7 Tipps aus der Praxis: Wie gelingt meine Fokusgruppe?

In meiner Funktion als Produktmanagerin für Anforderungsanalyse bei eresult habe ich mich natürlich sehr gefreut, dass wir in der letzten Zeit vermehrt Fokusgruppen für unterschiedlichste Branchen und Zielgruppen durchführen konnten. Dabei begegnen einem natürlich immer wieder Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag ein paar Tipps und Erkenntnisse aus der Praxis weitergeben, damit der nächsten erfolg- und erkenntnisreichen Fokusgruppe nichts mehr im Weg steht!

#Tipp 1: Wann setze ich eine Fokusgruppe am besten ein?

Generell stellt sich zu Beginn ja immer die Frage, wann und wie setze ich welche Methode ein? Fokusgruppen sind dabei besonders sinnvoll zu Beginn eines Projektes (z. B. Relaunch, Innovationen). Denn in Fokusgruppen kann man besonders schnell und zielführend Anforderungen von Nutzern erheben und erkennen. Insbesondere lässt sich schnell erkennen:

  • Wie gehen die Nutzer aktuell vor?
  • Was sind ihre Herausforderungen?
  • Wo bestehen Probleme?
  • Was sind ihre eigenen Ideen?

Besonders gut eigenen sich Fokusgruppen übrigens auch, um Customer Journey Maps zu validieren und zu überprüfen. Durch das Besprechen von Prozessen innerhalb von Fokusgruppen können die Maps mit vielen Teilnehmern besprochen werden, was häufig die Probleme in Prozessen schneller sichtbar macht und auch zu interessanten Diskussionen zu Lösungen führen kann.

#Tipp 2: Das „richtige“ Thema finden…

Grundsätzlich kann man natürlich sagen, eine Fokusgruppe kann man immer machen… Aber so einfach ist es dann doch nicht:
Wir Menschen unterliegen alle dem psychologischen Phänomen der Sozialen Erwünschtheit. Das bedeutet, vereinfacht gesagt, dass wir Dinge sagen, bei denen wir denken andere wollen das von uns hören. D. h. es gibt bestimmte Themen bei denen Menschen nicht unbedingt ehrlich sind oder Dinge sagen, die „andere hören wollen“. Deshalb gilt es Themen zu vermeiden, die ggf. problematisch oder negativ besetzt sind. Beispiele wären das Thema Geld oder auch Werbung (dieses ist v. a. negativ besetzt: „man muss Werbung schlecht finden“). Natürlich kann man diese Themen auch besprechen, aber das erfordert viel Arbeit drum herum.

Ein tolles Beispie welche Dynamik in einer Fokusgruppe stecken kann, zeigt dieses Video:



Soviel zum Thema Innovationsüberprüfung in der Fokusgruppe: Geht es auch eckig?

#Tipp 3: Wer sitzt in meiner Gruppe?

Wichtig ist natürlich auch immer, mit wem bespreche ich eigentlich meine Ideen, Produkte oder Konzepte? Hier hat sich generell gezeigt, dass sich die Personen in der Gruppe eher ähneln sollten, als sehr divers zu sein. Sie sollten also eher homogen als heterogen sein. Warum ist das so? Nun, um eine wirkliche Erkenntnis oder Tenor aus einer Gruppendiskussion zu ziehen braucht es eine gewisse Homogenität zwischen den Personen. Große Altersunterschiede zwischen den Teilnehmern sind z. B. hinderlich, da sich „Jüngere“ dann häufig nicht mehr trauen ihre Meinung gegen die „Älteren“ zu vertreten, außerdem haben natürlich Menschen in verschiedenen Lebensphasen auch einfach grundsätzlich andere Erfahrungen gemacht.

Es gilt also

  • eine möglichst gleichmäßige Altersstruktur
  • und Gemeinsamkeiten abzubilden (z. B. nur Kunden eines Service/Produktes) in einer Gruppe abzubilden.

Sollten Sie Personas haben, kann es – je nachdem ob das Thema dazu passt – Sinn machen die Gruppen nach diesen Personas zu rekrutieren. Denn so schafft man eine sehr homogene Gruppe, die über „mehrere“ Merkmale hinweg Ähnlichkeiten aufweist.

