User Experience: Ticken die Franzosen wirklich anders?

Eine in Deutschland erfolgreiche Webseite für internationale Märkte wie Frankreich anzupassen ist kein allzu großer Aufwand. Denken Sie das wirklich? Auch wenn die Franzosen von den Deutschen kulturell vielleicht gar nicht so weit entfernt scheinen, gibt es gerade in der Internet-Nutzung und im Online-Konsumverhalten einige gravierende Unterschiede. In diesem Artikel greife ich für Sie die 5 wichtigsten Bereiche aus dem User Experience Wheel von Magnus Revang auf und erkläre, worauf Sie in der Praxis mit französischen Usern achten müssen, damit Ihr Business im Nachbarland erfolgreich durchstartet.

Credibility: Sicherheit und Label

Im Gegensatz zu deutschen Kunden suchen französische User auf Webseiten nicht nach Sicherheits-Labels, weshalb es in Frankreich keine bekannte Zertifizierungsstelle wie den TÜV gibt. Auch auf Testsieger-Labels geben die Franzosen nicht viel, so dass Sie es schwer haben werden, Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung in Frankreich testen zu lassen. “60 Millions de Consommateurs” – eine französische Variante von Stiftung Warentest – bietet erst gar kein Label an.

Viel wichtiger als Sicherheit durch Tests und Zertifizierung ist unseren französischen Nachbarn Sicherheit durch Bekanntheit von Produkten und Marken. Stellen Sie daher unbedingt auf Ihrer französischen Webseite die Logos bekannter Marken und Dienstleister dar, die Sie verkaufen oder vergleichen. Betreiben Sie z. B. einen Versicherungsvergleich, zeigen Sie die Logos der verschiedenen Versicherungsanbieter an.

Credibility: Zahlungsmittel

Wenn es um die Bezahlung geht, sind französische Kunden eine große Auswahl an Möglichkeiten und gute Usability gewöhnt. Stellen Sie daher unbedingt die Logos Ihrer Zahlungsmittel-Anbieter prominent dar. Bei der Auswahl der Zahlungsarten orientieren Sie sich daran, was Ihre französischen Konkurrenten anbieten: Bei den meisten E-Commerce-Unternehmen in Frankreich können Kunden mit Kreditkarte (VISA, Mastercard, American Express) zahlen. Click & Mortar- Firmen wie La Redoute hingegen bieten zusätzlich die Zahlung mit Paypal, Carte bleue und e-carte bleue, unternehmenseigenen Karten (Carte R premium, Kangourou, Fnac, Printemps) und Geschenkkarten (Spirit of cadeau, illicado, Cado Carte) an.

Desirability: Webdesign

In Frankreich erfolgreiche Webseiten sind grundsätzlich farbenfroher und emotionaler gestaltet als in Deutschland. Achten Sie entsprechend darauf, Ihre Informationen sehr viel stärker über Bilder zu transportieren als bei uns üblich. Bei Ihren Benchmarks sollten Sie sich sowohl Newcomer als auch bekannte Seiten anschauen: Während sich die Neuen noch an die Standards des E-Commerce halten müssen, setzen sich die Alteingesessenen längst über Vorgaben hinweg.

Usability: Navigation

Zwar gibt es bei der Webseiten-Navigation innerhalb Europas kaum Unterschiede und die Standards werden von internationalen Playern wie Amazon und eBay gesetzt. Dennoch sollten Sie Kleinigkeiten beachten: Z. B. ist es bei der Adresseingabe auf französischen Webseiten üblich, zuerst die Hausnummer und dann den Straßennamen einzutragen. Anstatt für Ihre internationalen Seiten unterschiedliche Adressformulare zu verwenden, bedienen Sie sich eines einfachen Tricks wie Zalando: Bieten Sie ein gemeinsames Feld für Hausnummer und Straßennamen an.

