Eyetracking (Blickbewegungsmessung) ist teuer – stimmt das wirklich?

Teuer – was genau bedeutete das denn überhaupt? Sollten Erhebungsverfahren nur nach den anfallenden Kosten für deren Einsatz bewertet werden? Muss nicht auch Beachtung finden welche Erkenntnisse, welches neue Wissen Erhebungsverfahren bereitstellen?

Ja klar! „Teuer“ – dieser Begriff ist weniger aussagekräftig wie z. B. „preiswert“. Und ihren Preis wert, das sind Blickbewegungsmessungen auf jeden Fall, z. B. wenn sie im Rahmen von Usability-Tests im Lab als eines von mehreren Erhebungsverfahren eingesetzt werden.
Usabilityblog.de bietet hierfür jede Menge Beispiele in Form von Berichten zu Eyetracking-Studien oder Beiträge über Einsatzbereiche von Blickbewegungsmessungen.

Was genau kostet eine reine Blickbewegungsmessung?
Wie hoch sind die Kosten z. B. für eine Messung von Blicken auf einer Startseite oder einer Landingpage?

Diese Fragen lassen sich zunächst recht gut mit Hilfe der benötigen Arbeitszeit beantworten. Folgende Arbeitsleistungen sind für Blickbewegungsmessungen erforderlich:

  • Erstellen eines Studien- bzw. Messkonzeptes:
    Welche Fragen bzw. Thesen will ich mit Hilfe der Blickbewegungsdaten wie beantworten bzw. überprüfen?
  • Projektkoordination und Projektmanagement:
    Dies beinhaltet Abstimmungen mit dem Auftraggeber/Kunden, Zeitplanung, Ressourcenplanung, Koordination der Rekrutierung von Untersuchungsteilnehmern, Buchung des Teststudios/Labs und Eyetracker u.a.

  • Erhebung der Daten im Usability-Lab (inkl. Pretesting):
    Empfang und Betreuung der Untersuchungsteilnehmer im Vorfeld (Warm-Up), Einrichtung und Konfiguration des Eyetracking-Systems, Vorstellung der Szenarien/Use-Cases, Interviewführung und Testpersonenbetreuung während der Erhebung, Protokollierung, Verabschiedung der Untersuchungsteilnehmer, Bewertung des Untersuchungsteilnehmers (Qualitätsmanagement).
  • Datenanalyse auf Basis des erstellten Studien-/Messkonzeptes
  • Erstellung eines Berichtsbandes:
    Anschauliche Darstellung der Ergebnisse (Tabelle, Graphiken) und Interpretation der Daten unter Beachtung der Fragestellungen des Auftraggeber/Kunden.

Nehmen wir wieder unser Beispiel auf – Blickbewegungsanalyse für eine Startseite oder eine Landingpage, bestehend aus nur einer Seite – dann liegen wir bei ca. 2,75-3 Manntagen Arbeitsaufwand für die beschriebenen Leistungsmodule.

Dabei gehe ich mal davon aus, dass Blickdaten von 20 Personen gemessen werden, wir also eine recht homogene Zielgruppe haben, und jede Testperson zwischen 10 und 12 Minuten im Lab bzw. Teststudio ist.

Was kommt neben der Arbeitszeit für die Blickbewegungsmessung noch hinzu?

Die Miete für das Usability-Lab bzw. Teststudio (ca. 400.- EUR pro Tag), Mietkosten für das Eyetracking-System (ca. 100.- Euro pro Tag) und die Rekrutierung und Incentivierung der Untersuchungsteilnehmer – bei 10-12 Minuten Testdauer liegen wir da bei ca. 55.- Euro pro Teilnehmer.

Macht unter dem Strich alles in allem ca. 3.500.- EUR.

Zu viel – für die Erhebung und Analyse der Blicke auf nur einer Seite (z. B. Startseite, Landingpage)? Die meisten von Ihnen werden das sicher so sehen.

Daher werden Blickbewegungsmessungen in der Regel ja auch ausschließlich im Rahmen von szenariobasierten Usability-Tests im Lab durchgeführt, bei denen Blickdaten für mehrere Seiten einer kompletten Site gleichzeitig gemessen werden – und das zudem im Prozess: Z. B. von der Startseite eines Shops, über Sortimentseinstiegsseite, Artikelliste(n), zur Artikeldetailseite X, den Kundenbewertungen, zur Artikeldetailseite Y und dann schließlich von der Warenkorbseite.