Übrigens, auch mit Kindern kann man Fokusgruppen durchführen. Hier muss man aber noch mehr darauf achten, eine möglichst geringe Altersspanne zu haben. Sowieso ist das Durchführen von Gruppen mit Kindern eine etwas andere Disziplin, weil hier viel mehr auf Zeit, Sprache und Aufgaben geachtet werden muss.

Kleiner Tipp am Rande: Möglichst keine Kinder in eine Gruppe aufnehmen, die sich vorher schon kennen, dann ist das „Quatschmach-Potenzial“ nämlich deutlich erhöht 😉

#Tipp 4: Vorbereitung ist alles

Wie bei den meisten Dingen gilt auch bei Fokusgruppen: Vorbereitung ist alles!

Dabei heißt Vorbereitung nicht nur, dass man einen Moderationsleitfaden erstellt, wobei dieser natürlich wichtig und zentral für Diskussionen sind. Sondern man sollte sich auch wirklich und umfassend mit den Diskussionsgegenständen vertraut machen: Kann ich mir z. B. vor Ort etwas anschauen? Welche Vor- und Nachteile sieht man selbst in einem Service/Produkt (und kann entsprechend „provokante“ Fragen stellen?).
Vorbereitung heißt auch den Gruppenraum richtig vorzubereiten und das hinsichtlich der Ausstattung der gebrauchten Materialen. Insbesondere wenn man nicht in bekannten Räumen unterwegs ist, sollte man dringend vorher abklären: Gibt es genug Materialien (Post It’s, Stifte, Moderationskarten)? Gibt es genug Platz (Stellwände, Flipcharts). Denn nicht vorhandenes Material kann sehr viel Stress verursachen, deshalb immer alles frühzeitig vorbereiten!

#Tipp 5: Hausaufgaben aufgeben

Wer hatte nicht immer Spaß an Hausaufgaben? Wie, nicht? Nun, für Fokusgruppen können Hausaufgaben eine sehr interessante und zielführende Ergänzung sein – wenn es zum Thema passt. So kann es sehr sinnvoll sein, wenn z. B. eine App oder eine bestimmte Anwendung im Zentrum einer Gruppendiskussion steht, diese vorher von den Teilnehmern nutzen zu lassen, mit der Bitte sich zu bestimmten Fragestellungen Gedanken zu machen. (Das kann man natürlich auch sehr schön mit Konkurrenzprodukten machen.) Die Teilnehmer beschäftigen sich also schon vorher mit den Inhalten und kommen mit frischen Ideen und Gedanken in die Gruppe. Wir haben mit Hausaufgaben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Teilnehmer kamen häufig mit vielen Notizzetteln in die Gruppe, die wir als zusätzliche Quelle gerne danach eingesammelt haben, um noch mehr Input zu generieren. Hausaufgaben bringen eben doch was!

#Tipp 6: Keine „Frontalgruppe“

A pro pros Hausaufgaben: In der Schule war es auch immer besonders schön und spannend, wenn es stundenlangen Frontalunterricht durch den Lehrer gab, stimmt‘s? Eben, deshalb ist es auch bei der Konzeption von Fokusgruppen extrem wichtig immer wieder andere Formen zu finden, als dass der Moderator einfach nur Fragen in den Raum wirft. Genauso wie früher in der Schule braucht es auch in Gruppendiskussionen Abwechslung. Deshalb ist darauf zu achten, innerhalb der Gruppen Einzelarbeit oder Kleingruppenarbeit einzusetzen. So können sich die Teilnehmer auch einmal zurückziehen und müssen sich nicht die ganze Zeit auf das Gespräch konzentrieren. Zudem stärkt Gruppenarbeit auch die Kommunikation untereinander. Auch Kreativarbeiten – alleine und gemeinsam – sind in Fokusgruppen sehr gut unterzubringen. Die Teilnehmer können eigenständige ihre Ideen einbringen und in der Auswertung zeigen sich oft viele spannende Denkanstöße für die nächsten Schritte im Projekt. Also, achten Sie darauf nicht nur Fragen in die Runde zu werfen, sondern die Teilnehmer auch immer wieder für sich arbeiten zu lassen.

#Tipp 7: Wie, was mitschreiben?

