WeChat – Wie Convenience Usability und Datenschutz schlägt

Mal angenommen es gäbe eine App die die Leistungen von WhatsApp, Facebook, PayPal, verschiedenste Online Shops und alle möglichen beliebigen Mobile Games verbindet und diese Services nahtlos mit einander kommunizieren lässt. Diese Vorstellung klingt besonders nach dem Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) als eine Utopie.

In China gibt es eine solche App schon seit Jahren: WeChat.

Die Vorteile von WeChat

Logo WeChat

In 2011 angefangen als reiner Messenger, hat sich die von Tencent entwickelte App, zu einem Multitalent für das tägliche Leben entwickelt. Die Funktionen gehen dabei weit über die einer gewöhnlichen Social Media-Plattform mit Zahlungsanbindung hinaus. Manche Restaurants in China bieten beispielsweise die Möglichkeit, sich mit einem QR-Code in das Restaurant WLAN einzuloggen. Die Speisekarte kann direkt eingesehen, die Bestellung aufgegeben und bezahlt werden. Alles über WeChat – versteht sich. Die Rechnung bezahlt im Regelfall nur einer, die Freunde schicken noch am Tisch das Geld direkt und gebührenfrei an denjenigen, der die Rechnung übernommen hat. Natürlich ebenfalls über WeChat. Im Jahr 2017 nutzten 46 Prozent der chinesischen Bevölkerung WeChat und es ist bei den meisten Nutzern aus deren Alltag nicht mehr wegzudenken.

Ist man geschäftlich in China unterwegs, kommt man auch als Europäer um die Nutzung nicht rum. Die einst so starke Kultur der Visitenkarten wurde ebenfalls zu großen Teilen von WeChat abgelöst. Dabei wurde der feierliche Akt der Visitenkarten-Übergabe von dem gegenseitigen Scannen des QR-Codes ersetzt. Das Handy wird dabei immer noch in beiden Händen gehalten und das Scannen der Kontaktdaten als ebenso wertig betrachtet wie die Überreichung der Visitenkarte. Nach dem Scannen wird nicht die Karte, sondern das Bild des gerade gescannten Kontakts betrachtet. Die gesammelten WeChat-Kontakte haben dabei zu der klassischen Visitenkarte natürlich viele Vorteile. Man kann u. a. der gescannten Person Tags zuweisen, um sie leichter zu finden, zu Gruppen einzuladen und natürlich auch direkt mit ihr zu kommunizieren. Das können Visitenkarten-Apps auch, aber WeChat kann eben noch mehr.

Beispiel eines Geschenkumschlags zum chinesischen Neujahr 2017.

Zum chinesischen Neujahr werden traditionell rote Umschläge mit Geld verschenkt. WeChat hat diese Funktion für seinen Messenger aufgegriffen und erweitert. So kann man durch die Verknüpfung mit dem Messenger und WeChat Pay nicht nur Geldgeschenke an individuelle Freunde schicken, man kann dies auch in einer ganzen Gruppe tun. Dabei legt man einen Geldbetrag fest, der in dem virtuellen Umschlag enthalten ist und wie häufig er geöffnet werden kann. Dabei wird der Gesamtbetrag durch die Anzahl der Öffnungen geteilt, jedoch sind die Beträge ungleich viel. Dadurch entsteht ein Überraschungsmoment, wenn die Mitglieder einer Gruppe ihren jeweiligen Anteil des Umschlags öffnen. Wie auch bei den Visitenkarten wurde eine Tradition nicht nur digitalisiert, sondern auch weiterentwickelt. Möglich gemacht wird diese Funktion durch die Verknüpfung des Messengers, mit WeChat Pay und einer Spielmechanik.
WeChat hat also Traditionen und Gewohnheiten des alltäglichen Lebens aufgegriffen und diese auf clevere Weise digitalisiert. Dabei bieten alle Feature dem Nutzer einen riesigen Vorteil: Convenience.

Alle gewünschten Funktionen sind an einem Ort und kommunizieren mit einander. Zudem kommt hinzu, dass alle Funktionen mobile optimiert sind und in dem WeChat Design gehalten.

Die Usability Probleme von WeChat

Wer schon einmal Anwendungen mit großer Komplexität gestaltet hat, kennt das Problem: Viele unterschiedliche Inhalte unter einen Hut bekommen und dabei alles intuitiv auffindbar zu haben. WeChat ist historisch gewachsen und mit jedem neuen Feature eben auch die Komplexität.

