Produkttest: Warum Sie Usability-Tests mit jungen Müttern machen sollten

Junge Mütter gehören mit Sicherheit zu einer der anspruchsvollsten Nutzergruppen und zu den kritischsten Produkttestern:

  • Sie sind Experten im Surfen auf mobilen Endgeräten – laut einer Studie von Yahoo („The Shift to Smartphone Dominance“) gehören junge Mütter zwischen 18 und 34 Jahren zu den so genannten Smartphone-dominanten Usern, also jenen Nutzern, die den größten Teil ihrer digitalen Zeit mit dem mobilen Endgerät verbringen – nämlich 70 Prozent. Sie legen vor allem Wert auf die Aktualität der Daten und den einfachen Zugriff, die ihnen die mobile Nutzung von Online-Angeboten bietet. Nicht verwunderlich beim Gedanken an den Alltag zwischen Babytragen, Wickelkommode, Babybett und Stillecke. Es bleibt immer nur kurz Zeit, um etwas nachzuschauen oder zu recherchieren. Sie organisieren oft viele Dinge gleichzeitig und wollen flexibel auch von unterwegs auf Online-Dienste zugreifen können.
  • Neben diesem Nutzungsverhalten haben junge Mütter (Anmerkung der Autorin: das gilt im Übrigen auch für junge Väter – im Artikel spreche ich allerdings aus der Perspektive einer Mutter) auch höchste Anforderungen an Produkte des Alltags.

    Produkte müssen mit einer Hand gut zu nutzen sein, z. B. immer dann, wenn das Kind auf dem anderen Arm sitzt – also regelmäßig und ziemlich häufig! Zudem müssen die Oberflächen robust, wasserabweisend und idealerweise leicht abwaschbar sein. Auch die Verträglichkeit der Materialien für Babys/Kinder ist ein wichtiger Aspekt. Und, nicht zu vergessen, junge Mütter leiden unter dauerhaftem Schlafentzug und sind daher sicherlich nicht sonderlich geduldig und nachsichtig mit schlecht funktionierenden Produkten. Das Produkt sollte der allgemeinen Zufriedenheit zuträglich sein – also ein positives Nutzungserlebnis erzeugen.

Anders betrachtet, entsprechen die Anforderungen genau denen des Usability-Begriffs: „Das Ausmaß, in dem ein System genutzt werden kann, um ein bestimmtes Ziel effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen.“

  • Effektiv, weil es einhändig und mit ständigen Unterbrechungen zum Erfolg führen muss.
  • Effizient, weil wenig Zeit bleibt, in der die Aufmerksamkeit nicht voll und ganz dem Kind gilt und Dinge schnell griffbereit sein müssen.
  • Zufriedenstellend, weil die Nerven ohnehin schon mal blank liegen.

Produkttest Wickeltasche

Abb. 1: Eine Wickeltasche muss nicht nur funktional sein, sondern darf auch optisch von einer „normalen“ Tasche nicht zu unterscheiden sein.



Vor diesem Hintergrund habe ich einen Produkttest einer Wickeltasche durchgeführt, die ich über den Online-Shop kinderwagen.com bestellt habe. Und zwar habe ich nicht nur die eigentliche Usability, also Gebrauchstauglichkeit des Produkts getestet, sondern das gesamte Nutzungserlebnis – also die User Experience. Zum Unterschied zwischen Usability und UX hat auch meine Kollegin Melanie Jotz einen Blogartikel verfasst – anhand eines Produkttests einer Kaffeemaschine. Das bedeutet, dass ich das Produkt nicht nur während, sondern auch vor und nach der Nutzung beurteile. Das sah dann folgendermaßen aus:

  • vor der Nutzung: Auswahl, Bestellung und Verfolgung des Versand der Wickeltasche
  • während der Nutzung: Testen der Wickeltasche anhand typischer Use Cases und auf Basis der Kriterien einer Mutter
  • nach der Nutzung: Anfragen an den Service/Support über ein Frageformular auf kinderwagen.com

Unterscheidung User Experience und Usability

Abb. 2: User Experience beinhaltet alle Aspekte des Nutzungserlebnisses – vor, während und nach der Nutzung einer Anwendung oder eines Produkts. Die Usability beschränkt sich auf den Teil der eigentlichen Nutzung.