Jetzt heißt es natürlich noch, wie und was dokumentiere ich bei einer Gruppe? Wir haben an sich ganz gute Erfahrungen gemacht, wenn der Protokollant mit im Raum sitzt. So bekommt dieser einfach mehr mit und kann auch die Gruppendynamik besser einschätzen.
Das hat allerdings einen Nachteil: Wildes Laptop-Tippen ist dann sehr störend und kann die Gruppe auch unterschwellig beeinflussen, deshalb ist eine handschriftliche Aufzeichnung einfach besser. Entweder klassisch mit Stift auf Papier oder z. B. auf einem Surface oder Tablet. Auch hier sollte man vorbereitet sein. Erstellen Sie zumindest eine grobe Vorlage für die Aufzeichnung.
Ein Tipp: Wir haben bei uns sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn wir bei den Aufzeichnungen den Tisch aufgemalt haben und jedem Teilnehmer entsprechend seiner Sitzposition am Tisch eine Nummer gegeben haben. Die Nummern kann man dann in der Aufzeichnung einfach an Aussagen dran schreiben. So kann man sich im Nachgang einfach besser vor Augen führen wer eigentlich was gesagt hat. Interessanterweise konnte ich immer (auch meine Kollegen) vor allem anhand der Sitzposition sehr einfach rekapitulieren welcher Teilnehmer welche Aussage gegeben hatte („Der hinten rechts saß!“). Außerdem sind natürlich die Aufzeichnungen innerhalb der Gruppe wichtig, achten Sie folglich darauf möglichst viele Ergebnisse direkt in der Gruppe festzuhalten, z. B. auf Post It’s, Flipcarts oder Plakaten. Zum einen erfahren die Teilnehmer Wertschätzung, dass ihre Gedanken aufgenommen werden, zum anderen kann man die Dokumente leicht abfotografieren und direkt weiterverarbeiten.

Natürlich gibt es bei der Durchführung von Fokusgruppen noch jede Menge weitere Dinge zu beachten, wenn Sie diese Tipps befolgen, legen Sie aber auf jeden Fall schon eine sehr gute Grundlage. Haben Sie noch weitere Tipps und Erfahrungen? Dann schreiben Sie uns gerne.

Portraitfoto: Joanna Oeding

Joanna Oeding

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 16

3 Kommentare

  • Diese Tipps sind schon mal wirklich eine sehr gute Grundlage! Danke.

  • Friederike

    Vielen Dank für die guten Tipps. Die Idee mit den Hausaufgaben finde ich super, die war mir neu.

    Statt Live-Protokoll hat sich auch Video-Aufzeichnung bewährt. Das kann man hinterher auch sehr genau analysieren. Die Teilnehmer müssen darüber natürlich aufgeklärt und damit einverstanden sein. Trotzdem vergessen sie diese „Überwachung“ recht schnell und äußern sich frei.

    Neu war mir der Vorschlag, keine „Frontaldiskussion“ zu machen. Eine Fokusgruppe ist ja sowieso keine Abfragerei, sondern eben lebendige Diskussion untereinander. Bleibt da genügend Zeit für Minigruppen? Von welcher Dauer sprechen wir hier, gibt es dazu auch Empfehlungen?

    • Hallo Frederike,

      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Video-Aufnahmen machen wir auch zusätzlich, aber gerade wenn man sehr viele Gruppen hat schafft man es im Nachgang oft nicht alle nochmals anzuschauen, da hilft es, wenn man schon vorher viele Notizen gemacht hat 😉

      Zu deiner Frage: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, dass sich die Teilnehmden immer mal wieder zurück ziehen können, um z.B. eine kleine Einzelarbeit zu machen oder in der Kleingruppe diskutieren können. Das steigert einfach die Motivation und die Aufnahmefähigkeit. Wie lange eine „Mini-Gruppenarbeit“ sein sollte hängt eigentlich von 2 Faktoren ab: Wie lange geht meine Diskussion insgesamt? Und was wird besprochen? Je nachdem reicht schon eine kurze Gruppenarbeitsphase von 5 bis 15 Minuten aus. Im Anschluss können die Gruppen dann ihre Ergebnisse vorstellen und mit den anderen in der großen Gruppe diskutieren. Wir haben mit diesem Vorgehen wirklich sehr gute Erfahrungen gemacht.

      Ich hoffe ich konnte die Frage damit beantworten 🙂

      Viele Grüße
      Joanna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.