Virtual Reality im Tourismus: Von Tokio nach New York in knapp zwei Stunden

Virtual Reality (VR) bezeichnet zunächst eine durch spezielle Hard- und Software erzeugte künstliche Wirklichkeit, die seit ein paar Jahren immer mehr Einzug in verschiedene Branchen und Bereiche findet. Auch in der Tourismusbranche wird die Technologie seit einiger Zeit eingesetzt. Dabei können sich Anwender der Technologie fast lebensecht an weit entfernten Orten umsehen und dem Alltag entfliehen. Ob es sich hierbei um einen Hotelrundgang oder einen Spaziergang durch die Straßen von Paris handelt, ist dem Nutzer ganz selbst überlassen.

Die Bandbreite an Anbietern ist groß

Das Angebot an Anbietern von VR-Anwendungen innerhalb der Tourismusbranche ist groß. Reisebüros setzen die Technologie zum Beispiel schon ein, um Kunden Appetit auf den Urlaub zu machen. Denn durch VR wird es möglich, vorab mögliche Hotelzimmer zu inspizieren oder die geplante Reisedestination im Voraus näher zu begutachten. Thomas Cook beispielsweise hat rund 900 Reisbüros mit VR-Brillen ausgestattet, um Kunden die Möglichkeit zu geben vor der Buchung einer Reise einen Hotelrundgang zu machen. Auch der Reiseanbieter Urlaubsguru hat in seiner Heimatstadt Unna einen Store eröffnet, in welchem Besucher anhand einer VR-Brille den Urlaubsort bereits vor Antritt der Reise aus verschiedenen Dimensionen erkunden können.

Nicht nur Reisebüros, sondern auch Fluggesellschaften und Kreuzfahrtanbieter nutzen die Technologie um potentiellen Kunden den Flug oder die Schiffsfahrt vorzustellen und mögliche Optionen darzubieten. Eine Fluglinie aus Tokio bietet seit letztem Jahr sogar virtuelle Flüge für einen Preis von 46 US-Dollar an. Dabei nehmen die VR-Passagiere auf echten Flugzeugsitzen Platz, werden in rund 110 Minuten von Flugbegleitern umsorgt und können im Anschluss die gewünschte Destination in Form eines 360°-Videos erkunden.

1001 Möglichkeiten für eine kurze Flucht aus dem Alltag

Für eine kurze Flucht aus dem Alltag eignet sich die Technologie VR ebenfalls sehr gut. Wer beispielsweise in der Mittagspause den Kopf frei bekommen möchte, hat durch eine Reihe an Applikationen die Möglichkeit, ganz leicht eine kurze Auszeit zu nehmen und verschiedene Destinationen virtuell zu erkunden. Bei vielen dieser Anwendungen handelt es sich vor allem um 360°-Videos – eine Brückentechnologie zu VR, die leichter zu produzieren und zu streamen ist.

Spontan durch die Straßen von Paris schlendern?

Die Applikation „Sites in VR“ beispielsweise bietet eine sehr große Auswahl an Destinationen auf Basis von 360°-Videos an, die besichtigt werden können. Ein großer Vorteil dieser Anwendung ist, dass Nutzer sich hier nur die Inhalte herunterladen müssen, die wirklich benötigt werden. Dadurch verbraucht die Anwendung weniger Speicherplatz und ist zudem schneller. Ein weiterer Vorteil ist, dass Nutzer die Möglichkeit haben, zahlreiche Einstellungen selbständig zu regeln.

Abb. 1: Vorschau der Applikation „Sites in VR“
Quelle: Google Play Store




Bei der Applikation Ascape 360°-Video-Touren“ haben Nutzer ebenfalls eine große Auswahl an Destinationen, die sie besichtigen können. Am jeweiligen Ziel können sich Nutzer richtig voran bewegen und durch die Straßen der Zieldestination schlendern. Hierbei sind die Nutzer nicht alleine, sondern laufen durch belebte Straßen. Das lässt die Anwendung sehr real wirken. Nachteil dabei ist, dass es sich um Videos handelt, die nacheinander abgespielt werden. Dadurch wird dem Nutzer die Möglichkeit genommen, selbständig über die Dauer seines Aufenthaltes am Wunschort zu entscheiden. Zudem hat der Nutzer keinen Einfluss darauf, wohin er als nächstes „reisen“ möchte und wann und wie er dorthin gelangen möchte.

Abb. 2: Vorschau der Applikation „Ascape“
Quelle: Google Play Store




In der Anwendung „Google Earth VR“ und einer VR Brille wird Nutzern ebenfalls eine Bandbreite an Destinationen zur Verfügung gestellt, die sie erkunden können. Hierbei kann selbst entschieden werden, ob die Stadt Paris beispielsweise aus der Vogelperspektive betrachtet werden oder ob der Nutzer mittendrin sein möchte.


