Ausprobiert: Affinity Designer – Eine Alternative zu Illustrator, Sketch und XD?

App Affinity von Serif Europe

Als Adobe 2013 den Wechsel zu einem Cloud-basierten Abo-Modell ankündigte, war die Aufregung groß in der Designer-Welt. Freud und Leid waren gleichermaßen vertreten. Während sich die Befürworter über Flexibilität und zusätzliche Extras (z. B. Cloud-Speicherplatz und Adobe Fonts, ehemals Typekit) freuten, ärgerten sich die Ablehner vor allem über tendenziell höhere Kosten und die Tatsache, die jeweiligen Programme zukünftig nur noch durch regelmäßige Zahlungen nutzen und besitzen zu können.

Obwohl Adobe sicherlich auch neue Nutzer hinzugewinnen konnte (z. B. semiprofessionelle Fotografen, denen eine Einzellizenz von Photoshop und Lightroom vorher zu teuer gewesen ist), begannen sich viele Anwender nach Alternativen umzusehen. Diese waren allerdings zwar oftmals günstiger oder gar kostenlos, konnten aber funktional – vor allem im professionellen Einsatz – nur selten mithalten. Diese Ausgangslage war 2014 die Geburtsstunde von Affinity Designer aus dem Hause Serif, ein britisches Softwareunternehmen.

Seitdem ist viel passiert und das Programm ist um zwei weitere Ergänzungen namens Affinity Photo und Affinity Publisher gewachsen. Damit bietet Serif für die beliebten „großen drei“ Adobe Pendanten (Illustrator, Photoshop und InDesign) Alternativen an. Alle sind sowohl für macOS als auch Windows verfügbar und haben bereits mehrere Auszeichnungen gewonnen (so kürte z. B. Apple Affinity Photo 2015 und 2017 zur App des Jahres). Darüber hinaus gab es Anwendungen für das iPad, noch bevor Adobe eigene iPad-Versionen veröffentlichen konnte. Der Wettbewerb schläft nicht.

Die Anzahl an Design-Werkzeugen speziell in der Disziplin „UI-Design“ ist enorm groß geworden. Sketch, Figma und Adobe XD sind hier inzwischen die großen Namen. Doch einige UI-Designer arbeiten eben auch mit Programmen zur Erstellung von Vektoren. Daher soll es heute vor allem um Affinity Designer gehen.

Was hat sich seit dem Start getan und wofür ist das Programm zu gebrauchen? Vor allem der direkte Vergleich zum „großen Bruder“ Adobe Illustrator ist naheliegend.

Zwei der schlagkräftigsten Kriterien für Affinity Designer dürften der günstige Preis und dessen Geschwindigkeit sein. Letztere auf unterschiedlichen Eben: Sowohl der Start des Programms als auch Ladezeiten bei grafisch intensiveren Arbeiten gehen fix und sind mitunter kaum spürbar – auch auf schwächeren Systemen. Und während Adobe sehr lange keine native Unterstützung seiner Programme für den M1-Chip von Apple vorweisen konnte, war Affinity von Tag Eins an dabei. Auch in anderen Bereichen kann Affinity Designer mit Schnelligkeit punkten: So können wir einfach zwischen sogenannten „Personas“ wechseln, um optimal im Vektor-, Pixel- oder Export-Modus arbeiten zu können. Ein Zoom von über 1.000.000 Prozent mit 60 fps lassen die Arbeit umso flüssiger erscheinen. (Zum Vergleich: Illustrator schafft lediglich 64.000 Prozent.)

Auffällig ist vor allem der günstige Preis der Software (keine Werbung): Durch die Pandemie geschuldet, kostete Affinity Designer lange Zeit einmalig 27,99 EUR (inzwischen wieder 54,99 EUR) und somit nur unwesentlich mehr als eine Monats-Lizenz für Adobe Illustrator (23,79 EUR) – Updates inklusive. Die Demo-Version ließ sich großzügige 90 Tage lang ausprobieren (inzwischen sind es leider nur noch 10 Tage – Adobe gestattet aber sogar nur 7 Tage). Die Tatsache, dass Affinity Designer problemlos .AI- und auch .PSD-Dateien öffnen kann, ist umso verlockender.

