Die Startseite – umkämpft und überbewertet

Beobachten Sie das auch? Die Nutzerzahlen für die Startseite brechen ein. Und zwar dramatisch. Die Startseite der New York Times beispielsweise hat schon 2013 über 80 Millionen Besucher pro Monat verloren verglichen mit zwei Jahren zuvor – das ist die Hälfte der Besucher.

Interessanterweise ist die Gesamtzahl der Besucher auf nytimes.com in dieser Zeit aber gestiegen. Nur die Homepage ließen die Nutzer dabei immer öfter links liegen.

Gefallen ist auch der Zugriff auf die ersten Seiten der Kategorien („World“, „Politics“, „Sports“ etc.) und die Zugriffe über die eigene App.

Die US-Traditions-Zeitung ist dabei keine Ausnahme. Der Trend ist auf Mediensites besonders stark, aber fast alle Sites beobachten das Phänomen: Mehr und mehr kommen Nutzer direkt auf Unterseiten. Nur noch 5 bis 15 Prozent der Besucher beginnen mit der Homepage.

Warum geht niemand mehr auf die Startseite?


Was ist da los?

Es spielen sicher mehrere Faktoren zusammen. Die zwei wichtigsten sind:

  1. Suchmaschinen
  2. Social Media

Wenn ich beliebigen Nutzern eine Aufgabe stelle, beobachte ich im Usability-Labor eines: Praktisch jeder geht direkt zu Google bzw. nutzt die Google-Eingabe des Browsers. Selbst wenn man den Nutzern sagt, sie sollen eine ganz einfache URL öffnen, die nur aus drei Buchstaben und der Endung .de besteht.

Es ist nahezu immer die einfache Möglichkeit, auf eine Site zu kommen. Man muss sich nicht merken, ob der Umlaut als ae/oe/ue geschrieben wird, ob eine Abkürzung verwendet wird, oder ob es .de, .com oder .net heißt.

Selbst diejenigen, die direkt auf eine bestimmte Website wollen, nutzen dafür eine Suchmaschine. Und auf den Trefferseiten bekommen sie dann weitere Angebote. Angebote von der Konkurrenz, aber auch Angebote, direkt auf Unterseiten einzusteigen.

Screenshot Treffer Suche nach FAZ

Wer z.B. Frankfurter Allgemeine bei Google eingibt, bekommt viele Angebote, deren Startseite zu umgehen.

Und wer nach etwas Bestimmten sucht, der nutzt sowieso die Suche und kommt daher praktisch nie über die Startseite der Sites, die er besucht.

Fazit: Die hohe Qualität der Suchmaschinen nimmt den Startseiten die Besucher weg.

Das ist für die Nutzer ein Pluspunkt: Denn sie kommen direkt zu den Inhalten, die sie aktuell interessieren.

Für die Sitebetreiber ist das aber oft ein Nachteil: Sie können nicht darauf vertrauen, dass die Nutzer die Informationen haben, die sie ihnen auf der Startseite vermitteln. Jede einzelne Seite muss daher z.B. die Aufgabe erfüllen, dem Nutzer eine Idee davon zu vermitteln, wer der Sitebetreiber ist, warum es hier geht und was die Site insgesamt bietet.

Push- und Pull-Medien – Suchen oder Finden?

Der zweite wichtige Grund, warum die Startseiten immer weniger Zugriffe haben, sind Soziale Medien wie Facebook und Twitter.

Hier werden ständig Links geteilt – fast nie auf die Startseiten, fast immer auf Unterseiten. Das führt teilweise zu einem großen Anstieg des Traffics – was ja immer gewünscht ist. Allerdings führt das auch dazu, dass absolut der Anteil der Aufrufe der Startseiten sinkt.

Insbesondere bei Nachrichten-Sites ist das aber auch überraschend. Denn viele Medien-Macher und -Beobachter gehen davon aus, dass die Nutzer sich gern einen Überblick des tagesaktuellen Geschehens verschaffen wollen. Und viele Nutzer vertrauen dabei in der Tat auf etablierte Medienanbieter wie Tageszeitungen, Magazine und Fernsehsender. Deren Startseiten bieten genau das: einen Überblick des tagesaktuellen Geschehens. Warum also gehen sie nicht auf deren Startseite?

Ein Erklärungsansatz: Klassische Startseiten von Magazinen und Zeitungen sind Pull-Medien, also solche, bei denen der Nutzer sich entscheidet, zu einem bestimmten Zeitpunkt Nachrichten zu lesen. Immer mehr Nutzer konsumieren Informationen nach dem Push-Prinzip, bei dem ihnen die Nachrichten serviert werden.

Durch die vielfältigen Streams bekommen wir ständig Links zu lohnenden Seiten im Web. Der limitierende Faktor ist nicht die Menge und auch nicht die Qualität der Information. Der limitierende Faktor ist die Aufmerksamkeit, die Zeit der Nutzer.

Wer also schon 20 Seiten gelesen hat, weil er über Facebook, Twitter und vielleicht sogar Links per Mail mit so vielen spannenden Infos versorgt worden ist, der hat nicht mehr den Nerv, auch noch auf der Startseite von Spiegel online zu sehen, was die Redaktion dort berichtet.