Abb. 3: Vorschau der Applikation „Google Earth VR“
Quelle: VR.Google.com


Auch bei einem realen Spaziergang durch die Straßen einer Stadt kann die neue Technologie eingesetzt werden. Hier wird vor allem das Thema Augmented Reality interessant – eine Technologie, mit der die Wirklichkeit nicht simuliert, sondern ergänzt wird. Diese Technologie ist vielen Konsumenten seit dem Pokémon-Go Trend aus dem Jahr 2016 bekannt. Ein im Tourismus sehr bekanntes Beispiel ist Wikitude. Mit dieser App können sich Urlauber zahlreiche Fakten zu Sehenswürdigkeiten anzeigen lassen.


Abb. 4: Vorschau der Applikation „Nature Treks VR“
Quelle: STEAM




Die Anwendung „Nature Treks VR“ bietet Nutzern die Möglichkeit, sich an fiktive, aber doch sehr realitätsgetreue Ziele zu begeben. Hier können Nutzer die Umgebung selbst mitgestalten und beispielsweise über Tageszeit und Wetterlage entscheiden.

Neuartiger Freizeitspaß für Jung und Alt

Auch reale Freizeiterlebnisse können durch VR intensiviert werden, wie zum Beispiel eine Achterbahnfahrt im Freizeitpark, bei der man während der Fahrt fliegende Autos oder ein wackelndes Gerüst unter sich sieht. Der Europapark beispielsweise bietet mehrere Achterbahnfahrten mit VR-Brillen an. Das beschert dem Nutzer eine sehr immersive Erfahrung da das Gesehene gleichzeitig auch gefühlt und so über mehrere Sinne erlebbar gemacht wird.

Während die einen Freizeitparks die Technologie VR schrittweise einsetzen, wurde in China im April diesen Jahres der bisher weltweit einzigartige VR-Themenpark „East Science Valley“ eröffnet, in dem Besucher gegen Drachen kämpfen oder zum Weltall fliegen können.

In der Dubai Mall wurde im März dieses Jahres ebenfalls ein eigener VR-Park eröffnet. Hier wird Besuchern jeder Altersklasse auf zwei Etagen ein beeindruckendes und vielfältiges Spieleerlebnis mit rasanten Fahrten, Reisen und Spielen in der virtuellen Welt geliefert.

Auch sogenannte VR-Arcaden, in welchen VR Anwendungen alleine oder gemeinsam in Kabinen ausprobiert werden können, finden in Deutschland immer größeren Anklang. Die Arcaden sind mittlerweile in einer Reihe von Städten zu finden.

Können VR-Erlebnisse den echten Urlaub ersetzen?

Können Reiseerlebnisse also bald so hautnah erlebbar gemacht werden, dass sie einen echten Urlaub sogar ersetzen können? Meiner Meinung nach ist ein Urlaub vor allem ein Erlebnis zwischen Menschen, ein Kennenlernen neuer Kulturen, der salzige Geruch des Meeres, der Duft von exotischen Gewürzen, der Klang von fremden Sprachen oder das Gefühl von Sand unter den Füßen. Allerdings ist VR eine sehr gute Technik für die Tourismusbranche, um Nutzern Inspirationen zu bieten und ihnen die Möglichkeit zu geben, dem Alltag für ein paar Minuten zu entfliehen.

Neue Mehrwerte für relevante Nutzergruppen

Durch VR entstehen Wege für Menschen, die zum Beispiel Flugangst haben oder deren körperliche Verfassung nicht für eine „echte“ Reise ausreicht. Auch Menschen, deren finanzielle Mittel nicht für eine reale Reise reichen, entstehen durch VR neue Chancen. Dadurch können neue Mehrwerte für relevante Nutzergruppen geschaffen werden.

Außerdem können sich Reisebüros, Reiseanbieter und Applikationsentwickler durch die Technologie vom Wettbewerb differenzieren und Reiseinteressenten im Entscheidungsprozess abholen, beeinflussen und diesen erleichtern. Wichtig ist, dass Anwendungen so gestaltet sind, dass der Nutzer komplett in die neue Welt eintauchen und den Vorgang selbst bestimmen und beeinflussen kann. Aktuell erleben Nutzer bei vielen Anwendungen noch eine Sackgassenerfahrung, da es an Interaktivität mangelt oder schnell Langeweile aufkommt. Dadurch stellt die Anwendung ein einmaliges Erlebnis dar. Außerdem setzen viele VR-Anbieter noch auf 360°-Videoaufnahmen, die ein geringeres realitätsgetreues und eher passives Erlebnis schaffen, da Nutzer hier die Perspektive der Kamera einnehmen müssen.

Fazit

Spannende Geschichten, die visuell gut aufbereitet sind, haben allerdings durchaus Chancen im touristischen Erlebnismarketing. Vor allem, wenn die Erlebnisse irgendwann mit Menschen geteilt werden können oder die Anwendung durch haptisches Feedback wie beispielsweise durch VR-Schuhe oder -Handschuhe noch realitätsgetreuer wird.

VR wird einen Urlaub also vermutlich nicht so schnell komplett ersetzen und wir werden bestimmt auch in Zukunft weiterhin analog reisen. Allerdings bietet die Technologie sowohl für Anwender wie auch für Reiseanbieter und -veranstalter viele Möglichkeiten und birgt mit dem richtigen Einsatz großes Potential.

Welche Kriterien bei der Evaluation von VR-Anwendungen eine Rolle spielen, erfahren Sie im zweiten Teil dieser Serie.

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