Auswahl, Bestellung und Versandtracking der Wickeltasche müssen einfach funktionieren (vor der Nutzung)

Beim ersten Aufruf des Online-Shops kinderwagen.com – natürlich mobil, als ich unterwegs feststelle, dass eine Wickeltasche durchaus Vorteile haben kann und ich dann das Angebot recherchieren möchte – sehe ich einen aufgeräumten Screen, mit einem allerdings recht großen Headerbereich. Logo, Warenkorb und Menü, darunter eine prominent platzierte Suche. Die Infos zu den Versandkosten nehmen viel Platz ein. Erst auf den zweiten Blick fallen mir die Länder- und Sprachauswahl als Dropdowns am oberen Rand des mobilen Browsers auf.
Diese könnten weggelassen und über eine automatische Lokalisierung gelöst werden. Der Platz für all diese Elemente macht etwa die Hälfte des Screenbereichs aus. Das hat zur Folge, dass ich im sichtbaren Bereich lediglich den Bestseller-Bereich mit zwei Kinderwagen-Modellen sehe.
Ob der Online-Shop auch Wickeltaschen hat? Bei dem Logo des Online-Shops bin ich mir nicht ganz sicher. Ich scrolle kurz und sehe im unteren Bereich Akkordeons mit klar benannten Produktkategorien, redundant eingebunden zur Hauptnavigation, die über das Burger Icon im Headerbereich zu erreichen ist. Die Kategorien sind gut verständlich und aussagekräftig gewählt. Zudem habe ich den Eindruck, dass die Kategorien nach häufig gesuchten Begriffen bzw. Produktkategorien gewählt sind.


Abb. 3: Die mobile Seite bietet ein gut strukturiertes Menü mit verständlichen Kategorie-Namen im unteren Bereich der Seite.

Ich finde auch gleich, wonach ich suche: eine Messenger Bag Wickeltasche. Nach Auswahl dieser Kategorie erhalte ich über 120 Modelle und möchte nachfiltern. Eine sehr logische und gut aufgebaute Filterfunktion, die mir hinter den Kategorien die zu erwartende Treffermenge anzeigt und zahlreiche Möglichkeiten zum Nachfiltern bietet. Die Produktdetailseite der Wickeltasche, die mir nach erster Recherche am besten gefällt, ist (ich bin weiterhin mobil unterwegs) ansprechend umgesetzt.

Mit vergleichsweise wenig Scrollen erhalte ich einen guten Überblick über alle gewünschten Informationen (Produktbeschreibung inkl. Produktvideo, Produkteigenschaften, Kundenmeinungen/Bewertungen, weitere Produktempfehlungen) und kann je nach Interesse in der jeweiligen Kategorie weiter einsteigen. Lediglich das eine Bild irritiert mich, gerade auch weil eine Bildergalerie angeboten wird. Ein Blick in das Innenleben der Tasche vor dem Kauf ist bei einer Wickeltasche essentiell (Wie ist die Aufteilung? Welche Fächer gibt es? Was ist bereits beinhaltet?). Glücklicherweise hatte ich bereits das Produktvideo gefunden – leider erst nach Scrollen. Hilfreich wäre es, dieses Video direkt über die Galerie einzubinden. So findet man es schneller.

Ich bestelle. Aber erst zu Hause, nachdem ich eine freundliche E-Mail erhalte, ich hätte doch ein Produkt in den Warenkorb gelegt. Ob ich nicht bestellen möchte. Sehr positiv zu erwähnen ist die folgende E-Mail-Kommunikation, wie ich sie mir von jedem Onlineshop wünsche, aber nicht immer erhalte:

  • eine Mail bei Bestellung mit einer Info zu den nächsten Schritten
  • eine mit der Info zum Zahlungseingang
  • eine zum Zeitpunkt der Übergabe an die Spedition inkl. Lieferschein, direktem Link zur Support-Möglichkeit sowie Tracking des Versands (Link auf Service, Trackingnummer, Versandpartner)
  • eine Aufforderung zur Bewertung des gekauften Artikels und
  • damit nicht genug: auch nach Erhalt der Ware bekomme ich per E-Mail Empfehlungen zu passenden Komplementärangeboten – der Aufhänger ist eine Rabattaktion, die schnell negativ erscheinen kann, aber in Kombination mit den maßgeschneiderten Angeboten gleich nutzenstiftend ist.