Findability: Domainname

Wenn Ihr aktueller Domainname deutsch ist, gehen Sie bei der Suche nach einer passenden Domain für den französischen Markt wie folgt vor: Führen Sie zunächst ein Namens-Brainstorming mit französischen Muttersprachlern oder einem renommierten Freiberufler-Marketplace wie Creads durch. Falls Sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind, beauftragen Sie im Anschluss noch eine Naming-Agentur.
.com oder .fr? Wenn Sie ohnehin schon wissen, dass Sie weltweit aktiv werden wollen, oder direkt auf eine Marktführerschaft hinarbeiten, kann sich eine .com-Strategie für Sie lohnen. Bedenken Sie jedoch, dass Sie mit einzelnen Länder-Domains überall dort, wo der Wettbewerb nicht so groß ist, bessere Chancen haben. Da Sie mit Ihrem Angebot vermutlich nicht nur Franzosen ansprechen können, sondern auch andere Französisch-Sprecher, reservieren Sie die entsprechenden Länderdomains von Belgien, der Schweiz und Luxemburg gleich mit.
Bitten Sie unbedingt auch Ihren SEO-Experten um eine Einschätzung, was sich für Ihr Unternehmen am besten eignet: eine eigene Domain pro Sprache (meinedomain.de und mondomaine.fr), ein Sprachverzeichnis (meinedomain.com/fr) oder eine Subdomain pro Sprache (fr.meinedomain.com).

Usefulness: User-Feedbacks

Lassen Sie Ihre französische Seite unbedingt von Usern testen und holen Sie sich so realistisches Feedback. Natürlich gibt es in Deutschland zahlreiche Agenturen mit großen Tester-Pools, doch Sie sollten für Ihre Usability-Tests natürlich französische Anbieter mit muttersprachlichen Testern bevorzugen. Überlegen Sie genau, ob Sie Ihre Tests in einem teuren Studio durchführen lassen wollen, oder ob für den Anfang nicht auch die wesentlich günstigeren Online-Tests genügen. Die Investition in einen Studio-Test lohnt sich vor allem dann, wenn Sie bezüglich Ihrer Usability noch relativ unsicher sind.

Portraitfoto: Geoffroy Dickson

Geoffroy Dickson

Country Manager

France ID Consulting

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3 Kommentare

  • Maikel

    Der „Trick,“ ein gemeinsames Feld für Hausnummer und Straßennamen zu verwenden, hat so seine Usability-Nachteile:
    1. Ein Skript kann schlecht(er) überprüfen, ob in den Feldern etwas halbwegs Sinnvolles steht.
    2. Die Benutzer, die es gewohnt sind, Straße und Nr in getrennte Felder einzutragen, vergessen ggf., die Hausnummer einzutragen, da sie dafür noch ein weiteres Feld erwarten.
    Es ist ja eine lästige Routine, die Felder mit der eigenen Adresse auszufüllen; da investiert man nicht viel Aufmerksamkeit.

  • Ich gebe Ihnen vollkommen Recht. Die Zalando Lösung ist für die deutschen Web-User nicht ideal. Diese ist aber zumindest für die Franzosen besser, als die zwei Eingabefelder, die dann nicht in der richtigen Reihenfolge vorzufinden sind.
    Des Weiteren sind die User, durch die top besuchten Webseiten, daran gewöhnt, nur ein Eingabefeld vorzufinden und geben routinemäßig hier dann ihre Daten ein, da es als eine Einheit gesehen wird.
    Natürlich gibt es immer Ausnahmen zu allgemeinen Regeln. Sollten Adressen für Lieferungen benötigt werden, muss man besonders auf diese Eingabefelder achten. Hingegen ist es nicht so dramatisch, wenn die Adressen „nur“ zu Marketingzwecke benötigt werden.

  • Mit der Adresseneingabe ist noch zu meckern. Ich habe deutschen Webshop mit einem Adressenfeld gesehen. Leider hier wurde xxxstr. mit dem Punkt nicht akzeptieren. Man muss Straße eingeben. Die Zahlungsmittel ist mit Shopsystem und Plugins abhängig. Meiste sind für Deutsche Usern optimiert. Deutsche Käufer betrachten Bewertungen. Ob Franzosen auch Bewertungen wahrnehmen weiß ich nicht.

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