Welche Qualitäten sollte ein User Researcher besitzen?

Wenn man sich auf dem Markt umschaut, findet man immer wieder unterschiedlichste Beschreibungen und Jobbezeichnungen in der UX-Branche. Um ein klares Rollenbild zu vermitteln, habe ich in diesem Beitrag den Versuch gewagt, Aufgaben, Rollen und nötige Kompetenzen herauszuarbeiten, die ein User Researcher einnehmen bzw. haben sollte. Um die Qualitäten eines User Researchers zu definieren, müssen wir uns zum einen die Soft Skills anschauen und zum anderen die Hard Skills. Während Hard Skills berufstypische Qualifikationen beschreiben, betreffen Soft Skills direkt die Persönlichkeit und gehen über fachliche Kompetenzen hinaus.

Betrachten wir zunächst die Soft Skills:

Neugier

User Researcher verbringen viel Zeit damit, Menschen zu interviewen und ihr Verhalten zu beobachten. Dementsprechend sollte eine intensive Neugierde auf Menschen und ihre Probleme und Bedürfnisse vorhanden sein. Sie wollen erfahren, wie Nutzer denken und warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Sie sind außerdem daran interessiert, Probleme zu verstehen, was sie verursacht und wie sie zu lösen sind. Das ist der Grund, warum Menschen so oft aus der Psychologie, Soziologie oder Anthropologie in das Feld der User Experience kommen. Auch spannend dazu: “Verhalten verstehen und lenken – das können Psychologen!”

Idealismus

Ein weiterer starker Motivator ist Idealismus und der Wunsch, das Leben der Menschen zu verbessern. Ziel ist es, Technologien zu entwickeln, die das Leben der Menschen einfacher und befriedigender machen. Selbst kleinste Verbesserungen an einem Produkt geben das Gefühl, die Welt auf eine kleine Art und Weise zu einem besseren Ort zu machen.

Pragmatismus

User Researcher können nicht ausschließlich die Nutzer repräsentieren. Auch kaufmännische Rahmendaten und Aspekte müssen berücksichtigt und Lösungen gefunden werden, die sowohl Geschäfts- als auch Nutzerziele erfüllen.
Oft fehlt es an Zeit und Geld, weshalb es notwendig ist, praktisch zu sein und das Beste aus der Zeit und den Ressourcen, die zur Verfügung stehen, herauszuholen.

Überzeugungsfähigkeit

Überzeugungsfähigkeit ist eine sehr wichtige Fähigkeit für einen Researcher. Erstens müssen Researcher oft den Wert von User Research evangelisieren und Kunden oder sogar Kollegen davon überzeugen, sie in ihre Projekte einzubeziehen. Als nächstes müssen sie die Menschen überzeugen, sich an der Forschung zu beteiligen. Dann müssen die Forscher während der Forschungssitzungen die Teilnehmer davon überzeugen, die Forschungsaktivitäten gemäß den Anweisungen durchzuführen. Schließlich müssen sie bei der Präsentation ihrer Ergebnisse in der Lage sein, die Interessengruppen davon zu überzeugen, dass die Informationen korrekt sind und ihre Empfehlungen die Probleme lösen. Während ihr Team das Produkt entwirft und entwickelt, müssen die User Researcher die Designer davon überzeugen, Design-Entscheidungen zu treffen, die sowohl den geschäftlichen als auch den Nutzerbedürfnissen am besten gerecht werden.

Aufgeschlossenheit

Ein guter User Researcher muss unabhängig denken und bei der Recherche gleichgültig gegenüber Entwürfen sein. Aufgeschlossenheit gilt auch für Forschungsmethoden. Die besten Forscher gehen nicht davon aus, dass sie alles wissen oder dass ihre Methoden die einzige Möglichkeit sind, etwas zu tun. Sie sind offen für neue Ideen und probieren gerne auch neue Methoden aus.

Fähigkeit, schnell zu lernen

User Researcher müssen schnelle Lerner sein. Forscher, die für Agenturen arbeiten oder Berater sind, arbeiten ständig an neuen Projekten und oft mit Kunden aus verschiedenen Branchen, Bereichen und Technologien. Bei so unterschiedlichen Themen müssen Researcher in der Lage sein, schnell zu lernen. Sie müssen keine Fachexperten werden, aber sie müssen sich schnell Grundkenntnisse über eine neue Domäne oder Technologie aneignen, damit sie die Nutzer und ihre Aufgaben bei der Recherche verstehen können.