In einem solchen Erhebungsfall, integriert in einen Usability-Test, ist der Aufwand pro Seite deutlich geringer, und das rechnet sich dann sehr schnell wieder. Mit ein Grund, warum Usability-Tests im Lab derzeit einen 2. Frühling erleben.

Was aber tun, wenn kein Usability-Test für eine komplette Site notwendig ist, weil lediglich Blickdaten für eine Seite (z. B. Startseite, Landingpage) gewünscht sind?

Hier bietet sich das Konzept einer so genannten Omnibus-Untersuchung an. Bekannt aus dem Umfragebereich. Dabei werden Projektaufträge für Umfragen verschiedener Unternehmen, mit pro Projekt nur wenigen Fragestellungen, in einem gemeinsamen Projekt erhoben und ausgewertet. Vorhandenen Fixkosten können so auf mehrere Unternehmen umgelegt werden.

Innenraum des Überlandbusses der Sparkasse Werra-Meißner (mobile Filiale)
Innenraum des Überlandbusses der Sparkasse Werra-Meißner (mobile Filiale)

Das geht auch mit dem Erhebungsverfahren Eyetracking – also mit Hilfe eines Eyetracking-Bus. Auch hier erschließen sich Vorteile aus der Umlage von Fixkosten.

Die 20 Testpersonen unseres Beispielprojektes sind nun nicht mehr „nur“ 10-12 Minuten im Lab, sondern stattdessen 75-80 Minuten. In dieser Zeit können Blickdaten für mehrere Seiten unterschiedlicher Unternehmen erhoben werden (Startseiten, Landingpages, Produktdetailseiten etc.). Die anfallenden Fixkosten für…

  • die Rekrutierung und Incentivierung der Untersuchungsteilnehmer,
  • die Miete für das Usability-Lab (Teststudio),
  • die Kosten für das Eyetracking-System,
  • der Aufwand für die Betreuung der Testpersonenbetreuung (wie z. B. Empfang, Warm-Up)
  • die Konfiguration des Eyetracking-Systems (Erhebung und Analyse),
  • die Studienkonzeption und
  • das Projektmanagement (Koordination)

können auf mehrere Unternehmen bzw. Aufträge verteilen werden.

Kostenreduktion: Auf dieser Weise wird es nun möglich die exemplarisch berechneten 3.400.- EUR deutlich zu reduzieren und Blickdaten für ca. 600.- EUR pro Seite zu erheben, auszuwerten, anschaulich aufzubereiten (Graphiken, Tabellen), sowie Erkenntnisse aus den Daten abzuleiten (Interpretation). Jedes Unternehmen, jeder Kunden bekommt dabei natürlich nur die Ergebnisse für seine eigene(n) Seite(n).

Immer noch zu „teuer“? Wie sehen Sie das?

3 Gedanken zu „Eyetracking (Blickbewegungsmessung) ist teuer – stimmt das wirklich?

  1. Agnieszka Walorska

    Ich finde die Idee sehr interessant, auf die Art die Kosten für Eyetracking zu senken. Allerdings bin ich nicht davon überzeugt, dass Eyetracking alleine eine ausreichende Methode ist. Wenn ich das richtig verstanden habe, werden nämlich in diesem Konzept keine weiteren Daten außer Augenbewegungen erhoben (z.B. die Nutzer werden nicht parallel befragt). Somit wäre der Erkenntniswert dieser Methode niedriger als ein klassischer Nutzertest, der um Eyetracking erweitert wird.

    Antworten
  2. Thorsten Wilhelm

    Vielen Dank für Ihre Anmerkung, Ihren Kommentar.
    In meinem vorgestellten Ansatz werden vor allem Blickbewegungsmessungen vornehmen. Ergänzt wird dieser Datenerhebung aber auch durch ein Interview im Nachgang der Messung. Dabei werden gezielte Themen und Aspekte erfragt, in einem halbstukturierten Interview. Vorteil ist: Die erhobenen Verhaltensdaten können mit diesen zusätzlichen Daten noch besser und fundierter interpretiert werden.
    Das erhöht, wie Sie bereits anmerkten, den Erkenntnisgewinn der Erhebung.

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  3. Pingback: Amazon mal hinterfragt, virtuelles Wartezimmer und Eyetracking in der Diskussion - Linktipps von Anja Weitemeyer | usabilityblog.de

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