Die NN Group beschreibt in dem Artikel „WeChat: China’s Integrated Internet User Experience“, dass sie bei einem Usability Test beispielsweise beobachten konnten, dass die Probanden große Schwierigkeiten hatten, das Feature „City Heatmaps“ zu finden. Dabei handelt es sich um eine Funktion bei der man überprüfen kann, wie hoch der Andrang an einem bestimmten Ort ist. Dafür müssen die Nutzer den Pfad „Wallet (dt. „Geldbeutel“) -> Public Services (dt. „öffentliche Angebote“) -> City Heatmaps“ folgen. Dass die Nutzer ein solches Feature nicht unter dem „Geldbeutel“ erwarten, kann man nachvollziehen, zeigt aber große Probleme in der Informationsarchitektur auf.

Aus eigener Erfahrung musste ich auch erst lernen das es sich bei „Moments“ um eine Art Facebook-Zeitleiste handelt, in der ich die Bilder und Kommentare meiner Kontakte sehen kann. Das sich dieser Feature hinter dem Menüpunkt Discover (dt. „entdecken“) verbirgt, hätte ich dabei auch nicht erwartet.

Dennoch bieten alle Funktionen den großen Vorteil, mobile optimiert zu sein. Was bei vielen Webseiten in China nicht der Fall ist. Vielleicht auch, weil die Integration in WeChat bereits da war und man damit die Nutzer noch leichter erreichen kann.

Der Datenschutz von WeChat

Wie bereits zum Einstieg angedeutet, ist der Datenschutz bei WeChat natürlich trotzdem ein Problem. Dies liegt aber nicht nur an der Verknüpfung der verschiedenen Services, sondern schlicht weg auch an der Regierung Chinas. So müssen nach chinesischem Gesetz alle Netzwerk-Logs für mindestens 6 Monate gespeichert werden. Außerdem sollen alle Nutzerdaten nur auf Servern gespeichert werden, die auch in China stehen.

Noch kritischer wird es jedoch bei dem Thema des sozialen Rating Systems. Eine weitere Vorschrift besagt, dass alle Betreiber sozialer Medien Nutzerverhalten bewerten sollen. Unter dem Namen „Sesamen Credit“ werden so Nutzer dazu ermuntert, sich im Auge der Regierung vorbildlich zu verhalten. So steigt die Punktezahl eines Nutzers beispielsweise, wenn er Links über die positive Entwicklung der chinesischen Ökonomie teilt oder lokale Waren erwirbt. Der Wert sinkt, wenn man regierungskritische Bilder oder Links postet oder beispielsweise Animes (Zeichentrickfilme) aus Japan importiert. Dies ist zum einen, wie bereits erwähnt, aus Datenschutzgründen kritisch zu betrachten. Da hierfür nicht nur das Nutzerverhalten analysiert wird, sondern auch Nachrichten und Posts der jeweiligen Person komplett ausgewertet werden.

Zum anderen hat dieses System aber auch Einfluss auf das reale Leben einer Person. So erhält eine Person mit einem hohen „Sesamen Credit“-Wert eventuell schneller einen Pass oder einfacher einen Kredit. Strafen für einen niedrigen Wert gibt es zwar aktuell nicht, die Möglichkeit besteht natürlich jedoch. Soziale Auswirkungen kann es auf jeden Fall haben, da auch bewertet wird welchen Wert die Freunde eines Nutzers haben. Dies kann dann auch den eigenen Wert beeinflusst und zu sozialer Abgrenzung oder schlimmeren führen.

Fazit

Trotz der Einschränkungen und Risiken nutzt ein Großteil der chinesischen Bevölkerung WeChat einfach, weil es bequem ist. Es vereinfacht den Alltag und zeigt, dass man bei sehr hoher Convenience auch über nicht optimale Usability und fraglichem Datenschutz hinwegsehen kann. Die Einmischung der chinesischen Regierung in ein solches System übersteigt an dieser Stelle den Rahmen dieses Blogbeitrags, ist aber dennoch so relevant das es in diesem Beitrag nicht fehlen durfte.
Denn wie bereits einer der beliebtesten Comic-Zitate aus Spiderman besagt: „Aus großer Macht, folgt große Verantwortung.“

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