Abb. 4: überzeugende E-Mail-Kommunikation nach Bestellung einer Wickeltasche (Ausschnitt)

Dann ist es soweit, ich bekomme Post. Mein Ersteindruck der Wickeltasche nach dem Auspacken: insgesamt qualitativ hochwertige Tasche mit einer guten Verarbeitung der verwendeten Materialien und einer durchdachten Aufteilung. Auch die Materialien sind zweckgebunden ausgewählt. Sie sind abwaschbar, wasserabweisend und funktional.

Wickeltaschen müssen leicht zu handhaben, gut aufgeteilt und mit funktionalen Materialien ausgestattet sein (während der Nutzung)

Sofort wurde die Tasche in den Alltag integriert. Dabei betrachte ich nachfolgend drei zentrale Nutzungsszenarien aus dem Alltag einer Wickeltasche:

  • Use Case 1: Wickeltasche befüllen und umschichten
  • Use Case 2: Wickeltasche am Kinderwagen befestigen
  • Use Case 3: unterwegs Wickeln

Use Case 1: Wickeltasche befüllen und umschichten

Gestartet mit dem Einräumen und dem gelegentlichen Umfüllen der benötigten Utensilien. Sehr nützlich ist die Aufteilung der Tasche in zwei große Fächer, in der Mitte ein Zwischenfach mit Reißverschluss, das innen absolut wasserdicht ist. Beispielsweise gut, um nasse Kleidung dort zu transportieren. Im vorderen Fach gibt es einige Seitenfächer aus Netzstoff und Gummiband – bestens geeignet, um Wickelutensilien jeglicher Art zu verstauen. Dazwischen passt noch Wechselkleidung. Im hinteren Fach sind ebenfalls Fächer, allerdings aus Stoff und etwas fester. Dort habe ich Beikostgläschen und Trinkflasche hineingetan – leider nur Trinkflaschen ohne Griffe rechts und links, da diese zu breit sind für die Fächer. Die Löffel haben Platz in den zwei festen Gummilaschen am oberen Rand. Auch der isolierte Flaschenhalter hält, was er verspricht. Essen oder Getränke bleiben wahlweise kalt oder warm.

Produktvideos unterstützen Kaufentscheidung

Abb. 5: Im Produktvideo wird die Aufteilung und das Innenleben der Tasche im Detail vorgestellt.


Möchte man die Tasche als einzige Tasche mitnehmen und entsprechend weitere Utensilien oder persönliche Gegenstände wie beispielsweise Handschuhe und Mütze oder auch Geldbeutel und Handy einfügen, wird die Tasche schnell etwas zu eng. Ich bin gerne am Umschichten, um für alles genug Platz zu finden. Aber so habe ich manchmal das Problem, dass die Tasche sehr schwer wird.

Use Case 2: Wickeltasche am Kinderwagen befestigen

Letzteres wird gerade beim Befestigen am Kinderwagen zum Nachteil. Beiliegend zur Tasche gibt es extra eine sehr gut gemachte Befestigungsmöglichkeit mit Klettverschluss-System, mithilfe derer man die Tasche an jeden Kinderwagen anbringen kann. Unabhängig vom Winkel und des Durchmessers des Griffs. Also auch dann, wenn der Griff schräg verläuft und andere Schlaufen herunterrutschen würden. Schwierig ist dann allerdings das Einhängen der Tasche, da die Karabinerhaken zwar robust, aber extrem schwergängig sind. Ich muss die Tasche an der kleinen Öse halten (mein Finger passt gerade so durch) und diese Öse dann in den Karabinerhaken drücken. Aufgrund der festen Struktur des Karabiners eine Friemelei. Müsste ich das einhändig machen, weil mein Kind auf dem anderen Arm sitzt, hätte ich kaum eine Chance. Eine voll bepackte Tasche hängt zudem nach unten und ist eventuell schwer. Das macht das Leben nicht leichter.


Abb. 6: Die Aufhängung kann mit den Klettverschlüssen sehr gut am Kinderwagen angebracht werden. Allerdings ist das Einhängen der (voll befüllten) Wickeltasche aufgrund von sehr steifen/festen Karabinerhaken sehr mühselig.