Kuratierte Inhalte

Und es gibt noch weitere Anbieter, die Inhalte sortieren und bereitstellen – neudeutsch kuratieren. Da sind Xing und LinkedIn und Dienste wie Pocket oder Flipboard. Letztere stellen Nachrichten zusammen, basierend auf den Vorlieben des jeweiligen Nutzers.

Screenshot Pocket

Wer Pocket nutzt, um Nachrichten offline zu lesen, der bekommt Empfehlungen, was andere Nutzer mit ähnlichen Interessen offline gelesen haben.

Aber die ganzen Links in den Sozialen Netzen müssen ja irgendwoher kommen – irgendjemand muss einmal eine Nachricht gepullt haben, um sie anderen zu pushen. Das kann natürlich der Autor selbst gewesen sein. Aber in den meisten Fällen sind es normale Leser, die für sie interessante Links posten. Und die kommen noch immer oft ganz traditionell über die Startseite. Die Startseite der New York Times hat in dem genannten Zeitraum zwar 80 Millionen Besucher verloren – und trotzdem kommen jeden Monat immer noch 80 Millionen. Die Zahl hat sich also nur halbiert.

Besucher der Startseite sind loyal, und die pushen.

Wer über die Startseite kommt, verbringt mehr Zeit auf der Site. Das belegt z.B. eine Studie von Pew Research aus dem Jahr 2013 für 26 US-Nachrichten-Sites.
Fast dreimal so lange blieben die direkten Besucher auf der Site verglichen mit denen, die über Facebook oder Google kamen (4:36 Minuten vs. 1:41 Minuten).
Dabei rufen sie 25 Seiten auf – verglichen mit 4 derjenigen, die von Facebook kamen und 5 derjenigen, die von Google kamen.

Und diese Besucher kommen dreimal häufiger zurück.

Empfehlungen für die Konzeption der Startseite

Was heißt das nun alles für unsere eigene Startseite?

Zum einen ist diese Entwicklung ein Beleg dafür, dass sich das durchsetzt, was dem Benutzer entspricht. Die Startseite und deren Inhalte bestimmt der Site-Betreiber.
Die Unterseiten dagegen sind mehr bestimmt von den Nutzern – sie entscheiden selbst, was sie anklicken oder teilen.

Foto mehrere bunte Türen

Den einen Zugang zur Site gibt es nicht mehr – die Nutzer können überall her kommen.

Ist die Startseite tot?

Nein, die Startseite ist nicht tot. Als die Zahlen der New York Times bekannt wurden, trugen etliche Kommentatoren die Startseite zu Grabe.

Das war voreilig. Ezra Klein bringt es am besten auf den Punkt mit seiner Aussage:

Die Startseite ist nicht tot. Sie ruht sich nur aus.

Eine schöne Überschrift, auch wenn sie ein bisschen am Kern seiner Ausführungen vorbei geht. Klein glaubt nicht, dass die Zugriffe auf die Startseiten wieder ansteigen werden. Er glaubt nur, dass wir nicht sagen sollten, die Startseite habe ausgedient.

Präziser trifft es daher die Bemerkung des Medienexperten Sam Kirkland, der meint:

„Tot“ heißt im Bereich der Medien, dass eine bisher dominante Kraft etwas an Einfluss verloren hat.

Was muss die Startseite leisten?

Noch immer muss jede Startseite mindestens folgende Fragen beantworten:

  • Von wem ist die Site? (Betreiber, Image)
  • Was bietet sie an, was kann man hier tun? (Angebot)
  • Welche Bereiche hat die Site? (Übersicht)
  • Wie komme ich zu dem, was ich brauche? (Orientierung/Navigation)
  • Lohnt es sich, hier zu bleiben? (Vertrauen, Inhalt)

Für uns Konzepter und Site-Betreiber heißt die Entwicklung aber auch, wir können uns etwas entspannen. Viele, viele Kämpfe wurden ausgefochten, um festzulegen, was auf der Startseite steht. In größeren Unternehmen wollten Abteilungen oder gar einzelne Personen unbedingt auf der ersten Seite präsent sein – unabhängig davon, ob das für die Nutzer relevant ist. Wir können jetzt viel leichter nachgeben und müssen nicht mehr so sehr für die Nutzer streiten, weil die zunehmend die Startseite links liegen lassen.

Dabei stellt sich auch die Frage, ob nicht mit ein Grund für diese Entwicklung ist, dass die Nutzer zu oft gemerkt haben, dass die Startseite ihnen keine relevanten Informationen bringt…

Nachdem inzwischen jede Seite Startseite eines Besuchs sein kann, sollten wir uns bei der Konzeption die Frage stellen, ob nicht jede Seite die obigen Fragen beantworten sollte – oder ob sie zumindest die Antwort darauf mit einem Klick liefern sollte.

Und Mediensites, die am stärksten unter dem Bedeutungsverlust der Homepage leiden, haben darauf am schnellsten reagiert.

