Usability-Guidelines: Teil 3 – Bestehende Guideline-Sets

mannKommen wir nun nach den beiden ersten Teilen: Usability-Guidelines: Definition & Abgrenzung und Usability-Guidelines: Vor- & Nachteile zum abschließenden Part, der Auflistung wichtiger Guideline-Sets.
Solche Guideline-Sets sind – unter der Berücksichtigung der angesprochenen Nachteile – hervorragend geeignet, um ein bestehendes oder gerade in der Entwicklung befindliches User Interface grundlegend zu evaluieren. Vorausgesetzt, man kann die jeweiligen, meist allgemein gehaltenen Guideline dem Kontext entsprechend interpretieren.

Bei den nachfolgenden Guidelines handelt es sich nur um Guideline-Sets, die sich mit allgemeinen (Web) Usability Guidelines beschäftigen. Spezifische Guideline-Sets für z. B. die benutzerfreundliche Gestaltung von digitalen Bibliotheken oder E-Commerce-Seiten werden nicht aufgeführt.

Die „Research-based Web & Usability Guidelines“ des U.S. Department of Health and Human Services bildet mit 207 Guidelines, die aus über 500 Publikationen abgeleitet wurden, das umfangreichste Werk im Bereich Web-Usability. Alle Guidelines wurden in Bezug auf ihre Relevanz gewichtet und anhand eines Card-Sortings kategorisiert.
Die enthaltenen Guidelines decken einen weiten Bereich des Webdesigns ab (z. B. Accessibility, Homepage-Design, Navigation, Schreiben für das WWW, Usability-Testing). Jede Guideline wird durch ein kurzes Statement beschrieben. Es folgen eine Erklärung mit Referenzbeispielen und Angaben zur Forschungsliteratur. Zudem wird jede Guideline durch Screenshots und die Angabe der Wichtigkeit sowie der Stärke des wissenschaftlichen Nachweises ergänzt [KON06].

Die in der DIN EN ISO 9241-151 enthaltenen „Leitlinien zur Gestaltung von Benutzungsschnittstellen für das World Wide Web“ stellen ein weiteres umfangreiches Werk dar. Die 142 Empfehlungen, der sich meines Wissens noch immer im Entwurfsstadium befindlichen Norm, beziehen sich explizit auf das WWW. Teilweise wird Bezug auf andere Normen-Teilen der DIN EN ISO 9241, der DIN EN ISO 13407 oder aber auch auf viele Teile der DIN EN ISO 14915 genommen.
Die Empfehlungen und Richtlinien gelten vorwiegend für die Gestaltung von Inhalten einer Website, die Navigation, Suche und Interaktion für den Benutzer. Wie bei ISO-Standards üblich, sind die Empfehlungen rein textbasiert und enthalten allenfalls einfache Diagramme.

Die 121 „JISC Guidelines“ sind das Ergebnis einer Studie für das Joint Information Systems Committee for Higher Education (JISC) in Großbritannien. Hierfür wurden über 200 Publikationen identifiziert und geprüft. Die allgemein anwendbaren Guidelines wurden durch spezifische Richtlinien für akademische Websites ergänzt. Sie bestehen in Form kurzer prägnanter Sätze ohne weiterführende Kommentare, jedoch mit Angaben zum wissenschaftlichen Hintergrund [JIS04].

Bevan listet in seinem Artikel Usability Issues in Web Site Design „88 Design guidelines for the Web“ auf. Das schlichte Textdokument beschäftigt sich ebenfalls mit dem gesamten Entwicklungsprozess von Websites und deren Problemstellungen. Die Guidelines enthalten keinerlei ergänzende Kommentare, Gewichtung und wissenschaftlichen Hintergrund [NIG99].

