Die zehn Gesetze der Einfachheit

Was jeder UXler von diesem Literaturklassiker lernen kann.

Stellen wir uns vor, dieser Text wäre kein Text, sondern eine App, mit der Sie Pizza bestellen könnten. Sie wollen das mal ausprobieren? Wunderbar! Lesen Sie bis zum Ende, dann erhalten Sie alle relevanten Informationen. Wenn Sie fertig sind, ist es ganz einfach.

So einfach finden Sie das gar nicht? Trotzdem kann ich Situationen dieser Art immer wieder im Alltag auffinden. (Hierfür gibt es sogar einen Begriff: RTFM – Read the fucking manual. Vgl. Maeda, John: Simplicity. Die zehn Gesetze der Einfachheit, München 2007, S. 39.) Ob nach dem Laden einer App auf mein Smartphone oder im Usability-Test im Labor – ein vermeintlich einfacher Vorgang wird in unnötig viele Schritte unterteilt oder mit zahlreichen Zusatzfeatures überfrachtet. Ganz fatale Verschlimmbesserungen stellen dann die eingangs erwähnten vorgeschaltete Anleitungen dar; Bedienungshinweise in Form längerer Textabschnitte, welche den Nutzer auf die kommenden Eingabemöglichkeiten vorbereiten sollen.

Die meisten Nutzer klicken solche Textmengen dann sofort weg, da sie diese für Cookie-Hinweise oder Werbung halten. Bei einer zu großer Informationsvielfalt wird sich nur selten die Zeit genommen, den gesamten Inhalt zu erfassen. Vielmehr wird ausprobiert. Ist das weitere Vorgehen dann trotzdem unklar, fühlen sich die Nutzer schnell überfordert und verloren, verstehen mitunter gar nicht den Sinn des Produkts und geben auf.

Hier kann das visuelle Erscheinungsbild dann noch so freundlich und modern wirken – ist die Einfachheit einer Anwendung nur oberflächlich gegeben, wird der erste gemachte Eindruck in der Interaktion mit dem Objekt schnell entzaubert.

In solchen Momenten wünsche ich mir persönlich, die Produktverantwortlichen hätten ein ganz dünnes, aber enorm aufschlussreiches Buch gelesen, das ihnen den ganzen Ärger, die Zeit und das Geld erspart hätte: Simplicity des ehemaligen MIT-Professors John Maeda (nun Präsident der Rhode Island School of Design). Es ist bereits vor zwölf Jahren erschienen, thematisch aber weiterhin brandaktuell und für mich zumindest ein persönlicher Klassiker im Themengebiet Usability und UX (UUX).

In dieser Literatur fasst der Autor – selbst Designer und Informatiker – zehn grundlegende Gesetze der Einfachheit zusammen, die er immer wieder einhergehend mit Beispielen aus der Verbindung von Design und Technik erläutert. Darstellung und Formulierung sind dabei nicht nur stets möglichst einfach und verständlich gehalten, sondern beschränken sich auch auf wenige Seiten: In der deutschen Ausgabe sind es nur knapp über 100.

Eine seiner wichtigsten Thesen, aus der sich bereits viele wertvolle Erkenntnisse gewinnen lassen, soll folgend näher betrachtet und veranschaulicht werden.

VVV: Verkleinern, Verstecken, Verbinden

Maeda benennt sie direkt zu Beginn, verpackt in die einprägsame Abkürzung VVV: Verkleinern, Verstecken, Verbinden.
Mit diesem Methoden-Dreiklang bringt er einen der wichtigsten Leitgedanken vieler erfolgreicher Designer, Ingenieure und Architekten zum Ausdruck:

Anstatt zu fragen, welche Information hinzugefügt werden sollte, um die beste Lösung zu erreichen, ist es meist zielführender zu fragen, welche Information entfernt werden kann.

„Der einfachste Weg, Einfachheit zu erreichen, führt über gut durchdachtes Weglassen.“ (Vgl. a. a. O., S. 1.)