Organisationstalent und Liebe zum Detail

Gute organisatorische Fähigkeiten und Detailgenauigkeit sind in jeder Phase einer Studie wichtig. Die Planung beinhaltet das Auflisten, Organisieren und Priorisieren von Aufgaben und Fragen. Die Kontaktaufnahme, das Screening, die Rekrutierung und die Planung von Teilnehmern erfordert die Fähigkeit, die Zeitpläne vieler Personen zu koordinieren. Bei der Durchführung von Forschungssitzungen müssen die Forscher Materialien koordinieren, Aufnahmegeräte verwalten, Beobachter handhaben und mit dem Teilnehmer interagieren, während sie die Interaktionen des Benutzers sorgfältig beobachten und Notizen machen. Die Analyse erfordert die Konzentration auf die Details in einer großen Datenmenge von vielen verschiedenen Teilnehmern, die schließlich in gemeinsame Muster und Themen gegliedert werden müssen.

Zeitmanagement

Da es oft an Zeit mangelt, ist ein gutes Zeitmanagement erforderlich, um effektive Forschung innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens durchzuführen.

Teamfähigkeit

Gute Researcher beziehen Kunden, Designer und andere Mitglieder des Projektteams mit ein, um bei der Planung der Forschung, der Beobachtung der Sitzungen und der Analyse der Ergebnisse behilflich zu sein. User Research ist nicht effektiv, wenn ein Forscher die Forschung isoliert durchführt und der Rest des Teams lernt über die Ergebnisse nur durch einen Bericht oder eine Präsentation.

Empathie

Empathie ist der Schlüssel zum Verständnis der Menschen und ihrer Bedürfnisse. Empathie ermöglicht es, aufmerksamer zu sein, bessere Fragen zu stellen und tiefere Einblicke zu gewinnen. Ohne Empathie kann ein Forscher Fakten darüber sammeln, was Menschen während einer Sitzung tun und sagen, aber er kann nicht wirklich verstehen, was diese Fakten bedeuten. Die Fähigkeit sich einzufühlen, hilft die Fakten miteinander zu verbinden und das Verhalten, die Bedürfnisse und Ziele der Menschen wirklich zu verstehen.

Freundlichkeit

User Researcher müssen mit den unterschiedlichsten Personen interagieren – Kunden, Stakeholdern, Projektmitarbeitern und Forschungsteilnehmern. Es ist wichtig, freundlich, sympathisch, informell und nicht bedrohlich zu wirken. Das bedeutet nicht, dass man als Researcher besonders extrovertiert sein muss. Aber Researcher müssen Menschen mögen, und andere Menschen müssen sich wohl fühlen, wenn sie mit ihnen reden.

Neutralität

Um nicht zu viel Einfluss auf Testteilnehmer zu nehmen, müssen Researcher ein neutrales Verhalten an den Tag legen und vermeiden, positive oder negative Reaktionen auf das, was die Teilnehmer sagen oder tun, zu zeigen. Das heißt nicht, dass sie keine Meinungen haben, aber sie können sie bestenfalls hinter einem neutralen Äußeren verstecken.

Selektive Aufmerksamkeit

Researcher müssen die großen Datenmengen, die sie sehen und hören, mental verarbeiten können; das Wichtige wahrnehmen, Fremdinformationen herausfiltern und sich auf die wichtigen Elemente konzentrieren.

Geduld

User Research kann manchmal recht monoton sein. Man sitzt in vielen Sessions mit ähnlichen Leuten, stellt die gleichen Fragen, bekommt ähnliche Antworten und beobachtet die gleichen Aufgaben immer wieder. So etwas erfordert Geduld ohne Frustration und Langeweile zu zeigen.

Flexibilität und Anpassungsfähigkeit

User Researcher müssen in der Lage sein, mit unerwarteten Problemen umzugehen. Sie müssen flexibel sein und ihre Vorgehensweise anpassen, wenn unerwartete Probleme auftreten.