IBM bietet mit seinen im Internet verfügbaren „IBM Web Design Guidelines“ zahlreiche Empfehlungen rund um den Webdesignprozess. Die 82 etwas in die Jahre gekommen Guidelines geben detaillierte Empfehlungen in Bezug auf die benutzerfreundliche Gestaltung der Navigation, der Struktur und des Textes von Websites. Die Erläuterungen enthalten nur vereinzelt veranschaulichende Beispielgrafiken. Angaben zur Relevanz der Guidelines und deren wissenschaftlichen Hintergrund fehlen [IBM98].
Die Guidelines sind aufgrund Ihrer mangelnden Aktualität jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn: Nutzungsverhalten und Erwartungen der Internetnutzer verändern sich heutzutage immer rapider. So muss beispielsweise nicht immer ein zusätzlicher Link zurück zur Startseite angeboten werden, wie die tägliche Erfahrung bei Usability-Tests zeigt.

Die „Access by Design-Guidelines“ befassen sich mit dem universal design. Die 87 Guidelines kombinieren dabei sowohl Usability-Guidelines als auch Accessibility-Gesichtspunkte. Jede Guideline enthält eine ausführliche Erläuterung inklusive Screenshots [HOR06].

Die jährlichen Zusammenfassungen von Forschungsergebnissen im Bereich Web-Usability im „UI Design Newsletter“ der Human Factors International Incorporation (HFI) nehmen eine Sonderstellung ein (z. B. [HFI06]). In einem jährlichen Review werden hier alle relevanten Guidelines bzw. Erkenntnisse, die sich mit allgemeinem Webdesign bis hin zu Usability-Methoden befassen, aufgelistet. Der Newsletter ist ein echtes „Muss“ für Usability-Interessierte.

Nielsen und Tahir präsentieren in ihrem Buch Homepage Usability „114 Richtlinien für Homepages“ [NIT03]. Es handelt sich teilweise um sehr spezifische Richtlinien zur Content-Erstellung, Platzierung von Elementen, Schreiben von Texten u. a. Die Empfehlungen basieren auf Erkenntnissen aus Nutzertests. Zudem liefern Nielsen und Tahir statistische Ergebnisse aus einer Betrachtung von Designentscheidungen von 50 Websites.
Leider sind diese Guidelines nicht „online“ verfügbar. D.h. entweder das Buch kaufen oder ab in die nächste Bibliothek.

In seinem aktuellen Buch „Web Usability“ beschäftigt sich Nielsen zusammen mit seiner Kollegin Loranger mit seinen in den 90er Jahre aufgestellten Richtlinien. In diesem Zusammenhang nennt er weitere „Guidelines zur Gestaltung von Websites (2006)“. Leider existieren diese weder in einer überschaubaren bzw. handlichen Liste, noch „online“. Interessant: Die noch relevanten Guidelines der 90er Jahre, laut Nielsen beachtenswerte 80 % [NIE07], wurden dabei ebenfalls mit aufgenommen.

Der „Web Style Guide“ – früher als „YALE Web Style Guide“ bekannt – ist einer der verständlichsten und umfangreichsten Styleguides und beinhaltet alle relevanten Bereiche des Webdesigns: von der Planung, über das Design und die Programmierung bis hin zum Test und der Pflege einer Website [HOL02]. Jedoch existieren die in ihm enthaltenen Empfehlungen leider nicht als konkrete Guidelines.

Anders verhält es sich bei den „Research-Derived Web Design Guidelines for
Older People“
[KUZ05]. Bei diesen Richtlinien handelt es sich um 38 Guidelines, die speziell für ältere Menschen aufgestellt und durch empirische Tests validiert wurden. Die Richtlinien befassen sich größtenteils mit der visuellen Gestaltung von Text und Grafiken im Internet.

Die wohl derzeit aktuellste Quelle ist der Guideline-Katalog der britischen Usability-Agentur Userfocus, der immerhin stolze „247 web usability guidelines“ enthält [USF09]. Der Katalog steht u.a. in Form eines Excel-Worksheets zu Verfügung – mit dem Ziel eine schnelle expertenbasierte Evaluation zu ermöglichen. Es handelt sich dabei jedoch leider um „einzeilige“ Richtlinien, ohne jegliche weitere Erklärung und Bebilderung. Dennoch ein Blick wert!

