UX Trends 2022: Wird Menschzentrierung noch wichtiger?

Hand hält eine Glaskugel, unscharfer Hintergrund

Macht es Sinn zu versuchen, die UX Trends für das nächste Jahr vorherzusehen? Oder ist der Blick in die Glaskugel zum Scheitern verurteilt? Denn wer kann in unsicheren Zeiten schon treffende Prognosen erstellen.

Wir trauen uns trotzdem!

Letztes Jahr gelang uns die Vorhersage ganz gut. Die in dem Beitrag UX Trends 2021 aufgedeckten Themen wurden und sind alle noch relevant (z. B. Remote UX, Multimodale Interaktion, Künstliche Intelligenz, usw.).

Umso herausfordernder sind die Voraussetzungen für einen weiteren Artikel zum Thema UX Trends: Führen wir die Logik fort, dann stünden in diesem Artikel 22 UX Trends (2021 berichteten wir über 21 Trends) 😊

Und so landen wir direkt bei dem ersten (UX-)Trend:

Change a running system!

Oder auch: Mut haben, Dinge neu zu denken bei der Entwicklung erfolgreicher digitaler Services oder Produkte. 

In 2021 wurden Dinge anders gemacht. Bewährtes wurde hinterfragt. Es gab viel Mut zu Neuem. Services und Interfaces werden auf den nutzenstiftenden Kern reduziert (es wird gegendert, es wird geduzt, Facebook heißt Meta, usw.).

Für diesen Beitrag heißt das, Sie bekommen nicht 22 Trends, sondern sechs. Diese sechs haben dafür alle einen enormen Einfluss auf die Arbeit als UX-ler*in in den nächsten Jahren.

Erfolgsfaktor UX-Writing: Raus aus der Nische

Schreibende Hand, Kaffetasse und Block liegen auf dem Schreibtisch
Quelle:Green Chameleon | unsplash

Die Disziplin UX-Writing kümmert sich um die (geschriebenen und ggf. gesprochenen) textlichen Elemente eines User Interfaces. Das reicht von der Beschriftung des Call-to-Actions bis hin zur Diagrammachse im Dashboard oder den Hover-Texten in der CRM-Software.

UX-Writing ist im Grunde genommen nichts Neues. Zwischen den Zeilen steht dazu sogar schon etwas in der ISO 9241, z. B. beim Interaktionsprinzip „Selbstbeschreibungsfähigkeit“. Dennoch ist dem Thema UX-Writing ein Platz in der Trendliste sicher. Warum?

Erstens: Die Relevanz der (Micro-)Copy wurde und wird zunehmend erkannt.

Zweitens: Die Anforderungen an gute Copy werden zunehmend mehr. Hohe Benutzerfreundlichkeit muss mit fachlichen und rechtlichen Anforderungen, oft auch mehrsprachig, in Einklang gebracht werden. Und dann soll die (An-)Sprache auch noch produkt- und touchpointübergreifend konsistent und markenkonform sein.

Kein Wunder also, dass UX-Writer*innen in Unternehmen mit mittlerem bis hohem UX-Reifegrad eine relevante Rolle spielen.

Auch wir als UX-Agentur sind zunehmend gefordert im Bereich UX-Writing. Das zeigen zahlreiche Projekte und Herausforderungen im letzten Jahr (das reicht vom Titel eines Diagramms auf einem Dashboard bis hin zu juristisch relevanten Texten im Versicherungskontext oder der Antwort eines Alexa-Skills).

UX-Writer*innen und vor allem die entsprechenden Fähigkeiten werden 2022 noch wichtiger, verbreiteter und gesuchter. Vor allem, da die Texte in Zukunft multimodal (siehe nächster Trend) eine gute UX bieten müssen.

Relevanz von Voice User Interfaces steigt weiter

iPhone auf Tisch, Spracheingabe "Hey Siri"
Quelle: Omid Armin | unsplash

Es ist nahezu egal, welche Studie ich lese, ob von Deloitte, OMD Germany, brn.ai oder PWC. Eine Kernaussage findet sich in jeder:

Sprachassistenten, bzw. Sprachsteuerung sind angekommen und die Relevanz wird weiter steigen.

Über die Hälfte der 25- bis 64-Jährigen erledigen mind. einmal am Tag eine Suche über Sprachsteuerung. Dass das mittlerweile weit über die Suche nach Informationen zum Wetter hinausgeht, dürfte bekannt sein. Die entsprechende Relevanz einer herausragenden User Experience ist es hingegen noch nicht.

Die Annahme, dass das bloße Angebot einer sprachgesteuerten Interaktion das Nutzererlebnis verbessert, ist tückisch.