Ich denke über eine Optimierung dieser Aufhängung nach und überlege, wie Karabiner beim Klettern oder Segeln zum Einsatz kommen. Auch dort hat das Einzuhängende oft Gewicht oder steht unter Zug nach unten. Karabiner sind dann häufig das Element, das in der Hand gehalten und woanders eingehängt wird. Ich kann sie in einer Hand halten, gleichzeitig mit einem Finger öffnen (vorausgesetzt, sie sind nicht allzu schwergängig/fest) und dann einhängen. Loslassen, gesichert!


Abb. 7: möglicher Lösungsansatz: Öse und Karabiner vertauschen, so dass der Karabiner eingehängt wird und nicht die Öse in den Karabiner gedrückt werden muss.

Entsprechend wäre die Überlegung, bei der Tasche, Öse und Karabiner zu vertauschen. Und auch den Karabiner leichtgängiger zu gestalten.

Use Case 3: unterwegs Wickeln

Eine Wickeltasche wäre keine, würde sie nicht beim Wickeln zum Einsatz kommen. Also, Kind auf dem Arm, Wickeltasche über die Schulter und los. Ab hier also mal wieder einhändig, bis wir die Wickelkommode erreichen. Direkt beim Auspacken fiel mir – neben den vielen Seitentaschen für die Utensilien – die integrierte Wickelunterlage positiv auf. Ebenso punktet der breite Schulterriemen, der dank einer ebenso breiten Schnalle am Taschenrand auch einhändig leicht in der Länge verstellbar ist. Das hilft vor allem dann, wenn neben der Wickelkommode kein Platz zum Abstellen oder ein Haken zum Aufhängen der Tasche da ist. Dabei ist es hilfreich, die Utensilien griffbereit zu haben. Also hängt man sich die Tasche um (quer über die Schulter) und kann sich quasi wie in einem Bauchladen bedienen. Kürzer gemacht ist der Tragegurt ja schnell.

Auch danach möchte ich noch gut betreut werden (nach der Nutzung)

Nachdem mir das Aufhängen der Tasche mit der Zeit sehr unlieb geworden ist, frage ich mich, ob es eine alternative Befestigungsmöglichkeit gibt. Dazu frage ich den Support vom Online-Shop kinderwagen.com. Mir war bei der Bestellung das Frageformular auf der Produktdetailseite in der Desktop-Variante aufgefallen. Dies nutze ich nun, um das herauszufinden.

Kunden können Fragen stellen

Abb. 4: Anfrage über Formular auf Desktop-Produktseite (abgeschickt am 27.01.2017 um 9:15 Uhr)


Nach Absenden des Formulars erhalte ich eine Bestätigung auf der Website, aber keine Kopie der Anfrage per E-Mail. Ich warte nun seit knapp einer Woche auf eine Antwort. Bisher vergeblich. Ob die Anfrage überhaupt angekommen ist?

Fazit

Die Wickeltasche der Firma Lässig kann mit den alltäglichen Anforderungen sehr gut mithalten und macht Laune („Joy of Use”). Mit Ausnahme der Aufhängung, über die ich jedes Mal noch stolpere. Die Tasche bleibt dennoch ein beliebter Bestandteil in unserem Alltag. Den Onlineshop kinderwagen.com finde ich ästhetisch zwar nicht ganz ausgereift, aber funktional kann er mit anderen Shops durchaus mithalten. Lediglich die Supportanfrage dürfte (schneller) beantwortet werden. Alles in allem kann ich ihn weiterempfehlen und werde ihn wieder nutzen.

Nun wirkt eine Wickeltasche nicht so sexy wie beispielsweise Voice Interfaces, über die nicht zuletzt mein Kollege Richard Bretschneider letztens hier im Blog schrieb. Alltagsgegenstände wie diese wird es so lange geben, wie es Kinder gibt. Spannend aber, wie wir solche Gebrauchsgegenstände in Zukunft erwerben. Zukünftig bestellen wir sie vielleicht über Siri oder Alexa. Dies zu testen, wäre in jedem Fall sehr spannend – zumal die Zielgruppe junger Eltern, die im wahrsten Sinne des Wortes „beide Hände voll zu tun” haben, prädestiniert sind für die Nutzung von Voice Interfaces: „Hey, Google, ist das Paket mit den Windeln schon verschickt?“

Portraitfoto: Lorena Meyer

Lorena Meyer

Senior User Experience Consultant

eresult GmbH

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