Ich hoffe, ich konnte Ihnen eine fundierte Auswahl und einen (umfassenden) Überblick über den derzeitigen Stand der (Web) Usability Guidelines geben. Fühlen Sie sich frei, weitere Guidelines-Sets zu ergänzen.
Vielleicht ist es dem ein oder anderen aufgefallen: Bei der Auflistung habe ich bewusst auf die allgemeinen Heuristiken von Nielsen oder die Goldenen Regeln von Shneiderman verzichtet, da diese dann doch sehr allgemein gehalten sind.

Was mich jedoch viel mehr interessieren würde: Inwieweit finden solche Guidelines in Ihrer täglichen Arbeit Anwendung?

Literaturliste

  • DIN EN ISO 9241-151: Leitlinien zur Gestaltung von Benutzungsschnittstellen für das World Wide Web. Berlin: Beuth Verlag GmbH, 2006.
  • DIN EN ISO 13407: Benutzer-orientierte Gestaltung interaktiver Systeme. Berlin: Beuth Verlag GmbH, 1999.
  • DIN EN ISO 14915: Software-Ergonomie für Multimedia-Benutzungsschnitt-stellen. Berlin: Beuth Verlag GmbH, 2003.
  • [HFI06] McGee, April / Michaels, Mary: UI Design Newsletter – Annual Research Review 2006. Fairfield: Human Factors International Inc., 2006, http://www.humanfactors.com/downloads/dec06.asp.
  • [HOL02] Horton, S. / Lynch, P. J.: Web style guide: Basic design principles for creating web sites. 2. Ausgabe, New Haven: Yale University Press, 2002, http://www.webstyleguide.com.
  • [HOR06] Horton, Sarah: Access by Design: A Guide to Universal Usability for Web Designers. Berkeley: New Riders Press, 2005.
  • [IBM98] o. V.: IBM Ease of Use – Web Design Guidelines, 1998, http://www-03.ibm.com/easy/page/572.
  • [JIS04] Bevan, N.l / Kincla, S.: JISC – The HCI Design Foundation Study, 2004, http://www.jisc.ac.uk/uploaded_documents/JISC-HCIDesign-Study-Final.doc.
  • [KON06] Koyani, Sanjay J. [et al.]: Research-Based Web Design & Usability Guide-lines. 2. Ausgabe, US Department of Health and Human Sciences, 2006, http://www.usability.gov/guidelines.
  • [KUZ05] Kurniawan, Sri / Zaphiris, Panayiotis: Research-derived web design guide-lines for older people. In: Assets ’05: Proceedings of the 7th international ACM SI-GACCESS conference on Computers and accessibility, Baltimore, S. 129-135. New York: ACM, 2005, http://doi.acm.org/10.1145/1090785.1090810.
  • [NIE07] Nielsen, Jakob: Jakob Nielsen’s Alertbox: Change vs. Stability in Web Usa-bility Guidelines, 2007, http://www.useit.com/alertbox/guidelines-change.html.
  • [NIG99] Bevan, Nigel: Usability Issues in Web Site Design. In: Proceedings of 6th Interactive Publishing, November 99, 1999, http://www.serco.com/Images/Web%20Paper_tcm3-2251.pdf.
  • [NIT03] Nielsen, Jakob / Tahir, Marie: Homepage Usability: 50 enttarnte Websites [Doppelband]. Enthalten in: Nielsen, Jakob: Designing Web Usability. 2. überarb. Aufl., Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 2003.
  • [USF09] o. V.: 247 web usability guidelines. London, Userfocus ltd, 2009, http://www.userfocus.co.uk/resources/guidelines.html.