Gutes Gedächtnis

Bei der Moderation können sich Forscher nicht ständig auf eine Liste von Fragen beziehen, sondern müssen sich die Fragen, die sie stellen wollten, und die Aufgaben, die sie beobachten wollten, merken können. Natürlich treten während einer Sitzung neue Fragen auf, aber es ist nicht immer Zeit, sie sofort zu stellen. Daher müssen sich die Forscher diese Fragen merken und sie zu einem späteren Zeitpunkt während der Sitzung stellen können.
Selbst wenn ein Researcher sehr detaillierte und genaue Notizen machen kann, ist es nicht möglich, alles zu erfassen. Vieles von dem, was ein User Researcher hört und beobachtet, wird nur im Gedächtnis bleiben. Während Beobachtungsprotokolle eine wirkungsvolle Unterstützung für ihr Gedächtnis bieten, ist ein gutes Gedächtnis notwendig, um Stenogramme zu verstehen und die Lücken zu füllen.

Kommen wir nun zu den Hard Skills, die ein User Researcher mit sich bringen sollte:

Effektives Notieren

Zu viele Notizen können die Aufmerksamkeit der Forscher vom Beobachten und Zuhören ablenken, ihre Fähigkeit, mit den Teilnehmern zu interagieren, beeinträchtigen und es schwierig machen, ihre Notizen später zu verstehen. Es ist besser, die wichtigen Dinge wahrzunehmen und zu notieren, als zu versuchen, alles aufzuschreiben. Es bleibt nicht immer Zeit, die Aufzeichnungen zu überprüfen, weshalb effektives Notieren unerlässlich ist.

Analytische Fähigkeiten

User Research generiert eine riesige Menge an Daten. Um diese zu verstehen und wichtige Themen und Probleme innerhalb der Daten zu unterscheiden, sind gute analytische Fähigkeiten notwendig. Dies gilt insbesondere für die qualitative Nutzerforschung, bei der die Daten aus dem bestehen, was die Teilnehmer gesagt und getan haben.

Problemlösung

Researcher können nicht nur Probleme feststellen, sondern müssen auch Empfehlungen zur Lösung dieser Probleme geben. Ansonsten sind die Forschungsergebnisse nichts weiter als interessante Informationen. Um effektive Lösungen für die von ihnen identifizierten Probleme zu finden, müssen Forscher gute Fähigkeiten zur Problemlösung haben.

Schreibfertigkeiten

Keiner im Projektteam schreibt mehr als ein User Researcher. Gute Schreibfertigkeiten sind notwendig, um ihre Ergebnisse effektiv durch Forschungsergebnisse wie Berichte, Präsentationen, Personas, Szenarien und Anwendungsfälle zu vermitteln.

Eine sorgfältige Formulierung ist auch beim Schreiben von Rekrutierungs-E-Mails, Screener, Umfragen, Fragebögen, Interviewfragen und Usability-Testing-Aufgaben erforderlich.

Kommunikationsfähigkeit

Da ein User Researcher mit so vielen verschiedenen Menschentypen interagiert, muss er über exzellente Kommunikationsfähigkeiten verfügen. In der Kommunikation mit Kunden und Stakeholdern muss er in der Lage sein, seine Methoden zu erklären, sie von der Bedeutung von User Research zu überzeugen und seine Forschungsergebnisse und -empfehlungen klar zu kommunizieren. Bei der Kommunikation mit den Forschungsteilnehmern muss er beschreiben, was während der Forschungssitzung passiert, klar erklären, was er von den Teilnehmern erwartet und die richtigen Fragen stellen.

User Researcher sind im Kommen

Ich hoffe, deutlich gemacht zu haben welche Aufgaben und Rollen ein User Researcher einnehmen muss, wie abwechslungsreich der Job ist und welche Merkmale einen guten User Researcher auszeichnen. Jim Ross hat mit seinem Beitrag “Qualities of Effective User Researchers” bereits eine gute Vorlage geschaffen und diente hierfür als Orientierung.

User Researcher sind im Kommen – und werden in Zukunft sicherlich im Orchester der UX-Berufe und -Rollen eine immer größere Bedeutung haben. Wenn Sie generell daran interessiert sind, wer in ein erfolgreiches UX-Team gehört, schauen Sie gerne einmal hier rein: “Wer gehört rein in ein erfolgreiches UX-Team?”.

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