Sketching User Experiences: Das praktische Arbeitsbuch zum Erlernen von Sketching und zahlreicher Skizziermethoden

Scribbles, Wireframes und andere einfache Visualisierungen von Websites oder Anwendungen/Apps gehören zu den täglichen Arbeitsmitteln von uns Konzeptern. Aber schöpfen wir das Potenzial der Methoden vielleicht gar nicht ganz aus? Und gibt es vielleicht weitere, die uns bei bestimmten Projekten nützlich sein könnten?

Die Antwort ist in fast allen Fällen: Ja. Und das Buch Sketching User Experiences: Das praktische Arbeitsbuch zum Erlernen von Sketching und zahlreicher Skizziermethoden zeigt, wie man noch mehr herausholt aus den bekannten Methoden und welche weiteren hervorragende Methoden es gibt.

Mehr als zeichnen und sketchen

Buchcover Sketching User ExperiencesAuf 272 Seiten stellen die Autoren mehr Visualisierungs-Methoden vor, als man in einem durchschnittlichen Konzepter-Leben selbst anwenden kann. Dabei geht es dabei keineswegs nur ums Zeichnen oder Sketchen.

Der Begriff Sketch hat sich in den letzten Jahren auch im Deutschen durchgesetzt. Das ist eine Skizze, eine einfache Zeichnung. Also zum Beispiel das, was wir alle normalerweise in einer Besprechung ans Whiteboard oder Flipchart malen.

Ein Sketch ist im Gegensatz zu einer Zeichnung (drawing) schnell hingeworfen und dient vor allem dazu, eine Idee zu visualisieren. Ein Sketch muss nicht schön sein und soll meist zu Diskussion anregen.

Das Buch beginnt mit einer kurzen Einführung in das kreative Denken. Und das ganz konkret in der Welt von Produktdesign und Softwareentwicklung. Dabei erklären die Autoren kurz, wie sinnvoll es ist, frühzeitig Prototypen zu erstellen – sei es mit Stift und Papier, mit Pappe und Klebstoff oder mit Holz und Ton.

Dann geht es aber schnell in die Praxis.

Foto Stifte

Stifte kaufen macht Spaß – und sorgt für Arbeitsmittel, die Kreativität anregen.

Schön fand ich den Satz:

Die Welt hat wesentlich mehr zu bieten als einen Bleistift.

Das Buch regt an, sein Repertoire zu erweitern. Es rät dazu, sich Materialien anzusehen wie Buntstifte, Knete, Wolle, Holz, Büromaterial wie Post-Its, Klammern, Klebebänder oder Folien. All das kann man nutzen für seine Prototypen.

Die Beschäftigung mit solchen Dingen macht zum einen Spaß, zum anderen regt sie die Kreativität an und sie lässt Neues entdecken.

Foto ablösbarer Klebestift

Weiterer Fund aus dem Büromaterial-Fachgeschäft: Klebestift, der jedes Papier in eine Haftnotiz verwandelt.

Gehen Sie zum Beispiel mal zum Stöbern in einen Schreibwarenladen – ich habe dort z.B. einen Klebestift entdeckt, mit dem man Papierstücke aufkleben und wieder ablösen kann. So wird jedes Stück Papier zum Post-It und lässt sich problemlos wieder lösen und an anderer Stelle neu aufkleben.

Auch einen Druckminen-Stift mit farbiger Mine habe ich gefunden – damit lässt sich wunderbar zeichnen. Oder Buntstifte, die sich radieren lassen.

Jagen & Sammeln – Skizzenbuch, Fototagebuch & Sammlungen

Die Autoren raten dazu, immer und überall Ideen zu sammeln. Zum Beispiel in einem Skizzenbuch, das man immer bei sich hat.

Oder mit Fotos, auf denen man alles das festhält, was einem auffällt, was einem besonders gut oder schlecht gefällt oder was einen inspiriert.

Schließlich raten sie auch, eine Sammlung von Dingen anzulegen. Das ist sicher die aufwendigste Art von Sammlung und sie kostet auch noch Platz in Büro oder Wohnung.