Um einen CEO aus der Telko-Branche frei zu zitieren:

„Wenn du ein Produkt mit schlechter User Experience sprachbasiert steuern lässt, hast du ein sprachgesteuertes Produkt mit schlechter User Experience.“ Sie möchten eigene Voice User Interfaces entwickeln? Dann bietet Ihnen unser Blogbeitrag „Konzeption von Voice User Interfaces – Trends, Tipps & Tools“ einen ersten Überblick.

Sprachbasierte Interfaces oder Funktionen müssen genauso mensch-zentriert entwickelt und gestaltet werden, wie es konventionelle UIs bereits werden. Geeignete Methoden sind vorhanden, sie müssen nur noch eingesetzt werden.

Und das hilft nicht nur der UX und dem Geschäft, sondern ermöglicht auch Zielgruppen mit Einschränkungen neue Möglichkeiten. Und damit sind wir beim nächsten Trend.

Am Thema Inklusion und Barrierefreiheit kommen wir nicht vorbei – und das ist auch gut so!

Bunt bemalte Steinwand, Schild "Accessible Entry" mit Rollstuhl-Symbol
Quelle:Daniel Ali | unsplash

Im Juli 2021 wurde das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (kurz BFSG) verkündet. Dessen Zweck ist die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen zu gewährleisten.

Ab 2025 müssen dann diverse Produkte und Dienstleistungen barrierefrei nutzbar sein. Eingeschlossen sind (mit einigen Ausnahmen) Selbstbedienungsterminals (Geldautomaten, Fahrkartenautomaten), E-Reader und E-Books, Smartphones und andere „Verbraucherendgeräte mit interaktivem Leistungsumfang“, Bankdienstleistungen, Webseiten und Apps im Personenverkehr und weitere.

Die Anforderungen hinsichtlich der Barrierefreiheit beziehen sich dabei auch auf die Gestaltung der Produkte und der entsprechenden Benutzerschnittstelle.

Bis 2025 ist noch etwas Zeit, aber wir sprechen hier ja von Trends und der Zukunft. Am Thema Barrierefreiheit kommen wir im Rahmen der Produktentwicklung künftig kaum vorbei. Gut so.  

Ethik / Sustainability – Wir lenken das Verhalten und Entscheidungen von vielen Nutzerinnen und Nutzern

Was sind die ethischen Implikationen unserer Entwürfe? Das war schon am World Usability Day 2021 Thema und sollte uns alle zunehmend beschäftigen.

Egal ob in der Nachhaltigkeit, im Datenschutz oder der Chancengleichheit: Die gesellschaftlichen Herausforderungen werden nicht einfacher.

Eines muss uns bewusst sein: Als UX-ler*innen haben wir Einfluss auf das Verhalten von tausenden Nutzerinnen und Nutzern, und zwar täglich. Durch Dark, Green, Grey oder Light Patterns lenken wir Verhalten und Entscheidungen der Nutzerschaft in bestimmte Richtungen.

Cookie-Banner sind nur ein Beispiel dafür.

Cookie-Banner von Aldi Süd mit An- und Abwahlmöglichkeit
Quelle: Aldi-Sued.de

An dieser Stelle empfehle ich den aktuellen Beitrag über den Einsatz von Green Pattern meiner Kollegin Catharina

Und dieser Einsatz muss, und wird, in Zukunft deutlich stärker bewusst gemacht und vor dem Hintergrund ethischer Grundsätze hinterfragt werden.

Wie gut, dass Menschzentrierung und user-centered-Design sehr gute Voraussetzungen bieten, ethisch angemessen zu gestalten.

XAI – y? Vertrauen und Verständnis sind das A&O!

Roboter spielt Klavier
Quelle: Possessed Photography | unsplash

Das Thema Künstliche Intelligenz ist schon seit einigen Jahren ein Top Thema, in nahezu allen Bereichen. Für die UX-Szene hat ein Trend, bzw. eine Entwicklung in diesem Bereich besonderen Einfluss, und zwar Explainable AI, kurz XAI.

Worum geht’s bei XAI?

Die Europäische Kommission schreibt in einer Veröffentlichung zum Umgang mit KI, dass die Vorteile der Technologie nur dann wirksam werden, wenn „Menschen Vertrauen zu ihr haben“ (Quelle: https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/europe-fit-digital-age/excellence-trust-artificial-intelligence_de).

Wie lässt sich das Vertrauen in KI-basierte Systeme oder Funktionen steigern?

Ein wichtiger Faktor, um das Vertrauen der Anwenderin / des Anwenders zu erhöhen, ist die Erklärbarkeit (bzw. das Verständnis) des Ergebnisses.

Die / der Anwendende braucht – zumindest ein grundlegendes – Verständnis dafür, wie das Ergebnis zu Stande kommt. Die KI soll also keine „Black Box“ sein, die unnachvollziehbar ein Ergebnis ausspuckt.