      1. Verkleinern
      Maeda verdeutlicht den ersten Teil seiner magischen Formel anhand eines simplen Beispiels: Das Kleine, das Zerbrechliche und das Zärtliche – gleich, ob es sich um einen Gegenstand oder ein Lebewesen handelt – erscheint uns nahbarer als das Große, Massive und Komplexe. Vor einer großen Industriemaschine empfinden wir daher mehr Ehrfurcht als etwa vor einem kleinen Löffel und so kommen wir uns auch gegenüber einer gewaltigen Funktionsvielfalt zunächst eher machtlos vor.

      Analog hierzu erscheint beispielsweise die Navigation auf einer erstmals aufgerufenen Webseite schwieriger, wenn sie über eine Vielzahl von verschiedenen Elementen, Informationen und Links verfügt, wohingegen eine Webseite mit zunächst sehr wenigen Verweisen und Informationen dem Nutzer eine zügigere Handlungsfähigkeit suggeriert. Aus mehreren Usability-Tests habe ich die Erfahrung mitgenommen, dass Probanden häufig angeben, den Service eines Unternehmens (z. B. die Buchung eines Urlaubs) mithilfe des Smartphones lieber unterwegs und zwischendurch in Anspruch zu nehmen, während sie Tablet oder Desktop-PC eher nutzen, wenn sie tiefere Recherchen beabsichtigen und dort dementsprechend eine größere Funktionsvielfalt erwarten.

      2. Verstecken
      Mit der Digitalisierung, beschreibt Maeda fortführend, haben wir kleinere Geräte erhalten, die dennoch etliche Funktionen bereithalten. Jedes Mobiltelefon hat heute eine Leistung, die früher nur von Supercomputern aufgebracht werden konnte. Das große Unkontrollierbare ist auf handliche Größe geschrumpft. Doch selbst innerhalb dieser Entwicklung hat sich eine weitere Vereinfachung vollzogen und lässt uns zum nächsten Punkt kommen: dem Verstecken von Informationen.

      Mit dem Aufkommen von Handys mit Klapp- und Schiebemechanismus (das iPhone erschien erst wenig später) veranschaulicht Maeda, wie das Suggerieren von Einfachheit noch verschärft werden kann. Die Menge an Informationen, mit denen sich der Nutzer zunächst auseinandersetzen muss, ist bis auf ein Minimum konzentriert und wird erst dann relevant, wenn sie tatsächlich gebraucht wird: „Komplexität hinter fantasievollen mechanischen Klappen oder winzigen Anzeigebildschirmen zu verbergen, ist eine offenkundige Form der Täuschung. Fühlt sich die Täuschung aber nicht boshaft, sondern eher wie Magie an, wird die versteckte Komplexität vom Ärgernis zum Vergnügen. […] Man besitzt die Macht, aus der Einfachheit nach Belieben Komplexität herauszuholen.“ (Vgl. a. a. O., S. 6.)

      Smartphones treiben heute das Verstecken von Informationen auf die Spitze, indem sie sämtliche Funktionalitäten in bunte Applikationen auslagern, die wiederum selbst über eine separate Informationsarchitektur verfügen. Eine ungeheure Funktionsvielfalt verbirgt sich in immer kleiner werdenden Geräten, die immer weniger physische Tasten besitzen. Der Nutzer führt eine Geste aus und – je nach geöffneter App – wird diese in völlig unterschiedliche Funktionen übersetzt. Die aktuellsten iPhones verfügen nicht einmal mehr über einen Home Button. Kein Wunder, dass Steve Jobs damals schon in der Vorstellung des ersten iPhones betonte: „It works like magic.“

      3. Verbinden
      Das Vorgehen des Verkleinerns und Versteckens führt u. U. jedoch auch zu einer geringeren Erwartung an die Leistung der des Produkts bzw. der Anwendung. Um den wahrgenommenen Verlust an Qualität auszugleichen, benennt Maeda Verbinden als letzten Bestandteil der Methode. Im Hinblick auf das edle Titangehäuse seines Notebooks, welches seine nicht sofort erfahrbaren Werte visuell und haptisch zu kommunizieren versucht, hält er fest: „Die Art wie sich unser Eigentum anfühlt, ändert unter Umständen die Art, wie wir uns selbst fühlen.“ (Vgl. a. a. O., S. 8.)

