Iterativ testen – Warum eigentlich?

„Iterativ testen ist zu teuer und dauert außerdem viel zu lange!“ Das ist die Meinung vieler Unternehmen, wenn es darum geht, eine neue Anwendung vor deren Livegang zu evaluieren. Die Folge: Es wird erst getestet, wenn die Anwendung längst live ist oder aber es findet vorab nur eine einzige Testschleife statt.

Dabei ist iteratives Testing gar nicht teurer oder zeitaufwendiger –im Gegenteil.

Iterative Tests sind schon sehr früh im Design-Prozess möglich

Wecker

In der Regel geht einem (Re-)Launch einer Anwendung ein recht aufwendiger Prozess voraus. Iterative Klickdummytests können in diesem Prozess schon sehr früh eingesetzt werden; bereits während der Konzeptionsphase kann so schrittweise ermittelt werden, ob das Konzept die zuvor erfassten Anforderungen der Nutzer tatsächlich erfüllt.

Und: Mit diversen Protoyping-Tools wie z. B. Axure lassen sich mittlerweile Prototypen erstellen, ohne dass dabei eine Zeile Code programmiert werden muss. Dementsprechend ist die Erstellung eines Klickdummys in jeder Phase des Design-Prozesses verhältnismäßig schnell zu realisieren.

Iteratives Testing liefert schnell Ergebnisse

Post-It

Aus unserer Erfahrung hat es sich als sinnvoll erwiesen, ca. eine Woche zwischen den Testschleifen einzuplanen. In dieser Zeit können dann die notwendigen Anpassungen am Klickdummy abgestimmt und umgesetzt werden.

Das hieße im Fall dreier Testschleifen, dass die komplette Erhebung binnen 2 Wochen abgeschlossen ist. Wie viele Testpersonen pro Schleife erforderlich sind, hängt vom Umfang des Dummys und Dauer der resultierenden Tests ab. Im Regelfall haben sich ca. 5-6 Testpersonen pro Schleife als sinnvoll erwiesen, um die zentralen Optimierungspotenziale zu ermitteln – eine Erhebung nimmt in einem solchen Fall pro Schleife ca. einen Tag in Anspruch.

Im Anschluss an jeden Testtag hat es sich zudem als sinnvoll erwiesen, noch einen Workshop anzuschließen, die notwendigen Anpassungen gemeinsam erarbeitet werden. Hierdurch fallen notwendige Übergaben oder Absprachen zwischen dem Design-Team und dem Testing Team weniger aufwendig aus; Anpassungen können 1-2 Tage nach der Erhebung direkt umgesetzt werden.

Iteratives Testing spart Geld

Über einen iterativen Test können Sie wie gesagt früh ermitteln, ob das grundsätzliche Konzept der Anwendung den Anforderungen der Nutzer entspricht und ihnen verständlich ist. Sofern der Klickdummy mit einem Prototyping-Tool erstellt wurde, sind Anpassungen am Konzept wesentlich weniger aufwendig als bei einer bereits fertig programmierten Anwendung. Ferner besteht hier auch noch die Möglichkeit, Feedback zu verschiedenen Varianten einzuholen.

Mit anderen Worten: Sie können bereits an dem Punkt testen, in dem es noch viele Gestaltungsalternativen gibt – durch iteratives Testing können Sie früh ermitteln, wo noch Optimierungen notwendig sind und wie diese bestenfalls umgesetzt werden sollten.

Wird erst dann getestet, wenn die Anwendung schon fertig programmiert ist, ist der Aufwand für notwendige Anpassungen umso höher: Viele Probleme lassen sich dann nur noch mit großem Zeit und Kostenaufwand beheben. Eine der bekanntesten Grafiken zu diesem Sachverhalt ist wohl die folgende:

Grafik

Je weiter der Designprozess fortschreitet, desto höher werden die Kosten für notwendige Anpassungen, während die Möglichkeit der Designalternativen stetig abnimmt (Quelle: Bias and Mayhew; „Cost Justifying Usability“, 1994).

Gleiches gilt auch für den Fall, in dem zwar in erster Instanz mit einem Klickdummy getestet wird; die Anpassungen jedoch nicht in einer zweiten Schleife noch einmal überprüft werden. Besonders dann, wenn bestimmte Interaktionselemente auf Basis der ersten Erhebung noch einmal komplett überarbeitet werden.

Ein kleines, fiktives Beispiel

Gehen wir von einem iterativen Klickdummytest für einen Online Shop für Mode aus. In der ersten Testschleife hat sich gezeigt, dass die Nutzer mit der Farb- und Größenauswahl der Produktdetailseite des Shops nicht zurechtkommen. Zentrales Problem ist folgendes: Die Größe ist per Default auf die niedrigste Größe eingestellt. Dies führt dazu, dass viele Nutzer vergessen, die Größe ggf. anzupassen. Sie legen also das Produkt in einer falschen Größe in den Warenkorb.

Als Optimierung wird nun im ersten Schritt folgendes abgeleitet:

  • keine Größe wird voreingestellt wird; der Warenkorb-Button erst dann aktiv, wenn eine Größe gewählt wurde.
  • Ein Schriftzug „wählen Sie die Größe aus“ oberhalb des Warenkorb-Buttons wird als zusätzlicher Hinweis integriert.

In einer zweiten Schleife stellt sich nun heraus, dass die Nutzer auch mit dieser Darstellungsform ihre Probleme haben. Zwar wählen mehr Personen als vorher die richtige Größe aus. Einige übersehen jedoch den Hinweis über dem Warenkorb-Button und denken dass das Produkt nicht mehr bestellbar ist, da bei Klick auf den Button nichts passiert.

Hieraus wird nun nach Schleife 2 folgende Optimierung abgeleitet:

  • Der Hinweis „wählen Sie eine Größe aus“ erscheint nun direkt auf dem Warenkorb-Button. Erst nach Auswahl der Größe ändert sich der Schriftzug in „in den Warenkorb“.
  • Auch wenn der Warenkorb-Button nicht nicht „aktiviert ist“, erscheint bei Klick der Hinweis, vorher eine Größe auszuwählen.

Hätte die zweite Schleife hier nicht stattgefunden, so wäre vermutlich erst im Betrieb aufgefallen, dass es immer noch zu Problemen bei der Größenauswahl kommt. Eine Anpassung wäre entsprechend aufwendiger gewesen. Noch höher wäre der Aufwand ausgefallen, wenn man wirklich erst im Betrieb den ersten Nutzertest durchgeführt hätte.

Also: Iterativ, frühzeitig und mehrfach testen

Iteratives Testing erscheint vielen auf den ersten Blick teurer und aufwendiger als z. B. ein einfacher Test im Betrieb oder ein Konzepttest mit lediglich einer Schleife.

Auf den gesamten Entwicklungsprozess gesehen ist es sinnvoll, so früh wie möglich iterativ zu testen, um auftretende Probleme mit möglichst wenig Aufwand beheben zu können.

Ferner sollte dabei nicht nur in einer Phase des Designprozesses getestet werden – im Sinne des User Centered Design ist es sinnvoll, über den gesamten Entwicklungsprozess mehrere iterative Tests durchzuführen (z. B. in der frühen Konzeptionsphase, nach Abschluss der Konzeptionsphase und während der Designphase). Dies stellt sicher, dass die Anwendung auf möglichst hohe Akzeptanz bei der Zielgruppe stößt.

Ein Gedanke zu „Iterativ testen – Warum eigentlich?

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