Das Bedürfnis der Anwender, eine Antwort auf die Frage: „Wie kommt das Ergebnis zu Stande?“ kam nicht durch KI auf. Schon vor 20 Jahren wunderten sich Proband*innen, wie die „persönlichen Empfehlungen“ in Online Shops ausgewählt wurden. Die Ergänzung passender Micro Copy (siehe UX-Writing) verschafft Abhilfe. Schon ein „basierend auf Ihren bisherigen Einkäufen“ erfüllte das Verständnis-Bedürfnis vieler Anwender*innen.

So einfach ist es bei komplexen KI-Anwendungen oft nicht. Dennoch ist die Schaffung eines Anwenderverständnisses durch XAI essentiell. Vor allem im B2B-Kontext, wenn basierend auf Empfehlungen oder Prognosen von KI weitreichende Entscheidungen getroffen werden (zum Beispiel in der Medizin, im Verkehr, in der Industrie, usw.).

Für den Erfolg von KI-basierten Systemen und deren UX ist das durch Explainable KI gesteigerte Vertrauen essentiell. Darüber hinaus hat XAI auch positive Effekte auf die Akzeptanz und die Glaubwürdigkeit solcher Systeme.

Wer sich weiter für das Thema interessiert, findet hier weitere Links:
Explainable AI / SAP Fiori
Was ist Explainable AI (XAI)? Definition und Beispiele

Bedarf an UX Management und Strategie steigt

Frau und Mann vor Whiteboard, Frau hält Macbook in der rechten Hand und schreibt mit der linken ans Whiteboard
Quelle: Kaleidico | unsplash

UX und menschzentrierte Gestaltung werden zunehmend essentiell für den Produkt- und Unternehmenserfolg. Soweit, so gut.

Das haben auch nahezu alle Unternehmen verstanden oder zumindest realisiert. Das führte in den letzten Jahren zu einem regelrechten UX-Boom.

Inhouse UX-Teams wurden aufgebaut oder weiter ausgebaut. Zahlreiche neue Stellen wurden geschaffen. Die Dauer, bis eine freie Stelle besetzt werden konnte, ist gestiegen (UPA Branchenreport).

Auch Google Trends zeigt seit ca. 2014 einen starken und bis heute andauernden Anstieg des Interesses an UX (Keyword: User Experience Design).

Interesse an User Experience im zeitlichen Verlauf von Januar 2004 bis Oktober 2021, das den starken Anstieg des Interesses visualisiert.
Quelle: Google Trends

Dadurch ist und wird der Bedarf an UX Management oder UX Strategie stark steigen.

Fragen wie: Welches Skill-Set braucht mein UX-Team? Welche Rollen und Ziele sollen vereinbart werden?

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Produktteams zu organisieren – über ein zentrales UX-Team oder besser dezentral organisiert? Wie sollten unterschiedlich menschzentrierte Teams behandelt werden?

Wie lässt sich der Erfolg von UX messbar machen? Wie unternehmerisch steuerbar und skalierbar ist UX?

Wie lassen sich User Research Aktivitäten effizienter machen? Wie Ergebnisse teamübergreifend nutzbar machen? Welche Infrastruktur und Prozesse braucht es? (Wer sich für diese Fragen interessiert, informiert sich am besten mal über Research Operations, z.B. hier)

Wie lässt sich Wissen (methodisch und inhaltlich) effektiv aufbauen und managen? Welche Arbeitsbedingungen brauchen UX Professionals mittelfristig um erfolgreich und zufrieden zu arbeiten?

Wie lässt sich über die Kernteams die einfache Zugänglichkeit zu UX sicherstellen? Wie lässt sich der Bedarf prognostizieren?

Auf alle diese Fragen gibt es Antworten, aber sicherlich keine allgemein gültigen. Fest steht, nur mit einem guten UX Management können Organisationen langfristig die Rahmenbedingungen schaffen, in denen Produkte und Services systematisch mit herausragender User Experience entwickelt werden.

Fazit

Menschzentrierung wird 2022 wichtiger, spannender und noch abwechslungsreicher.

Wir freuen uns schon darauf!

Sie möchten weitere UX-Trends? Hier haben wir Ihnen noch ein paar aufgelistet:

2022: Top 12 UI UX Trends to follow

13 Latest UX Trends: 2021/2022 Developments, Market Growth & Forecas

7 Trends disrupting UX Research in 2021



Beitragsbild: Jake Weirick | unsplash



Portraitfoto: Xaver Bodendörfer

Xaver Bodendörfer

Business Unit Manager / Standortleitung München

eresult GmbH - Standort München

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