Wichtig ist auch der Punkt: Pflegt man seine Inspirationssammlung nur digital, dann ist die Gefahr groß, dass man nur sammelt und nie sichtet. Damit die Sammlung aber ihren Zweck erfüllt und inspiriert, muss man sie immer wieder einmal durchsehen.

Skizzen für Abläufe, Nutzungsszenarios und Screens

Ein großer Teil des Buches beschreibt, wie man ganz praktisch Skizzen anfertigt, mit denen man Abläufe, Nutzungsszenarios und Screens verdeutlichen kann.

Dabei sind auch Tipps, wie man z.B. mit PowerPoint Skizzen erstellen kann. Das ist alles sehr am Alltag orientiert, ohne Dünkel oder übertriebenes Künstlergehabe. Die Autoren gehen nie davon aus, dass man gut zeichnen kann, und empfehlen auch nie die Anschaffung von teurem Material oder Programmen.

Das ganze Buch wirkt angenehm bodenständig und praxisrelevant.

Wer keine Menschen zeichnen kann, dem rät es zum Beispiel, Fotos abzupausen. Es zeigt, wie man mit dieser Technik sehr schnell ordentliche Skizzen erstellt, die gut kommunizieren, was sie sollen.

Man kann z.B. Teile der Fotos nachzeichnen und die Flächen mit Weiß füllen – etwa die Körper der fotografieren Personen. So bekommt das Bild einen abstrakten Charakter und der entscheidende Teil kann viel besser betont werden.

Zusammenarbeit – gemeinsam visuell Ideen entwickeln

Interessant fand ich auch die eigentlich offensichtliche Beobachtung: Vor Whiteboard oder Flipchart steht man sich meist gegenseitig im Weg. Es kann normalerweise also nur einer den Stift in der Hand halten.

Dagegen ermöglicht ein großes Blatt Papier (A3 oder besser noch vom Flipchart-Block) auf dem Tisch das gleichzeitige Arbeiten. Jeder kann so mit dem Stift an dem Entwurf herumkritzeln.

Für manche Workshops ist das eine bessere Methode, weil sie die Interaktion verstärkt und es den Teilnehmern besser erlaubt, sich einzubringen.

Auch lassen sich für Workshops viele Screens, Raster oder Menüelemente blanko vorbereiten. So kann man solche Elemente z.B. zeichnen, dann einscannen und mehrfach ausdrucken.

Oder man bereitet eine Menge Buttons vor – teilweise beschriftet mit Standard-Texten („OK“, „weiter“, „speichern“…), teilweise noch leer zum Beschriften. Damit geht das Konzipieren im Workshop nicht nur schneller, die Hemmschwelle, sich zu beteiligen ist dann auch viel niedriger.
Und man steuert die Art der entstehenden Nutzeroberfläche auch bereits (was erwünscht oder auch nicht erwünscht sein kann).

Fazit

Das Buch ist eine Fundgrube von Ideen für alle, die konzipieren und/oder gestalten. Auch wer öfter mit Kunden/Auftraggebern/Chefs Workshops macht, in denen Ideen entwickelt werden sollen, der wird hier viele gute Anregungen finden.

Foto aus dem Buch Sketching User Experiences

Die Gestaltung finde ich persönlich für ein Buch, bei dem es so stark ums Visuelle geht, etwas dröge – aber das tut den Inhalten keinen Abbruch.

Was man allerdings nicht lernt in dem Buch, ist Zeichnen. Wer also ein Buch sucht, um seine Zeichen- oder Sketch-Technik zu verbessern, der muss zu einem anderen Titel greifen. (Zum Beispiel zu Das Sketchnote Arbeitsbuch von Mike Rohe.)

Ein Kritikpunkt ist die Übersetzung. Die ist teilweise so seltsam, dass man erst zweimal über manche Formulierungen nachdenken muss, bis man versteht, was gemeint ist. Das geht los mit „Plattform“ statt Bahnsteig (englisch platform) oder „Papier“ statt Veröffentlichung (paper). Auch „Kontrollen am Gerät“ (controls) oder „Sie reichen nach der Taste“ (reach) klingen hölzern.

Das trübt das Lesevergnügen leider manchmal etwas, in der Summe kann man das Buch aber auf jeden Fall empfehlen.