Abb. 1: Die Start-Oberfläche von Affinity Designer

Auf dem ersten Blick sieht die Benutzeroberfläche nahezu identisch zu Illustrator aus. Hier und da wirkt Affinity Designer allerdings deutlich aufgeräumter und weniger verschachtelt. Dies macht die Umgewöhnung leichter und die Lernkurve steiler. Es deutet aber auch bereits an, dass der Funktionsumfang von Affinity Designer zwar reichlich, jedoch nicht deckend mit Illustrator ist. So können wir Pixelgrafiken, trotz stetiger Updates, noch immer nicht automatisch in Vektorgrafiken umwandeln (Image/Auto Tracing). Hier geht der Punkt an Adobe Illustrator.

Insgesamt lässt sich aber festhalten, dass die wichtigsten Kernfunktionen (uvm.) in Affinity Designer alle vorhanden sind. Stellenweise merkt man bei der Arbeit mit Illustrator vielleicht auch, dass die Software über die Jahre immer weiter gewachsen ist. Denn die vielen Features lassen zwar kaum Wünsche offen, bieten vielleicht aber auch mehr Optionen an als eigentlich benötigt werden.

Beide Programme können nicht nur hervorragend für die Erstellung von digitalen Illustrationen oder Logos eingesetzt werden, sondern bieten eben auch die Möglichkeit zum Designen von UI-Entwürfen. Viele Designer nutzen daher auch heute noch kein Sketch oder Adobe XD. Pixelgenaue Zeichenflächen oder etwa der Einsatz von Symbolen/Komponenten sind kein Problem für Illustrator und Affinity Designer. Zur Erstellung von Vektorgrafiken (z. B. für Illustrationen, Hintergründe oder Icon-Sets) sind sie ohnehin oftmals besser geeignet. Sketch und Adobe XD besitzen dafür ein noch aufgeräumteres Interface, da es hauptsächlich für eine Disziplin entwickelt wurde. Spezifische Plugins und ein überschaubarer (aber für kleine Projekte durchaus ausreichenden) Prototyping-Modus werten diese beiden Tools zusätzlich auf.

Ganz so selbsterklärend ist der Umstieg von Illustrator zu Affinity Designer jedoch nicht. An einigen Stellen ist sicherlich etwas Übung oder ein Blick in die zahlreichen Tutorials notwendig. Hin und wieder wird man dabei feststellen, dass einzelne Shortcuts anders funktionieren, bestimmte Funktionen an anderen Stellen positioniert sind oder – in seltenen Fällen – sogar fehlen. Gleichzeitig gibt es aber auch Situationen, in denen Affinity Designer besser durchdacht erscheint als das über die Jahrzehnte (1987) gewachsene Adobe Illustrator.

Abschließend lässt sich bis jetzt festhalten, dass Affinity Designer für bestimmte Nutzer noch keine hundertprozentige Alternative zu Adobe Illustrator sein kann, für andere aber vielleicht schon. Insbesondere Privatanwender, Selbstständige oder kleinere Unternehmen dürften mit Affinity Designer ihre Freude haben. Praktischerweise bietet es auch alle wichtigen Funktionen für die UI-Konzeption – hier erscheinen letztlich aber das ebenso ziemlich günstige Sketch oder das gar zum Start kostenlose Figma dennoch besser geeignet, aufgrund der optimierten Oberfläche und anderer Funktionen wie Plugins und einfaches Prototyping. In diesen Punkten müsste man mit Affinity Designer auf andere Tools zugreifen. Dennoch ist es schön zu sehen, dass für Adobe in seinen Kernbereichen langsam aber sicher ernstzunehmende Konkurrenz heranwächst. Die belebt bekanntlich das Geschäft.


Beitragsbild: Affinity Designer


Portraitfoto: Robin Nagel

Robin Nagel

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

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