Immer häufiger sehen wir, dass die Artikelseiten nicht mehr nur Links zu weiteren Artikeln bieten. Vielmehr hängen sie oft gleich den nächsten Artikel direkt darunter, so dass der Besucher seine Lektüre direkt fortsetzen kann, ohne klicken zu müssen.

Und die Nachrichten-Site Quartz macht nicht nur das – hier sieht die Startseite eigentlich genauso aus wie alle Artikelseiten – eine lange Seite mit lauter Artikeln untereinander. Die Trennung zwischen Startseite und Unterseiten verschwimmt hier völlig.

Was meinen Sie? Betrifft der Trend uns alle und/oder können wir dem gelassen entgegensehen?

5 Gedanken zu „Die Startseite – umkämpft und überbewertet

  1. mediaworx - Heiko

    Mich würde bei der Entwicklung der oben genannten zahlen ja mal der Vergleich zwischen Desktop und Mobile interessieren. Denn in Desktop-Versionen wird die Startseite häufiger als Ausgangspunkt bei der Orientierung innerhalb der Webseite verwendet, während das im mobile Context eher über Navigationselemente und interne Verlinkungen geschieht.

    Klasse Beitrag im übrigen!

    Antworten
    1. Jens Jacobsen Beitragsautor

      Danke für das Lob!
      Ja, nach meiner Beobachtung stimmt das: Wer mit kleineren Geräten arbeitet, geht seltener auf die Startseite – vielleicht auch, weil man da keine Lust hat, zu warten, bis die geladen ist. Ein weiterer Grund für den Bedeutungsverlust der Startseite – danke für den Hinweis.
      Wenn dazu jemand Zahlen hat – ich fände die auch sehr spannend 😉

  2. Pingback: Der Tod der Startseite? - benutzerfreun.de

  3. Tobias

    Hello!

    Zunächst kleiner Hinweis. Der Satz „Nicht einmal diejenigen, die direkt auf eine bestimmte Website wollen, nutzen dafür eine Suchmaschine.“ – seid ihr da sicher, dass nicht gemeint war: „Selbst diejenigen, die direkt auf eine bestimmte Website wollen, nutzen dafür eine Suchmaschine.“ Oder verstehe ich nur den Absatz nicht ganz?

    Schön geschriebener Artikel, der denke ich voll und ganz zutrifft. Wir wissen über Google ja eins: Google möchte dem Nutzer EXAKT die Antwort auf die Frage liefern, die der Nutzer als „Frage“ in die Suchleiste eingibt. Startseiten aber sind ja dafür da, einen allgemeinen Überblick über das Unternehmen / die Domain zu liefern bzw. bei Newsseiten, um ein Potpourri an Informationen an die Hand zu geben, die dann alle auf die entsprechenden Einzelkategorien weiterführen. Gerade an letzterem wird deutlich, was auch ihr schreibt: Diesen Umweg über eine Zwischenseite will Google seinen Suchern eben abnehmen. Denn warum, so denkt sich Google, sollte der User erst mit ziellosen Informationen gefüttert werden, die ihn gerade gar nicht interessieren oder ih nur von seiner eigentlichen Suchanfrage ablenken? Wer heute nach „Obama Merkel Hannover“ sucht, will ja tatsächlich keine Wikipedia Seite zu Obama oder Merkel haben, sondern direkt einen Bericht darüber, dass Obama Merkel besuchen wird, um über den weiteren Verlauf des Weltgeschehens zu debattieren. Push!

    Auch für euch sind News-Seiten offenbar das beste Beispiel dafür. Aber aus eigener Erfahrung kann ich ein weiteres Beispiel geben. Als unsere Kreativagentur kürzlich auf der Suche nach einem externen Partner für die Erstellung von Video Content war, wurde uns der noch relativ junge Anbieter „funk-e“ empfohlen. Aber die Empfehlung lautete nicht einfach: Besuche die Website – sondern die Empfehlung bestand darin, uns ein ganz bestimmtes Unterverzeichnis zu nennen, nämlich /de/erklaervideos … warum? Ganz klar! In dem Verzeichnis liegt eine Reihe von klickbaren Referenzen. Da wir als Agentur natürlich ohne Umschweife das Endprodukt der Video Gurus sehen wollen statt den vielleicht informativen, aber doch schon standardmäßigen Content auf der allgemeinen Startseite.

    Im Grunde ist es ganz einfach: Zeit ist Geld. Direkte Wege sparen Zeit. Und wer direkt überzeugt, kriegt schneller sein Geld. 🙂

    LG Tobias // wolkenhart

    Antworten
  4. Jens Jacobsen Beitragsautor

    Hallo Tobias, danke für den Hinweis mit der Suchmaschine, da hast du natürlich Recht!
    Ein sehr guter, wichtiger Punkt, den du ansprichst ist auch, dass einige Sucher tatsächlich nicht mehr auf die Site müssen, weil Google ihnen schon die Antwort liefert.
    Und die Links auf die Unterseiten, die man weitergibt, sind auch ein weiterer Hinweis in diese Richtung.
    Danke für den inhaltsreichen Kommentar!

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