      Verbinden meint also den Einsatz sprachlicher bzw. symbolischer Mittel, um versteckte qualitative Merkmale subtil erfahrbar zu machen. Alles was wir wahrnehmen ist irgendwie mit einer Bedeutung verknüpft, alles drückt etwas aus. So wie wir bestimmte Farben mit bestimmten Bedeutungen verbinden (z. B. Schwarz = Trauer oder Tod, Rot = Liebe oder Wut), so kommunizieren auch Oberfläche, Material und Gesten eine Nachricht, die vom Nutzer entschlüsselt wird.
      Das Titangehäuse von Maedas Notebook könnte auch aus billigem Kunststoff bestehen. In der beständigen Interaktion mit diesem wertvollen Material, wird der eigentliche Interaktionsprozess zusätzlich mit emotionalen Bedeutungen angereichert. Der Nutzer wird sein Notebook somit vermutlich qualitativer wahrnehmen als es die nackten technischen Spezifikationen zulassen. (Ähnliches kennt man z. B. auch von den Gaming-Laptops der Marke Alienware. Durch deren futuristisch anmutende Formensprache, wirken die Geräte äußerlich und im Gebrauch fortschrittlicher sowie technisch besser ausgestattet.) Daher ist auch Werbung ein typisches Werkzeug des Verbindens, um Qualitäten zu kommunizieren, die materiell in dem angepriesenen Objekt überhaupt nicht angelegt sind. (Vgl. a. a. O., S. 9. – Auf diese Weise nehmen wir z. B. eine Kartoffelchips-Marke als „cool“ und „angesagt“ wahr, obwohl es sich bei dem Produkt doch eigentlich nur um frittierte und gewürzte Kartoffelscheiben handelt.)

      Wie können weitere sprachliche Mittel aussehen, konkret im Bereich des User Interface Designs? Hier ist vor allem die visuelle Ästhetik einer Seite zu benennen, z. B. Farbgebung, Typografie und Bildsprache. Blaue und zurückhaltende Farbtöne lassen etwa die Webseite einer Versicherung seriöser wirken, während sie in sprengenden Großbuchstaben und Rottönen eine weniger geeignete Bedeutung mitteilen könnte. Media Markt hingegen kommuniziert seine günstigen Preise hiermit sehr passend.

      Symbolische Verweise können aber noch unscheinbarer entstehen und beispielsweise durch Mikrointeraktionen verdeutlicht werden. Kleine, sinnvoll zusammenhängende Animationen oder Töne können ebenso die wahrgenommene Gesamtqualität eines Handlungsvorgangs zusätzlich beeinflussen. Überlegen Sie: Wie würde sich ein Wechsel in die nächste Ansicht der App z. B. „ruhig“ animieren lassen? Wie würde „laut“ aussehen? Wie wirkt der Wechsel zwischen den separaten Ansichten schneller, wie langsamer?

Fazit

Einfachheit, so zeigt es Maeda, bedeutet viel mehr als bloße Funktionsreduktion. Gut durchdacht ist sie ein erstrebenswertes Ziel jeder Konzeptionsarbeit.

Früher standen die Leute im Geschäft mit offenen Mündern vor einer Wareninstallation Schweizer Taschenmesser – der damalige Inbegriff für ein verkleinertes, verstecktes und verbundenes Produkt. Heute erstaunen sie beim Durchstöbern der Produktdetailseite gekonnt inszenierter neuer iPhone- und Galaxy-Modelle. Und diese Inszenierung zieht sich in einer durchgängig digitalisierten Welt, in der immer komplexere Programme in kleine Ansichten gepresst werden, bis in die Interaktion mit der Software fort.

Maeda benennt noch mehrere weitere interessante Gesetze, z. B. das Erfahren von Zeit (Zeitersparnis ist Einfachheit), der Einfluss vertrauter Elemente (Vertrautheit begünstigt Einfachheit) oder sogar die Notwendigkeit von Komplexität (ohne Komplexität ist Einfachheit nicht erkennbar). Bereits mit der Berücksichtigung des hier beschriebenen ersten Gesetzes, bin ich mir sicher, könnte jedoch viel Unheil vermieden und wertvolle neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Simplicity – Die zehn Gesetze der Einfachheit von John Maeda empfiehlt sich für alle Usability- und UX-Interessierten. Da die Literatur viele einfach erklärte und spannende Einblicke gibt, eignet sie sich sicherlich aber auch für UX-Einsteiger. Definitiv lesenswert!

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