lassen intuitive Interaktion effektiver und müheloser erscheinen.

Intuitive Interaktion und Usability

Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit sind bekanntlich Kernziele von Usability und sie sind auf intuitive Interaktion übertragbar. Effektivität und Effizienz hängen mit den unterbewussten Vorgängen im Gehirn zusammen. Der Kopf muss sich weniger anstrengen, um zu denken und arbeitet von daher schneller. Klingt paradox, funktioniert aber eben nur, wenn das Wissen schon vorhanden ist. Die folgende Darstellung fügt diese Aspekte zusammen.

Darstellung der Einflussfaktoren und Usability-Ziele von intuitiver Interaktion.

Darstellung der Einflussfaktoren und Usability-Ziele von intuitiver Interaktion.


Wie in der Abbildung zu sehen ist, kann Zufriedenheit über zwei Wege erreicht werden: Zum einen wollen wir Menschen unseren Kopf gar nicht so gerne zum aktiven Denken benutzen. Das kostet Energie. Es ist also viel angenehmer, wenn unser Unterbewusstsein übernimmt. Zum anderen kann Zufriedenheit aufkommen, durch die unkomplizierte und einfache Bedienung von Oberflächen. Ohne großen Aufwand kann ein Produkt genutzt werden: Mühseliges Erlernen, Anleitungen lesen oder Hilfeassistenten starten könnte der Vergangenheit angehören. Klingt gut, oder?

Es gibt noch eine Menge zu tun!

Das Problem, das sich stellt: Es gibt keine Kriterien, die eine intuitive Oberfläche wirklich beschreiben. Vorwissen ist sehr individuell und kann kaum auf eine breitere Zielgruppe übertragen werden. Es ist bisher noch wenig bekannt, was von einer intuitiven Oberfläche eigentlich genau erwartet wird.

Was meinen Sie: Was beschreibt der Begriff „intuitiv“? Gibt es Kriterien für Benutzeroberflächen, die Sie als intuitiv beschreiben? Kann man überhaupt auf intuitive Oberflächen setzen, ohne dabei vielleicht Innovationen zu vernachlässigen?

Hierzu wollen wir bei eResult in Zukunft verstärkt forschen. Was eine intuitive Oberfläche ausmacht, soll besser definiert werden. Ziel ist es dabei, Kriterien für die Bewertung von Intuitivität zu entwickeln. Ebenso arbeiten wir zukünftig daran, valide Messinstrumente anzubieten, als Gradmesser für intuitive Oberflächen.

Quellen:

Blackler, A. L., Popovic, V., Mahar, D. P. (2007): Developing and Testing a Methodology for Designing for Intuitive Interaction, Proceedings of IASDR07, Hong Kong, Hong Kong Polytechnic University. P. 1- 24.
Blackler, A. L., Hurtienne, J. (2007): Towards a unified view of intuitive interaction: Definitions, models and tools across the world. MMI-Interaktiv. 13. P. 36 – 54.
Mohs, C., Hurtienne, J., Israel, H., Meyer, H., Kindsmüller, M.C. & IUUI Research Group (2006): IUUI – Intuitive Use of User Interfaces: Auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Basis für das Schlagwort „Intuitivität”. MMI Interaktiv, 11. P. 75 – 84.

Portraitfoto: Joanna Oeding

Joanna Oeding

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

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